von 
Taner Akçam    
    
 


Vortrag,
gehalten im April 1995 auf der Konferenz
„Probleme des Völkermordes“ in Eriwan
 

Der Völkermord an den Armeniern ist für uns Türken seit achtzig Jahren ein Tabu. Dieses achtzig Jahre lange Schweigen hat nicht nur zwischen der türkischen und der armenischen Gesellschaft, sondern auch in der wissenschaftlichen Welt eine derartige Spannung und einen solchen Berg an Vorurteilen erzeugt, daß sogar die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache bei der Diskussion dieses Themas ein ernsthaftes Problem geworden ist. Daß ich als türkischer Geschichtswissenschaftler dieses Thema zum ersten Mal kritisch angehe, ist daher vielleicht wichtiger als der Inhalt meines Vortrags. Es besteht nicht nur das Risiko, daß ich in der Türkei des Landesverrats beschuldigt werde, sondern auch das Risiko, daß Sie mich auf diesem Podium als kollektiven Vertreter der Türken betrachten werden und von mir Rechenschaft über die türkische Haltung in den letzten achtzig Jahren erwarten. Im Bewußtsein all dieser Probleme bitte ich Sie, mir als einem Historiker, der einzig und allein in seinem eigenen Namen zu Ihnen sprechen wird, zuzuhören.

Es ist weder meine Absicht, mich hinter dem ‘Vorwand der späten Geburt’ zu verstecken, noch ist es meine Absicht geltend zu machen, daß ich keinen Anteil an der ‘kollektiven Verantwortlichkeit’ hätte. Ganz im Gegenteil. Unabhängig davon, welche Position ich vielleicht persönlich einnehme, bin ich mir dessen bewußt, daß ich Mitglied jenes Kollektivs bin, das ‘die Täter’ hervorgebracht hat (bzw. daß ich zur Gruppe der Täter gehöre). Genau deshalb möchte ich das Thema in vollem Bewußtsein dessen untersuchen, was ‘Mitgliedschaft’ und ‘Tragen kollektiver Verantwortlichkeit’ in diesem Zusammenhang bedeutet. Für unsere Generation, die nicht unmittelbar für die Ereignisse verantwortlich gemacht werden kann, ist es leichter, die Vergangenheit zu reflektieren und sie als wesentliches Element unserer kollektiven Identität zu definieren. Vielleicht ist diese ‘hohe Warte’, dieser Standortvorteil meiner Generation hilfreich, um endlich einen Durchbruch zu erreichen.

Andererseits darf man die Bedeutung dieses Zeitraums von achtzig Jahren auch nicht unterschätzen. Auf uns lastet die Bürde, an eine Realität zu ‘erinnern’, die in unserer Geschichte als Nicht-Ereignis behandelt und einfach geleugnet wurde, sie ‘in unserem Bewußtsein wieder zu entdecken’ und ihr eigene Bedeutung zukommen zu lassen. Aber welche Form kann oder wird diese wiederentdeckte Erinnerung annehmen? Was bedeutet es, die Tatsache des Völkermordes in unsere geschichtliche Gegenwart einzubeziehen, und was wird das Ergebnis sein? Ein Anfang kann nur gemacht werden, indem man herausfindet, welche Bedeutung es hat, zur Gruppe der Täter zu gehören und kollektive Verantwortlichkeit zu tragen. Diese und viele andere Fragen haben wir zu beantworten.

Zum jetzigen Zeitpunkt möchte ich nur darlegen, wie die Türken den armenischen Völkermord sehen oder vielmehr nicht sehen, und wie sie daraus ein Tabu-Thema gemacht haben. Die Frage, auf die ich eine Antwort suche, kann man folgendermaßen formulieren: Warum ist eine gelassene Diskussion über dieses Thema nicht möglich, selbst dann nicht, wenn wir von der Voraussetzung ausgehen, daß sich überhaupt kein Völkermord ereignet hat? Welches sind die Gründe, auf dieses Thema mit einer Aufgeregtheit zu reagieren, die anderswo kaum zu beobachten ist? Ich erhebe nicht den Anspruch, diese Frage in all ihren Aspekten beantworten zu können. Ich will lediglich einige Punkte auflisten, die ich für diskussionswürdig halte. 

Ich bin der Auffassung, daß die Herausbildung der türkischen nationalen Identität nicht nur bei der  Entscheidung zu diesem Völkermord eine entscheidende Rolle spielte, sondern auch bei seiner gegenwärtigen Leugnung und Tabuisierung. Es ist daher unerläßlich, daß ich zuerst näher auf die Besonderheiten des Ursprungs der nationalen Identität und einige damit zusammenhängende Faktoren eingehe. Ich stütze mich dabei auf einen Gedankengang, den der bekannte Soziologe Norbert Elias entwickelt hat. Er sprach von ‘nationalem Standort’ und verband ihn eng mit dem Prozeß der Herausbildung von Nationalstaaten. Dieser Gedankengang faßt einige Besonderheiten zusammen, die sich im Verlauf der Schaffung eines Nationalstaates herausgebildet haben. Diese Besonderheiten spiegeln die allgemeine Mentalität und die Ethik wider, welche die Psyche der ganzen Nation durchdringen, und sind hilfreich für eine Erklärung, warum in bestimmten Situationen bestimmte allgemeine Verhaltensmuster entstehen. Mit anderen Worten, es wird eine direkte Verbindung zwischen nationaler Identität und der Entstehung eines Nationalstaates hergestellt und gleichzeitig wird die zentrale Rolle des Nationalstaates für die Herausbildung der nationalen Identität anerkannt.

I. DIE TÄTER UND IHRE SICHTWEISEN VERSTEHEN

Im allgemeinen neigen wir dazu, Handlungen, die wir aufgrund ihrer Abscheulichkeit als moralisch verwerflich betrachten, als ‘unmenschlich’ zu charakterisieren. Die Abscheu, die wir gegenüber solchen Handlungen empfinden, steht der Notwendigkeit entgegen, sie zu verstehen. Diese Haltung eignet sich gut, zwischen uns und der fraglichen Handlung eine Distanz zu schaffen, und verhindert dadurch, daß wir uns mit dem ‘Schlechten’ identifizieren. Auf diese Weise mögen wir zwar unser Gewissen beruhigen, müssen uns aber eingestehen, daß es uns nicht zu einem angemessenen ‘Verständnis’ und zu einer angemessenen ‘Bewertung’ verhilft. Adorno wies darauf hin, daß - jenseits einer moralistischen Haltung - 'Verstehen' unbedingt notwendig ist. Er machte folgende Anmerkung:

Andererseits sind jedoch auch mit dem sogenannten wissenschaftlich objektiven Ansatz Schwierigkeiten verbunden. Vor allem ist die wissenschaftliche Sprache - die man als ‘Lexikon für nicht-menschliche Dinge’ definieren kann - aufgrund ihrer Fähigkeit zur Objektivierung von Ereignissen nur eingeschränkt in der Lage, eine Distanz zur Sprache der ‘Täter’ zu schaffen. Jeder Versuch zu ‘verstehen’ beinhaltet die Möglichkeit zur Relativierung und Rechtfertigung des Handelns der Täter. Wir müssen im Auge behalten, daß jede geschichtliche Rekonstruktion, die - wie Walter Benjamin behauptet - ‘verstehen will, wie Ereignisse wirklich waren’, bei der Analyse des Täters die Methode anwendet, sich in ihn einzufühlen, und sich folglich moralischer Indifferenz schuldig macht.

