| Karayılan:
Der Dialog ist wichtig, aber es bedarf auch eines Lösungskonzepts
In einem Interview
mit der Nachrichtenagentur Firat (ANF) bewertete Murat Karayılan, Vorsitzender
des Exekutivrats der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK),
die Gespräche mit Abdullah Öcalan auf der Gefängnisinsel Imralı. Karayılan,
für den „der Beginn des Dialogs mit dem Vorsitzenden Apo von äußerster
Wichtigkeit“ ist, betonte, dass dieser Schritt mit Vorsicht zu beobachten
sei. Ihm zufolge dauern die Gespräche mit dem Repräsentanten des kurdischen
Volkes seit November an. „Der Besuch von Ahmet Türk [Vorsitzender
des Kongresses für eine Demokratische Gesellschaft (DTK) und unabhängiger
Parlamentsabgeordneter] und Ayla Akat [Parlamentsabgeordnete
der Partei für Frieden und Demokratie (BDP)] hat dieser Dialogphase
größere Bedeutung verliehen. Dabei handelt es sich um eine neue Dimension,
die wir für wichtig erachten. Ob der Dialog und die Gespräche in eine
Lösungsphase für die kurdische Frage münden werden, wird sich aber erst
in den nächsten Tagen konkretisieren können. Aktuell kann von einer Konsultationssituation
gesprochen werden. Für eine neue Phase bedarf es noch weiterer positiver
Informationen. Besonders die Haltung der AKP-Regierung spielt dabei eine
wichtige Rolle. Von ihr hängt es ab, ob diese Dialogphase in eine Lösungsphase
übergehen wird“, so Karayılan. Er nannte nötige praktische Schritte vor
der Entwicklung einer Lösungsphase: „Der erste Schritt kann in diesem
Rahmen als die Schaffung freier Bewegungsmöglichkeiten formuliert werden.
Für Fortschritte ist er definitiv notwendig, außerdem bedarf es äußerster
Ernsthaftigkeit und Verantwortungsbewusstseins. Falls es jedoch Kalkül
ist und erneut zu einer Hinhaltetaktik kommt und wenn nicht auf eine Lösung
der kurdischen Frage, sondern auf die Auflösung der PKK hingearbeitet
wird, dann wäre dies zu bedauern. Denn das Thema hat schon für genug Irritationen
gesorgt und zu einer Vertrauenskrise geführt. Von politischen Manövern,
die erneut Irritationen und Stimmungsmache erzeugen, sollte Abstand genommen
werden“, warnte Karayılan.
Was ist das
Lösungskonzept?
Karayılan erinnerte daran, dass, wie der türkischen Öffentlichkeit auch
bekannt sei, seit 1993 zu verschiedenen Zeiten von Dialogphasen die Rede
war; die letzte habe etwa drei Jahre gedauert, in denen sowohl auf Imralı
wie auch in Oslo systematisch Gespräche geführt worden seien. Er fügte
hinzu, der Hauptgrund dafür, dass keine dieser Phasen, und auch speziell
die letzte von Oslo und Imralı nicht, zu einer Lösung geführt habe, liege
in der Tatsache, dass beim Staat und bei der Regierung die mentale Grundlage
für eine Lösung der kurdischen Frage nicht entwickelt gewesen sei und
dass es neben dem Fehlen einer konkreten Entscheidung kein Lösungsprojekt
gegeben habe.
Falls Staat und Regierung sich dazu entschieden haben sollten, das Hauptproblem
der Türkei zu lösen, und falls sie es seien, die es lösen werden, dann
müsse zuallererst ein praktischer Schritt folgen und in diesem Zusammenhang
das Lösungsprojekt vorgestellt werden. Also falls der Staat die Frage
lösen will, wie will er es lösen, wie sieht sein Projekt aus? Bevor ein
solches Projekt nicht offengelegt werde, könne weder eine stabile Basis
für Diskussionen, Dialog und Verhandlungen geschaffen noch irgendeine
Lösungsstrategie entwickelt werden. Es sei permanent die Rede von einer
Integrationsstrategie, doch könne niemand erklären, worum es sich dabei
handele. Also welche Schritte gedenke der türkische Staat für die Lösung
der kurdischen Frage zu unternehmen? Wie die kurdische Seite wolle das
genauso die Öffentlichkeit erfahren.
Die wichtigen Teile des Interviews
sind im Folgenden gekürzt wiedergegeben:
Wir verfügen
über ein Lösungskonzept, aber dem Staat fehlt eines
Unser Vorsitzender hatte der türkischen Delegation am 5. Mai 2011 als
Ergebnis der Oslo- und Imralı-Gespräche Protokolle übergeben, die sie
dem Ministerpräsidenten überreichen sollte. Für die kurdische Seite stellen
diese Protokolle unser Lösungsprojekt dar. Zudem besteht noch die von
unserem Vorsitzenden entworfene Roadmap. Also verfügen wir über ein Projekt.
