Auswirkungen
des Völkermords
an den Armeniern
auf die kurdische Gesellschaft
*
Unserer
Meinung nach ist die Diskussion um eine solche These aus mehreren Gründen
von Bedeutung:
Daß der
türkische Staat seine Täterschaft beim Völkermord an den
Armeniern leugnet und sogar wissenschaftliche Untersuchungen darüber
unter Strafe stellt, daß in der Türkei vielerorts die Bezeichnung
„Armenier“ als Schimpfwort gilt - gleichbedeutend mit „Vaterlandsverräter“
- mag noch unmittelbar einleuchten.
Aber auch in
der kurdischen Nationalbewegung gibt es eine Tendenz, über den Völkermord
an den christlich-armenischen Bewohnern der östlichen Provinzen des
Osmanischen Reiches und über die Beteiligung der muslimischen Bevölkerung
an diesem Verbrechen zu schweigen oder mit wenigen Worten darüber
hinwegzugehen.
Desweiteren
darf man nicht vergessen, daß die europäischen Großmächte
die Spannungen zwischen dem christlichen und dem muslimischen Bevölkerungsteil
zugunsten ihrer eigenen strategischen und wirtschaftlichen Interessen
in der Region kräftig geschürt haben. Dies hinderte jedoch das
wohlinformierte deutsche Kaiserreich nicht daran, über den armenischen
Völkermord geflissentlich hinwegzusehen, um seine türkischen
Waffenbrüder nicht zu verärgern.
Inbesondere aber drängt sich - bei allen Unterschieden - der Zusammenhang zwischen Nationalismus und der Ausmerzung von sogenannten ‘Fremdkörpern’ aus der Gesellschaft auf, und zwar nicht nur unter dem Stichwort „judenfrei“ aus der jüngeren deutschen Vergangenheit, sondern auch bei den heutigen Diskussionen, wer als vollwertiges Mitglied der heutigen bundesrepublikanischen Gesellschaft gelten darf und wer nicht.
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Bewohner
von
Tomarza
vor
ihrem
Kloster
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Im
Ergebnis seiner Forschungsreise berichtet Hütteroth in dem Kapitel "Wandlungen
der Yaylawirtschaft im Gefolge von Weltkrieg und Revolution" über die Folgen
des Verlustes des armenischen Bevölkerungsteils:
Zunächst einmal führte der q u a n t i t a t i v e Verlust von etwa zwei Dritteln der Bevölkerung zu einer Entblößung des Landes von Menschen, die ohnehin schon die ernstesten Folgen zeigen mußte. Über die Bevölkerungszahl der ostanatolischen Gebiete vor dem Ersten Weltkrieg liegen keine genauen Statistiken vor. Nach Angaben von Lokalhistorikern und türkischen Beamten scheint sie in den Kulturbecken des Hochlandes und einzelnen vorwiegend armenisch besiedelten Talgauen im Kettentaurus wie etwas im Çatak-Gebiet drei- bis viermal so hoch gewesen zu sein, im Kettentaurus etwa doppelt so hoch. Das alte Van soll danach eine Bevölkerung von etwa 80 000 Menschen gehabt haben, heute hat es knapp 13 664. Çatak hätte - was nach einigen bedeutenden Kirchenruinen und zahllosen, noch in Trümmer liegenden Häusern glaubhaft erscheint - etwa 10 000 Einwohner gehabt, heute leben knapp 500 dort. (...) In einer großen Zahl der von mir besuchten Dörfer, vor allem im Müküs- und Çatakgebiet sind noch lange nicht alle Häuserruinen wieder aufgebaut, es besteht einfach kein Bedarf, da zur Zeit noch die Menschen fehlen.
Für die Wanderviehzucht der Nomaden hätte das zunächst eine Erweiterung des Lebensraumes durch Freiwerden zahlreicher Hochweiden, die ehemals von armenischen, syrianischen oder kurdischen Bauern genutzt worden waren, bedeuten können; (...) dies ist aber nur in geringem Ausmaß eingetreten. Vielmehr sind eine Reihe von Yaylas [Hochweiden] viele Jahre hindurch gar nicht oder nicht in dem Maße genutzt worden, wie es möglich gewesen wäre. (...)
Eine Neusiedlung aus dem Westen der Türkei hat im eigentlichen kurdischen Taurus nie stattgefunden. (...) Einzelne Kurden kamen aus Kaukasien (....) und ließen sich auf ehemaligen Armenierländereien als Yaylabauern [Halbnomaden] nieder. (...) Für die Städte ist im Gefolge von Garnisonen und Verwaltungsbehörden in neuester Zeit ein gewisses Zufließen westtürkischer Unternehmer, Kaufleute und Handwerker zu verzeichnen.
