Karayilan: Mit solch einer Politik wird es keine Lösung geben

Murat Karayilan, Mitglied des KCK-Exekutvrates, bewertet gegenüber der Nachrichtenagentur Firat (ANF) die Diskussionen um eine vermeintliche Lösung der kurdischen Frage. Karayilan macht deutlich, dass die aktuelle Politik der AKP-Regierung kaum Hoffnung auf eine Lösung der Probleme gibt. Wenn es die AKP ernst meint, müsse sie praktische Schritte für eine Lösung einleiten.
Wir dokumentieren Karayilans Aussagen in gekürzter Form.

Trotz der Gespräche auf Imrali gehen Festnahmen und militärische Operationen weiter
Gegenwärtig ist die Rede von einer Gesprächsphase auf Imrali. Wir erachten die Gespräche des Staates mit unserem Vorsitzenden [Abdullah Öcalan] auch als wichtig an.
Zugleich ist in den türkischen Medien und seitens der AKP-Verantwortlichen immer wieder die Rede davon, dass es zu keinen Provokationen kommen darf, die diese Phase torpedieren könnten. Das Problem dabei ist, dass diese Erwartungen nur einseitig an die kurdische Seite gestellt werden. Keiner fragt beispielsweise nach dem Ereignis von Lice [am 31.12.2012 wurden 10 Guerillakämpfer der HPG in Lice getötet, Anm. d. Übersetzers]. Zumal es hier sogar den Verdacht gibt, dass chemische Waffen eingesetzt worden sind. Die größte Provokation für eine mögliche Lösung der kurdischen Frage sind die Massenfestnahmen im Rahmen der „KCK-Operationen“. Wie kann man, während diese Festnahmeoperationen anhalten, überhaupt von einer politischen Lösung sprechen?

Praktische Schritte müssen eingeleitet werden
Deswegen müssen im Rahmen dieser Dialogphase auch praktische Schritte eingeleitet werden. Hier sind die Regierung und das Parlament gefragt. Ich glaube nicht, dass ich an dieser Stelle groß darauf eingehen muss, welche Schritte notwendig sind. Unser Vorsitzender hat den Rahmen und die notwendigen Schritte mitgeteilt und die entsprechenden Stellen wissen Bescheid. Damit allerdings aus dieser Dialogphase eine Phase der Verhandlungen wird, müssen die verantwortlichen Stellen rechtzeitig diese Schritte einleiten. Aber wenn in dieser Phase nur von einer Seite erwartet wird, dass sie bedingungslos auf die andere Seite zukommt, während sie sich selbst nicht von der Stelle rührt, wäre das nicht dem Geist der Dinge entsprechend. Deswegen machen wir klar, dass wir von der Regierung und vom Staat erwarten, dass sie an dieser Stelle ihrer Rolle gerecht werden. Und wir versichern, dass wir als Bewegung über den Willen und die Kraft verfügen, in einem demokratischen Prozess für den Frieden und die Lösung der Frage unserem Teil der Verantwortung gerecht zu werden.
Wir akzeptieren in dieser Phase unseren Vorsitzenden als unseren Repräsentanten. Aber auch unser Vorsitzender muss hinsichtlich möglicher Verhandlungsergebnisse in der Lage sein, unsere gesamten Strukturen zu überzeugen. Und hierfür muss er in Dialog mit uns treten können. Deswegen müssen seine Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen sowie die Möglichkeit seiner Bewegungsfreiheit gegeben sein. Nur dadurch kann die Basis für einen grundlegenden gesellschaftlichen Frieden geschaffen werden. Wenn die Gegenseite glaubt, dass es mit einem Fernsehen in der Zelle unseres Vorsitzenden getan ist, dann täuscht sie sich gewaltig. Zumal sie ohnehin weiter an der Isolation gegen seine Person festhält und zugleich mit den militärischen Operationen und den Festnahmen weitermacht. Wenn sie sagen, „Wir entwickeln eine Lösung“, dann sagen wir ihnen, „so entwickelt man keine Lösung.“ Was ist das überhaupt für ein Lösungsverständnis?