Daher ist es bei der Analyse eines Phänomens wie Völkermord vielleicht besser, keine gemeinsame Perspektive zu entwickeln, sondern sich stattdessen auf zwei unterschiedliche Perspektiven zu stützen, auf die Perspektive der ‘Täter’ und auf die der ‘Opfer’. Diese zwei verschiedenen Perspektiven legen zur Rekonstruktion der geschichtlichen Ereignisse ganz unterschiedliches Material vor. Die bisher erstellten Arbeiten zum Völkermord an den Armeniern sind im wesentlichen Ausfluß der Sichtweise der ‘Opfer’. Mein Versuch dagegen versteht sich als Untersuchung des Gegenstands vom Standpunkt der ‘Täter’ aus, ein Unternehmen, das aufgrund der bisherigen Geschichte von Leugnung und Tabuisierung nicht in Angriff genommen werden konnte.

Der wichtigste Punkt, in dem sich die ‘Täterperspektive’ von der ‘Opferperspektive’ unterscheidet, ist die Betonung des Faktors der geschichtlichen Kontinuität. In dieser Täterperspektive erscheint Völkermord weder als ‘unbeabsichtigter Unfall’ oder noch als ‘Einzelphänomen’, der vom politisch-kulturellen Hintergrund unabhängig wäre und sich voraussichtlich nicht wiederholen würde. Dies soll nicht heißen, daß Ereignisse wie Völkermord das unvermeidliche Ergebnis bestimmter politisch-kultureller Bedingungen seien. Völkermord wird natürlich nur durch das Vorhandensein einer Reihe ganz spezieller Bedingungen möglich, die auf besondere Art und Weise mit der Dynamik eines entsprechenden politisch-kulturellen Hintergrundes zusammentreffen. Indem wir unsere Wahrnehmung für die Bedeutung dieser speziellen, zu Völkermord führenden Bedingungen schärfen, können wir sie besser verstehen und beschreiben und auch das Ausmaß feststellen, in welchem jene Faktoren, die den oben erwähnten politisch-kulturellen Hintergrund ausmachen, auch heute noch wirksam sind.

Wenn ich behaupte, daß Ereignisse in der Vergangenheit die türkische nationale Identität geformt haben und sogar unsere jetzigen Verhaltensmuster bestimmen, werden andere vielleicht einwenden, daß dies ‘nichts mit der heutigen Zeit zu tun hat’, da die Ereignisse in einer ‘vergangenen Epoche’ stattgefunden haben. So kann man von einem heutigem Standpunkt aus vorbringen, daß die Folgen der Ereignisse vor etwa hundert Jahren im Hinblick auf die von ihnen hinterlassenen Spuren keine große Bedeutung mehr haben. Anstatt eine Diskussion über diese Vorstellungen anzufangen, möchte ich mich an dieser Stelle mit  einem Zitat von Norbert Elias begnügen:

Dies trifft meines Erachtens auch auf die Türkei zu. Wenn wir beispielsweise die Argumentation  zu den Kurden untersuchen, können wir ganz klar feststellen, in welch überraschendem Ausmaß die nach 1910 vorherrschende Geistesverfassung und Denkweise heutzutage noch andauern. Ich möchte nicht so verstanden werden, als bestünde direkte ‘Wiederholungsgefahr’. Aber bevor wir uns erleichtert zurücklehnen, täten wir gut daran zu untersuchen, ob die sozialen Bedingungen und die Mentalität, aus denen heraus der Völkermord entstanden ist, immer noch andauern. Dies ist der einzige Weg, um das - wenn auch in unterschiedlichen Formen - im Inneren der Gesellschaften vorhandene Potential an Barbarei zu verstehen und zu bekämpfen.

Wenn in bestimmten Gesellschaften destruktive Potentiale als typische Bestandteile nationaler Identität und als Mentalitätstyp vorhanden sind, müssen wir dies bewußt in unsere Anstrengungen einbeziehen. Eine der wichtigsten Methoden, einer Mentalität entgegenzutreten, die - in großem Umfang - unterbewußte Prozesse steuert und damit - fast automatisch - spontane Reaktionen nach sich zieht, besteht darin, diese Mentalität bewußt werden zu lassen. Diese Methode nannte Adorno ‘dem Gegenstand gegenübertreten’. Wenn man kollektiv begangene Grausamkeiten ‘verstehen’ und analysieren will, und wenn man die Wiederholung solcher Ereignisse verhindern will, findet man die Lösung nicht, indem man sein Augenmerk in erster Linie auf die ‘Opfer’ richtet. Man muß sein Augenmerk auf die ‘Täter’ richten, um eine Reihe ‘bewußter und unbewußter’ Mechanismen aufzudecken, die ihren Handlungen zugrundeliegen; denn die Auslösung dieser Mechanismen macht diese Leute zu ‘Tätern’.

Nach dieser allgemeinen Einleitung, möchte ich nun - in Form einer These - einige grundlegende Charakterzüge der türkischen nationalen Identität auflisten, die für die Entscheidung zu dem Völkermord und auch für die darauffolgende Tabuisierung des Themas eine wichtige Rolle gespielt haben.

II. EINIGE CHARAKTERZÜGE DER TÜRKISCHEN NATIONALEN IDENTITÄT

1. Im Vergleich zu Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Staaten betrat türkischer Nationalismus und türkisches Nationalbewußtsein erst sehr spät die Bühne der Geschichte. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Besondere Bedeutung kommt hierbei dem Einfluß des Islam und dem kosmopolitischen Charakter des Osmanischen Reiches zu. Aufgrund seiner späten Entwicklung war der türkischer Nationalismus stark von Sozialdarwinismus und Rassenideologien beeinflußt. Dieser geistige Hintergrund des türkischem Nationalismus, verbunden mit einem dringenden Nachholbedürfnis, machte diesen Nationalismus aggressiv.

2. Der türkische Nationalismus entstand als eine Reaktion auf die Erfahrung ständiger Demütigungen. Das türkische Nationalgefühl litt beständig an einem Minderwertigkeitskomplex. Dabei spielten verschiedene Faktoren ein Rolle. Entscheidend war jedoch, daß die Türken nicht nur andauernd gedemütigt und verachtet wurden, sondern vielmehr, daß sie sich dieser Demütigung bewußt waren. Die türkische politische Elite hatte klare Vorstellungen darüber, was man über die Türken dachte, und diese Kenntnis wurde ein wichtiger Entscheidungsfaktor für ihr Handeln. Eine Folge davon war das starke ‘Gefühl, nicht verstanden zu werden’ und die Angst, isoliert zu sein. Eine Nation, die in der Vergangenheit solchermaßen gedemütigt wurde und sich dieser Erfahrung auch noch bewußt ist, wird versuchen, ihre Größe und Bedeutung unter Beweis zu stellen. Wie Elias anmerkte:

Das Ergebnis ist ein Streben nach Macht.

