| Karayilan:
Statt den Waffen muss nun die Politik sprechen
Im Gespräch mit dem
kurdischen Fernsehsender Nuce TV erklärt der Der KCK-Exekutivratsvorsitzender
Murat Karayilan, wie die kurdische Freiheitsbewegung den historischen
Aufruf des inhaftierten PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan bewertet, weshalb
die kurdische Freiheitsbewegung einen einseitigen Waffenstillstand ausgerufen
hat und welche Schritte nun von der türkischen Regierung erwartet werden.
Im Folgenden werden die Bewertungen Karayilans unter den Zwischenüberschriften
wiedergegeben.
Wir bewerten
den aktuellen Prozess nicht bloß als taktisches Manöver
Alle Seiten diskutieren nun über den aktuellen politischen Prozess. Diese
Diskussionen sind sehr wichtig und müssen weiter geführt werden. Was bei
den Diskussionen allerdings stets im Hinterkopf sein sollte, ist, dass
wir den aktuellen Prozess nicht bloß als taktisches Manöver begreifen.
Es geht uns also nicht darum, bloß die kurdische Frage zu lösen, um dann
zu sehen, was passieren wird. Wir wollen einen Beitrag zu einem Mentalitätswechsel
in unserer Region leisten. Bisher ging es vornehmlich darum, die Völker,
die Kulturen, die Religionsgemeinschaften in dieser Region zu spalten
und sie gegeneinander in Kämpfe zu verwickeln. Wir wollen nun einen Beitrag
zu einer Neuformulierung des friedlichen Miteinanders dieser verschiedenen
Gruppen leisten. Das ist unsere Perspektive, unser strategisches Ziel.
Natürlich wollen wir zunächst zu einer Lösung der kurdischen Frage in
der Türkei beitragen, einen Frieden der Völker in der Türkei etablieren.
Ausgehend hiervon wollen wir allerdings auch ein Beispiel für die Völker
der Region aufzeigen und mit diesem Schritt einen Mentalitätswechsel in
der gesamten Region anstoßen.
Unser
neunter Waffenstillstand soll endlich zu einem nachhaltigen Frieden führen
In diesem Sinne hat unsere Bewegung nach dem historischen Aufruf unseres
Vorsitzenden [Abdullah Öcalan] zum neunten Mal einen Waffenstillstand
erklärt. Unser Vorsitzender ist eigentlich seit der Ausrufung des ersten
einseitigen Waffenstillstands im Jahre 1993 darum bemüht, eine Lösung
der kurdischen Frage mit demokratischen Mitteln zu bewirken. Danach haben
wir sieben weitere Male einseitige Waffenstillstände ausgerufen. 1999
haben wir gar alle unsere Kräfte aus der Türkei zurückgezogen, um die
Basis einer demokratischen Lösung zu schaffen. Die Gegenseite hat allerdings
auf keinen dieser Lösungsversuche eine angemessene Reaktion gezeigt, sodass
diese Versuche einseitig blieben und zu keinen Ergebnissen führen konnten.
In den letzten drei, vier Jahren haben sich einige internationale Organisationen
zwischengeschaltet, wollten zwischen beiden Seiten vermitteln und wir
haben den Oslo-Prozess durchlebt. Auch dieser Prozess blieb ergebnislos.
Nun wollen wir, dass unser neunter Waffenstillstand endlich zu einem nachhaltigen
Frieden führt. Wir konnten zwar bei den vorherigen Versuchen keine zufriedenstellenden
Ergebnisse erlangen, aber wir haben viele wichtige Erfahrungen gemacht,
aus denen wir unsere Lehren ziehen konnten. Deshalb muss der aktuelle
Prozess noch bewusster geführt werden, die Fehler der früheren Versuche
dürfen nicht wiederholt werden. Statt den Waffen muss nun die Politik
sprechen. Hierfür haben wir zunächst auch einen Waffenstillstand ausgerufen.
Wir treffen gegenwärtig auch die Vorbereitungen für einen Rückzug unserer
bewaffneten Kräfte. Hierfür versuchen wir diese Kräfte zu erreichen und
sie von dem neuen politischen Prozess zu überzeugen.
Für einen
Rückzug muss die Gegenseite auch Schritte einleiten
Bevor unsere Kräfte sich zurückziehen, erwarten wir allerdings, dass die
Gegenseite einige Schritte einleitet. Das darf nicht falsch verstanden
werden. Wir sagen nicht, dass das türkische Parlament zunächst die kurdische
Frage vollständig lösen soll und wir erst dann unsere Kräfte zurückziehen
werden. Diese Forderung hatten wir beim Oslo-Prozess noch gestellt, was
auch ein Grund dafür war, dass dieser Prozess ins Stocken geriet. Nun
halten wir an dieser Vorbedingung nicht mehr fest. Aber der Vorsitzende
hat in seiner Erklärung nun deutlich gemacht, dass der Staat zumindest
eine juristische Basis für die spätere Lösung der kurdischen Frage gewährleisten
muss, bevor unsere Kräfte sich darauf stützend zurückziehen können.
