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Osman
Murat Ülke wurde 1970 bei Gummersbach geboren und lebte in Deutschland,
bis er als 15-Jähriger in die Türkei übersiedelte. Nach einer Pressekonferenz
im Mai 1994,
bei der er eine Unterstützungserklärung für vier neue KDVer abgegeben
hatte, wurde er erstmals verhaftet. Nachdem er am 1. September 1995 seinen
Wehrpass verbrannt und seine Kriegsdienstverweigerung (KDV) öffentlich
gemacht hatte, wurde er im Oktober 1996 erneut verhaftet und verbrachte
seitdem mit Unterbrechungen bis zum 9. März 1999 sein Leben im Gefängnis.
Ossi ist Mitglied des Vereins der KriegsgegnerInnen Izmir (ISKD) und aktiver
Graswurzelrevolutionär.
* * * * * * *
Ossi,
über Deine Kriegsdienstverweigerung wurde viel in der GWR und in anderen
linken Zeitun-
gen berichtet. Trotz der vergleichsweise großen Medienöffentlichkeit,
musstest Du bisher mehr
als zwei Jahre in Haft verbringen. Da Du Dich nach wie vor weigerst den
Kriegsdienst anzutreten,
kannst Du jeder Zeit wieder verhaftet werden. Wie ist Deine Situation
heute? Wie können wir Dich
unterstützen?
Osman
Murat Ülke:
Rechtlich gesehen,
hätte ich ab dem zweiten Tag nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis
inhaftiert werden müssen, da ich mich nicht in die Einheit begab und
so-
mit als Deserteur gelte. Hinzu kommt, dass das Militärkassationsgericht
im letzten Herbst meinen letzten Prozess endgültig entschieden hat und
ich daher dem Staat noch ca. eine Woche Haftstrafe schuldig bin. Sowohl
die Militärs, als auch die Poli-
zei müssten mich also inhaftieren. Ich konnte durch zwei Jahre Widerstand
im Ge-
fängnis nicht erreichen, dass das Thema für mich persönlich zu einem
Ende kommt und der Staat konnte meinen Willen nicht brechen. Ich denke,
dass eine Inhaftierung zu irgendeiner Zeit ansteht. Möglicherweise passt
unser Gegenüber einen geeigneten Moment ab, in dem wir geringen Zugang
zur Öffentlichkeit und/oder organisatorische Probleme mit der Bürde
eventueller mehrfacher Inhaftierungen haben.
Apropos Unterstützung:
Ich würde vorschlagen, die Istanbul Antimilitarist Inisiyatif (IAMI)
mehr in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken, da sie am 15. Mai
drei neue Kriegsdienstverweigerungen erklärt hat und auch aufgrund anderer
Projekte
und Aktivitäten z.Zt. mit höherem Druck zu rechnen hat. Hinzu kommt,
dass die
IAMI international noch nicht so intensiv vernetzt ist, wie der ISKD.
Eine
der aktivsten antimilitaristischen Gruppen in der Türkei ist der ISKD,
der sich während Deiner Haft intensiv für Deine Freilassung engagiert
hat. Wo liegen die derzeitigen Arbeitsschwerpunkte des ISKD?
Osman
Murat Ülke:
Seit meiner Entlassung
hat der ISKD eine konfrontative KDV-Politik gemieden,
was nach langer aufreibender Soli-Arbeit verständlich ist. Stattdessen
war ein
neuer Schwerpunkt die Vernetzung im Inland, die zum einen durch antimilitari-
stische Treffen in jeweils einer der drei großen Städte Ankara, Istanbul
und Izmir
stattfanden und zum anderen durch den Aufruf an verschiedene Gruppen
und Per-
sonen aus den Neuen Sozialen Bewegungen, einen gemeinsamen Kongress
zu
organisieren. Beide Vernetzungsbemühungen finden parallel statt.
Frühere Bemühungen
um ein unkonventionelles Politikverständnis wurden in den
Arbeitsgruppen zu Theater und Kino verstärkt. Das Konzept von gewaltfreien
Trai-
nings wird nun zum ersten Mal durch zwei Trainingsserien vermittelt.
Neue Traine-
rInnen werden ausgebildet, die selbst neue Trainings organisieren und
leiten sollen.
Und natürlich sind
da noch die Antimilitaristischen Feministinnen, die verglichen
mit anderen Arbeitsgruppen des ISKD eine weit höhere Dynamik entwickelt
haben,
die aber über ihre Aktivitäten lieber selbst berichten sollten.
