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Bericht des deutschen Arztes Wilhelm Lepsius an das deutsche Konsulat in der Türkei über die Deportationen von Armeniern im Jahre 1916. Hier nachträglich als Flugblatt veröffentlicht, das zur Spende für die armernischen Waisenkinder aufrufen soll. Der eigentliche grauenhafte Bericht durfte wegen der Kriegszensur und der am Massaker beteiligten Deutschen nicht veröffentlicht werden.
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Flugblatt (Potsdam 1920)
Ihrer Aufforderung entsprechend
überreiche ich Ihnen im folgenden ergebenst eine schriftliche Aufzeichnung
über die auf der Reise von Bagdad nach Aleppo erhaltenen Eindrücke,
die ich während der Wagenfahrt mit halberstarrten Fingern in Schnellschrift
in mein Notizbuch einkritzelte. Sie geben daher den an Ort und Stelle unmittelbar
gewonnenen Eindruck wieder:
Auf dem Wege von Bagdad nach Aleppo berührt man folgende 21 Stationen:
Bagdad, Abu Messir, Feludscha, Romedi, Hit, Bagdadi, Hadisse, Fahime, Ane, Nihije,
Abu Kemal, Selahije, Mejadin, Der Sor, Tibni, Sabha, Hamam, Abu Hureire, Meskene,
Der Hafir, Aleppo. Sie liegen etwa 60 km voneinander entfernt. Von einer zur
andern fährt man im Wagen, Trab und Schritt abwechselnd, durchschnittlich
6 bis 8 Stunden, d.h. eine Tagesreise. Fußgänger dagegen dürften
von einer Station bis zur nächsten wohl drei Tagesmärsche brauchen.
Zwischen den einzelnen Stationen ist vollkommen unbewohntes Wüstenland,
nur stellenweise mit niedrigem Gestrüpp bewachsen. Auf mehreren Stationen
findet selbst der einzelne Reisende keine Lebensmittel und kein Brot. Der Weg
führt zwar am Euphrat entlang, folgt aber nicht allen Windungen, sondern
schneidet ab. Manche Stationen liegen meilenweit entfernt vom Flusse. Auf den
Stationen meist Brunnen. Der Fußgänger aber, der von einer Station
zur anderen drei Tage unterwegs ist, muß Wasser mitnehmen, wenn er nicht
verdursten will.
Am 17. Januar d. Js. bin ich von Bagdad abgefahren. Am 23. Januar kam ich in
Hadisse an. Dort sah ich den ersten Armeniertransport, etwa 50 Personen, fast
nur Männer, sie trugen tür kische Bauernkleidung und schwarz-weiß
gestreifte Jacken.
Am 24. Januar kam ich nach Ane. Unterwegs begegnete ich etwa 30 Armeniern, nur
Männern, die unter Gendarmeriebedeckung in der Richtung auf Der Sor gingen.
Unser Kutscher sagte, es sei gut, daß es so kaltes Wetter sei, denn sonst
würde man es auf dem Wege nicht aushalten können vor dem Gestank der
dort verwesenden Armenierleichen. Fast jeder dieser Armenier hatte ein oder
zwei Lasttiere bei sich, die ausschließlich mit Lebensmitteln beladen
sind. Der Kutscher sagt, solange der auf diesen Lasttieren untergebrachte Vorrat
an Datteln reiche, gehe es den Armeniern gut. Sobald er aber zu Ende sei, müßten
sie wohl verhungern, denn selbst wenn sich jemand bereit fände, einem Armenier
irgend etwas zu fast unerschwinglichem Preise zu verkaufgen, so reichten die
auf dem Wege tatsächlich vorhandenen Lebensmittelvorräte auch nicht
für den zehnten Teil der Verschleppten aus.
Infolge der bitteren Kälte erkrankt der Kutscher während der Fahrt
an Lungenentzündung. Ich kutschiere selbst. Auf der nächsten Station
engagiere ich als Aushilfe einen Araberjungen.
Am 26. Januar überhole ich einen Armeniertransport von 50 Männern.
