| Strategische
Schritte brauchen ein strategisches Angehen
Der BDP-Co-Vorsitzende
Selahattin Demirtaş bewertete die Erklärung des KCK-Vorsitzenden Abdullah
Öcalan bei der Dicle Haber Ajansi DIHA. Demirtaş erklärte, dass „die Regierung
nun auch das ihrige tun müsse“ und fügte hinzu, dass für den Rückzug der
Guerilla ein juristischer Schritt im Parlament verabschiedet werden muss.
Weiterhin verlangte Demirtaş demokratische Reformen, damit keine neuen
militärischen Gefechte stattfinden können.
Jeder muss das tun,
wozu er in der Lage ist zu machen
Selahattin Demirtaş sprach über das Newrozfest in Amed und über die Erklärung
Abdullah Öcalans mit den Journalisten. Demirtaş sagte, dass die Erklärung
von Öcalan klar und deutlich sei. „Der bewaffnete Widerstand, der aufgrund
der kurdischen Frage entstanden ist, ist zu 99% beendet. Die anderen ein
Prozent liegen nun an der Regierung. Wenn sie das ihrige tut, dann ist
der bewaffnete Widerstand endgültig vorbei. Für den Rückzug der Guerilla
muss das Parlament ein Gesetz verabschieden. Unser Vorschlag ist, ein
offizielles und inoffizielles Komitee für den Rückzug zu bilden. Ich betrachte
die Erklärung von Herrn Öcalan als strategisch. Jeder muss das tun, wozu
er in der Lage ist. Türkische und kurdische Politiker können angegriffen
werden oder Provokationen anderer Art können stattfinden. Es darf aber
kein Schritt rückwärts gemacht werden“, so Demirtaş, „Herr Öcalan hat
eine entschlossene Erklärung abgegeben und 99% der Verantwortung auf sich
genommen. Wenn die Regierung mitspielt, ist zumindest der militärische
Aspekt geklärt. Es ist nicht die Rede der 100%igen Lösung der kurdischen
Frage. Verschiedene Lösungswege sollten besprochen werden. Wir wollen
auch nicht alle Arbeit an die Regierung weitergeben. Die CHP könnte den
Aspekt des Parlaments unterstützen. Wir sind für eine Unterstützung bereit.
Die AKP kann das auch nicht alleine bewältigen.
Ein – aus offizieller Sicht gesehener – Gefangener auf der Gefängnisinsel
Imrali hat eine Erklärung abgegeben. Diese Erklärung ist laut türkischem
Recht nicht legal. Dies muss einen rechtlichen Rahmen finden. Welchen
offiziellen Status hat Herr Öcalan? An welchen Status binden sich diejenigen,
die diesem Aufruf [der Erklärung] folgen? Das Militär kann während des
Rückzugs ‚ihre per Gesetz definierte Aufgabe‘ erfüllen. Was passiert dann?
Diese ganze Sache braucht einen rechtlichen Rahmen. Wenn dies so wird,
dann wird es den Menschen, die diesen Vorgang unterstützen, erleichtert,
der Regierung ebenfalls und uns auch. Diejenigen, die sich zurückziehen
werden, haben einen glaubwürdigen Grund in diesem Fall. (…) Der ganze
Rückzug kann von einem Komitee des Parlaments beobachtet werden. Die Aufgaben
des Komitees kann in den Gesetzen festgehalten werden. Wenn ein Gesetz
entworfen und verabschiedet wird, das die Aufgaben des Komitees regelt,
ist de facto auch der Frieden beschlossen worden. Es ist natürlich nichts
leichtes, ein 100-jähriges Problem soll auf demokratische Weise gelöst
werden. Die MHP wird dies nicht unterstützen, das war von Anfang an klar.
Aber die CHP wird in diesem Prozess, in denen die Waffen niedergelegt
werden (oder nicht) zeigen, ob sie eine sozialdemokratische Partei ist
oder nicht. Meiner Meinung nach sollte niemand außen vor stehen. Den Frieden
müssen wir alle zusammen bringen.