Am
15. Mai, dem Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerer, haben die
Antimilitaristen Ti-
musin Kizilay, Ugur Yorulmaz und Hasan Simen während eines politischen
Festivals der Istanbul
Antimilitarist Inisiyatif (IAMI) öffentlich ihre Kriegsdienstverweigerung
erklärt (vgl. GWR 250). Wie
hat die Öffentlichkeit und wie hat der Staat darauf reagiert?
Osman
Murat Ülke:
Zwei gewichtige
Zeitungen haben je eine halbe Seite zu dem Festival und den
Verweigerungen berichtet. Eine Boulevard- Zeitung zog mit einer kleinen
Nach-
richt über die Verweigerer her. Es ist erstaunlich, dass der Staat bisher
noch
gar nicht reagiert hat. Wir hatten zumindest Prozesse wegen "Distanzierung
des Volkes vom Militär" erwartet. Scheinbar will der Staat das Thema
fürs erste
ruhen lassen. Aber das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen.
Ich wurde
auch erst mehr als ein Jahr nach meiner Wehrpassverbrennung inhaftiert.
Die
Repression des türkischen Staates richtet sich gegen AntimilitaristInnen
und in der Ver-
gangenheit auch gegen die wenigen JournalistInnen, die sich trauten ohne
Maulkorb über anti-
militaristische Aktionen zu berichten. Wie erklärst Du Dir, dass die türkische
Presse nun re-
lativ viel über die Kriegsdienstverweiger berichtet hat?
Osman
Murat Ülke:
Eigentlich finden
viele JournalistInnen und KolumnistInnen die KDV interessant,
ja viele sympathisieren auch mit uns. Aber sie haben mit Prozessen und,
bevor
es soweit kommt, mit der Selbstzensur der Zeitungsführung zu rechnen.
Dies
lässt sich
ab und an mit relativ vorsichtigen Artikeln abwenden. Es wagt aber
keine Zeitung (außer der pro-kurdischen Gündem) über einen längeren
Zeitraum
über AntimilitaristInnen zu berichten, weil der Repressionsapparat früher
oder
später zuschlägt. Es ist ein stets vorsichtiges Vortasten und Balancieren.
Anfang
der siebziger Jahre hat die GWR eine erfolgreiche Kampagne für die inhaftierten
Kriegs-
dienstverweigerer im faschistischen Spanien mitorganisiert. Nach Francos
Tod wollte der spani-
sche Staat Mitglied der EG werden und musste deshalb demokratische und
ökonomische Re-
formen umsetzen. Die Türkei ist heute immer noch de facto eine Militärdiktatur
mit demokrati-
schem Anstrich. Sie will Mitglied der EU werden und muss deshalb - ähnlich
wie einst Spanien
- bestimmte Aufnahmekriterien erfüllen. Dazu gehören Menschenrechte, die
Abschaffung von
Todesstrafe und Folter, sowie das Recht auf Kriegsdienstverweigerung.
Wie siehst Du die Chan-
cen einer internationalen Solidaritätskampagne für die türkischen Kriegsdienstverweigerer?
Wie
kann der internationale Druck auf die Türkei verstärkt werden?
Osman
Murat Ülke:
Ich sehe mittelfristig
keine Chancen für die Anerkennung der KDV. Es ist auch
oppositionellen Bewegungen gegenüber keine Lockerung der Staatsrepression
in Sicht. Im Gegenteil liest der Staat nun Früchte zwanzigjähriger systemati-
scher Repression auf. Schon lange ist die gesellschaftliche Opposition
ein Schat-
ten ihrer selbst und beschränkt sich hauptsächlich auf Salonaktivitäten.
In den
letzten Wochen wurden selbst moderateste Aktivitäten dieser Art unterbunden,
wie z.B. das Sommercamp des Helsinki Citizens Assembly, das seit Jahren
un-
gestört stattfand oder ein Seminar der Stiftung Women for Womens Human
Rights. Ohne Illusionen müssen wir anerkennen, dass solche Solidaritätskampagnen
erst-
mal einfach lebensschützend sind, aber hier keine politische Wirkung
entfalten.