3. Die türkische nationale Identität entwickelte sich unter Bedingungen, in denen die Furcht vor Vernichtung und Auflösung allgegenwärtig war. Der rasante Auflösungsprozeß des Osmanischen löste bei den osmanischen Führern traumatische Ängste aus. Die Furcht vor Vernichtung und Auflösung, genährt von einem tiefsitzenden Bewußtsein von Schwäche und Hilflosigkeit, war die ‘Hebamme’ der türkischen nationalen Identität.

Als Folge dieser Geisteshaltung suchte man nach Gründen, Personen und politischen Kreisen, die diese negativen Entwicklungen verursacht haben könnten. Durch das Prisma der türkischen nationalen Identität hindurch betrachtete man die christlichen Minderheiten mit als Hauptverantwortliche für den Niedergang und die Auflösung des Osmanischen Reiches. Daher wurden die Christen als Feinde gebrandmarkt. Diese Feindschaft wurde umso intensiver, als einige Großmächte die Christen als Hebel benutzen, um die Teilung des Reiches entsprechend ihren eigenen Machtinteressen zu verwirklichen, wodurch die Christen bestimmte wirtschaftliche und gesellschaftliche Privilegien erhielten.

Ein weiterer Faktor bei der Erzeugung eines christlichen Feindbildes war die Rolle des Islam in diesem Zusammenhang. Aufgrund der islamischen Kultur und ihres Rechtssystems hatten die Muslime die Christen immer als eine ihnen untergeordnete Minderheitengruppierung betrachtet und sie niemals als gleichgestellt angesehen. Daher gab es für die Christen im Osmanischen Reich keine Gleichstellung. Aber in der Phase der Auflösung des Reiches veränderte sich die Stellung der Christen aufgrund von Reformen und wirtschaftlichen Privilegien. Die Türken verloren Schritt für Schritt ihren sozialen Status als überlegene Gesellschaftsschicht. Sie konnten sich weder mit der Vorstellung abfinden, daß die Christen ihnen durch Reformen gleichgestellt sein sollten, noch damit, daß die christliche Minderheit eine bessere wirtschaftliche Stellung erlangen sollten als sie selbst. Dieser Statusverlust führte zu Haß- und Rachegefühlen gegenüber den vermeintlich Verantwortlichen. Die Muslime akzeptierten ihre ständig schwächer werdende Position nicht keineswegs ‘friedlich’. Dieses Bewußtsein von Statusverlust spielte eine bezeichnende Rolle bei der Anordnung des Massakers an Christen; die Geschichte des 19. Jahrhunderts beweist dies sehr deutlich.

4. Die Gemütsverfassung derjenigen, die sich am Rande der Katastrophe befanden und einen langsamen Tod starben, war von zwei Besonderheiten geprägt. Erstens lebten die rebellischen Christen in den Randbereichen des Reiches. Fortdauernde Gebietsverluste an den Rändern des Reiches hatten bei den Türken eine Belagerungsmentalität erzeugt, d.h. das Gefühl, daß das Reich von Feinden umzingelt sei. Elias weist auf bestimmte Charakterzüge in der Entwicklung des deutschen Nationalstaates hin, die auch bei der Entwicklung des türkischen Nationalstaates beobachtet werden können:

Zweitens war dieses Abbröckeln der Ränder nicht das Resultat militärischer Niederlagen der osmanischen Führung. Die Aufstände der Minderheiten konnten fast immer niedergeschlagen werden. Es war der Druck von außen, der die Osmanen zu politischen Zugeständnissen an diejenigen zwang, die sie militärisch besiegt hatten. Daher war die Nation und ihre Elite - jahrhundertelang daran gewöhnt, andere zu beherrschen - schockiert, daß nun Andere sie als Spielball benutzen und in ihrer Ehre beleidigen konnten. Eine Möglichkeit von Nationen, auf den Druck von oben und ihre Degradierung zum Prügelknaben zu reagieren, besteht darin, sich an den vermeintlich Verantwortlichen für ihr Unglück zu rächen. Elias bringt den Kern dieser Dynamik folgendermaßen auf den Punkt: 5. Ein weiterer charakteristischer Zug der türkischen nationalen Identität besteht darin, daß die Türken sich selbst als die eigentlichen, wahren Opfer der Geschichte betrachten. „Eigentlich sind wir die Nation, die Unrecht erlitten hat. Wir sind eine verfolgte Nation, aber niemand will dies anerkennen. Man behandelt uns als ‘Stiefkinder’ der Geschichte.“ Zwei Faktoren haben zur Entwicklung dieser Geisteshaltung beigetragen. Erstens empfand man die nationalen Befreiungskriege der christlichen Volksgruppen auf dem Balkan (Griechen, Serben, Bulgaren) während des neunzehnten Jahrhunderts als Massaker an der muslimischen Bevölkerung. Zweitens widmete Europa den Massakern an den Muslimen keine Aufmerksamkeit, obwohl die europäischen Nationen äußerst sensibel auf die Massaker an Christen reagierten und jede Gelegenheit zur Einmischung nutzten. So kann man ohne Übertreibung sagen, daß sich bei den Muslime die Überzeugung verfestigt hatte, die ganze Welt habe sich gegen sie gestellt; sie betrachteten sich als Opfer der Geschichte.

6.Vor allem zwei Faktoren erschwerten es den Türken, mit diesem Gefühl von Zusammenbruch und Wertlosigkeit fertigzuwerden. Erstens gab es einen tief verwurzelten Glauben an die Überlegenheit der Türken über andere Völker und an das Recht der Türken, diese zu beherrschen. Sogar heute noch ist Rede vom Errichten eines Weltreiches und vom Beherrschen anderer Nationen als Zeichen türkischer Überlegenheit und geschichtlicher Einzigartigkeit. Der wichtigste Grund für diese Haltung liegt darin, daß die Türken als herrschende Schicht (obwohl sie sich ihres Türkentums selbst nicht bewußt waren) und unter dem Einfluß islamischen Denkens sich mit dem Islam identifizierten und den anderen Religionsgruppen des Reiches überlegen fühlten. Die Vorstellung von sich als ‘herrschender Nation’ (Millet-I Hakime) bestimmte das Denken der herrschenden osmanisch-türkischen Elite. Gleichzeitig stand sie unter dem übermächtigen Druck ihrer eigenen großen Vergangenheit. Zwischen dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Reich, das über drei Kontinente herrschte, und der gegenwärtigen Situation, in der die nationale Ehre durch den Schmutz gezogen wurde, war eine tiefe Kluft entstanden. Der Konflikt zwischen den Realitäten der Vergangenheit und der Gegenwart verstärkte das Bedürfnis, 1. die Gegenwart abzulehnen, 2. zu den früheren Tage imperialen Ruhms zurückzukehren und 3. die vermeintlich Verantwortlichen für das gegenwärtige Elend zu bestrafen.