Die Zuwanderung dieser kleinen Bevölkerungsgruppen beschränkt sich lediglich auf das armenische Hochland und vor allem seine Ovas [Tiefebenen]. Im Kettentaurus oder in den entlegeneren Teilen des Plateau-Taurus hat keinerlei Neusiedlung stattgefunden. Daß heute so gut wie alle Dörfer teilweise wieder bewohnt sind, - wenn auch nur teilweise -, ist im wesentlichen auf eine langsame Ausbreitung der Bauern altkurdischer Dörfer und Talgaue innerhalb des Wohngebietes der Stämme zurückzuführen. Eine mehrfach geäußerte Meinung besagt, daß die heutigen Bewohner aus vielen verschiedenen Dörfern zusammenkamen, um das verlassene Land zu besetzen. Es war eine völlig freie und willkürliche Neubesetzung, die zur Zeit ihrer Durchführung von der Regierung in keiner Weise kontrolliert oder beeinflußt wurde. Auch heute ist der Zustand noch nicht endgültig legalisiert, denn viele Bauern dieser Dörfer sind noch keineswegs rechtmäßige Eigentümer des Landes. Es gehört offiziell der Regierung und die Bauern haben das Nutzungsrecht gegen eine jährliche Pachtsumme (...). Das sich hieraus ergebende Gefühl der Besitz-Unsicherheit hält viele Bauern davon ab, größere Investitionen zu machen oder umfangreichere Arbeiten vorzunehmen.
Neben dem rein quantitativen Verlust an Menschen ist die Tatsache von Bedeutung, daß es um eine "s e l e k t i v e" V e r m i n d e r u n g handelte, daß es bestimmte soziale Schichten mit ausgeprägten Spezialfunktionen im Rahmen der Gesamtwirtschaft waren, die ausschieden. Plötzlich fehlten die Leute, die die Kunst des Baues von Bewässerungskanälen beherrschten, die die reichen Obst- und Weingärten und die oft so kunstvollen Bergwege mit ihren Brücken und Abstützungen angelegt und unterhalten hatten. Es fehlten die Handwerker, die die Wolle der Nomaden zu feinen Stoffen verarbeiteten, die Händler, die den Absatz der Viehzuchtprodukte ermöglichten, und schließlich jene Bauern, auf deren Winterfuttervorräte man im Notfall in vielerlei Weise zurückgreifen konnte.
Allerdings ist zu bedenken, daß die Bevölkerung homogener geworden ist, denn Kurden und Türken verbindet der gemeinsame Glaube und ebenso die gemeinsame Tradition des osmanischen Reiches, dem sich auch die kurdischen Stämme verpflichtet fühlen. Hinzu kommt weiterhin der gemeinsame - übrigens auch für die Kurden außerordentlich verlustreiche - Kampf gegen Russen und Armenier während des Krieges und der Revolution. Allmählich tritt, besonders durch den Militärdienst, auch das gemeinsame Staatsbewußtsein dazu. Damit wird ein Moment innerstaatlicher Schwierigkeiten für die moderne Türkei immer mehr ausgeschaltet.
Die Auswirkungen dieser Ereignisse betrafen besonders die teilweise nomadischen Stämme des Hochlandes (...). Diese Stämme hatten, wie viele andere im armenischen Hochland, ein System des Nomadisierens, das von dem der Nomaden aus dem Steppenvorland abwich.
| Sie lebten im Winter
in den Gebirgsdörfern der Armenier, die ihnen meist hörig waren,
und fütterten ihr Vieh in Ställen mit dem von den Bauern geerntetem
Winterfutter. Dadurch brauchten sie nicht die weiten Wanderungen bis in
die schneefreien Steppen zu machen, waren aber wirtschaftlich vom Landbau
der armenischen und teilsweise auch kurdischen Bauern abhängig.
Armenische
Bauernfamilie
aus
der Ebene von Mus
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Diesen beiden positiven Erscheinungen stehen negative Tatsachen deutlich sichtbar gegenüber: Im Kettentaurus sind heute noch etwa 30 % des ehemaligen Kulturlandes nicht bebaut. Bewässerungskanäle sind nur zum Teil instandgehalten, größere Schäden werden nicht mehr repariert, neue Kanäle gar nicht gebaut. Das Wegenetz verfällt, ehemals kunstvoll angelegte Saumpfade mit aufgeschichteten Steinpackungen an Steilhängen, mit Abstützungen und kleinen Brücken verfallen und werden für größere Karawanen immer schwieriger passierbar.