In
der Türkei fallen überall die Bilder und Heldenstatuen des Staatsgründers
Mustafa Kemal
"Atatürk" ("Vater der Türken") ins Auge. Atatürk war mitverantwortlich
für die Ermordung hundert-
tausender KurdInnen. Es ist nach wie vor verboten den 1915 begangenen
osmanischen Völker-
mord an 1,5 Millionen Armeniern zu thematisieren. Wie schätzt Du die Möglichkeiten
ein, dass
sich die türkische Gesellschaft stärker mit ihrer Geschichte auseinandersetzen
kann?
Osman
Murat Ülke:
Schlecht. Der Kult
um Atatürk ist seit Anfang der 90iger Jahre immer stärker ge-
worden und wird von einem unglaublich trivialem Pop-Nationalismus begleitet.
Für
die Mehrheit ist Nationalismus nichts griesgrämiges mehr, sondern ein
moderner
und heiterer Zustand von Selbstbewusstsein. Eine Infragestellung gutgehegter
Dog-
men ruft jedoch sofort eine ansteckende Hysterie hervor. Weit entfernt
von dieser
hegemonialen
Selbstwahrnehmung rührt sich in links-intellektuellen Kreisen das Be-
dürfnis nach einem neuen Umgang mit Geschichte, das erfreuerlicherweise
auch
konstruktiv mit bisher kaum thematisierten linken Dogmen umgeht, was
Geschichts-
schreibung und -wahrnehmung betrifft. Ich sehe aber nicht, wie dieser
Trend die brei-
te Öffentlichkeit erreichen sollte, zumal diese Diskussionen selbst
die linke Öffent-
lichkeit noch ganz und gar nicht erreicht haben.
Die faschistischen
Grauen Wölfe (MHP) sind in der türkischen Öffentlichkeit allgegenwärtig.
Ihre Plakate, Propagandastände und roten Wimpel mit drei weißen Halbmonden
sind überall,
sogar in Reisebussen, zu sehen. MHPler haben Büros und Mitglieder z.B.
des Menschenrechts-
vereins (IHD) und der kurdischen Partei HADEP überfallen, ohne dass die
Polizei etwas dage-
gen unternahm. Wie hat sich die Situation seit der Regierungsbeteiligung
der MHP verändert?
Wie kann der Einfluss der MHP zurückgedrängt werden? Gibt es ein antifaschistisches
Bünd-
nis, eine Zusammenarbeit mit dem IHD, den Parteien ÖDP und HADEP, oder
anderen anti-
faschistischen Gruppen?
Osman
Murat Ülke:
Die Antworten auf
diese Fragen wären sicher ein Artikel für sich, der einen besse-
ren Autor als mich verdient. Nun, ich werde versuchen einige Aspekte
so gut ich
kann kurz zu benennen.
Seit die MHP in
der Regierung ist, hat die sichtbare Gewalt der jüngeren Grauen
Wölfe abgenommen. Trotz allem Kredit, der der MHP zugestanden wurde,
ist sie
darauf bedacht moderat zu erscheinen. Ab und zu kommt dieses Bild durch
Zwi-
schenfälle zum Flackern, doch im großen und ganzen spielt die MHP ihre
Rolle
im parlamentaristischen Spiel mit. Ihre stark ideologisierte und emotionale
Termi-
nologie an der Basis täuscht dabei darüber hinweg, dass sie eher eine
klientalisti-
sche Bande ist, die jetzt schaut, wie sie die gegebenen Mittel am besten
unter
Dach und Fach bringt. Tatsächlich fehlt der MHP aber eine klare ideologische
For-
mation, um politische Konflikte konstant auszutragen. Stattdessen stellt
sie sich
bockig und vertraut auf populistische Impulse - was ihr eigentlich gut
gelingt. Wäh-
rend sie sich an der Position erfreut im Namen "Des Türken" gegen realpolitische
Bedürfnisse der Regierung zu opponieren, kostet sie die Möglichkeiten
der Inbesitz-
nahme der Institutionen aus. Andererseits riskiert sie durch diesen
Spagat die
Glaubwürdigkeit an der Basis zu verlieren oder die eher gesicherte Salonfähigkeit
aufs Spiel zu setzen.
Wie der Einfluss
der MHP zurückgedrängt werden kann, weiß ich nicht. Ein anti-
faschistisches Bündnis existiert nicht und ich weiss von keinen aktuellen
Ver-
suchen eins zu gründen. Der letzte Versuch hierzu -von dem ich weiss-
ging Ende
1994 den Bach runter. Der erste Schock, den viele nach dem Wahlerfolg
der MHP
erlitten, verflüchtigte sich schnell und die Starre der Linken hat sich
nicht gelöst.
