| Das
Roboski-Massaker und die Verantwortung der US Regierung - Ein Artikel
im Wall Street Journal
Am 28. Dezember 2011
bombardierten Kampflugzeuge der türkischen Armee eine Gruppe von Schmugglern
in Roboski/Sirnak. Eine Untersuchungskommission zivilgesellschaftlicher
Organisationen und Abgeordneter der BDP sowie eine Delegation von Abgeordneten
der Partei die Linke aus Hamburg stellten bereits im Januar 2012 fest,
dass die Militärs in dem Bewusstsein agiert haben müssen, dass es sich
bei den Bombardierten um Zivilisten handelte. 34 hauptsächlich jugendliche
Menschen, starben bei dem Angriff.
In einem Artikel im Wall Street Journal befassten sich nun die Journalisten
Adam Entous und Joe Parkinson mit diesem Kriegsverbrechen.
Eine amerikanische Drohne des Typs Predator hatte die Schmuggler mit ihren
Maultieren zuerst beobachtet. „Als diejenigen Soldaten, die die Bilder
Drohne auswerteten, Menschen in schweren Jacken entdeckten, sei nicht
klar gewesen, ob es sich bei den Beobachteten um Schmuggler oder Guerillas
handelte. Unsere Soldaten gaben die Informationen an die türkische Seite
weiter und wurden dann aufgefordert die Drohne an einen anderen Ort zu
steuern. Weitere Aufnahmen hätten jedoch Klarheit über die Identität der
Schmuggler verschaffen können“, so ein Verantwortlicher aus dem amerikanischen
Verteidigungsministeriums.
Die Verantwortung der USA sei aufgrund des wachsenden weltweiten Einflusses
sehr groß. Das Weiße Haus und der Kongress müssten sich die Frage stellen,
wie weit den Verbündeten bei einer unkontrollierten Weitergabe von Informationen
getraut werden könne. Das gelte insbesondere in Bezug auf die Drohnen,
heißt es in dem Artikel im Wall Street Journal.
Die Regierung Obama nutze diese fortschrittliche Technologie, um eine
sicherere und kostengünstige Form militärischen Handelns zu etablieren.
Zur Verringerung des Risikos für amerikanische Bodentruppen, würde eine
sehr Enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen regionalen Bündnispartnern
gesucht. In Pakistan und Somalia, wo die Regierungen nicht gegen Militante
vorgehen würden, stationieren die USA bewaffnete Drohnen und Sondereinheiten
um vermeintliche Terroristen zu töten. Im Jemen werden die Drohnenangriffe
dagegen von der Regierung genehmigt. In der Türkei, die eine moderne Luftwaffe
einsetzt, würden die von Drohnen gesammelten Informationen lediglich weitergegeben.
Auf jeden Fall fehle im letzteren Fall jegliche Kontrolle über den Umgang
des türkischen Militärs mit den Erkenntnissen. Da unterschiedliche Standards
und Einschätzungen in Bezug auf die Notwendigkeit einer etwaigen militärischen
Attacke bestehen können, sei die Weitergabe eine sehr heikle Angelegenheit,
so Entous und Parkinson. Auch der Republikaner Mike Rogers, Vorsitzender
des Geheimdienstausschusses stelle sich die Frage was passieren kann,
wenn unverantwortliche AkteurInnen derart sensible Informationen erhalten.
George Little, Pressesprecher des Pentagon sagte in Bezug auf das Roboski-Massaker:
„Diesen Vorfall kann ich nicht kommentieren. Die USA legen sehr großen
Wert auf eine funktionierende militärische Zusammenarbeit mit der Türkei.“
Seit 2007 liefern US Drohnen der türkischen Armee Informationen. Entscheidende
Personen im US-Kongress wollen verhindern, dass diese Technologie zu weit
verbreitet wird und kritisieren die türkischen Standards in Bezug auf
militärisches Eingreifen. Daher wollen sie einen Export der Drohnentechnologie
verhindern. Andere Kongressmitglieder würden gerne das militärische Bündnis
in den Vordergrund stellen und die Türkei mit Drohnen versorgen.
In dem Artikel lassen die beiden Journalisten auch Mitglieder der Familie
Encu, aus der die meisten Betroffenen des Massakers von Roboski stammen,
ausführlich zu Wort kommen. Deutlich wird dadurch das menschenverachtende
Vorgehen des Militärs, und dass die türkische Armee sich darüber bewusst
sein musste, dass es sich bei den von der Drohne Beobachteten um Schmuggler
handelte. Die zivilgesellschaftlichen Organisationen und die Hamburger
Delegation hatten bereits Anfang Januar anhand von Zeugenaussagen und
der Auswertung von Spuren festgestellt, dass das Militär bewusst Zivilisten
angriff. Türkische Abgeordnete hatten die Drohnenbilder ausgewertet und
berichtet, dass die Menschen eindeutig als Schmuggler zu erkennen waren.
