| Eine
schwierige Phase – Über den Besuch von Mesut Barzani in der Türkei
Adil Bayram
Der Besuch des Präsidenten
der Autonomen Region Kurdistan, Mesut Barzani, vom19. bis zum 20. April
in unserem Land [Türkei] ist ein aktuelles und wichtiges Thema. Er hatte
sich mit allen staatlichen Stellen getroffen, so dass man sich fragt „Wie
weit ist er gekommen?“ Der Reihe nach hat er den Ministerpräsidenten Tayyip
Erdoğan, Außenminister Ahmet Davutoğlu, Staatspräsident Abdullah Gül und
abschließend die Co-Vorsitzenden der BDP getroffen. Die Treffen waren
pompös. In den Gesichtern spiegelten sich während der Begegnungen die
Verunsicherungen der schwierigen Phase wieder.
Es ist bekannt, dass der Präsident der Autonomen Region Kurdistan über
die USA und Europa nach Istanbul gekommen ist. Dass Barzani vor den Treffen
in Istanbul und Ankara die amerikanischen Vertreter getroffen hat, gab
seinem Besuch in der Türkei eine wichtigere Bedeutung. Und wie natürlich
MHP-Vorsitzende Devlet Bahçeli darauf aufmerksam machte, der Frühling
war gekommen!
Hinter verschlossen Türen führte die Führung der Region Kurdistan und
die Vertreter der türkischen Republik stundenlange Gespräche. Ohne Zweifel
können wir nicht alle Details wissen worüber sie gesprochen haben und
zu welchen Ergebnissen sie gekommen sind. Aber auch schon die Gesprächsthemen,
die an die Medien weitergegeben wurden, sind wichtig.
Schon vor dem Besuchsbeginn waren die Hauptthemen an die Medien durchgedrungen.
Der Reihe nach wurden die Situation der PKK, die Syrien-Frage und die
Entwicklungen im Irak genannt. Schließlich haben die Erklärungen gezeigt,
dass die Tagesordnung nicht anders war. Besonders deutlich wurde, dass
die Überwachung der Kurden in Syrien und die dortige Verhinderung der
PKK das Hauptthema war.
Es ist eine Realität, dass der kurdische Leader Mesut Barzani die USA
und Türkei in einer Zeit besucht, in der sich der Mittlere Osten in einer
schwierigen Phase befindet. Jeder kämpft gegen jeden, und jeder versucht
mit dem Anderen auszukommen. Die Region durchlebt aus der Sicht aller
düstere Tage und Monate. Das System, das durch den 1. Weltkrieg geschaffen
wurde, wird überwunden und die Region bildet sich Neu. Das zentrale Gebiet
ist Kurdistan, und das zentrale Problem ist die Kurdenfrage!
Auch wenn in dieser Frage der Iran, Irak und Syrien Probleme haben, liegt
das eigentliche Gewicht auf der Türkei, denn die Hälfte aller Kurden lebt
innerhalb der Grenzen der Republik Türkei. Die Republik Türkei verleugnet
die Kurden, und auch die AKP-Regierung verhält sich in dieser Frage nicht
wirklich anders. Sie hat die Kurdenfrage auch nicht durch die Überwindung
der Verleugnungspolitik lösen können. Im Gegenteil, während sich der Mittlere
Osten neu formiert, zeigt sich die Kurdenfrage in all ihren Ausmaßen und
ihrem Gewicht. Und erst wegen dieser Frage existiert die PKK und kämpft.
Trotz aller Angriffe mit den unterschiedlichsten Methoden konnte sie nicht
aufgelöst werden. Der Winter ist vorbei, der Frühling ist gekommen und
es geht auf den Sommer zu.
Der AKP-Regierung geben die Ausweitungen der PKK-Aktionen zu denken, und
sie sucht darum nach neuen Wegen. Und dies ist der eigentliche Grund für
die pompöse Begrüßung von Mesut Barzani. Also die Suche nach der Antwort
zu der Frage: „Wie kann ich die PKK verhindern oder wie kann ich sie hinhalten?“
Es ist erkennbar, dass sie die PKK „lenken“ will. Natürlich will nicht
nur die AKP irgendjemanden lenken. Auf ähnliche Weise will die USA den
Iran lenken. Dieser soll bis zu einem möglichen Angriff nach den Wahlen
nicht aktiver werden. Und natürlich versucht auch der Iran, jemanden zu
lenken. Er versucht Syrien zu lenken, um so die derzeitige Situation auszudehnen,
damit die USA in Syrien in eine Sackgasse gerät und nicht den Iran angreifen
kann.
Es wird erkennbar, dass die AKP-Regierung versucht, mit zwei Mitteln gegen
die PKK anzukommen. Das erste Mittel ist die Drohung mit den USA [Die
USA unterstützt die Türkei diplomatisch und militärisch im Kampf gegen
die PKK], und das zweite Mittel ist die mögliche Einbindung der KDP, um
diplomatischen Druck gegen die PKK zu erzeugen. [Statt einer demokratisch
friedlichen Lösung soll durch die Einbindung der KDP die PKK hingehalten
und möglichst vom bewaffneten Kampf abgehalten werden]. Ministerpräsident
Tayyip Erdoğan trifft sich alle paar Monate mit der USA-Führung und versucht
mit der Aussage „die Unterstützung der USA hält an“, die PKK einzuschüchtern.
Und die Schlüsselfigur dieses Druckes und der Hinhaltetaktik ist dann
die KDP. Dies ist auch der Hauptaspekt für den letzten Besucht des Kurdenführers
Mesut Barzani in der Türkei.