Es bedarf der Offenlegung des Projekts der türkischen Seite.
Für die Lösung ist dies alles notwendig. Vorher kann bei dem Ziel, die
Waffen niederzulegen, nichts erreicht werden. Niemand hat diese Waffen
zum Vergnügen oder sonstwie beliebig in die Hand genommen. Die Existenz
der bewaffneten Kräfte hat ihre Gründe.
(…)
Doch könnte zusammen mit der Einleitung von Schritten zur Lösung der kurdischen
Frage parallel ein schrittweiser Prozess auf der Grundlage einer Roadmap
entwickelt werden. Sprich, die Lösung der kurdischen Frage ist nicht mehr
mit der Niederlegung der Waffen getan. Genauso wenig ist manchen Einschätzungen
Wert beizumessen, die kurdische Frage sei die eine Sache, die bewaffneten
Kräfte der PKK aber eine ganz andere. Wenn die kurdische Frage und der
bewaffnete Kampf nicht in diesem Ausmaß ineinander verzahnt wären, dann
hätte die bewaffnete Kraft nicht bis heute Bestand gehabt. Wenn von einem
erstarkenden bewaffneten Gefüge die Rede ist, das den diversen Konzepten
der internationalen Mächte standhält und trotz unzähliger Angriffe immer
noch besteht, dann liegt es an einer starken gesellschaftlichen Basis.
Nicht das
Niederlegen der Waffen, sondern das Verlassen der Türkei wird von unseren
bewaffneten Kräften verlangt
Daneben will ich noch klarstellen: Die türkische Seite fordert von uns
nicht das Niederlegen der Waffen. Mag sein, dass es in den Medien so dargestellt
wird, dagegen sage ich nichts. Das ist jedoch nicht die Forderung an uns.
Ich betone: Weder während der Oslo-Imralı-Phase noch jetzt wurde von uns
das Niederlegen der Waffen gefordert. Sondern unsere bewaffneten Kräfte
sollen sich hinter die Grenzen der Türkei zurückziehen.
Nun, wohin würden wir sie dann verlagern? Nach Südkurdistan. Tagtäglich
wird Südkurdistan bombardiert. Dort ist sowieso ein Teil unserer Kräfte
stationiert. Falls wir nun auch die Kräfte aus dem Norden dorthin verlegen
würden, wären alle an einem Punkt konzentriert. Worin besteht hier die
Sicherheit? Uns wird gesagt: „Zieht ähnlich wie 1999 eure Kräfte hinter
die Grenzen zurück. Dieses Mal sind der Ministerpräsident und die Regierung
entschlossen, auch Schritte zu unternehmen.“ Schön, aber sie sind jetzt
in die Wege zu leiten. Warum werden sie nicht jetzt getan? Wie können
wir der beharrlich wiederholten Aussage „zuerst Rückzug hinter die Grenzen,
dann unsere Schritte“ vertrauen? Wo bleibt hier die Sicherheit? Es handelt
sich dabei um eine wichtige Angelegenheit. Beispielsweise sagen sie, damit
es nicht wie 1999 wird, würden sie die nötigen Vorkehrungen treffen. Also
in dem Sinne: „Wir werden keine Militäroperationen mehr durchführen, damit
eure Kräfte vom Schwarzen Meer, aus Dersim, Bingöl, Erzurum und Kars ohne
Probleme in den Süden gelangen können.“ Nein, falls Ihr Euch dazu entschieden
habt, die Frage zu lösen, dann bitte unternehmt die ersten Schritte. Die
anderen Punkte können in einem Zeitplan angelegt werden.
Die Aufnahme
des Dialogs mit Öcalan ist wichtig
Vor allem handelt es sich beim Beginn des Dialogs mit dem Vorsitzenden
Apo um eine sehr wichtige und richtige Initiative. Denn unser Vorsitzender
ist eine Führungsfigur für diese Bewegung und den kurdischen Freiheitskampf
mitsamt seinen illegalen und legalen Komponenten.
Doch heißt es in der aktuellen Situation: „Nun haben wir uns mit ihm getroffen,
die Lösung wird kommen.“ Nein, bei dem Gespräch handelt es sich um den
ersten Schritt. Das ist richtig. Allerdings bedarf es auch noch weiterer
Schritte. In diesem Zusammenhang muss im ersten Schritt die Lage des Vorsitzenden
auf Imralı geändert werden, damit die Phase ihre Fortsetzung finden kann.
Es müssen
Bedingungen für seine Bewegungsfreiheit geschaffen werden
Die Diskussion um das Niederlegen der Waffen der PKK ist keine einfache.