Natürlich bedeutet das nicht, dass die Linke zu nichts etwas tut und
keine eigene
Tagesordnung hat. Das Gewicht verlagert sich innerhalb des Kokons, aber
es ist
eben doch ein Kokon.
Seit
dem Todesurteil gegen ihren "Serok" (Führer) Abdullah Öcalan, der als
Gefangener zum Instrument des türkischen Staates geworden ist (vgl. GWR
241), scheint die kurdische PKK
an politischer Bedeutung zu verlieren. Während sie einerseits gegen die
Vollstreckung des
Todesurteils und für die Abschaffung der Todesstrafe mobilisiert, drohte
sie - so geht es aus
einem Papier der PDS-Abgeordneten Ulla Jelpke hervor - im Juli in ihrem
Parteiorgan "Serx-
webun" (Unabhängigkeit) den Abweichlern vom Öcalan-Kurs mit der "härtesten
Strafe", sprich
Todesstrafe, die wegen des Kriegszustandes gerechtfertigt sei. Viele KurdInnen
wenden sich
enttäuscht von der PKK ab. Vielleicht eröffnet der Niedergang dieser militaristischen
Partei
auch Chancen für eine nicht nationalistische, antimilitaristische, außerparlamentarische
sozi-
ale Bewegung? Wie beurteilst Du die Entwicklung der PKK?
Osman
Murat Ülke:
Die Entscheidung,
sich für die "demokratische Republik" einzusetzen und die Bewe-
gung im zivilgesellschaftlichem Sinn zu politisieren ist ja schon vor
der Inhaftierung
Öcalans gefasst worden. Trotzdem wurden konkrete Versuche, dies umzusetzen
erst danach in Angriff genommen. Auf der Suche nach Mitteln dieser Transformation
stießen sie auf Zivilen Ungehorsam und Gewaltlosigkeit. Verschiedene
Zeitschriften
der Bewegung veröffentlichten Artikel zu Gandhi und gewaltlosen Aktionskonzepten.
Wir wurden einige mal um Materialien angefragt. Es wäre aber sicher
zu früh von ei-
ner tiefer gehenden Wandlung zu sprechen. All diese "neuen" Elemente
wurden erst-
mal als neutrales Handwerkszeug angesehen und es wurde nach potentiellen
Ver-
bindungen zum eigenen Nationalverständnis gesucht. Ich kann mich irren,
glaube
aber, dass der Erneuerungstrend auch schon wieder abnimmt. Was bei diesem
Ex-
periment wirklich herauskommen mag, wird die Zukunft zeigen - aber ich
hege da
keine großen Erwartungen. Hinzu kommt, dass - wie Du auch andeutest
- die Praxis
der Führung Andersdenkende betreffend sich nicht im geringsten geändert
hat.
Wie
schätzt Du die derzeitige Lage der neuen sozialen Bewegungen (z.B. feministische
Gruppen,
Ökologiebewegung,...) in der Türkei ein?
Osman
Murat Ülke:
Vernetzungsbemühungen
sind mir nur aus dem antimilitaristischem und dem
Gay/Lesben-Lager bekannt. Zum ersten Mal treten Gays und Lesben deutlicher
und dichter auf. Es tut sich einiges und sie finden mittlerweile auch
Zugang zu
den Medien.
Die Öko-Bewegung,
die vielleicht zahlenmässig die größte unter den NSB ist,
ist zerstritten. Greenpeace verschafft sich immer mehr Sympathien und
organi-
siert sich in den drei großen Städten, meist mit aktiver Teilnahme von
soliden
Aktivisten, die wir auch in anderen Bewegungen sehen. Kritik an Greenpeace
wird mit dem Argument entschärft, dass sie etwas tun und die Organisation
in
der Türkei noch lange nicht so durchhierarchisiert ist, wie im Westen.
Um die Feministinnen
ist es sehr ruhig geworden und nur wenige Gruppen ar-
beiten weiter. Dafür haben einige der Projekte tiefergehende Ansätze.
Ansonsten
hält in diesem Bereich ein Akademisierungstrend Einzug. Mehrere Universitäten
haben Zentren für Frauenforschung eröffnet.
In
der Türkei gibt es eine kleine libertäre Bewegung. Der Istanbuler KAOS-Verlag
bringt anarchistische Bücher z.B. von Emma Goldman, Rudolf Rocker, Errico
Malatesta und Abel
Paz heraus. "Anarsizm" von George Woodcock liegt mittlerweile in der 3.
