|
taz 27.4.2000 VÖLKERMORD AN ARMENIERN Vor 85 Jahren begann die systematische Vernichtung des armenischen Volkes durch das Osmanische Reich mit tatkräftiger Unterstützung Deutschlands. Bis heute ist der Genozid ein absolutes Tabuthema in der Türkei. Und auch das deutsche Parlament hat den Völkermord immer noch nicht offiziell anerkannt Verschleierte Mittäterschaft Deutschland versuchte stets die Mitverantwortung am Armenier-Genozid zu leugnen. Jetzt soll der Bundestag den Völkermord anerkennen
|
|
Als er Mitte März
zu einer Konferenz amerika- Er fand vor 85 Jahren
statt und ging am 24. April 1915 mit der Verhaftung der armenischen Elite
in seine Anfangsphase. Dieser Völker- |
Flüchtende
in Jerewan (1922) |
|
| Über die systematische Vernichtung von rund einer Million Armeniern wurde während des Ersten Weltkriegs in den Ländern der Entente ausführlich berichtet, während sie im von den Jungtürken beherrschten Osmanischen Reich und in Deutschland verschwiegen wurde. Nach dem Krieg verkehrten sich die Fronten. Die | Länder
der Entente schwiegen mehr und mehr, weil sie eigene politische Händel mit
dem Jung- türken-Nachfolger und Republik-Gründer Mustafa Kemal Atatürk vorhatten. Türken und Deutsche hingegen fanden sich unter Rechtfertigungs- druck und berichteten. |
|
| Als das
Schicksal des Osmanischen Reichs noch in der Schwebe war, gleich nach Ende
des Weltkriegs, ermittelten sogar Istanbuler Staatsanwälte gegen die Verantwortlichen
des Völkermords, stellten brisante Dokumente sicher, und es kam zu mehreren
Prozessen. Als jedoch Atatürk mit den westlichen Sieger- mächten einig wurde und das Land vor dem Zerfall gerettet hatte, verschwanden nicht nur |
die Akten,
auch einer der Richter musste nach Ägypten emigrieren. Nicht wenige Profiteure
des Völkermords stiegen in der Republik in die höch- sten Staatsämter auf - mit einer bis heute ver- heerenden Folge: Der Völkermord an den Arme- niern wurde zum staatlichen Tabu der neuen Türkischen Republik erklärt, und selbst kritische türkische Intellektuelle halten sich bis heute an dieses Stillschweigen. |
|
| Die Deutschen
hingegen veröffentlichten bereits ein Jahr nach Kriegsende - ein bis dahin
fast einmaliger Vorgang - die Akten des Auswärti- gen Amts zu dem Thema und dokumentierten damit den Völkermord. Der große Armenier- freund und Pfarrer Johannes Lepsius gab 1919 im Auftrag des Außenministeriums insgesamt 444 Aktenstücke heraus, die auf alle Fragen des Genozids eine befriedigende Antwort gaben - |
so schien es zumindest.