In Abu Kemal, einer „größeren“ Station (die meisten andern bestehen
nur aus zwei bis drei Häusern), bedient uns im Chan (Karawanserei) ein
16jähriger Armenierjunge Artin aus Zeitun. Im Chan und allen Stallungen
sowie in der ganzen Ortschaft viele Armenier untergebracht. Auch einige Frauen
und Kinder.
Am 28. Januar traf ich in Selahije vier deutsche nach Bagdad reisende Offiziere,
die mir versicherten, daß sie im Kriege im Osten und Westen manches gesehen
hätten, daß aber das, was sich auf dem Wege von Aleppo-Der Sor dem
Auge darbiete, das Grauenvollste sei, was sie je gesehen hätten.
Am 29. Januar Mejadin. Im Chan, der eng mit Armeniern belegt ist, starker Fäulnisgestank.
Der Kutscher des Gepäckwagens erkrankt an Fieber. Mein Diener kutschiert.
Am 30. Januar Der Sor. Die größte Ortschaft auf der Strecke. Hier
zahlreiche Armenier, sicher über 2000. Alle Häuser und Chans sind
mit ihnen belegt. Im Chan, in dem ich absteige, wieder derselbe Fäulnisgestank
wie in Mejadin. Überfüllt mit Armeniern. Zahlreiche Frauen, die sich
lausen. Auch viele junge Mädchen und kleine Kinder. Auf den Straßen
der sauberen kleinen Stadt viele Armenier jeden Alters und beiderlei Geschlechts
in türkischen Bauernkleidern, aber auch viele, offenbar besseren Ständen
angehörende in europäischer Zivilkleidung. Junge Mädchen in gut
sitzenden europäischen Kleidern. Ich treffe hier fünf deutsche Offiziere
und einen deutschen Arzt, die nach Bagdad reisen. Sie erzählen, daß
auf der Strecke Aleppo-Der Sor viele an Flecktyphus zu Grunde gegangen sind.
Die Herren haben in 3 Stunden 64 Leichen, die am Wege lagen, gezählt. Auch
eine Mutter mit ihrem dreijährigen Kinde liege am Wege, beide tot. Viele
der Armenier kämen aus Konstantinopel.
Der Sor ist ein freundliches Städtchen mit geraden Straßen und Bürgersteigen.
Die Armenier genießen vollkommene Freiheit, können tun und lassen,
was sie wollen ... auch in bezug auf ihre Nahrung, die sie sich selbst kaufen
müssen. Wer kein Geld hat, bekommt nichts. Andon aus Ankara verkauft mir
seine goldene Uhr für 1 türkisches Pfund, Stepan aus Brussa ein Medaillon
mit dem Muttergottesbild für 3 Medschidije (türkisches Talerstück).
Als ich bei der Abfahrt ihnen diese Familienandenken wieder zustecken will,
sind die beiden Armenier verschwunden und trotz Suchens nicht zu finden. Sie
fürchten offenbar, daß ich den Kauf rückgängig machen will.
Das Geld verlängert ihr Leben um einige Tage. - Ich habe beide Gegenstände
dem Konsulat in Aleppo übergeben, für Rechnung der Eigentümer,
unter Verzicht auf jeden Anspruch. - In der Gemeindelesehalle in Der Sor versammeln
sich die vornehmeren Armenier, ein Arzt, zwei Geistliche und mehrere Kaufleute.
Ein armenischer Gastwirt ist dort Ökonom. - Professor Külz, auf der
Durchreise nach Bagdad, behandelt meinen an Lungenentzündung kranken Kutscher.
Krisis bereits überwunden. Ich ziehe dem Kutscher drei wollene Hemden an,
er muß wieder selbst kutschieren: der als Aushilfskutscher engagierte
Araberjunge ist weggelaufen und spurlos verschwunden, und niemand in Der Sor
ist bereit, mit uns zu fahren, ... denn hinter Der Sor beginnt der Weg des Grauens.