Dafür müssen die entsprechenden Kräfte der Freiheitsbewegung von der Ernsthaftigkeit
des Staates für eine Lösung überzeugt werden. Doch solange sich der Vorsitzende
im Isolationssystem von Imralı befindet, wird kein Einziger überzeugt
werden können. Demnach gilt es, die Situation des Vorsitzenden zu verändern
und Möglichkeiten der freien Bewegung zu schaffen. Zudem sind Kommunikationsmöglichkeiten
und das Gespräch mit den BDPlern natürlich äußerst wichtig. Das ist notwendig,
um den politischen Bereich zu überzeugen. Dagegen handelt es sich beim
wesentlichen Punkt um die bewaffneten Kräfte. Daher bedarf es eines direkten
Dialogs zwischen uns und dem Vorsitzenden. Es geht nicht nur darum, die
Führung zu überzeugen, sondern auch die Kommandanten und die Kämpfer.
Daher haben Staat und Regierung, falls ihr Lösungswille aufrichtig ist,
zuallererst dem Vorsitzenden den Weg zu öffnen. Wie er sagte: „Es gibt
ein Schwimmbecken ohne Wasser darin und ihr sagt: schwimm! Wie soll ich
da schwimmen?“ Genauso sieht die Situation aus. Wenn sie denn sagen, dass
unser Vorsitzender ein wichtiger Akteur ist – was auch zutrifft –, dann
gilt es, auch ihm den Weg zu öffnen. Der erste Schritt kann in diesem
Rahmen als die Schaffung freier Bewegungsmöglichkeiten formuliert werden.
Die Schritte
müssen verfassungsrechtlich geschützt werden
Als zweiter Punkt kann dann ein Projekt entwickelt werden, anhand dessen
die Verhandlungsphase faktisch auf die Tagesordnung gesetzt wird. Die
notwendigen Punkte und Schritte werden von den Parteien in einem Zeitplan
festgehalten und auf dieser Basis in die Praxis umgesetzt. Es ist offensichtlich,
dass es sich bei der kurdischen Frage um ein Verfassungsproblem handelt.
Da die Änderung der Verfassung sowieso auf der Tagesordnung steht, soll
darin dann auch die Lösungsperspektive Entsprechung finden. So gilt es
auf einer dauerhaften Lösungsgrundlage den Boden für eine gesellschaftliche
Versöhnung zu schaffen. In der neuen Verfassung wird auch der Existenz
des kurdischen Volkes Platz eingeräumt. Für die Öffnung des Weges für
eine Lösung mit der Perspektive einer Demokratischen Nation wäre das eine
wichtige Annäherungsweise.
(…)
In dem von mir gezeichneten Rahmen konnte noch keine Annäherung beobachtet
werden. Einzig die Gespräche sind zu nennen. Ich hoffe, dass es in den
kommenden Tagen in dieser Richtung zu einiger Konkretisierung kommt. Das
erwarten wir. Also wenn sich konkret, aufrichtig und ehrlich angenähert
wird und in diesem Punkt konkrete offenkundige Schritte und ein konkreter
Lösungsrahmen dargelegt werden, dann kann die Rede sein von der Einleitung
einer Lösungsphase.
Außerdem kommt aus unserer
Sicht den Ideen unseres Vorsitzenden und dem von ihm gezeichneten gemeinsamen
Rahmen, ebenso wie der BDP-Delegation, die ihn besucht hat, ihre Bedeutung
zu. Nun fordert der Staat, der eigentlich das Problem zu lösen hat, ohne
einen konkreten praktischen Schritt zu tun, von uns, unsere Stellungen
zu verlassen. Oder er stellt Forderungen an uns, die unsere Position schwächen.
Das wird in unseren Reihen, in unserer Gesellschaft und in der Öffentlichkeit
für erhebliches Misstrauen sorgen. Wir befinden uns noch immer in einer
Situation, in der das Misstrauen vorherrscht. Wir wollen zu diesem Punkt
nicht viel sagen. Doch weisen Indizien und Anzeichen darauf hin, dass
es statt um eine „Politik und Entscheidung für die Lösung der kurdischen
Frage“ um „die Auflösung der kurdischen Freiheitskräfte“, deren Paralysierung
und Schwächung geht und darum, sie damit in das eigene Lösungskonzept
zu zwingen.
Sie sollen
im Namen des Staates ihren Lösungswillen erklären
Daher hat der Ministerpräsident der Türkei Erdoğan uns gesagt: „Entweder
akzeptiert ihr unser Ideal von einer Nation, einem Staat und einem Land,
also die Türkisierung, und unterwerft euch, oder ihr werdet verschwinden.