Auflage vor. An-
archistische Zeitungen wie z.B. die unregelmäßig erscheinende "Ates Hirsizi"
(s. GWR 236)
oder die zweiwöchentlich erscheinende "Efendizisler" , aber auch die vielen
gesprühten A's,
die einem in Izmir und in Istanbul ins Auge fallen, deuten auf eine vitale
libertäre Szene hin.
Vor einem Jahr, im September 1999 erschien in der GWR 241 ein Interview
mit Dir, wo Du
auch die Situation der anarchistischen Szene beschrieben hast. Was hat
sich seitdem ge-
tan? Wie schätzt Du die Zusammenarbeit und Vernetzung der libertären Gruppen
ein?
Osman
Murat Ülke:
Der KAOS-Verlag
leistet weiterhin gute Arbeit. Die Zusammenarbeit verschiede-
ner Gruppen ist allerdings im letzten Jahr nicht vorangekommen. Im Gegenteil
schreitet die Entfremdung zwischen verschiedenen Zirkeln voran.
Um die Zeitschrift
Efendisizler (Die Herrenlosen) hat sich in Istanbul eine aktive
Gruppe namens AGF (Anarsist Genclik Federasyonu - Anarchistische Jugend-
föderation) gebildet, der, eigenen Angaben nach ca. 150 Leute angehören.
Gegen
diese Gruppe gibt es aus verschiedenen Gruppen in verschiedenen Städten
Kritik,
sie sei hierarchisch und würde Gewalt verherrlichen. Was mir auffällt
ist, wie AGF
sich nicht scheut auf durchaus militante Weise anderen Gruppen und Individuen
den Anspruch anarchistisch zu sein, abspricht. So kommt es zu einer
gegensei-
tigen Ausgrenzung.
In Ankara hatte
sich vor ungefähr einem Jahr die Kooperative Karagün (Schwarzer
Tag) gebildet, in der sich verschiedenste Strömungen des Anarchismus
wieder-
fanden. Konfliktträchtige Meinungsverschiedenheiten sollten pluralistisch
überbrückt
werden. Leider ist das Experiment misslungen und Karagün ist nun auseinanderge-
brochen.
In
der Vergangenheit gab es auch libertäre Zeitungsprojekte, die mittlerweile
eingestellt wurden.
Auch "Amargi", die gewaltfreie anarchistische Zeitung erscheint nicht
mehr. Warum nicht? Kannst
Du die Geschichte der libertären Presse in der Türkei skizzieren?
Osman
Murat Ülke:
Falls ich mich
nicht irre, erschien die Zeitschrift Akintiya Karsi (Gegen den Strom)
1984. Das war eine Zeit in der sich die sozialen Bewegungen nach dem
Putsch
noch kaum gesammelt hatten. Das eigentliche Erwachen fand erst 1987
statt.
Daher stellt Akintiya Karsi für mich ein wichtiges Phänomen dar. Sie
war nicht
ausdrücklich anarchistisch, aber sicher libertär. Es erschienen zwei
Ausgaben.
1987-88 erschien
dann Kara (Schwarz) mit 12 Ausgaben. In dieser Zeitschrift wur-
den verschiedene Strömungen vorgestellt und diskutiert. Kara ist mit
ihrer Fülle,
der Anziehungskraft die sie entwickelte immer noch nicht überboten worden.
Aus Kara entstanden
zwei Projekte: Efendisiz (Der/die Herrenlose - nicht zu ver-
wechseln mit Efendisizler) und Atölye A. Efendisiz wollte die durch
Kara geschaf-
fene Grundlage politisch umsetzen, während Atölye A ein Kommuneprojekt
war,
in dem versucht wurde durch Handarbeit eine finanziele Grundlage für
ein alterna-
tives Leben und Politik zu schaffen. Beide Projekte fingen 1989 an.
Efendisiz ver-
öffentlichte sechs Ausgaben. Atölye A war etwas beständiger, brach aber
1991
auseinander.
In dieser Zeit
waren diese kleinen Gruppen aktiv in der Ökologie-Szene und fingen
an Antimilitarismus zu thematisieren.
So kam es Ende
1990 zu den ersten beiden KDVern, die von einer wöchentlichen
populär-libertären Zeitschrift namens Sokak (Strasse) unterstützt wurden.
Sokak
erreichte eine Auflage von 10.000, musste aber, nachdem sie dreimal
konfisziert
wurde, schliessen.
