| Abdullah
Öcalan: Wir haben dem Staat unser Lösungsprojekt vorgelegt
Am gestrigen Tag
wurde dem auf der Gefängnisinsel Imrali inhaftierten PKK-Vorsitzenden
Abdullah Öcalan der Besuch seines Bruders, Mehmet Öcalan, gestattet. Am
Folgetag berichtet Mehmet gegenüber der Nachrichtenagentur Dicle (DIHA),
was sein Bruder ihm während ihrer 45-minütigen Gesprächszeit mitgeteilt
hat.
Mehmet Öcalan erklärte, dass sein Bruder sich in einer guten Verfassung
befand. Zunächst hätte Abdullah Öcalan ihn gefragt, wie die öffentliche
Meinung gegenüber der aktuellen Phase sei. „Ich habe ihm mitgeteilt, dass
etwa 70% der Öffentlichkeit die Phase als wichtig bewerten. Aber sie wollen
auch, dass die Phase richtig und ernsthaft geführt und nicht für irgendwelche
Täuschungsversuche instrumentalisiert werden sollte“, so Mehmet Öcalan.
Besuch der BDP-Delegation auf
Imrali
Abdullah Öcalan hat im Gespräch durch seinen Bruder mitteilen lassen,
dass sie dem Staat ein Lösungsprojekt vorgelegt haben. Für die Lösung
der Frage seien allerdings auch Kandil und die Strukturen in Europa wichtige
Standbeine. „Diese Menschen sind dort und sie leiten auch die Bewegung.
Ich kann ihnen meine Standpunkte nicht durch irgendwelche Vögel vermitteln.
Deswegen ist es wichtig, dass die Co-Vorsitzenden des DTK und der BDP
hierher kommen. Aber es wird wegen der Namen der Personen Probleme gemacht.
Wenn die einen nicht kommen können, kann man andere Leute aus der BDP
hierher kommen lassen. Es ist wichtig, dass diese Delegation kommt, damit
wir hier darüber diskutieren können, wie diese Phase weiterlaufen soll.
Bis jetzt ist niemand mehr gekommen. Ahmet und Ayla waren vor 40 Tagen
hier. Wir haben gesagt, dass ein Standbein der Lösung Kandil und ein Standbein
die kurdischen Strukturen in Europa sind. Das wichtigste Standbein ist
allerdings das Volk hier selbst. Es ist das kurdische und das türkische
Volk. Das Ganze ist kein Problem der letzten 30–40 Jahre, sondern ein
Problem, das sich seit 100–200 Jahren hinzieht. Wenn wir dieses Problem
lösen wollen, sollte die Delegation hierher kommen. Wir werden hier gemeinsam
diskutieren und sie werden diese Diskussionen in die Bevölkerung tragen.
Auch Kandil und Europa sollen ihre Lösungsansichten mitteilen. Ich wiederhole
mich nochmal. Ich kann meine Meinung der Bevölkerung und Kandil nicht
durch irgendwelche Vögel mitteilen lassen. Deswegen soll die Delegation
kommen. Wie gesagt, wir haben unser Lösungsprojekt teilweise dem Staat
und der Regierung mitgeteilt. Von unserer Seite aus wird es zu keinem
Stocken des Projekts kommen. Wenn die Phase dennoch ins Stocken gerät,
werden darunter das kurdische und das türkische Volk leiden. Jeder, der
in der Region lebt, wird darunter leiden. Deswegen sollte jeder sich auf
die vor uns liegende Phase richtig vorbereiten“, so Abdullah Öcalan.
„Nicht alles ist abhängig von
mir“
Hinsichtlich seiner eigenen Rolle in einem Lösungsprojekt teilte Abdullah
Öcalan durch seinen Bruder folgendes mit: „Ich bin hier inhaftiert. Wenn
ich von dieser Situation aus bei jedem Schritt sagen würde ‚das muss so
und jenes muss so gemacht werden‘, wäre das nicht richtig und moralisch
vertretbar. Ich kann in dieser Phase meiner Verantwortung gerecht werden.
Aber es ist wichtig, dass ihr nach draußen die Wahrheiten vermittelt.