An dieser Stelle ist es sinnvoll, ja sogar notwendig, zusätzliche Gesichtspunkte einzubringen. Man kann die Entscheidung Völkermord zu begehen nur vor diesem Hintergrund verstehen; dennoch will ich nicht die Behauptung aufstellen, daß der Völkermord unmittelbare Folge dieser Gemütsverfassung war. Dafür waren zusätzliche Bedingungen erforderlich, die jedoch nur in diesem Zusammenhang zum Völkermord zu führen konnten. Eine dieser Bedingungen bestand darin, daß die Türken Erben einer großartigen ruhmreichen Vergangenheit waren, nun aber stetig schwächer wurden und an der Krankheit der Glorifizierung ihrer Vergangenheit litten. Im Falle eines Krieges hätten sie unweigerlich abzudanken. Unter dieser Voraussetzung entstand die Entscheidung zum Völkermord.

Allgemein leben Nationen mit einer ‘großen und ruhmreichen’ Vergangenheit im Schatten und unter der Last dieser Vergangenheit. Wenn solche Nationen in eine Position der Schwäche geraten, wenn sie wiederholt in ihrem Ehrgefühl verletzt und herabgesetzt werden und ihren Ruin vorausahnen, wird der Ballast der Vergangenheit umso größer. Je stärker das Gefühl von Selbstwerverlust und der Grad der Demütigung ist, desto leidenschaftlicher wird die Vergangenheit idealisiert und ihre Wiederherstellung zur obersten Priorität erhoben. Je nachdem, wie stark man daran glaubt, daß die ruhmreiche Vergangenheit die ideale Zukunft werden könnte, steigert sich das Potential für vermeintlich erforderliche gewaltsame Aktionen.

Resultat dieser Entwicklungen ist in der Regel ist das Verlangen, Gewalt gegen diejenigen anzuwenden, die man für den Verlust an Macht und Stärke, für die Demütigung und den Verlust an Selbstwertgefühl verantwortlich macht. Parallel zu diesem Debakel und dem Verlust an Selbstwertgefühl sind noch andere Ereignisse von Bedeutung. Die beschleunigte Auflösung und Zerstückelung des Nationalstaates führt zur Angst vor ‘Vernichtung’, vor ‘feindlicher Belagerung’ und - im weiteren Verlauf dieses Prozesses - zu dem Gefühl, ‘mit dem Rücken an der Wand ums nackte Überleben zu kämpfen’. Erscheint die Situation dann zunehmend hoffnungslos, werden die Machthaber in ihrem Unvermögen, den Niedergang zu verhindern, zunehmend aggressiv.

Wenn in den Augen der nationalen Elite die große und ideale Zukunft in immer weitere Entfernung rückt, wenn das Ziel gefährdet und der Prozeß des Niedergang unaufhaltsam erscheint, nehmen die Gegenmaßnahmen mehr und mehr barbarischen Charakter an. Auf dem Höhepunkt dieses Prozesses steht dann der Völkermord. Wenn dieser Prozeß des Niedergangs unberechenbar ist, und ab und zu Hoffnung auf einen Ausweg aufkeimt, wird das Endresultat voraussichtlich sogar noch schmerzhafter. Eine Nation, die ihren Sturz vorausahnt, wird niemals zugeben, daß sie sich am Rande des Absturzes befindet, und wird sich hartnäckig auf den Traum einer großen Zukunft konzentrieren.

Die Stärke des Abwärtstrends spiegelte sich wider in der äußersten Brutalität der Mittel, mit denen man versuchte ihn aufzuhalten ... Mit dem Rücken an der Wand werden die Verteidiger der Zivilisation leicht zu deren Zerstörer. Sie werden leicht zu Barbaren.

Dies war die Geschichte der Türken vor dem Ersten Weltkrieg. Panturanismus und das Ideal eines großen türkischen Reiches wurden umso stärker, je mehr die Auflösung und Zerstückelung des Reiches voranschritt und die Lage immer hoffnungsloser wurde. Als sich die Suche nach einer gemeinsamen kollektiven Identität, die das Reich zusammenhalten sollte, als Fehlschlag herausstellte, wandte sich die Führung zur Verwirklichung des Reichsideals den weiter im Osten liegenden Regionen und Bevölkerungsgruppen zu. Die Türken sahen im Ersten Weltkrieg eine historische Chance. Sie, die jahrelang Niederlagen erlitten und einen schmerzhaften Prozeß, einschließlich Herabsetzung und Verlust der Ehre, durchgemacht hatten, sahen nun am Horizont die historische Chance, dem ansonsten unausweichlichen Zusammenbruch zu entkommen. Man glaubte, das Unglück der Türken nun abwenden und die Auflösung aufhalten zu können. Das große türkische Reich könnte nun neu errichtet werden, zwar nicht in den gleichen Ländern wie früher, aber in einem anderen großen Gebiet, das von loyalen, vertrauenswürdigen türkischen Menschen bewohnt war. Es war, als würden die Wolken unversehens aufreißen und die Konturen einer glorreichen Sonne enthüllen.

Die rasche Aufeinanderfolge militärischer Zusammenbrüche, welche die Türken während der ersten Monate des Ersten Weltkrieges erlitten, hatten jedoch eine sehr ernüchternde Wirkung. Besonders die Niederlage im Dezember 1914 und im Januar 1915 bei Sarikamis, in der Nähe von Kars in Ostanatolien, ließ den turanisch-islamischen Traum wie eine Seifenblase platzen. Jedoch fanden die osmanisch-türkischen Führer jemanden, dem sie die Schuld zuschieben und den sie für diese Niederlage verantwortlich machen konnten. Eigentlich hatten die Türken nicht verloren, sondern sie waren verraten worden. Elias beschreibt dies treffend für den deutschen Kontext:

Obwohl dieses Zitat von Elias auf den Nationalsozialismus gemünzt ist, kann es nicht nur für philosophisch Geschulte logisch auf den armenischen Völkermord übertragen werden, sondern man kann es auch als gängige Anklage betrachten, wie sie wörtlich in einigen Arbeiten über den Völkermord gegen die Armenier erhoben worden ist.

