Editorial

 

Was ist Armenien?

Europa sagt: Ihr seid die westlichsten Asiaten.
Asien sagt: Ihr seid die östlichsten Europäer.

Sind wir die Brücke zwischen der Rationalität des Westens - und der Weisheit alter Völker des Ostens?

 

 

Geworg Emins fragt in seiner "Armenischen Sinfonie"

Wer bist Du?

Ich bin der, dessen Qualen Jahrhunderte dauerten, das Leben aber nur Jahrzehnte.
Ich bin der, der jahrhundertelang unter Kriegen und Ausrottung gelitten und jetzt die Freude eines Lebens in Frieden kennenlernen möchte.

Wo ist Dein Land?

Mein ist das Land, das am Fuße des biblischen Ararat liegt. Dort, wo sich einst das Paradies befunden haben soll, wo aber das Leben jahrhundertelang einer Hölle glich.
Jenes Land, das seit undenklichen Zeiten - Krieg und Hunger, Greueltaten und Gewalt importiert - dafür aber Waisen und Flüchtlinge, Talente und Wissen, Herzensgüte und Freiheitsliebe exportiert hat.

Hast Du denn keinen Namen - wie heißt Du?

Mein Name?
Habe ich etwa nur einen Namen?
Kann ich etwa nur einen Namen haben, wenn ich in allen Jahrhunderten, in allen Ecken und Enden dieser Erde gelebt habe?
Wenn ich Ackerbauer und Fürst, Fanatiker und Ketzer, Heerführer und Steinmetz, Baumeister und Geschichtsschreiber, Maler und Dichter gewesen bin?

Ich heiße HAJK. Ich bin der Recke HAJK.
Ich habe die fruchtbare Erde verlassen und lebe auf den kahlen Felsen, nur um frei zu sein.
Ich habe meinen freiheitsliebenden Geist meinem Land und meinem Volk vermacht - und es mit meinem Namen: HAJASTAN benannt.

Ich bin MESROP MASCHTOZ.
Meine Heimat war zerstückelt worden von Byzanz und dem überheblichen Persien. Weder das Schwert Tigrans des Großen, noch das Kreuz Gregors des Erleuchters wären und eine Hilfe gewesen, hätten wir nicht unseren Namen in armenischer Sprache und Schrift festgehalten.

Ich bin ANANIA von Schirak.
Als man ringsum nur Misthaufen sah und der Bauer den Blitz und den Donner fürchtete, lüftete ich das Geheimnis des Erdkreises und warf Licht auf das Rätsel der Sonnenfinsternis.

Mein Name ist ABOWJAN.
Vom Gipfel des Ararat sah ich die Finsternis über meinem Land und die kaum merkliche Morgenröte.

Ich bin NALBANDJAN:
Selbst im Gefängnis predigte ich Freiheit, die einzige Religion, für die es sich lohnt zu predigen und zu sterben.

Ich bin KOMITAS -
der ewige Glöckner des Tempels des armenischen Liedes.

Ich bin der armenische Mönch MECHITAR,
der Gründer des Mechitaristen-Ordens, der den Gutenbergschen Buchdruck im Vorderen Orient verbreitete und hochangesehene Schulen errichtete.

Ich bin Alexander TAMANJAN,
der glücklichste Baumeister, weil ich in einem Land lebe, darin alle Menschen bauend sich verwirklichen.

Ich bin der Maler SARJAN,
der seine schöpferische Kraft von seinem Lande und seinem Volk lieh - um es ihnen und der Welt in herrlichen Bildern wieder zu schenken.

Ich bin der Bauer, der die Weinrebe gezüchtet hat. Ihr Wein ist bitter wie unsere Vergangenheit und süß wie unser Traum von der Zukunft.

Ich bin der junge Armenier, dessen Vater sich noch vor einem Zug fürchtete. Heute arbeiten die von mir hergestellten Präzisionsgeräte im Kosmos.

Ich bin einer von jenen in der Welt verstreuten Armeniern, die das Leiden gelernt hat, sich selbst immer treu zu bleiben. Heute bin ich ein Pilger - morgen aber schon ein Bürger meines Armenien.

Ich bin der Vertriebene, der sein Haus in der ganzen Welt gebaut hat und es trotzdem verließ - um nur hier am Fuße des Ararat sein wirkliches Heim zu finden.

Wer bist Du schließlich, Wanderer?

Ich bin Armenien, ich bin das Volk Armeniens - ein Weggefährte der Ewigkeit, der aus der Tiefe gekommen ist un der Zukunft entgegenschreitet.

(frei nach Geworg Emins)


Editorial aus: VERTRAUEN, Kulturpolitisches Journal für Deutsch-Sowjetische Zusammenarbeit, Oktober 1989
Bild: Umschlag der gleichen Zeitschrift