Türkisches Militär greift Häuser und Bevölkerung in Şemzînan an

Nach einer großangelegten Guerillaaktion gegen die Polizeidirektion und die Jandarma-Kommandantur in der nordkurdischen Stadt Şemzînan (Şemdinli) kam es zu kriegerischen Angriffen des türkischen Militärs auf die Zivilbevölkerung. Mindestens drei Zivilisten wurden dabei vom Militär getötet.
Am 11.09.11 gegen 22:00 Uhr begann die kurdische Guerilla mit Angriffen auf die außerhalb der Stadt gelegenen militärischen Anlagen. Die Gefechte dauerten bis in die Morgenstunden des 12.09.11 an. Während außerhalb der Stadt schwere Gefechte stattfanden, griffen türkische Soldaten in der Kleinstadt die Zivilbevölkerung teilweise mit schweren Waffen an. Unter anderem wurde das Feuer auf eine Hochzeitsfeier im Stadtzentrum vor dem Rathaus eröffnet, dabei starb der 17-jährige Osman Erbaş eine weitere Person wurde verletzt und schwebt im Moment in Lebensgefahr. Osman Erbaş verstarb, nachdem er stundenlang auf einen Krankenwagen warten musste, der vom Militär aufgehalten worden war. Vor dem Gebäude der Stadtverwaltung steckte am 12.09. immer noch eine nichtdetonierte Mörsergranate in der Wand.
Aus der Stadt selbst berichtet eine am 12.09.11 eingetroffene Delegation aus MenschenrechtlerInnen des IHD und Abgeordneten der linken, prokurdischen Friedens- und Demokratiepartei BDP: „… es gibt es kein Haus, dass nicht von Kugeln getroffen worden ist. … Şemzînan ist wie ein Kriegsgebiet.“
Die Delegation beobachtete vor allem auch schwere Schäden an den Häusern der Stadtverwaltung und dem Rathaus. Die Militärs benutzten beim Beschuss der Häuser in Şemzînan nicht nur Sturmgewehre, sondern auch Raketen und Granaten. Das Haus des Buchhändlers Seferi Yılmaz wurde unter besonders schweren Beschuss genommen. Paramilitärische Kräfte des türkischen Staates hatten schon 2005 einen Anschlag auf seine Buchhandlung verübt, wobei sein Arbeitskollege verstarb, er aber entkommen konnte. Die Tätet wurden vom türkischen Generalstabchef damals nach der Tat „als gute Jungs, die ich sehr gut kenne“ bezeichnet. Nun wurde das Haus dieses Aktivisten in offensichtlicher Mordabsicht mit schweren Waffen angegriffen, alle Scheiben sind zersplittert, überall finden sich Einschüsse und zwei nichtdetonierte Mörsergranaten stecken im Dach.
Die Delegation besuchte auch das Dorf Şapatan, in dem zwei Brüder vom türkischen Militär getötet worden waren. In der Umgebung des Dorfes lagen unzählige Mörsergranaten herum, die von der Jandarma-Kommandantur auf das Dorf abgefeuert worden waren. Nach Augenzeugenangaben wurden gezielte Artillerieschüsse aus der Jandarma-Kommandantur auf das Dorf abgegeben. Zuvor war es mehrfach mit Heron-Drohnen überflogen worden, nach Aussagen der Zeitung Yüksekovahaber wurden dabei ihre Koordinaten festgestellt, um sie gezielt zu bombardieren.
Die BDP-Abgeordnete von Colemêrg (Hakkari) Esat Canan erklärte bei einer kurzen Ansprache nach Abschluss der Untersuchung im Dorf: „In Şemzînan haben wir ein unmenschliches Ereignis erlebt. Der Verantwortliche dafür ist Premierminister Erdoğan und die AKP. Er hatte erklärt ‚Die Zeit der Worte ist jetzt vorbei‘. Gestern Nacht gab es ein schweres Verbrechen. Im Stadtzentrum wurden schwere Waffen benutzt. Es gibt kein Haus, das nicht zum Ziel der Waffen geworden ist.“
Die Übergriffe stellen eine Qualität von Angriffen des türkischen Militärs dar, wie sie nach Aussagen des Bürgermeisters von Şemzînan Sedat Töre „noch nicht erlebt worden ist.“
Der türkische Staat setzt schon seit einiger Zeit auf eine „Lösung“ nach tamilischem Muster, das heißt durch Vernichtung jeglichen Widerstands. Bislang konnte das Militär allerdings gegen die kurdische Guerilla kaum Erfolge verzeichnen – anstatt festzustellen, dass der Konflikt militärisch nicht zu lösen ist, geht der türkische Staat deshalb immer stärker zu Angriffen auf die Zivilbevölkerung über. Diese Strategie wurde schon in den 90er Jahren erfolglos angewandt, als über 4000 kurdische Dörfer vom türkischen Militär zerstört wurden. Auf eine Reaktivierung dieser Terrorstrategie weist auch das Bombardement von Hunderten kurdischen Dörfern in der Kandilregion hin. Aufgrund dessen wurden in den letzten zwei Monaten über Hundert Dörfer unbewohnbar gemacht, die Bevölkerung befindet sich auf der Flucht. Etliche ZivilistInnen wurden getötet. Die Angriffe auf die Bevölkerung in Şemzinan scheinen den nächsten Schritt dieser Eskalationsstrategie darzustellen.

Quelle: ANF, DIHA, Yuksekovaguncel, 12.09.2011, ISKU

ISKU | Informationsstelle Kurdistan