Das plötzliche Entschwinden einer historischen Chance, verursacht durch die andauernden militärischen Rückschläge, die Demütigungen und den Verlust an Selbstwertgefühl, fiel mit einem anderen historischen Ereignis zusammen. Im März 1915 standen feindliche Armeen am Eingang der Dardanellen und damit war das Ende des Reiches absehbar. Zweifellos verdüsterte dies die Stimmung unter den osmanischen Führer noch mehr. Das Land (Anatolien), der Inbegriff für das Überleben der Türken, würde nach den Niederlage an die Armenier übergeben werden. Schon vor dem Krieg hatte es einen entsprechenden Plan gegeben. Um solch ein Ergebnis abzuwenden, griffen die Türken zu der erbarmungslosesten und verwegensten Aktion.

dann schreckt man vor der Vorstellung barbarischste Methoden anzuwenden nicht zurück. Das Ausmaß des Gefühls von Selbstwertverlust und Bedeutungslosigkeit und die Tatsache, daß das Osmanische Reich an der Schwelle der Niederlage stand, führte rasch zu ‘unmenschlichen’ und ‘erbarmungslosen’ Verzweiflungstaten. Die herrschenden Kreise der osmanischen Türken waren von der Furcht ergriffen, daß das Ende des Reiches Wirklichkeit werden könnte. Ihre Weigerung, dies zu akzeptieren führte zu den brutalen Maßnahmen, zu denen sie als Befreiungsschlag griffen. Wahrscheinlich muß man den armenischen Völkermord als Produkt dieser Gemütsverfassung betrachten. Die Schlacht um die Dardanellen dauerte 259 Tage und stellte ein Art ‘Fegefeuer’ dar. Täglich erlebte man Tod und Auferstehung. Es ist wahrscheinlich kaum Zufall, daß nach der Niederlage bei Sarikamis und gerade zu dem Zeitpunkt, als der Krieg um die Dardanellen zu einem Kampf auf Leben und Tod geworden war - der Völkermord an den Armeniern nun zwingend auf die Tagesordnung rückte.

III. DIE GRÜNDE FÜR DAS SCHWEIGEN DER TÜRKEN

Warum ist die Diskussion über den armenischen Völkermord ein Tabu? Warum haben wir Türken das Gefühl, daß der Blitz in uns einschlägt, wann immer dieses Thema angesprochen wird? Was sind die Gründe für diese Empfindlichkeit und dieses Unbehagen? Zunächst erscheinen diese Reaktionen unverständlich. Wenn sie wollte, könnte die Türkei doch die Tatsache des Völkermordes anerkennen und gleichzeitig versichern, damit nichts zu tun zu haben. Es gibt genügend Material, um eine solche Haltung zu rechtfertigen. Die Türkei beharrt darauf, ein vollständiger neuer Staat zu sein. Die offizielle Geschichtsschreibung behauptet, daß sich der Befreiungskrieg auch gegen die osmanischen Führer gerichtet habe. Darüberhinaus wurden einige Mitglieder der Ittihad-Partei, die den Völkermord organisiert hatte, 1926 vor Gericht gestellt und einige von ihnen wurden hingerichtet. Selbst wenn eine Erklärung von der Art ‘es ist wirklich bedauerlich, aber nicht wir haben es getan, sondern die Osmanen’, auf scharfe Einwände stoßen würde, könnte sie als eine normale, übliche Form der Erwiderung gelten.

Da den Möglichkeiten für eine von unheilvollen Problemen unbelastete Diskussion nicht nachgegangen wird, muß es tiefere unterschwellige Gründe für die extremen Reaktionen, die Ausflüchte und das Leugnen geben. Im vollen Bewußtsein, daß dies nur Ansatzpunkte sind, die weiter entwickelt werden müßten, möchte ich als Arbeitshypothese folgende Punkte zur Diskussion stellen.

A. MANGEL AN GESCHICHTSBEWUSSTSEIN

Der erste und wichtigste Punkt betrifft den Mangel an Geschichtsbewußtsein in der türkischen Gesellschaft. Ich würde Gedächtsnisschwund als eine gesellschaftliche Krankheit in der Türkei charakterisieren. Das Unvermögen sich zu erinnern bezieht sich nicht nur auf den Zeitraum des Ersten Weltkrieges, sondern auch auf längst vergessene Vorfälle in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Zunächst einmal haben die Gründer der türkischen Republik unsere Verbindungen zur Geschichte zerrissen. Jeder neue Staat, der beansprucht etwas Neues zu sein, muß sich eine Grundlage für seine Legitimität verschaffen und diese Legitimität aus der Vergangenheit beziehen. Die kemalistischen Kader der Republik hatten mit diesem Punkt ernsthafte Probleme. Der Islam hatte im gesamten Verlauf der osmanischen Geschichte alles Türkische in Vergessenheit geraten lassen. Daher hatten die Führer der neuen Republik keine Möglichkeit, ihren auf Grundlage der türkischen nationalen Identität  neuerrichteten Nationalstaat mit den Osmanen zu verbinden. Sie mußten nach einer neuen türkischen Geschichte suchen. Sie mußten sechshundert Jahre zurückgehen, in die Zeit vor den Osmanen, die alles Türkische unterdrückt und sogar verachtet hatten. Letztendlich behandelte man diese lange Zeitspanne der Geschichte als nicht- existent.

Durch eine Reihe von Reformen wurde dieser Zeitraum - bewußt oder nicht - aus dem Gedächtnis gestrichen. Mit der ‘Revolution’ von 1928 wurde das lateinische Alphabet eingeführt. Auf diese Weise wurden zukünftigen Generationen der Zugang zu den schriftlichen Zeugnissen der Vergangenheit verwehrt. Die Türkifizierung der Sprache wurde auf solch extreme und rasche Art durchgeführt, daß die jüngeren Generationen die Sprache der Menschen der dreißiger Jahre nicht mehr verstanden. Anschließend beschrieb man die Beziehung zu Vergangenheit und Geschichte auf eine, von einigen wenigen offiziell anerkannten Professoren festgelegte Art und Weise. Man  kann sich nur schwer eine Gesellschaft vorstellen, die keinen Zugang zu den Geschehnissen vor 1928 hat. Dennoch stimmt es, daß die Leute nicht einmal die Tagebücher ihrer Eltern und Vorfahren lesen können. Als Gesellschaft sind wir heutzutage davon abhängig, was man uns eingeprägt hat, was wir selbst erlebt haben und was wir vermittels unserer Familienmitglieder erfahren haben.

B. DIE GRÜNDE FÜR DAS ‘VERGESSEN WOLLEN’

Der Mangel an geschichtlichem Bewußtsein ist ein allgemeines Problem. Jedoch gibt es noch weitere unmittelbare Gründe, die Diskussion über den armenischen Völkermord wie ‘ein Gespenst’ zu fürchten. Meines Erachtens hängt der ‘Wunsch, Geschichte zu vergessen’, direkt mit dem Völkermord an den Armeniern zusammen. Um nicht mehr mit dem Völkermord in Verbindung gebracht zu werden, veranstalteten die Gründer der modernen Türkei bei deren Umwandlung in eine Republik eine Art Säuberung. Die langsame, aber anhaltende Auflösung des großen Reiches, die militärischen Niederlagen in jahrelangen Kriegen, der Verlust von Zehntausenden von Menschen, eine Gesellschaft, deren Würde verspottet wurde und die gleichzeitig ihre Selbstachtung verlor, die unter dem übermächtigen Eindruck einer großen Geschichte und von Phantasien über die Wiederherstellung der Vergangenheit stand , zuletzt das Zerplatzen dieser Träume, und das Unvermögen, diese zahlreichen Widersprüche in sich aufzunehmen und zu verarbeiten, und ... schließlich der Völkermord: all dies wurde zu einem gesellschaftlichen Trauma von gewaltigen Ausmaßen.