Der Wegebau ist von einer
kommunalen zu einer staatlichen Aufgabe geworden, was auch einer der Gründe
dafür ist, daß die jetzigen Bewohner der Taurusdörfer keine
Initiative darin entwickeln. Die Gartenkultur früherer Zeit verkommt.
Neupflanzungen von Obstbäumen habe ich nirgends beobachten können,
ausgenommen im Bereich neuer türkischer Siedlung um Van.
| Es hat sich bis
heute noch keine einheimische Handwerkerschicht gebildet, sämtliche
Konsumgüter - auch Wollstoffe! - werden aus der westlichen Türkei
importiert. Dieser Umstand wird noch durch die Tatsache unterstrichen,
daß im Gebiet von Sirnak, wo noch heute eine Syrianer-Minorität
[auch Nestorianer genannte altchristliche Glaubensgemeinschaft]
lebt, das Schneidergewerbe und ein großer Teil des Handels in deren
Hand ist. Reichere Kurden tragen weitgehend Kleidungstücke nach lokaler
Sitte, die dort von den Syrianern hergestellt werden. Armenierin
aus
Zeytun
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Demgegenüber ist zu berücksichtigen, daß auch die im Lande verbliebenen Christen, wie z.B. die Syrianer von Artevin, ihre Kirchenruinen nicht wieder aufbauten und auch die intensive Kultur ihrer Gärten nicht wieder aufgenommen haben.
Nach Gesprächen sowohl mit diesen Syrianern als auch mit kurdischen Bauern möchte ich annehmen, daß hier jenes Höchstmaß an Menschenverlust, das ein aktives kulturelles Weiterbestehen noch gerade erlaubt, überschritten wurde. Die restlichen christlichen Syrianer sind an Zahl zu gering, um Traditionen fortsetzen zu könne, einzelne Handwerke vielleicht ausgenommen, und Armenier gibt es gar nicht mehr. Der Übergang war zu abrupt, um dem kurdischen Bevölkerungsteil die Möglichkeit zu allmählicher Gewöhnung an handwerkliche und andere städtische Berufe zu bieten. Dazu hätte man ja die Städte völlig neu aufbauen und besiedeln müssen. Einer solchen Kulturaufgabe war die lokale kurdische Bevölkerung mit ihren nomadischen und halbnomadischen Traditionen nicht gewachsen.
Als Folge dieses Umbruchs sehen wir heute ein Dominieren des westanatolisch- türkischen Bevölkerungselementes in den Städten. Die einheimischen Türken, die als höheres Bürgertum, z.B. in Van lebten, waren durch die Kriegsereignisse ja ebenfalls weitgehend dezimiert. Die Westtürken sind jetzt die Träger des Fortschritts, sie sind Beamte, Lehrer, Soldaten und Gendarmen, Kaufleute, Fuhrunternehmer und Handwerker.
Für die Nomaden und die viehzüchtenden Bauern ergab sich also als Folge der Kriegsereignisse folgende Situation: Durch den Verlust einer großen Menschenzahl von überwiegend städtischer Lebensform waren die lokalen Absatzmöglichkeiten für die Viehzuchtprodukte verloren gegangen. Das Fehlen einer Kaufmannschicht und der Verfall der Verkehrswege ließen einen Fernabsatz nicht aufkommen. Die ehemals sich symbiotisch ergänzende Wirtschaft mit ausgeprägten Regionalhandel und -verkehr mußte auf eine weitgehende lokale Selbstversorgung des einzelnen Dorfes umgestellt werden. Der Zwang zur Gewinnung von Brotgetreide und Winterfutter führte zu einer wirtschaftlichen Angleichung von ehemaligen Nomaden des Plateau-Taurus an die Lebensformen der Yaylabauern. Nur die Nomaden des Tarus-Vorlandes konnten zunächst ihre Lebensweise und ihre Sommerwanderungen in den kurdischen Taurus ziemlich unverändet beibehalten."
* Aus der 11. Folge der Sendereihe "Streiflichter
auf die Geschichte Kurdistans"
der Deutsch-kurdischen Gesellschaft Kassel und Umgebung im
Freien Radio Kassel
(1) Günther BEHRENDT, Nationalismus in Kurdistan, Hamburg 1993, S. 308
(2) Wolf-Dieter HÜTTEROTH, Bergnomaden und Yaylabauern im mittleren kurdischen
Taurus,
Marburg 1959 (Marburger geographische Schriften, Heft 11), S. 142-147
Alle Fotos
aus der niederländischen Webseite "Een
Muur van Stilte" [Eine Mauer des Schweigens]