Es zerfiel für mich in zwei
Teile: den ersten Teil von Der Sor bis Sabha, auf dem ich aus der Lage der Leichen,
dem Zustande ihrer Zersetzung und Bekleidung, sowie aus den herumliegenden Wäschefetzen,
Kleidungsstücken und Hausgerätteilen, mit denen die Straße besät
ist, mir ein Bild machen konnte von dem, was sich hier abgespielt hat: wie die
allein in der Wüste herumirrenden Nachzügler schließlich zusammengebrochen
und mit vor Schmerz entstelltem und verzerrtem Gesicht in Verzweiflung verendet
sind, und wie andere wieder, dank des heftigen Nachtfrostes schneller erlöst
werden und friedlich entschlummert sind, wie einige durch arabische Räuber
nackt ausgezogen worden sind, während andern die Kleider durch Hunde und
Raubzeug in Fetzen vom Reibe gerissen wurden, wie andere nur die Schuhe und
Oberkleidung verloren haben und andere schließlich vollkommen angezogen
neben Sack und Pack liegend erst kürzlich zusammengebrochen sind ... wohl
beim letzten Transport, während die blutigen und halbgebleichten Skelette
an die vorhergehenden Transporte erinnern; und in den zweiten Teil von Sabha
bis Meskene, wo ich das Elend nicht mehr erraten brauchte, sondern den Jammer
mit eigenen Augen schauen mußte; ein großer Armeniertransport war
hinter Sabha an mir vorbeigekommen, von der Gendarmeriebedeckung zu immer größerer
Eile angetrieben, und nun entrollte sich mir in leibhaftiger Gestalt das Trauerspiel
der Nachzügler. Ich sah am Wege Hungernde, Dürstende, Kranke, Sterbende,
soeben Verstorbene, Trauernde neben den frischen Leichen; und wer sich nicht
schnell von der Leiche des Angehörigen trennen konnte, setzte sein Leben
aufs Spiel, denn die nächste Station oder Oase liegt für den Fußgänger
drei Tagesmärsche entfernt. Von Hunger, Krankheit, Schmerz entkräftet
taumeln sie weiter, stürzen, bleiben liegen. - Mein Vorrat an Brot, Wasser,
Trinkbarem und Eßbarem ist bald erschöpft. Ich will einem Dürstenden
Geld geben. Er holt selbst Geld heraus und bietet mir einen Medschidije, etwa
4 Mark, für ein Glas Wassen. Ich habe keinen Tropfen mehr.
Erst zwischen Meskene und Aleppo sieht man keine Armenier und keine Leichen
mehr, denn die Transporte haben zum großen Teil Aleppo nicht berührt,
sondern sind über Bab gegangen.
Am 31. Januar um 11 Uhr vormittags
war ich von Der Sor abgefahren. Drei Stunden lang sehe ich keine einzige Leiche
und ich hoffe schon, die Erzählungen möchten übertrieben sein.
Dann aber beginnt die grauenhafte Leichenparade:
1 Uhr nachmittags: Links am Wege liegt eine junge Frau. Nackt, nur braune Strümpfe
an den Füßen. Rücken nach oben. Kopf in den verschränkten
Armen vergraben.
1,30 Uhr nachmittags: Rechts am Wege in einem Graben ein Greis mit weißem
Bart. Nackt. Auf dem Rücken liegend. 2 Schritte weiter ein Jüngling.
Nackt. Rücken nach oben. Linkes Gesäß herausgerissen.
2 Uhr nachmittags: 5 frische Gräber. Rechts ein bekleideter Mann. Geschlechtsteil
entblößt.
2,5 Uhr nachmittags: Rechts ein Mann, Unterleib und blutender Geschlechtsteil
entblößt.
2,7 Uhr nachmittags: Rechts ein Mann in Verwesung.
2,8 Uhr nachmittags: Ein Mann, vollkommen bekleidet, auf dem Rücken, Mund
weit aufgerissen, Kopf nach hinten gestemmt, schmerzentstelltes Gesicht.
2,10 Uhr nachmittags: Ein Mann, Unterkörper bekleidet, Oberkörper
angefressen.
2,15 Uhr nachmittags: Spur einer Abkochstelle. Überall auf dem Wege Wäschefetzen.
2,25 Uhr nachmittags: Links am Wege eine Frau auf dem Rücken liegen, Oberkörper
in einen um die Schulern genommenen Schal eingehüllt, Unterkörper
angefressen, nur die blutigen Schenkelknochen ragen noch aus dem Tuch.
2,27 Uhr nachmittags: Viel Wäschefetzen.