Wie Individuen, so haben auch Gesellschaften Schwierigkeiten, krisenhafte Ereignisse in ihre eigene lebendige Geschichte einbeziehen. Blockade- und Verdrängungsmechanismen entstehen und belasten die Aufarbeitung. Der Grund, warum man die Republikgründung als eine Neugeburt, als Start vom Punkt Null aus bezeichnet, liegt in den durch die Last der Vergangenheit verursachten psychischen Krisen und in dem Wunsch, sich nicht daran zu erinnern. Die Republik ist der Überzeugung, damit das gesamte bedrückende Bild mit einem Male auslöschen und so die Türken von einem Alptraum befreien zu können.

Ich glaube, daß diese Gemütsverfassung eine wichtige Rolle bei dem Versuch spielt, alle Diskussionen von diesem Thema wegzulenken. Die Frage nach dem armenischen Völkermord zu stellen ist gleichbedeutend, jemandem, der auf wunderbare Weise von einer tödlichen Krankheit genesen ist, zu erzählen, daß diese Krankheit noch nicht wirklich überwunden ist und er sich auf einen Rückfall gefaßt machen muß. Die Menschen wollen nicht nur nicht an Untergang, Demütigung und Schande denken, sie wollen auch nicht daran erinnert werden. Wir möchten daran glauben, daß wir genesen sind und daß wir einen neuen Charakter angenommen haben. Daher ist offizielle Linie, daß die Türkei aus einer Periode geschichtlicher Umwälzungen entstanden ist, in der ‘ein neuer Charakter aus dem Nichts geschaffen wurde’.

Ich behaupte an dieser Stelle, daß wir noch nicht genesen sind, daß wir diesen ‘neuen, vom Bann der früheren Krisen befreiten Charakter’ noch nicht erworben haben, und daß unsere Chancen, einen neuen, ‘anderen’ Charakter anzunehmen, solange ziemlich klein bleiben, als wir nicht über den armenischen Völkermord reden. Solange über dieses Verbrechen nicht bewußt Rechenschaft abgelegt wird, werden alle Merkmale dieses Ereignisses im Unterbewußten weiterhin lebendig bleiben. Wenn, wie die Türkei behauptet, tatsächlich ein entscheidender Wendepunkt stattgefunden hat und etwas völlig Neues entstanden ist, dann sollte man an eine Vergangenheit anknüpfen, die frei ist von den heute beherrschenden Problemen. Der verzweifelte Versuch, jede Diskussion über den Völkermord abzublocken, ist der sprechendste Beweis, daß die Behauptung über die Entstehung einer ’ganz neuen und anderen Türkei’ nicht stichhaltig ist. Eine Gesellschaft, bzw. ein Staat will nicht mit einem Bild konfrontiert zu werden, das im Gegensatz zu seinem Selbstbildnis steht, und daher seine Phantasiewelt zerstören könnte. Dies ist der Grund für unsere scharfen Reaktionen auf all jene, die uns auf diese Realität aufmerksam machen.

C. „VERGESSEN WOLLEN“ IST EINE ART FORTSETZUNGSGESCHICHTE

Eine weitere Frage, die angesprochen werden muß, ist, was wir uns davon versprechen, wenn wir den Völkermord ‘vergessen oder ihn in die geheimen Nischen des Unterbewußten befördern? Mein Vorschlag hierzu ist eine Art ‘historischer Spurensuche’. Dabei handelt es sich natürlich nicht nur um das Verdrängen der Erinnerung an einen bestimmten Zeitraum in der Geschichte. Durch diese Verdrängung werden auch die Umstände, die zu dem armenischen Völkermord geführt haben, ins Unterbewußte verbannt. Sie sind jedoch nicht zerstört, sondern in anderer Form weiterhin lebendig.

In den Jahren des Ersten Weltkrieges unterlagen die Türken einem starkem Wunschdenken. Sie wollten sich aus den Fesseln ihrer schwachen und machtlosen Position befreien. Sie wollten eine neue starke Vorherrschaft errichten und damit ihr Gefühl von Demütigung und Schande loswerden. Daß vor allem mithilfe von Panturanismus und Panislamismus ein starker kollektiver Narzismus entwickelt wurde, ist eine Tatsache. Infolge der osmanischen Niederlage blieben diese Bedürfnisse unerfüllt. Der kollektive Narzismus erlitt harte Schläge, und weder die Gemeinschaft als Kollektiv noch die Individuen haben sich mit dieser Frustration abgefunden. Der Verzicht auf die von der Elite angestrebten Ziele glich nicht einem Schlußstrich unter die Vergangenheit, sondern war lediglich ein ‘Herunterschlucken’. Die Aussagen von Mustafa Kemal über Panturanismus und Panislamismus sind dafür sehr aufschlußreich. Es war für ihn überlebensnotwendig, sich nicht gegen sie zu wenden, sondern sich angesichts der unzureichenden Möglichkeiten der Türkei besser nicht mit etwas Unerreichbarem zu befassen.

Schließlich war man die Vergangenheit nicht losgeworden, sondern sie wartet im Unterbewußten auf ihre erneute Aktivierung. Sozialpsychologisch betrachtet steht zu erwarten, daß der beschädigte kollektive Narzismus auf eine neue Chance lauert. Er greift bewußt nach allem in der Vergangenheit, was sich  mit seinen narzistischen Wünschen in Einklang bringen läßt, aber es besteht auch die Möglichkeit, die Realität so umzumodeln, als ob überhaupt kein größerer Schaden entstanden sei. Ich will hier nicht behaupten, daß sich der kollektive Narzismus wieder in panturanischen Zielen äußern wird. Dies kann auch auf andere Weise geschehen. Das zugrundeliegende Motiv ist jedoch der Wunsch, erneut andere Nationen zu beherrschen und erneut eine Großmacht zu werden.

Ich will nicht darauf eingehen, auf welche Weise dies die Entwicklungen in der heutigen Türkei in Mitleidenschaft zieht. Es gibt jedoch eine Reihe von Hinweisen, daß wir angefangen haben, uns von dem Schock des Zusammenbruchs im Ersten Weltkrieg zu erholen. Fundamentale Änderungen in der globalen Struktur und die relative Wirtschaftskraft der Türkei im Vergleich zu ihren Nachbarn verstärken in der Türkei erneut den Wunsch nach Rückkehr zu den alten Zeiten eines mächtigen Reiches. Dies ist vielleicht einer der Hauptgründe für das Erstarken von nationalistischen und fundamentalistischen Kräften in der Türkei. Der Wunsch nach einer Großmachtstellung und nach Rückkehr zu früheren alten Zeiten entstammt keiner Auflösungs- und Untergangsstimmung, sondern dem Glauben, daß sich dieser Wunsch mithilfe der Stärke und der eigenen Möglichkeiten der modernen Türkei erfüllen ließe.