Lepsius hatte seiner Regierung einen doppelten Dienst erwiesen. Ein-
|
|
| Der manipulierte Bericht | ||
| Die Deutschen
waren die wichtigsten Verbün- deten der Türken im Ersten Weltkrieg und bestens über die Verbrechen in Anatolien und der syrischen Wüste informiert, wie Lepsius in seinem Werk belegt. Aber es verschweigt ganz Wesentliches. Lepsius oder seine Auftraggeber aus dem Auswärtigen Amt hatten nahezu alle Stellen gestrichen oder verändert, die über die wirkliche Rolle der Deutschen Auskunft geben. Nur wenigen Forschern fielen diese Lücken auf. Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass kaum ein Wissenschaftler in der Lage war, die |
heiklen,
zumeist handschriftlichen Vermerke zu lesen, denn sie waren im altdeutschen
Sütterlin geschrieben. Seit eineinhalb Jahren liegt im In- ternet (home.t-online.de/home/wolfgang.gust) - eine revidierte Fassung der meisten Lepsius-Do- kumente vor, die alle Auslassungen und wichti- gen Veränderungen kenntlich macht. Und es liegt neuerdings auch eine wesentlich erweiterte Fassung vor, die unveröffentlichte Anlagen und vor allem alle wichtigen zusätzlichen Vermerke enthält. |
|
|
Der
Trend der Manipulationen ist ziemlich ein- |
tionen gewesen sein
sollten und die Empörung türkischer Bürger oder Militärs über diese wirk- |
|
| Breiten
Raum gab Lepsius den Beschwichti- gungen der Reichsspitze, besonders an die Vertreter der beiden Relionsgemeinschaften in Deutschland, alles Mögliche für die christlichen Brüder im Orient unternommen und mit allen Mitteln auf die osmanische Regierung einge- wirkt zu haben, das Morden zu stoppen. Diese Proteste gab es zwar, aber sie hatten eher de- |
klamatorischen
Charakter und waren für die er- warteten Rechtfertigungen nach Kriegsende ge- dacht. In Wahrheit hatte die deutsche Politik nur eins im Sinn: die Türken im Krieg bei der Stange zu halten, "gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht", so die Worte des da- maligen Reichskanzlers Bethmann Hollweg in einem vertraulichen Vermerk. |
|
| Deutschlands
Diplomaten berichteten korrekt und ausführlich über die Vorfälle in ihren
Beob- achtungsgebieten und empörten sich auch gelegentlich über die Verbrechen, aber sie hatten keinerlei Macht, den tödlichen Gang der Dinge zu unterbinden. Die deutschen Militärs hatten diese Macht, denn sie kommandierten osmanische Armeen oder sekundierten als Stabschefs. Mindestens einer von ihnen - der |
für den
Bagdadbahn-Bau zuständige Offizier Boetrich - unterzeichnete auch Vernichtungs- befehle, andere bestärkten ihre Bündnisfreunde in deren Mordabsichten. Der deutsche Bot- schaftsprediger Graf von Lüttichau sprach 1918 davon, "dass leider zu wiederholten Malen deutsche Offiziere Äußerungen getan haben, die schweren Schaden anrichteten". |
|
| Jetzt ist der Bundestag gefordert | ||
| Nachdem
mehrere westliche Parlamente, zu- letzt vor gut einem Monat der schwedische Reichstag, den Völkermord an den Armeniern offiziell anerkannt haben, liegt jetzt vom Zen- tralrat der Armenier und anderen Organisa- tionen ein Ersuchen an die deutschen Parla- mentarier vor, den Völkermord, den Deutsch- land vor 85 Jahren vielleicht hätte verhindern können, wenigstens heute offiziell anzuer- kennen. Es liegt an den deutschen Bundes- |
tagsabgeordneten,
ob sie zu dem stehen, was deutsche Akten aussagen. Schwer vorstellbar, dass
das deutsche Parlament einfach die Be- richte seiner eigenen Diplomaten leugnet oder nicht beachtet. Eine Parlamentsdebatte über die Erkenntnisse dieser eigenen Akten, die auch die Anerkennung einer moralischen Mitverantwor- tung beinhaltet, würde auch der Türkei demon- strieren, wie ein demokratisches Land mit sei- ner eigenen Vergangenheit umgeht. |
|
| Der möglichen
Resolution des Bundestags kommt Signalwirkung zu. Denn seit die Türkei offizieller
Beitragskandidat für die Europäische Union ist, wird die Anerkennung des
Völker- mords durch den Nachfolgestaat des Osmani- schen Reichs zu einer Kernfrage. Nach einem Beschluss des Europaparlaments von 1987 |
muss sich
die Türkei ihrer Geschichte stellen, wenn sie Mitglied des europäischen
Hauses werden will. Unwahrscheinlich, dass die euro- päischen Parlamentarier von dieser Maxime in einer Epoche abrücken, in der Menschenrechts- fragen zunehmend das politische Handeln beeinflussen. |
|
| Eine Anerkennung
des Völkermords durch den Bundestag, durch die Parlamentarier eines ehemals
mitverantwortlichen Landes, die An- erkennung der gewissen deutschen Mitschuld, wie sie aus den eigenen Akten hervorgeht, |
würde es der Türkei erleichtern, sich ihrerseits ihrer historischen Verantwortung zu stellen und wenigstens die Diskussion über den Genozid freizugeben, wenn schon nicht die belastenden offiziellen Dokumente veröffentlicht werden. |