Eine historische Chance
Gegenwärtig gibt es eine historische Möglichkeit für die Lösung der kurdischen Frage. Die Lösungsperspektive der kurdischen Frage sieht nicht den Aufbau eines kurdischen Staates vor, sondern bietet die Möglichkeit innerhalb der türkischen Staatsgrenzen ein demokratisch autonomes System zu entwickeln. Unser Vorsitzender bietet eigentlich mit dieser Perspektive eine Möglichkeit, wie alle kulturen und gesellschaftlichen Gruppen innerhalb der Türkei friedlich miteinander leben können. Wenn der Staat dies akzeptiert, hat er eine historische Chance genutzt. Aber wenn er das ganze Thema nur aus der wahltaktischen Perspektive betrachtet oder mit einer Hinhaltetaktik versucht, nur eine Phase zu überstehen, wird dieses Problem nicht gelöst werden können.
Der Staat muss aber zunächst das Problem in seiner vollen Breite akzeptieren und eine Bereitschaft für seine Lösung offen legen. Wenn der türkische Ministerpräsident sagt „muttersprachliche Bildung kann unser Land spalten“, dann fragen wir uns, wie er denn dann die Frage lösen will. Oder wenn das türkische Parlament sich noch nicht einmal bereit zeigt, die Existenz des kurdischen Volkes zu akzeptieren, fragen wir uns, welchen Frieden wir eigentlich mit ihnen aushandeln wollen. Dem kurdischen Volk stehen allein auf der Grundlage dessen, dass es sich eben um ein Volk handelt, natürliche Rechte zu. Und dass diese Rechte verfassungsmäßig anerkannt werden, stellt die Grundlage jeder Lösung mit uns dar. Der Lösungsrahmen unseres Vorsitzenden fußt auf dieser Grundlage und stellt die Formulierung für die Möglichkeit eines gemeinsamen Miteinanders der Völker dar. Alle anderen Formulierungen, die diese Grundlage nicht akzeptieren, bezwecken nur eines: die Assimilation.

Die AKP bietet mit ihrer Politik keinen Anlass zur Zuversicht
Aktuell sehen wir von der AKP-Regierung keine Schritte, die Hoffnung auf eine nachhaltige Lösung geben. Ganz im Gegenteil, die Wortwahl und der Ton des türkischen Ministerpräsidenten und der übrigen Verantwortlichen der AKP geben genauso sehr Grund zum Zweifeln, wie ihre nicht existierenden Lösungsschritte. Das was der Ministerpräsident von uns erwartet sind Forderungen, die man an eine Bewegung und ein Volk stellen kann, wenn sie in ihrem Widerstand völlig gescheitert sind. Mit einseitigen Forderungen wie „ihr werdet eure Waffen niederlegen“, „wir werden euch bekämpfen, bis ihr es aufgegeben habt“ oder „ihr werdet das Land verlassen“, wird es keine Lösung geben. Wir fragen uns wirklich, wen der Ministerpräsident aus wessen Land rausschmeißen will.

Lasst uns euer Lösungskonzept auch verstehen
Und als ob es das alles, was ich beschrieben habe, einfach nicht geben würde, reden sie die ganze Zeit davon, dass sie das Problem lösen werden. Dann fordern wir von ihnen, dass sie ihr Lösungskonzept öffentlich machen sollen. Sie sollen es öffentlich machen, damit wir, die Öffentlichkeit und die Gesellschaft der Türkei auch mal verstehen können, was sie vorhaben. Wir wollen verstehen, welche Lösungsmentalität dahinter steckt, bei dem sie zugleich das Volk und die Guerilla permanent angreifen. Aber wenn sie sagen: „Auf der einen Seite kann es Gespräche geben und auf der anderen Seite können die militärischen Operationen fortgesetzt werden“, dann akzeptieren wir das. Solche Beispiele hat es in anderen Ländern auch schon gegeben. Aber wenn dem so ist, dann sollen sie nicht von möglichen Provokationen sprechen. Denn dann wird auch unsere Seite von seinem Recht auf Widerstand, vom Recht auf Vergeltungsschlägen gebrauch machen.
Ihre jetzige Politik zielt nicht auf eine Lösung ab. Viel mehr versuchen sie ihre „integrierte Strategie“ umzusetzen, bei der sie einerseits darauf abzielen unsere Bewegung zu vernichten und andererseits die Diskussionen um eine mögliche Lösung auf der Tagesordnung halten. Aber mit solch einer Politik wird es keine Lösung geben.

Quelle: ANF, 23.01.2013, ISKU

ISKU | Informationsstelle Kurdistan