D. UNSER SELBSTBILDNIS UND DER VÖLKERMORD

Einer der wichtigsten Gründe für die Tabuisierung des armenischen Völkermordes liegt in der Koppelung dieses Ereignisses mit der Gründung der Republik. Bis zu einem gewissem Grad hing die Gründung der Republik stark mit dem Völkermord zusammen. Dies war den Gründern der Republik bewußt und sie scheuten sich auch nicht, dies öffentlich zu äußern. Einer der Führer von Ittihad und Terakki erklärte beispielsweise:

Im ersten Parlament der jungen Republik wurde eine Rede mit der Stoßrichtung gehalten, daß wir das Etikett ‘Mörder’ akzeptieren, weil es dem Zweck der Rettung des Vaterlandes diente: In diesem ‘tapferen’ Bekenntnis, daß die Türkische Republik auf dem Völkermord an den Armenier erbaut wurde, spiegelt sich die Begeisterung der Jahre der Republikgründung. Im Laufe der Zeit haben wir jedoch ein vollständig gegensätzliches Bild von uns entworfen: ‘Unser Nationalstaat wurde aus dem Nichts und im Widerstand gegen die imperialistischen Mächte geschaffen’, und auf diese Errungenschaft können wir stolz sein. Der türkische Staat war der symbolische Beweis einer nationalen Existenz, die ‘wir mit blanken Händen’ aus dem Nichts ‘ausgegraben hatten’. Anti-Imperialismus war ein unverzichtbarer Bestandteil unserer nationalen Identität. Und ein Aspekt unserer nationalen Identität war unser offensichtlicher Stolz auf die Organisierung der ‘Nationalarmee’, die uns geholfen hatte, unsere Unabhängigkeit zu erlangen. Der ‘Geist’ dieser Kampftruppen, die ursprünglich Teil der ersten Guerilla-Einheiten der türkischen Nationalbewegung waren, begeisterte als Symbol anti-imperialistischer Identität noch die Generation der Achtundsechziger.

Einer der wichtigsten Gründe, nicht über den armenischen Völkermord zu diskutieren, ist daher die Furcht, daß unser Glaube an uns selbst zusammenbrechen würde. Unser Erklärungsmodell für den Völkermord, unsere Argumentation gegenüber der Weltöffentlichkeit und in der Türkei könnte in solchen Diskussionen zusammenbrechen. Eine Diskussion über den armenischen Völkermord könnte aufdecken, daß dieser türkische Staat nicht das Ergebnis eines Kampfes gegen die imperialistischen Mächte, sondern im Gegenteil das Produkt eines Krieges gegen die griechische und die armenische Minderheit war. Eine solche Diskussion könnte aufzeigen, daß ein bedeutender Teil der Nationalen Streitkräfte entweder aus Mördern bestand, die sich direkt am armenischen Völkermord beteiligt hatten, oder aus Dieben, die durch Plünderung der armenischen Besitzungen reich geworden waren.

Zum Zusammenhang zwischen dem armenischen Völkermord und der Gründung der Türkischen Republik lassen sich drei verschiedene Aspekte diskutieren. Erstens wurde die türkische Nationalbewegung von der Ittihad ve Terakki Partei organisiert, die während des Krieges den Völkermord ausgeführt hatte. Die Pläne für diese Nationalbewegung wurden bekanntlich schon während des Ersten Weltkrieges geschmiedet. Für den Fall einer militärischen Niederlage wurden Vorbereitungen zur Organisierung eines langandauernden Widerstandes getroffen. Diese Pläne wurden während des Waffenstillstands 1918 und danach durchgeführt.

Ein wichtiger Punkt ist, daß Organisationen wie die “Gesellschaft für die Verteidigung der Rechte ...“ und „Ablehnung der Besetzung“ als Hauptstütze der Truppen, die die Nationalbewegung in Anatolien unterstützten, entweder direkt auf Befehl von General Talaat gegründet wurden oder mithilfe der Organisation Karakol (Polizeiwache), die mit Talaat und Enver in Verbindung stand. Wenn wir uns die Regionen ansehen, in denen diese Organisationen gegründet wurden, und den Ablauf ihrer Gründung verfolgen, wird deutlich, daß sie anfänglich überall entstanden, wo man von Armeniern oder Griechen Gefahr befürchtete. Von den ersten fünf Widerstandsorganisationen, die nach dem Waffenstillstandsabkommen von Mudros vom 30. Oktober 1918 bis Jahresendes gegründet wurden, richteten sich drei gegen die armenische und zwei gegen die griechische Minderheit.

Die örtlichen Funktionäre von Ittihad und Terakki stellten den Hauptanteil der Führer dieser Vereinigungen. Diese Überschneidung in der Mitgliedschaft war so groß, daß später, als sich die Dachorganisation ‘A-RMHC’ (Gesellschaft für die Verteidigung der Rechte in Anatolien und Rumelien) in eine Partei umwandelte, die Festlegung getroffen wurde, niemanden von der als Gegner von Ittihad und Terakki betrachteten ‘Partei für Freiheit und Harmonie’ als Mitglied aufzunehmen. Eine wichtige Aufgabe der Karakol-Bewegung, welche die Nationalbewegung in Anatolien organisierte, bestand darin, die Flucht jener Ittihadisten nach Anatolien zu organisieren, die in den armenischen Völkermord verwickelt gewesen waren und die deshalb auf der Fahndungsliste der Briten standen. Diese Organisation stellte gewissenmaßen die symbolische Verknüpfung zwischen dem armenischen Völkermord und der Widerstandsbewegung in Anatolien dar.

Die zweite wichtige Verbindung zwischen dem Völkermord und der Nationalbewegung betraf die Herausbildung einer neuen Klasse von Wohlhabenden in Anatolien, die sich an dem Völkermord bereichert hatten. Selbst Türken weisen darauf hin, daß das wirtschaftliche Motiv bei dem armenischen Völkermord eine wichtige Rolle spielte. Halide Edip, eine bedeutende Persönlichkeit der Nationalbewegung, sagte:

Die Prominenten, die sich während des Völkermordes bereichert hatten, fürchteten, daß die Armeniern zurückkommen würden, um sich zu rächen und ihren Besitz zurückzufordern. Schließlich war dies Bestandteil der Agenda der Alliierten.  Als in einigen Fällen tatsächlich Armenier in Begleitung der Besatzungstruppen zurückkamen, ihren Besitz zurückforderten und insbesondere in der Region Çukorova (um Adana) Racheakte unternahmen, zog es diese Neureichen umso stärker zur Nationalbewegung hin. Auf diese Weise wurden die Neureichen wesentlicher Bestandteil der Nationalbewegung. In vielen Gebieten wurde der Widerstand direkt von ihnen organisiert. Es war kein Zufall, sondern nahezu eine Notwendigkeit, daß sich in vielen Regionen unter den Führern der 'Organisationen für die Verteidigung der Rechte' gerade diejenigen befanden, die infolge des Völkermordes an den Armeniern ihr Glück gemacht hatten.

