| „Die
Waffen der PKK und die Rechte der Kurden“
Filiz Koçali, Stellvertretende
Co-Vorsitzende der BDP und Kolumnistin der Tageszeitung Özgür Gündem
Manchmal beziehen
PolitikerInnen, KolumnistInnen und sämtliche „ExpertInnen“ bei einem Vorfall
Stellung, wobei ich mir erstaunt die Frage stellen muss, ob wir im selben
Land leben, oder die Worte eine andere Bedeutung haben könnten.
Die Erklärung des Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan, dass wenn die PKK
die Waffen niedergelegen würde, es auch keine militärischen Operationen
mehr geben würde, wird auf einmal als ein großer Schritt gefeiert. Um
Gottes willen, gibt es in der Erklärung des Ministerpräsidenten eine neue
Erkenntnis oder einen neuen Schritt?
Soll er denn auch noch gegen diejenigen militärische Operationen durchführen,
die die Waffen niederlegt haben? Stellen sie sich vor, die PKK hätte die
Waffen niedergelegt – es ist noch nicht mal klar, wo diese Waffen niederlegt
werden könnten –, aber nehmen wir es einmal an, dass die PKK die Waffen
niedergelegt hat und das unter der AKP-Kontrolle stehende türkische Militär
macht sich mit dem Schlachtruf „Allah, Allah“ auf den Weg in die Kandil-Berge,
um die PKKler zu erschießen, die die Waffen niedergelegt haben. Wem wollen
sie das erklären? Gegen die PKK, die die Waffen niedergelegt hat, sollen
Operationen durchgeführt werden?
Gehen wir doch an den Punkt, bzw. hinter diesen Punkt zurück, an dem wir
angefangen haben. Haben wir nicht darüber diskutiert, wie „die Bedingungen
in unserem Land beseitigt werden können, die die PKK zu dem bewaffneten
Kampf geführt haben“? Auch wenn wir das nicht alle gemeinsam diskutiert
haben, auch wenn manche gesagt haben: „Mit Terroristen können wir nicht
verhandeln, sie können nur umgebracht werden“ und sich damit aus den Diskussionen
herausgehalten haben, aber zumindest diejenigen, die eine Lösung der kurdischen
Frage anstreben, müssen dies doch diskutiert haben oder?
Nun, gibt es in den Worten des Ministerpräsidenten zu der Beseitigung
„der Bedingungen, die die PKK zu dem bewaffneten Kampf geführt haben“
einen Hinweis? Hat sich die PKK denn bewaffnet, weil gegen sie militärische
Operationen durchgeführt wurden?
Ach ja, eine solche These gibt es. „Als die PKK sich bewaffnet hat, gab
es Verleugnung, die Kurden wurden verleugnet, aber jetzt wird die kurdische
Identität anerkannt.“ Hättet ihr doch die Identität nicht anerkannt. Nach
solchen Opfern, wo sogar ein Dreijähriger selbstbewusst sagen kann „Ich
bin Kurde“, wo angrenzend [an die Türkei] die „Regionale Kurdische Verwaltung“
existiert und an der Grenze „Herzlich Willkommen in Kurdistan“ steht,
wie wollt ihr die kurdische Identität noch leugnen?
Für die Anerkennung reicht es nicht zu sagen: „Freilich gibt es Kurden“.
Der Weg der Anerkennung der kurdischen Identität geht über die Anerkennung
der Kurden als ein Volk und um die Anerkennung der Rechte der Kurden.
Auch diejenigen, die sich an die nichtssagenden Worte des Ministerpräsidenten
wie an ein Rettungsboot klammern, wissen genau, dass die PKK die Waffen
nicht wegen der Worte, dass die militärischen Operationen eingestellt
werden, niederlegen werden. Dies reicht lediglich, um das Boot ein wenig
in Bewegung zu bringen.
Allen Ernstes, sollte es eine/n geben der/die daran glaubt, die Waffen
auf der Müllhalde der Geschichte zu begraben, die/der sollte an die Regierung
die folgenden Fragen stellen, anstatt sich an die These „die Verleugnung
ist beendet“ zu klammern:
Wie stehen Sie dazu, dass die kurdische Sprache nicht nur ein Wahlfach
sondern Bildungssprache sein sollte? Werdet Ihr, genau wie bei den türkischen
Kindern, die ihre Muttersprache von der Wiege an lernen können, auch für
die kurdischen Kinder eine solche Möglichkeit auf die Beine stellen?
Nicht nur für die Kurden, aber vor allem für die, werdet Ihr die Türkei
in ein föderales System, indem die lokalen Strukturen gestärkt werden,
ändern? Werden die Regionen die Entscheidungen, die sie allein betreffen,
selbst entscheiden dürfen?
Werden die kurdischen Städte weiterhin die ärmsten bleiben?
Werdet Ihr die rassistischen und nationalistischen Knospen, die ihr im
Westen ausgestreut habt, wieder zerstören?
Werdet Ihr die Barrikaden, die eine politische Partizipation der Kurden
behindern, aufheben? Was wird aus den Gesetzen des TMK (Antiterror-Gesetz)
und des TCK (Türkisches Strafgesetzbuch)?
Wie wird die politische und gesellschaftliche Integration einer PKK, die
die Waffen niedergelegt hat, und die des geehrten Herrn Öcalan gestaltet
werden?
Wie gedenkt Ihr die Wunden, die ihr bei den Kindern, Jugendlichen und
Alten verursacht habt, zu schließen. Werdet Ihr Euch mit den vor Euch
stattgefundenen und von Euch verursachten Morden auseinandersetzen?
“Der Mensch ist erst mit den Menschenrechten ein Mensch” ist der Ausdruck,
den wir bei dem Kampf um Menschenrechte als erstes gelernt haben. Werdet
bescheiden, dreht nicht die Worte und erzählt von den Rechten der Kurden.
Der Weg, die Waffen für alle Zeit zum Schweigen zu bringen, führt darüber.
Seid Euch darin sicher.
Quelle: Özgür Gündem,
25.04.2012, ISKU
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