Geht, wohin ihr wollt. Falls nicht, seid ihr dazu verurteilt, in euren
Höhlen zu bleiben. Wir werden euch auch da aufspüren und vernichten.“
Diese Aussage findet in ihrem Kern ihren Ausdruck in diesem Konzept. Hier
ist niemand so naiv. Falls das nicht zutreffen sollte (er würde sowieso
sofort sagen, dass dem nicht so ist, und die Bewertung falsch und übertrieben
nennen), dann soll der Ministerpräsident im Namen des Staates der türkischen
Republik vor der gesamten Weltöffentlichkeit, wie ich eben gesagt habe,
erklären: „Wir werden ab sofort in der Lösung der kurdischen Frage keine
Gewalt mehr anwenden. Wir werden nicht mehr Gewalt und Vernichtung zur
Grundlage nehmen. Wir werden diese Frage mit Methoden des Dialogs lösen.“
Wenn das vor der Öffentlichkeit erklärt wird, dann werden wir auch sehen
können, dass sie sich ernsthaft und aufrichtig verhalten. So würde sich
eine Atmosphäre des Vertrauens zu entwickeln beginnen.
(…)
In diesem Sinne will ich nochmals alle zu Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit
einladen; falls Ihr aufrichtig seid, dann bitte. Wenn nicht, dann macht
auch niemand mit. Niemand wird seine Kräfte abziehen und ins Hinterland
verlegen ohne einen Schritt der Gegenseite. Es sollte nicht so kalkuliert
werden, dass uns das erst aufoktroyiert wird, um dann, wenn es zu keiner
Lösung kommt, zu behaupten, die PKK habe keinen Schritt getan. Denn alles
ist offen und klar.
Die Phase
des Dialogs und der Verhandlungen soll für die Öffentlichkeit transparent
sein
Wir plädieren für eine für die Öffentlichkeit transparente Dialog- und
Verhandlungsphase. Wenn die Gegenseite das ebenso sieht, sind wir offen
dafür und wollen es auch. Vor der Imralı-Oslo-Phase war uns gesagt worden,
das solle geheim gehalten werden, niemand dürfe darüber sprechen, falls
davon irgendetwas an die Öffentlichkeit gelange, würde es die Sabotage
dieser Phase bedeuten. Im Falle einer Übereinkunft würden die beiden Seiten
am Ende der Öffentlichkeit die Ergebnisse präsentieren. Da wir eine organisierte
Kraft sind, hielten wir uns diszipliniert daran und gaben selbst in unseren
eigenen Reihen nichts weiter. Während wir von Anfang an uns an unser gegebenes
Wort hielten, hat ein bekannter Kreis der Gegenseite die Gespräche aufgedeckt
und in die Öffentlichkeit lanciert.
Die Lösung
lautet: Demokratische Republik, Demokratisch-Autonomes Kurdistan
Wir werden jedoch, wenn wir uns in einer starken Position befinden, mehr
zur demokratischen Lösung tendieren. Denn wir sind letztendlich der Strategie
einer Demokratischen Republik und einer Demokratischen Autonomie für Kurdistan
innerhalb der bestehenden Grenzen der Türkei verbunden. Dabei handelt
es sich heute um die offizielle Lösungsperspektive unserer Bewegung. Es
stimmt zwar, dass wir zeitweise anderweitig suchen könnten. Wenn sich
der Staat allem verschließt und uns nur Massaker entgegensetzt, dann ist
es ganz natürlich, dass uns das anderswo suchen lässt. Das ist eine Option.
Doch halten wir immer noch an der Lösung der kurdischen Frage innerhalb
der Grenzen der Türkei fest.
Wenn der Staat
seine Ernsthaftigkeit zeigt, werden wir das nicht unbeantwortet lassen
Wir werden an diesem Punkt beständig festhalten. Sollte also der Staat
eine ernsthafte Entscheidung getroffen haben und entsprechende Schritte
einleiten, wird das von unserer Seite aus nicht unbeantwortet bleiben.
Allerdings ist davon noch nichts zu bemerken. Zu sehen ist viel mehr die
Anwendung einer Haltung, nach der die Freiheitsbewegung geschwächt und
ausgeschlossen werden soll. Heute handelt es sich bei der PKK um eine
Akteurin in der Region. Die Möglichkeit, dass es sich um ein Manöver handelt,
mit dem die PKK aus dieser Position gedrängt werden soll, ist ernstlich
akut. Falls sich aber Hinweise in Richtung einer Lösung abzeichnen, werden
wir eine entsprechende Politik entwickeln. Unsere Vorbereitungen und Pläne
für das Jahr 2013 werden ohne Zögern fortgesetzt. Das sollen alle wissen,
alle unsere Freunde, unser ganzes Volk sollen das wissen.
Quelle: ANF 04.01.2013, ISKU |