2,45 Uhr nachmittags: Viel Wäschefetzen.
3,10 Uhr nachmittags: Spuren einer Abkochstelle und eines Lagerplatzes. Viel
Wäschefetzen, Feuerstellen, ein Kohlenbecken, sechs Männerleichen,
nur noch mit Hosen bedeckt, Oberkörper nackt, liegen um eine Feuerstelle.
3,22 Uhr nachmittags: 22 frische Gräber.
3,25 Uhr nachmittags: Rechts ein bekleideter Mann.
3,28 Uhr nachmittags: Links ein nackter Mann, angefressen.
3,45 Uhr nachmittags: Blutiges Skelett eines etwa zehnjährigen Mädchens,
langes blondes Haar liegt mit weit geöffneten Armen und Beinen mitten auf
dem Weg.
3,50 Uhr nachmittags: Viel Wäschefetzen.
3,55 Uhr nachmittags: Links vollkommen bekleideter Mann mit schwarzem Bart mitten
auf dem Wege auf dem Rücken liegend, als sei er eben vom Felsblock, der
links am Wege steht, abgestürzt.
4,3 Uhr nachmittags: Eine Frau, in ein Tuch eingehüllt, an sie gekauert
ein etwa dreijähriges Kind in blauem Kattunkleidchen. Kind wohl neben der
zusammengebrochenen Mutter verhungert.
4,10 Uhr nachmittags: 17 frische Gräber.
5,2 Uhr nachmittags: Ein Hund frißt an einem Menschenskelett.
5,3 Uhr nachmittags: Ankunft in der Station Tibni. Nur ein Chan, sonst keine
Häuser. Keine Armenier.
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Armenische Bauern
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1. Februar 1916:
2. Februar 1916:
9 Uhr vormittags: Abfahrt von Sabha.
9,45 Uhr vormittags: Links ein Menschenschädel. Dem als Aushilfskutscher
angestellten Jungen gehen die Pferde mit dem Gepäckwagen durch, werden
aber nach einigen Minuten abseits vom Wege wieder eingefangen.
1,55 Uhr nachmittags: Ein Armeniertransport. Über 20 Ochsenwagen mit
Säcken und Hausgerät beladen. Darauf Frauen und Kinder. Außerdem
viele Fußgänger mit Säcken auf dem Rücken. Der Transport
hat gerade Halt gemacht. Auf einem Sack an der Erde liegt eine stöhnende
Frau. Einige behaupten in ihrer Verzweiflung, sie seien persische Untertanen,
weil sie mich wegen meiner Pelzmütze für einen persischen Beamten
halten. Die mit Peitschen bewaffneten Gendarmen treiben zum Aufbruch an.
2,5 Uhr nachmittags: Ein Junge ist mit seinem Packen am Wege zusammmengebrochen,
bewegt noch die Beine.
2,7 Uhr nachmittags: Eine alte Frau führt ein etwa 12jähriges Mädchen
an der Hand, beide stark er- schöpft.
2,8 Uhr nachmittags: Ein Junge kommt vorbei mit Zeltstange und schwerem Gepäck
auf dem Rücken. Hinter ihm ein alter Mann, eingehüllt in ein Kaffeetischtuch.
2,30 Uhr nachmittags: Ein kranker Armenier mit gerolltem Tuch um den Oberkörper
bietet mir vergeblich Geld für einen Trunk Wasser. Ich habe keinen Tropfen
mehr.
2,31 Uhr nachmittags: Ein führerloser Karren mit zwei Pferden. Mit Säcken
beladen. Auf den Säcken eine stöhnende junge Frau mit geschlossenen
Augen.
2,32 Uhr nachmittags: Eine weinende Greisin am Wege.
2,33 Uhr nachmittags: Zwei teilnahmslos vor sich hinstierende Männer
sitzen am Wege.
2,34 Uhr nachmittags: Eine schluchzende Frau, etwa 25 Jahre alt, kauert neben
einem etwa 30 Jahre alten Manne. Dieser nur mit Hemd und Hose bekleidet, soeben
gestorben, lang ausgestreckt.
2,57 Uhr nachmittags: Ein Greis, nackt, dem linke Bein abgefressen ist.