Eine Kommission im Parlament kann gebildet werden. Diese Kommission überwacht
den Rückzug und verhindert Provokationen jeglicher Art. Auch sorgt sie
dafür, dass keine militärischen Gefechte während des Rückzugs stattfinden
können. Dies kann aber nur über ein Gesetz geregelt werden. Außer dieser
Kommission kann eine zivile Kommission gebildet werden. Herr Öcalan hat
während unseres Gesprächs ähnliche Vorschläge befürwortet und seine Unterstützung
ausgesprochen.
Jeder, der sich gegen diesen Prozess stellt, wird früher oder später marginalisiert.
Das gilt auch für die CHP. Wenn sie sich gegen den Wandel stellt, wird
sie gleichzeitig auf eine große Probe gestellt. Der Wandel ist keine Spaltung
des Landes. Die AKP sieht eine Hegemonie vor, dies ist aber auch nicht
der Fall. Der Wandel ist ein Friedens- und Projekt für das Zusammenleben.
Die CHP und andere Parteien sollen ihre Entscheidung für die Unterstützung
aus dieser Sicht bewerten.
Die Türkei kann ihre Probleme mit eigenen Methoden lösen. Wenn das Parlament
das genannte Gesetz verabschiedet, ist die PKK-Guerilla spätestens im
August nicht mehr im Staatsgebiet der Türkei.
Herr Öcalan macht keinen taktischen Schritt – er empfiehlt diesen nicht
der PKK – sondern fordert eine strategische Veränderung. Dieser strategische
Schritt ist wahrscheinlich ein Produkt der Gespräche auf Imrali mit Staatsrepräsentanten.
Die PKK zog sich schon im Jahre 1999 zurück und wird es höchstwahrscheinlich
auch dieses Mal tun. Damit die Guerilla auch nicht mehr zurückkommt, muss
das Parlament so schnell wie möglich die Initiative ergreifen. Meiner
Meinung nach gibt es keinen anderen Weg um dies zu garantieren. Eine andere
Art des Rückzugs vollzog sich ja 1999 schon, der zu keinem Ergebnis führte.
Dieses Mal habe ich aber mehr Hoffnung, denn der Staat plant seine Schritte
größer und mit besserem Überblick. Für die kurdische Bewegung gilt ähnliches.
Sie ist mehr denn je eins.
Man kann ein leichtes Abschreckungen wegen des Namens Abdullah Öcalan
erkennen. Dies wird sich in Zukunft weiter verändern. Wir werden uns gegenseitig
besser kennenlernen. Unser Volk soll keines ihrer Kinder mehr beerdigen
müssen. Es gibt sicherlich Kreise, die sich davon gestört fühlen. Das
sind diejenigen die jetzt schreiend ihre ‚Einwände‘ zu Worte bringen.
Diese wollen dass die PKK Krieg führt. Sie selbst kommen mit der AKP nicht
klar, deswegen wollen sie, dass die PKK dies für sie übernimmt. Diejenigen,
dessen Kinder momentan ihren Militärdienst leisten, sollen sich mal die
CHP und MHP anschauen. Es ist ganz klar dass sie Krieg wollen.
Das, was Herr Öcalan bezüglich den verschiedenen Glaubensrichtungen und
den ethnischen Gruppen sagt, ist nicht neu. Diejenigen die seine Bücher
gelesen haben wissen das. Seine vorgeschlagene ‚Demokratische Moderne‘
berücksichtigt alle Werte dieses Landes und der Region. Dies gilt für
Assyrer, dem Islam und auch ebenso für das Alevitentum. Man sollte sich
das Gesamtbild anschauen. Herr Öcalan verweist auf eine gemeinsame Vergangenheit.
Wenn dies richtig gedeutet werden kann, kann dieser Vorschlag das ganze
Jahrhundert verändern.“
Quelle: DIHA 23.03.2013,
ISKU
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