Und die Erklärungen im Anschluss an die Treffen unterstreichen dies. Ministerpräsident
Tayyip Erdoğan ruft von Katar aus die PKK auf: „Leg die Waffen nieder,
die Operationen werden gestoppt!“ Der Ministerpräsident sagt damit offen:
„Wenn die Waffen niedergelegt werden, wird der Staat die militärischen
Operationen beenden." Dies kann als offener Aufruf gesehen werden.
Wobei diese Aussage des Ministerpräsidenten nicht neu ist: Wenn die PKK
keine bewaffneten Aktionen machen würde, würde der Staat keine militärischen
Operationen durchführen. Das Militär wird ja nicht umsonst in die Berge
geschickt und strapaziert!
Diese Auffassung kann noch weiter vorangetrieben werden. Wenn die Kurden
keine Freiheit fordern würden und keinen Widerstand leisten würden, gibt
es für die AKP-Regierung keine Kurdenproblematik! Dieser so offen und
wichtig scheinende Aufruf des Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan sagt
in Wirklichkeit nichts aus. Es gibt auch nichts Neues zur Verleugnungs-
und Vernichtungspolitik. Legt die Waffen nieder, dann gibt es keine Operationen!
Fordert keine Freiheit und dann gibt es keine Repressionen. Wenn ihr nicht
an sie denkt, dann gibt es keine Kurdenfrage! Dies sind die knappen Worte
des Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan. Es ist der Versuch, den Kurden
den Tod zu zeigen, damit sie sich mit der Malaria zufrieden geben. Es
ist ersichtlich, dass mit diesen Worten die Verleugnungs- und Vernichtungspolitik
an den Kurden verdeckt verteidigt wird. Die AKP-Regierung versucht also
nicht, die Kurdenfrage neu und lösungsbringend anzugehen. Sie will die
PKK hinhalten und lenken, und dafür will sie die KDP benutzen. Und bisher
hat sie auch nur das getan. Es gibt also an der Front nichts Neues!
Noch interessanter sind die an die Medien weitergegeben Aussagen im Namen
des Kurdenführers Mesut Barzani. Er sagt: „Ich habe der PKK nicht gesagt,
dass sie die Waffen niederlegen soll.“ Er hält es für notwendig, die in
die Medien durchgedrungen Informationen im Anschluss an die Treffen im
Winter zu korrigieren. Er hat also die in den Artikel geschriebenen Punkte
nicht geschafft. Er hat die Forderungen an ihn bzw. die Erwartungen nicht
erfüllen können. Mesut Barzani erklärt: „Die Zeit des bewaffneten Widerstands
ist vorbei, der bewaffnete Widerstand wird die Kurden nicht gewinnen lassen.“
Von Zeit zu Zeit erwähnt er dies. Aber obwohl er schon oft mit der AKP-Regierung
Gespräche geführt hat, schafft er es als Kurdenführer nicht, für die Lösung
der Kurdenfrage eine bestimmte Politik hervorzubringen. Und durch diese,
gegen die PKK gerichteten Erklärungen, schafft er bei den Kurden keine
Glaubwürdigkeit.
Nehmen wir mal an, die Politik der PKK sei falsch und hätte keinen Nutzen!
Welche Politik, die nützlich ist und eine Lösung bringen könnte, wäre
dann richtig? Wäre es nicht notwendig, dass Mesut Barzani oder andere
vergleichbare Personen das in den Mittelpunkt stellen und in die Praxis
umsetzen sollten? Sollte er nicht, da er mit der Regierung zusammenkommt,
eine Lösung für die Kurdenfrage finden? Aber es ist nicht so. Achtet man
darauf, dann sieht man, dass die PKK nur kritisiert wird, aber kein anderer
wirklicher Lösungsweg aufgezeigt wird. Das führt dahin, dass zur Politik
der PKK in der Kurdenfrage keine Alternative besteht.
In den Medien taucht der Satz auf: „Wenn sie die Waffen nicht niederlegen,
können sie nicht in ihren Gebieten bleiben“. Das soll Mesut Barzani gesagt
haben. Es ist natürlich nicht wirklich klar, ob Barzani dies wirklich
gesagt hat oder nicht. Vielleicht ist das der Wunsch derjenigen, die diese
Nachricht gemacht haben. Es ist jedoch eine Realität, dass die PKK nicht
im Schutz anderer in ihren gegenwärtigen Orten steht, und dass sie trotz
mehrfacher Versuche nicht von diesen Orten entfernt werden konnte. Die
Führungskräfte der KDP selbst haben dies mehrfach erklärt.
Abschließend wird sichtbar, dass der wichtige Diplomatenverkehr zu keinem
erfolgreichen Ergebnis gekommen ist. Zweifellos will man als Mensch bei
diesem Thema falsch liegen. Eine demokratische Lösung der Kurdenfrage
ist nur von Nutzen für die Türkei und die Kurden. Doch dafür ist eine
demokratische Einstellung und eine demokratische Politik notwendig. Von
der AKP-Front spiegelt sich nur wieder, dass diese demokratische Einstellung
und Politik nicht vorhanden ist. Die AKP versucht immer noch mit der Hinhaltepolitik
die schwierige Phase zu überwinden. Jedoch es ist richtig, dass die weitere
Fortführung dieser Politik am schwierigsten ist. In dieser Situation können
weder die Führungskräfte der USA noch der KDP die AKP retten.
Es bleibt der AKP-Führung nichts anderes übrig, als sich zu sammeln und
ein bisschen demokratisch und willensstark zu sein. Aber wird die AKP-Führung
dies sein können?!..
Özgür Gündem 23.04.2012, ISKU
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