3,30 Uhr nachmittags: Rechts ein kleiner Junge, nur mit Hemd bekleidet, neben
ihm ein Hund; Rock liegt etwas weiter weg.
3,33 Uhr nachmittags: Links ein offenes Grab.
3,55 Uhr nachmittags: Rechts ein etwa 4jähriges Kind in blauem Hemde.
3,36 Uhr nachmittags: Links am Wege ein großes Lager von etwa 500 Zelten
zu sehen. 20 frische Gräber. Eine Frau mit Säugling im Arm, beide
tot.
3,37 Uhr nachmittags: Links 5 frische Gräber. Ein Mann tot.
3,38 Uhr nachmittags: Ankunft in Hamam. Besteht nur aus 2 Häusern: der
Gendarmeriestation und dem Chan. Die Armenier, etwa 5000, sind in dem oben
erwähnten Zeltlager untergebracht. Mitten in der "Ortschaft" eine angefangene
Hütte. Daneben ein toter Mann. Das Kommando der Gendarmeriewache in Hamam
haben zwei Kriegsfreiwillige übernommen, die seit 15 Tagen hier sind.
Sie klagen über die Mißstände, denen sie ohnmächtig gegenüberstehen.
Jeden Tag kämen neue Armenier an, die sie laut Befehl weiterschieben
müßten. Es sei aber nichts zu essen da. Daher bleibe nichts anderes
übrig, als die Hungernden sobald wie möglich weiterzuschicken, damit
die Leichen wenigsten nicht in der Ortschaft lägen. Auf die Frage, warum
die Armenier nicht wenigstens die dicht am Feldlager liegenden Toten beerdigten,
wurde mir geantwortet, sie hätten keine Kraft mehr dazu, zumal der Boden
jetzt hart gefroren sei. Die meisten von ihnen hätten den Flecktyphus.
Das türkische Beerdigungskommando arbeite von früh bis in die Nacht,
ohne die Arbeit bewältigen zu können. Ein alter Gendarm sagt, er
sei seit 25 Tagen hier. Er gönne den Armeniern ihre Strafe, weil einige
von ihnen gegen den Padischah gearbeitet hätten. Aber dann solle man
sie verurteilen und erschießen und nicht langsam zu Tode martern. Er
könne es nicht mehr aushalten und werde sicher den Verstand verlieren,
wenn er diesen grenzenlosen Jammer noch länger mit ansehen müsse.
Auf meine Frage an die beiden Kommandanten, warum sie nicht Bericht erstatteten,
erfolgte die bezeichnende Antwort: "Effendim, hükümetin emri! Basch
üstüne! (Mein Herr, Befehl der Regierung! Zu Befehl!)"
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Eine armenische
Familie
aus Erzurum
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4. Februar 1916:
3 Uhr vormittags: Abfahrt von Meskene.
11 Uhr vormittags: Zwei Leichen männlichen Geschlechts, eine rechts,
eine links vom Wege.
5,5 Uhr nachmittags: Ankunft in Aleppo.
Zusammenfassung: Ich habe mit eigenen
Augen an die 100 Leichen und etwa ebensoviel frische Gräber gesehen auf
der Strecke Der Sor-Meskene. Nicht mitgezählt die in den Ortschaften zu
Friedhöfen vereinten Gräber. Ich habe unterwegs etwa 20 000 Armenier
gesehen. Bei all meinen Zahlenangaben habe ich mich aber auf die Schätzung
der wirklich von mir selbst Gesehenen beschränkt. Ich bin nie von der Straße
abgewichen, habe auch z.B. in Der Sor nicht die entfernteren Viertel der Stadt
aufgesucht. Die Zahl der auf diesem Wege wirklich Verschleppten muß daher
bedeutend höher sein. Ferner habe ich nicht diejenigen gesehen, die sich
noch auf dem linken Ufer des Euphrat befinden. Die Strecke, die ich befahren
habe, soll nur ein Teilstrecke sein. Nördlich von Meskene in der Richtung
auf Bab, und nördlich von Der Sor, in Richtung auf Raßul-Uin, sollen
bedeutende Armenierlager ihrer Weiterschiebung harren. Es ist deshalb nicht
ausgeschlossen, daß Reisende, die einige Wochen nach mir dieselbe Strecke
befahren, dann zehnmal so viel Leichen zählen wie ich. - Überall,
wo in der Türkei Wüstensand an bewohnte Gegenden grenzt, sollen sich
in diesen Tagen ähnliche Trauerspiele abspielen mit Hunderttausenden von
Mitwirkenden.
