| „Wenn
du mit uns arbeitest, kannst du eine Menge Geld verdienen“
Anwerbeversuche von
kurdischen Jugendlichen durch die Polizei und den Verfassungsschutz –
ein weiteres Beispiel
Ich heiße S. M. und
bin 20 Jahre alt. Vor etwa einem Jahr habe ich an einer Kundgebung bei
der Frankfurter Hauptwache teilgenommen. Der türkische Staat hatte in
Çelê 34 Guerillakämpfer der HPG mit chemischen Waffen ermordet. Wir hatten
aus Protest dagegen für zwei Tage ein Zelt in der Innenstadt aufgestellt,
um auf dieses Verbrechen aufmerksam zu machen. Ich war den ganzen ersten
Tag dort. Am zweiten Tag musste ich aber für eine kurze Zeit weg. Später
habe ich erfahren, dass es in der Zwischenzeit am Zelt zu Auseinandersetzungen
mit türkischen Faschisten gekommen war.
Einer von der Kriminalpolizei hat mich später, als ich wieder an der Hauptwache
war, angesprochen. Er meinte, er wolle mit mir als Zeugin für den Zwischenfall
am Zelt sprechen. Wir kennen alle diese Person. Er ist bei jeder kurdischen
Demo dabei und spricht die Jugendlichen mit Vornamen an. Als ich ihm sagte,
dass ich nichts gesehen habe, sagte er auf einmal, er möchte mit mir befreundet
sein. Ich wies ihn selbstverständlich ab. Dennoch zückte er seine Visitenkarte
und gab sie mir. Auf der Karte waren sowohl seine Handynummer als auch
seine persönlich Nummer drauf. Er sagte, dass ich ihn, wenn ich will,
unter der Nummer erreichen könne.
Am nächsten Tag rief er tatsächlich bei uns zu Hause an. Mein Vater war
ans Telefon gegangen, ihm erklärte er: „Ich bin ein Freund von S. und
ich möchte mit ihr sprechen." Mein Vater gab mir den Hörer. Er stellte
sich mir am Telefon vor und sagte, dass er sich mit mir draußen treffen
wolle. Ich antwortete, dass ich das nicht möchte. Darauf sagte er, dass
er wisse, dass ich zurzeit keine Schule besuche und er mir dabei behilflich
sein könne, eine neue Schule zu finden. Ich wies das Angebot zurück. Dann
sagte er: „Wenn du mit uns arbeitest, kannst du eine Menge Geld verdienen.
Niemand wird dahinter kommen, dass du mit uns arbeitest. Und du wirst
dann mit jemand anderen zusammenarbeiten, der auch für uns arbeitet.“
Ich legte daraufhin einfach den Hörer auf. Er hat es nach ein paar Tagen
immer wieder versucht.
Zuletzt hat er mich dann vor der Berlin-Demo angerufen und mich gefragt,
wer denn alles aus Frankfurt nach Berlin fahren will und wer das organisieren
würde. Ich sagte ihm, dass ich von nichts weiß und er mich in Ruhe lassen
soll. An Silvester hat er sich per SMS bei mir gemeldet. Er wollte sich
mit mir erneut treffen. Dieses Mal bin ich endlich zu einem Anwalt gegangen
und ihm die Situation erklärt. Der Anwalt hat der Kriminalpolizei einen
Brief geschrieben und darin gefragt, weshalb ich verfolgt werde und solche
Angebote erhalte. Die Antwort, die er bekam, lautete sinngemäß in etwa,
dass nichts Besonderes los sei und ich ohnehin nicht mit ihm reden würde.
Ich merke, dass ich
verfolgt werde
Im Oktober bin ich mit meiner Familie für drei Wochen in die Türkei geflogen.
Als wir wieder in Frankfurt ankamen, gab es direkt beim Ausstieg aus dem
Flieger eine Kontrolle. Der Polizist schaute sich meinen Ausweis ganz
genau an und rief dann einen anderen Polizisten dazu, der mich dann in
ein Zimmer brachte. Ich fragte, was sie denn von mir wollten und sie erklärten,
dass ich an einer Vielzahl von Aktionen teilgenommen habe und sie deshalb
die Richtigkeit meiner Adresse prüfen würden. Nach einer Zeit haben sie
mich dann wieder gehen lassen.
Ich merke, dass ich weiterhin verfolgt werde. Sie versuchen mir eine Falle
zu stellen, um das dann gegen mich zu benutzen. Aber ich werde mich davon
nicht einschüchtern lassen und weiter an Demos teilnehmen.
Quelle: Yeni Özgür
Politika, 21.12.2012, ISKU |