Manch einer kann fragen, weshalb wir an solch einer Bedingung festhalten.
Der Grund sind unsere Erfahrungen aus dem Rückzug unserer Kräfte im Jahre
1999. Damals wurden unsere Kräfte in eine Falle gelockt. Unsere bewaffneten
Kräfte hatten sich in Amed (Diyarbakir) gesammelt und haben sich dort
in der Umzingelung des türkischen Militärs wiedergefunden. Zweitens hat
niemand den Friedenswillen unserer Bewegung unterstützt. Fünf Jahre lang
wurde keine einzige Kugel unsererseits abgeschossen und es hat sich dennoch
kein Friedenswille entwickelt. Damit sich dies nicht wiederholt, fordern
wir, dass das türkische Parlament eine Entscheidung fällt, die als Basis
für eine spätere Lösung der Frage dienen kann.
Europa
sollte eine konstruktive Rolle bei der Lösung der Frage spielen
Im aktuellen politischen Prozess sollte auch Europa eine konstruktive
Rolle einnehmen. Denn es waren schließlich die europäischen Mächte, die
mit dafür verantwortlich waren, dass überhaupt eine kurdische Frage existiert.
Das kurdische Volk hat bis heute viel Leid und große Tragödien erlitten.
Der Westen hat seine Ohren demgegenüber verschlossen. Der Grund hierfür
ist, dass sie nicht durch die Lösung des Konflikts sondern durch seine
Fortexistenz die eigenen Interessen gewahrt sahen. Wir sollten uns weiter
bekämpfen und sie sollten hiervon profitieren. Das muss ein Ende finden.
Die kurdische Frage ist mittlerweile eine internationale Frage. Wenn die
internationalen Mächte einen Beitrag leisten, kann sich die Lösung dieser
Frage einfacher gestalten. Aber vor allem sollten sie einer Lösung nicht
im Weg stehen. Das Massaker von Paris war beispielsweise ein direkter
Angriff auf den gegenwärtigen Prozess. Hier muss alles dafür getan werden,
dass die Verantwortlichen hinter dieser Tat zur Rechenschaft gezogen werden.
Auch auf anderen Ebenen kann Europa eine konstruktive Rolle einnehmen.
So wurde unsere Bewegung in einer Phase, in der wir uns erneut in einem
Waffenstillstand befanden, auf die EU-Terror-Liste aufgenommen. Sie haben
diesen Schritt also nicht in einer Phase unternommen, in welcher der Krieg
am Entflammen war, sondern als keine einzige Kugel unsererseits abgeschossen
wurde. Wenn Europa diese Entscheidung korrigiert und die PKK aus dieser
Liste rausnimmt, wäre das ebenfalls ein Beitrag für den gegenwärtigen
Prozess.
Drei Etappen
zur Lösung der Frage
Die Lösung der kurdischen Frage besteht unserer Ansicht nach aus drei
Etappen. Wir befinden uns gegenwärtig in der ersten Etappe. Wenn die Bedingungen
für einen Rückzug unserer Kräfte gegeben sind, und wir den Rückzug erfolgreich
abgeschlossen haben, gehen wir zur zweiten Etappe über. Was passiert in
dieser Etappe? Hier müssen der Staat und die Regierung handeln. Sie müssen
eine neue Verfassung erlassen, welche die Lösung der Frage miteinschließt.
Wir sehen die Lösung der Frage in einer vollständigen Demokratisierung,
in einem System, in welchem alle Identitäten anerkannt werden und ihre
Repräsentanz wiederfinden. Deswegen fordern wir eine Verfassung, durch
welche das kurdische Volk mit seiner eigenen Sprache und Kultur leben
und sich im Rahmen des türkischen Territoriums selbstverwalten kann.
Wenn solch eine neue Verfassung steht, gehen wir zur dritten Etappe der
Lösung über. Wir verstehen diese Etappe auch als eine Art „Wegbereinigung“.
Denn in der türkischen Öffentlichkeit wird immer wieder gesagt, dass wir
doch die Waffen niederlegen und Politik betreiben sollen. Aber wie soll
das funktionieren, wenn sich alle unsere Politiker gegenwärtig in Haft
befinden? Deshalb können wir von keiner Lösung sprechen, solange die „KCK-Gefangenen“
weiter in Haft sitzen. An dieser Stelle muss eben eine Wegbereinigung
durchgeführt werden, damit der Prozess in gesunder Form weitergeführt
werden kann.
Quelle: Nuce TV, 27.03.2013,
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