Amargi -das erste
Wort für Freiheit, bzw. Rückkehr zur Mutter in Sumerisch- er-
schien zum ersten Mal im Dezember 1991. Diese Zeitschrift wurde von
früheren
AktivistInnen aus Efendisiz und Atölye A getragen. Neben anderen Themen
beton-
te Amargi besonders Antimilitarismus, plädierte allerdings gegen eine
Konkurrenz
zwischen verschiedenen Strömungen innerhalb des Anarchismus. Amargi
stellte
ihr Erscheinen ein, nachdem 1994 ein Projektvorschlag zu einer gemeinsamen
Zeitschrift aller AnarchistInnen der Türkei scheiterte. Weiter spielte
das Engage-
ment der Amargi-HerausgeberInnen innerhalb des ISKD eine Rolle in der
Aufgabe
der Zeitschrift. Amargi erreichte 14 Ausgaben.
1992 und 1993 war
die Zeit, in der Underground-Fanzines wie Pilze aus dem Bo-
den geschossen sind. Eines der Fanzines war Coelacanth (der Urfisch),
welches
im Januar 1992 in Verbindung mit einer Kommune in Antalya entstand.
Nach 14
Ausgaben stellte Coelacanth ihr Erscheinen ein, da die Kommune auseinanderfiel.
Einige frühere Coelacanth'ler gingen zu Amargi und dem ISKD über.
Ates Hirsizi (Feuerdieb)
erschien 1993, vertrat eine anti-pazifistische Haltung und
legte besonderen Wert auf eine Auseinandersetzung mit dem Krieg in Kurdistan.
Hieraus mündete der KAOS-Verlag.
Nachdem Amargis
Vorschlag die Kräfte zu bündeln erfolglos blieb, erschien 1994
Apolitika, mit dem Anspruch eine Plattform aller AnarchistInnen in der
Türkei zu
sein, dem sie aber nicht nachkommen konnte.
Nachdem Amargi,
Coelacanth, Ates Hirsizi und Apolitika nicht mehr erschienen,
war es länger still, bis letztes Jahr Efendisizler entstand, deren momentane
Situa-
tion ich vorhin schon schilderte.
Welche
Perspektiven siehst Du für eine Graswurzelbewegung in der Türkei?
Osman
Murat Ülke:
Die Graswurzelbewegung,
oder besser gesagt ihre Ansätze, ist mit den gleichen
Problemen konfrontiert, mit denen jede radikale gesellschaftliche Opposition
in der
Türkei sich herumschlagen muss. Vielleicht ist hier die Hürde sogar
größer, weil
sie zusätzlich dem Misstrauen der traditionellen Linke ausgesetzt ist.
Es ist si-
cher zu früh sich Hoffnungen zu machen, aber die Plattformen gegen Globalisierung,
die sich nun heranbilden, könnten eine Chance darstellen neue Aktions-
und Orga-
nisationskonzepte in einem breiteren Rahmen vorzustellen und zu diskutieren.
Hier-
über und durch gewaltfreie Trainings versuchen wir, für die Türkei neue
Herangehens-
weisen anderen näher zu bringen und Vorurteile abzubauen.
Vielen
Dank für das Gespräch.
Interview:
Bernd Drücke
Kontakte:
zum ISKD (türkisch/englisch/deutsch):
Izmir Savas Karsitlari, 1468 Sokak No. 6/1, Alsancak-Izmir, Türkei.
Tel.: 0090-232-4642492, Fax: 0090-232-4640842, e-mail: izskd@hotmail.com
zur Istanbul Antimilitarist
Inisiyatif (IAMI) (türkisch/englisch):
e-mail: Istanbul Antimilitarist Inisiyatif Istanbul_ami@hotmail.com
zum anarchistischen
KAOS-Verlag (türkisch/englisch):
Kaos Yayinlari, Piyerloti Cd. Dostlukyurdu Sk. No: 8, Cemberlitas -
Istanbul,
Tel. 0090-212-5182562
zur A-Zeitung Ates
Hirsizi (türkisch/kurdisch/englisch) :
Ates Hirsizi Dergisis, Klodfarer Cad., Dr. Sevki Bey Sok. No. 4/2, Sutanhahmed/Istanbul.
Literaturhinweis:
Bernd Drücke, Serxwebun! Gesellschaft, Kultur und Geschichte Kurdistans,
Edition Blackbox, Bielefeld 1998
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