Die Armenier werden von den Türken nicht als Gefangene, sondern als „Auswanderer“
(Muhadschir) bezeichnet und so nennen sie sich auch selbst. - „Aussiedlung“
nennt der amtliche Bericht diese grausamste aller Todesarten! Offiziell ist
alles in schönster Ordnung. Nicht ein Pfennig wird ihnen entwendet oder
gewaltsam weggenommen; nicht den Lebenden. Sie können sich kaufen, was
sie wollen ... wenn sie was finden! - Und niemand kann die eigentlichen Mörder
so leicht feststellen.
"Was soll aus ihnen werden?“ habe ich unterwegs manchen Türken gefragt.
"Sie werden sterben" lautete die Antwort.“
Sie werden sterben. Der blinde Gehorsam der regierungstreuen Gendarmen, denen
noch nie der Gedanke aufgedämmert zu sein scheint, daß der Diensteid
oft zu vorläufigem Ungehorsam und zur Bitte um Umänderung eines Befehls
verpflichten kann, der eisige Frost des Winters, die unerträgliche Hitze
des Sommers, der Flecktyphus, der Lebensmittelmangel bürgen dafür.
Die so am Wege starben und verkamen, waren ottomanische Staatsangehörige
und Christen. Die Kapitulationen sind aufgehoben; wir Deutsche sind in der Türkei
den ottomanischen Staatsangehörigen christlichen Glaubens gleichgestellt,
wir haben nicht mehr als gleiche Behandlung zu beanspruchen!
Aber nicht alle werden umkommen. Übrig bleiben werden einige, die eine
eiserne Gesundheit, eine abgefeimte Schlauheit und reiche Mittel besitzen. Sie
werden dem Tode ins Auge gesehen, ihre Nerven gestählt und, wenn nicht
irgend etwas geschieht, einen unversöhnlichen Haß gegen die Türkei
und das Deutsche Reich in sich aufgespeichert haben.
Auf dem Wege Aleppo-Bagdad
sieht man überall die Anfänge einer im Bau schon ziemlich vorgeschrittenen
Kunststraße. Die Armenier würden mit Freuden diese Straße fertig
bauen. Sie würden nicht einmal Tagelohn beanspruchen. Aber Brot, die Rettung
vom Hungertode. Der fast durchweg bereits aufgeworfene Straßendamm, oft
meilenweit bereits beschottert, die schon durchstochenen Hügelketten, die
teils fertiggestellten, teils angefangenen Steinbrücken schreien geradezu
nach Fertigstellung der Straße! Und an dieser gegebenen Aufgabe, an dieser
ganzen Strecke entlang schon verteilt, sitzen über 20 000 bereite Arbeitskräfte
und verhungern.!
Man brauchte gar nicht den Weg nach
dem ursprünglichen Plane als Kunststraße vollkommen auszubauen. Es
würden schon jetzt einige Ausbesserungen an wenigen Stellen genügen,
um binnen kurzer Zeit die Straße in solchen Zustand zu bringen, daß
die Entfernung Aleppo-Bagdad mit Lastkraftwagen in fünf Tagen bequem zurückgelegt
werden könnte, auf die man jetzt 20 Tage verwenden muß.
In den Kreisen der Bagdadbahn hörte
ich über Arbeitermangel klagen. 12 000 Arbeiter, die in nächster Zeit
benötigt werden, sind schwer zu bekommen. Und in dem Dreieck Aleppo-Mosul-Bagdad
liegen hunderttausende armenischer Arbeitskräfte brach!
Mit der Versicherung, daß meine
Angaben nach bestem Wissen gemacht sind, bin ich Ihr ergebendster
Wilhelm Lepsius
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Adana 1909
Armenische Flüchtlinge in einer
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Alle Fotos aus der niederländischen Webseite "Een
Muur van Stilte" [Eine Mauer des Schweigens]