Unter denjenigen, die sich mithilfe des Völkermordes bereichert hatten, befanden sich einige aus der unmittelbaren Umgebung von Kemal. So etwa Topal Osman, der später in der Rang eines Kommandeurs des Gardebattaillons (zum Schutz der Großen Nationalversammlung und der Person Mustafa Kemals) aufrückte, und Ali Cenani, der nach Malta verbannt worden war und später in der neuen Republik Handelsminister wurde. Diese Liste kann noch verlängert werden. Es überrascht daher nicht, daß die Nationalregierung am 22. September 1922 ein Gesetz der Istanbuler Regierung vom 8. Januar 1920 über die Rückgabe armenischer Besitztümer wieder aufhob. Damit wurde das Gesetz vom September 1915 über aufgegebene Besitztümer [der Armenier] wieder in Kraft gesetzt. Die Regierung in Ankara war sich bewußt, daß sie auf die Interessen derjenigen Rücksicht nehmen mußte, die an der Gründung der Republik mitgewirkt hatten.

Daraus ergibt sich folgerichtig eine dritte wichtige Verknüpfung zwischen dem Völkermord an den Armeniern und der Republik. Die ersten Organisatoren der Nationalbewegung waren Leute, die direkt an der Anordnung des Völkermordes beteiligt waren. Ein Großteil derjenigen, die die ersten Einheiten der Nationalarmee in den Regionen Marmara, Ägäis und Schwarzmeerküste aufgestellt hatten und wichtige Posten in diesen Einheiten bekleideten, standen wegen ihrer Beteiligung an dem Völkermord auf der Fahndungsliste der Besatzungsmächte und der Regierung in Istanbul. Als Kemal mit der Organisierung des Widerstands in Anatolien begann, erhielt er die stärkste Unterstützung von den Ittihadisten, die wegen ihrer Rolle bei dem Völkermord zur Fahndung ausgeschrieben waren. Viele, nach denen wegen ihrer Rolle bei dem Völkermord gefahndet wurde, oder die tatsächlich verhaftet und nach Malta deportiert worden waren, jedoch später fliehen oder entkommen konnten, erhielten in Ankara bedeutende Posten. Es gibt viele Beispiele; an dieser Stelle sollen einige genügen: Sükrü Kaya wurde Innenminister und bekleidete den Posten des Generalsekretärs in der Republikanischen Volkspartei (Cumhuriyet Halk Partisi), die von niemand anderem als Mustafa Kemal gegründet worden war. Während der Deportationen der Armenier war er ‘Generaldirektor des Amtes für die Ansiedlung von Nomadenstämmen und Flüchtlingen’. Dieses Amt unterstand dem Innenministerium und war offiziell verantwortlich für die Durchführung der ‘Deportationen’ der Armenier. Deshalb nannte man Sükrü Kaya auch ‘Generaldirektor für Deportation’ (Sevkiyat Reis-i Umumisi). Mustafa Abdülhalik (Renda) war der Gouverneur von Bitlis und später - während des Völkermords- Gouverneur von Aleppo. Rossler [der ehemalige deutsche Konsul in Aleppo] sagte über ihn: „[Er] arbeitete unermüdlich an der Vernichtung der Armenier“. General Vehip, (im Februar 1916 während des Krieges ) Kommandant der Dritten Armee, hob in einer eidesstattlichen Erklärung die besondere Rolle von Abdülhalik bei dem Völkermord hervor. Laut Zeugenaussage von General Vehip wurden in der Region um Mus, einem Bezirk unter der Kontrolle von Mustafa Abdülhalik, Tausende von Menschen lebendig verbrannt. Dieser Vorfall wird sowohl in deutschen Konsularberichten als auch in Berichten von Augenzeugen erwähnt.

Es gab noch weitere; beispielsweise Arif Fevzi (Prinçcizade), während der Kriegsjahre Abgeordneter von Diyarbekir. Er war Nummer 2743 auf der Fahndungsliste der Briten für die Häftlinge in Malta; er war der Gruppe derjenigen zugeordnet, die in den Völkermord verwickelt waren, und wurde deshalb angeklagt. Er bekleidete vom 21. Juli 1922 bis 27. Oktober 1923 den Posten des Ministers für Öffentliche Angelegenheiten. Ali Cenani Bey, der Abgeordnete von Ittihad und Terakki in Antep, war Nummer 2805 auf der Fahndungsliste. Er hatte sich an der Beute aus dem Völkermord bereichert. „In den englischen Archiven ... gibt es eine sehr schmutzige Akte über ihn“. Er war vom 22. November 1924 bis 17. Mai 1926 Handelsminister.

Auch Dr. Tevfik Rüstü Aras gehörte zu denjenigen, die in den folgenden Jahren wichtige politische Ämter bekleideten. Während des Ersten Weltkrieges war er Mitglied des Hohen Rates für Gesundheit, zuständig für die Bestattung der toten Armenier. Von 1925 und 1938 war er Außenminister der Republik Türkei.

Diese Liste könnte noch um einige Seiten verlängert werden. Zusammenfassend kann man feststellen, daß Mustafa Kemal

Für alle Mitglieder von Ittihad und Terakki und insbesondere für die Mitglieder der Sonderorganisation, die als führender Kopf den Völkermord organisiert hatte, war die Beteiligung am nationalen Befreiungskrieg überlebensnotwendig. Es gab nur zwei Alternativen für sie: entweder sie stellten sich einer Verurteilung zu Zwangsarbeit oder Tod, oder sie flohen nach Anatolien und organisierten den nationalen Widerstand. Der bekannte Journalist und enge Freund von Mustafa Kemal, Falih Rifke Atay, drückte dies ziemlich deutlich aus: Ich denke, daß die Tabuisierung des armenischen Völkermords in einer Republik, die auf solche Weise gegründet wurde, sozusagen ‘verständlich’ ist. Es liegt auf der Hand, welch verheerende Wirkung sich ergeben würde, wenn wir nun diejenigen als ‘Mörder und Diebe’ brandmarken müßten, die wir als die ‘großen Retter’ und als Leute betrachtet haben, ‘die eine Nation aus dem Nichts geschaffen haben’. Es erscheint viel einfacher, den Völkermord komplett zu leugnen, als die Initiative zu ergreifen und der Vertuschung durch tiefverwurzelte Vorstellungen über die Republik und unsere nationale Identität ins Gesicht zu sehen. Ich möchte meinen Vortrag an diesem Punkt mit einer offenen Frage schließen: Welche Bedeutung hat eine solche Politik für die heutige und die zukünftige Gesellschaft, insbesondere dann, wenn eine derartige ‘Leugnung’ bedeutet, daß die Geisteshaltung und das Verhaltensmuster, die zu dem Völkermord an den Armeniern geführt haben, immer noch existiert?
   


Bei diesem Text handelt es sich um unsere eigene Übersetzung der englischen Originalversion.

Taner Akçam, geboren 1953, war früher ein linksorientierter Studentenführer und floh 1979 - kurz vor dem Militärputsch in der Türkei - nach spektakulärer Flucht aus einem Gefängnis in Ankara nach Deutschland. Hier engagierte er sich weiter für eine Demokratisierung in der Türkei und organisierte Proteste gegen die Folter in türkischen Gefängnissen. Bei seinen Untersuchungen über Gewalt in der Türkei stieß er auf die schockierenden Fakten des Völkermordes an den Armeniern. Seit seiner Rückkehr in die Türkei 1993 ist er bestrebt, dieses Thema auf die Tagesordnung der Sozialwissenschaften an den dortigen Universitäten zu setzen.