Ich habe hier Gespräche mit dem Geheimdienst geführt. Es mag sein, dass
die Leute, die hierher zu mir gekommen sind, die Sache ernst nehmen. Aber
sie sind nicht die einzige Kraft. Es scheint auch andere Kräfte zu geben.
Ich weiß auch nicht, wie weit die Kraft derjenigen geht, die hierher zu
mir gekommen sind. Ich werde zumindest alles tun, was in meiner Hand liegt.
Aber auch meine Möglichkeiten sind beschränkt. Und alles lässt sich auch
nicht mit mir klären. Sie wollen die ganze Verantwortung mir übertragen.
Das ist nicht die richtige Herangehensweise. Wie gesagt, ich tue alles
im Rahmen meiner Möglichkeiten. Ich habe auch über die Delegation unsere
Ansichten für eine Lösung der Regierung zukommen lassen. Was wollen wir?
Was können wir machen? Wie können wir es lösen? Unsere Antworten auf diese
Fragen haben wir der Regierung zukommen lassen. Sie werden unsere Forderungen
und unsere Ansichten für eine Lösung der kurdischen Frage bewerten. Ich
möchte es aber noch einmal betonen. Ich bin hier ein Gefangener und ich
habe nicht das Recht, für alles zu sprechen. Macht nicht alles abhängig
von mir. Auch wenn ihr es tut, kann ich dem nicht gerecht werden.“
Die Verantwortlichen der Pariser
Morde
Öcalan bewertete im Gespräch mit seinem Bruder die Morde an den drei kurdischen
Aktivistinnen in Paris wie folgt: „In Paris wurden drei Frauen ermordet.
Das war ein Massaker. Sie versuchen eine Person für dieses Massaker verantwortlich
zu machen. Sie sagen, dass er aus Sivas ist, benennen ihn beim Namen und
sagen, er sei für die Tat verantwortlich. Aber jeder sollte wissen, dass
hinter dem Mord diejenigen Kräfte stecken, die mich auch hierher gebracht
haben. Es ist die Rede von der Gladio, der NATO. Der Tatvollstrecker war
zuvor zehn Mal im Jahr in der Türkei, in Ankara. Mit wem hat er in Ankara
gesprochen? Was waren die Rollen der Leute, mit denen er gesprochen hat.
Wer hat den Plan, das Projekt ausgeheckt? Das muss so schnell wie möglich
aufgeklärt werden. Es darf nicht verheimlicht werden. Wenn sie das nicht
öffentlich machen, kann es am nächsten Morgen vielleicht zu einem noch
größeren Massaker kommen. Wer hat diese Tat geplant? Frankreich, Europa,
die USA und die NATO wissen das. Aber sie schweigen. Sie wollen nicht,
dass die Phase voranschreitet.“
„Unser Volk in Syrien sollte
achtsam sein“
Auch die Entwicklungen in Syrien und Westkurdistan wurden von Öcalan bewertet.
Dabei rief Öcalan die kurdische Bevölkerung dazu auf, besonders achtsam
zu sein. „Die Bevölkerung Syriens ist bunt, es gibt Kurden, Araber, Armenier,
Turkmenen. In Syrien ist aber gegenwärtig nicht abzusehen, was dort in
einem oder zwei Jahren sein wird. Die Kurden dort, eigentlich alle Völker
Syriens, sollten sich noch mehr als um ihr tägliches Wasser und Brot darum
sorgen, wie sie sich für ihre Zukunft wappnen. Dafür sollten sie große
Mühen aufbringen, sie sollten sehr achtsam sein. Den Aufstand des kurdischen
Volkes in Syrien begrüße ich. Ich schätze ihren Aufstand sehr hoch. Auch
den Kurden im Iran möchte ich meine Grüße ausrichten. Ich grüße unsere
Bevölkerung in Kurdistan, der Türkei, in Europa und der ganzen Welt, die
zum 15. Februar auf die Straßen gegangen sind. Ich drücke der Familie
von Şahin Öner, der in Amed durch einen Panzerwagen ermordet worden ist,
mein Beileid aus“, so Öcalan.
Quelle: DIHA, 19.02.2013, ISKU
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