Die örtliche Jandarma (Militärpolizei) war über jeden Gang der Schmuggler
informiert, da sie illegale Zollabgaben kassierte. Zudem nutzen Guerillas
keine großen Wege, wie die Schmuggler und bewegen sich nie in derart auffälligen
Gruppen mit Maultieren. Auch das muss den für den Einsatz Verantwortlichen
in Ankara bewusst gewesen sein.
Die Verantwortlichen türkischen Militärs hätten mehrere Anfragen des Wall
Street Journals nicht beantwortet. Auch der Innenminister und der Verteidigungsminister
waren nicht zu einer Stellungnahme bereit, beschreiben Adam Entous und
Joe Parkinson deren Verweigerungshaltung. Die Morde würden sich in jedem
Fall negativ auf einen Konsens über die geplante neue Verfassung sowie
eine Lösung der kurdischen Frage auswirken.
Ein ehemaliger hochrangiger Militär, der bis vor kurzem nachrichtendienstlich
mit der Türkei zusammen gearbeitet hatte, sagte, dass er und weitere Offiziere
des Öfteren sehr besorgt über die türkischen Standards bei der militärischen
„Zielauswahl“ gewesen seien. Türkische Offiziere hätten nicht selten,
nur weil sie der Ansicht waren, dass es sich bei Zielpersonen um Anhänger
der PKK handeln könnte, diese militärisch attackiert.
All das halte die Regierung Obama jedoch nicht davon ab weiterhin den
Plan zu verfolgen bewaffnete und unbewaffnete Drohnen an die Türkei zu
verkaufen, resümieren Entous und Parkinson.
Der Artikel bewirkte, dass der türkische Generalstab verlauten ließ, dass
die erste Aufklärung von türkischer Seite stattgefunden hätte und der
Artikel im Wall Street Journal nicht der Wahrheit entspräche.
Entous und Parkinson vermitteln eine relativ differenzierte Sichtweise
und lassen viele AkteurInnen zu Wort kommen. Das ist meines Erachtens
sehr positiv und hat u.a. dazu geführt, dass das Roboski Massaker erneut
öffentlich diskutiert wird. Die Journalisten haben dabei einige zentrale
Fragen aufgeworfen.
Nicht in Frage gestellt haben sie jedoch, ob militärische Interventionen
und die so genannte Terrorbekämpfung überhaupt geeignete Mittel sind Konflikte
zu lösen. Ausgeblendet wird auch die Taktik der Terrorzuschreibung als
Legitimation zur Durchsetzung eigener Ziele. Ob Militärattacken durch
Drohnen oder andere Formen der Aufklärung vorbereitet werden, ändert nichts
am Ziel – der Vernichtung menschlichen Lebens. Im gesamten Mittleren Osten
geht es dabei um die Durchsetzung geostrategischer Ziele und die Absicherung
von Macht sowie der Ressourcen Öl, Gas und Wasser. Die Ursache-Wirkung
Verhältnisse in Bezug auf die kurdische Frage werden nicht thematisiert
– oder selbstverständlich verkehrt herum vorausgesetzt. Dem entsprechend
thematisieren die beiden Journalisten auch nicht die jahrzehntelange Unterdrückung
der KurdInnen, die zunehmenden Menschenrechtsverletzungen und die kolonialpolitischen
Ausmaße des Konflikts.
Dem entsprechend sind auch die AkteurInnen nicht zu Wort gekommen, die
auf Frieden orientierte Lösungsvorschläge entwickeln – die BDP, die zivilgesellschaftlichen
Organisationen, die PKK und Abdullah Öcalan, sowie die politische Linke
in Europa, die sich in ihrem jeweiligen Rahmen für eine Demokratisierung
der Türkei, einen Friedensdialog zur Lösung der kurdischen Frage, einen
perspektivischen Aufarbeitungsprozess geschehenen Unrechts und die selbstbestimmte
demokratische Organisierung der Religions- und Bevölkerungsgruppen einsetzen.
Auch die Einordnung der Vorfälle in Roboski in den Kontext der zahlreichen
Kriegsverbrechen der türkischen Armee und den in den letzten Jahren zunehmenden
Menschenrechtsverletzungen wäre meiner Meinung nach eine sinnvolle Ergänzung,
um ein weitergehendes Verständnis für die Situation und eine Analyse der
Ausrichtung der Politik der AKP Regierung auf Gewalt, Feudalismus und
Autokratie entwickeln zu können.
22.05.2012, Martin
Dolzer
http://online.wsj.com/article/SB10001424052702303877604577380480677575646.html
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