| Kürkçü:
Sie verschleiern das Verbrechen von Roboskî, da die Verantwortlichen höheren
Orts zu finden sind
Ali Bariş Kurt
ANKARA. Der Abgeordnete
der Partei für Frieden und Demokratie (BDP), Ertuğrul Kürkçü, hat darauf
hingewiesen, dass alle Bemühungen zur Aufklärung des Massakers von Roboskî
(Ortasu) seit fast einem Jahr systematisch behindert werden, da die Verantwortlichen
in der Regierung und im Generalstab säßen.
In Roboskî wurden am 28. Dezember 2011 kurdische Zivilisten von türkischen
Kampfjets bombardiert und 34 getötet. Die Kurden und viele demokratische
Strukturen in der Türkei sehen im Staat den Schuldigen, da sie der Ansicht
sind, dass das Bombardement von der Exekutive befohlen worden und der
Armee gewollt gewesen sei. Obwohl viele der Fakten eindeutig sind, ist
bis heute keinerlei Anklage erhoben worden.
Der Fall unterliegt der Geheimhaltung, so dass die Öffentlichkeit möglichst
wenig davon mitbekommen soll. Daneben hat man die Angehörigen mit Entschädigungszahlungen
ruhigzustellen versucht. Die Familien jedoch sind entschlossen, diesen
Fall aufzuklären, und rühren daher das vom Staat auf ihre Konten überwiesene
Geld nicht an.
Wir haben mit dem BDP-Abgeordneten Herrn Ertuğrul Kürkçü, Mitglied im
Uludere-(kurd. Qilaban-) Unterausschuss der Parlamentskommission zur Überprüfung
der Einhaltung von Menschenrechten, ein Interview zu diesem Thema geführt.
Militär, Ministerium
und Staatsanwaltschaft mauern; die Kommission konnte nicht durchdringen
Kürkçü bezeichnete gegenüber der Firat News Ajancy (ANF) das vergangene
Jahr als ein verschwendetes Jahr und kritisierte die Kommission scharf:
„Ich betone, dass dieses Jahr verschwendet ist, da die Menschenrechtskommission
sich mit den Erklärungen der staatlichen Stellen (Armeeführung, Innenministerium
und Sonderstrafgericht Amed (Diyarbakır)) begnügt und keinerlei weitere
Anstrengungen unternommen hat, um das Massaker aufzuklären. So konnten
dann auch die Behinderungen nicht überwunden werden. Generalstabschef
und Innenministerium lieferten zum Massaker keinerlei Informationen, die
bei der Aufklärung hätten hilfreich sein können, und haben noch dazu viele
der Informationen aus Geheimhaltungsgründen zurückgehalten. Wir bekamen
die Untersuchungsberichte lokaler Militäreinheiten, die genauso wenig
aussagekräftig waren. Als Einziges wurde hier preisgegeben, dass die Armeeeinheiten
nicht zur Hilfe kamen, sondern sich förmlich in ihren Kasernen eingeschlossen
hatten. Keinem der Berichte nach, weder vom Innenministerium noch von
der Armee, ist überhaupt zu ergründen versucht worden, wie dieses Massaker
zustande kam. Wir haben es trotz der staatlichen Verschleierungstaktik
geschafft, an zahlreiche signifikante Informationen zu kommen, da die
Dorfbewohner bereit waren, mit uns zu reden und ihre Beobachtungen detailliert
zu schildern. Wir haben im Zuge der Delegationsreisen als Menschenrechtskommission
und ein weiteres Mal im Anschluss als Kongress für eine Demokratische
Gesellschaft (DTK) in Gesprächen mit den Dorfbewohnern die Wahrheit erfahren
können.“
Die Verschleierungsversuche
entlarven sie
Kürkçü: „Die Schuldigen für das Massaker sind bekannt. Regierung und Armee
haben zusammen dieses Verbrechen zu verantworten, d. h. die Regierung
trägt die politische und das Militär die militärische Verantwortung dafür.
Die Verhinderung einer Anklage ist Beleg dafür, dass die Verantwortlichen
auf höherer Ebene zu suchen sind. Der Uludere-Unterauschuss wurde mit
ihrer AKP-Mehrheit behindert, so dass im Ausschuss wie auch in der Regierung
und der Judikative die Ansicht dominierte, das Massaker sei auf fehlende
und fehlerhafte Koordination innerhalb der Armee zurückzuführen.“
Nach Kürkçü gibt es in diesem Fall kein Koordinierungsproblem, sondern
ein Verständnis, das selbstherrlich und arrogant die Bevölkerung für dumm
verkauft.
Die Dorfbewohner haben
sich hochanständig verhalten
„Das ehrenhafte Verhalten der Bewohner von Roboskî war auch ein Grund
dafür, dass die Regierung in Bedrängnis geraten ist. Denn sie haben das
Blut- oder auch Schweigegeld für ihre Kinder nicht akzeptiert und erklärt,
auf die Entschädigung verzichten zu wollen, bis die Verantwortlichen für
das Massaker aufgedeckt worden sind. Daher sind sie starker Repression
ausgesetzt und wurden teilweise wegen Protestaktionen gegen das Massaker
inhaftiert. Sie wurden verachtet, weil sie nicht stillgehalten haben,
obwohl sie ihre Kinder verloren hatten.
Wir besitzen in der Kommission nur eine Stimme, so dass es uns nicht möglich
sein wird, den Mechanismus zu überwinden, der uns und die Aufklärung behindert.“
Quelle: ANF, 28.11.2012,
ISKU
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