| KCK:
Einseitige Bemühungen für den Frieden führen zu keinem Ergebnis
QANDİL - Der KCK-Exekutivrat
veröffentlichte in einer schriftlichen Erklärung, dass die einseitigen
Waffenstillstände und die Gespräche mit dem Vorsitzenden Abdullah Öcalan
auf der Gefängnisinsel Imrali momentanen Bedingungen keinen Beitrag zur
Lösung leisten.
Die KCK (Koma Civakên Kurdistan, Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistan)
erklärte: „Die AKP-Regierung hat die militärischen Auseinandersetzungen
bei der Silvan-Operation zum Anlass genommen, um eine, nach ihren Worten,
neue Strategie einzuschlagen und eine neue Angriffsphase gegen uns einzuleiten.
Daher ist die AKP-Regierung verantwortlich für mögliche negative Entwicklungen.“
Die Erklärung des
KCK-Exekutivrates lautet wie folgt:
„Am 27. Juli 2011 hat der Vorsitzende unserer Bewegung Abdullah Öcalan
über seine Anwälte verlautbaren lassen, dass er sich als Vermittler zwischen
Staat und PKK zurückziehen werde. Dies zeigt, dass die kurdische Frage
und deren Lösung eine neue Dimension angenommen hat.
Unser Vorsitzender Apo war seit zwölf Jahren unter seinen Isolationsbedingungen
niemals ein Hindernis für die Suche nach einer Lösung. Ganz im Gegenteil,
er hat trotz seiner äußerst geringen Möglichkeiten große Bemühungen aufgebracht,
um seiner Rolle in einem möglichen Lösungsprozess gerecht zu werden. Er
war stets bemüht, eine Grundlage für die demokratische Lösung der Frage
aufzubauen.
Unser Vorsitzender hat seit 1993 mehrfach einen einseitigen Waffenstillstand
ausgerufen. Die Waffenstillstände waren wichtige Gelegenheiten für den
Frieden und die Lösung der kurdischen Frage. Allerdings hat der türkische
Staat weiterhin auf seiner Verleugnungs- und Vernichtungspolitik beharrt
und diese wertvollen Gelegenheiten somit in den Sand gesetzt. Trotzdessen
hat unser Vorsitzender weiter große Bemühungen aufgebracht, damit die
Phase der Waffenruhe aufrecht erhalten wird und die Guerilla sich möglichst
aus militärischen Auseinandersetzungen heraushält. Er hat versucht, unsere
Bewegung, unser Volk und die demokratische Öffentlichkeit für einen friedlichen
Lösungsprozess sensibel zu stimmen. Ebenso sehr hat er versucht, auch
den Staat für eine Lösung zu sensibilisieren.
Anstelle sich der Haltung unseres Vorsitzenden positiv anzunähern, hat
die AKP-Regierung eine gegenteilige Politik verfolgt. Sie hat unsere Haltung
als Schwäche ausgelegt. Sie versucht den Vorsitzenden von unserer Bewegung
zu isolieren und dadurch unsere Bewegung zur Resignation und Aufgabe zu
zwingen. Das Erdoğan-Bush-Treffen vom 05. November 2007 in Washington
stellt für diese Entwicklung den Ausgangspunkt dar. Infolge dieses Treffens
begannen die Luftangriffe auf unsere Stellungen und der Zap-Krieg. Dies
macht deutlich, welch gefährlicher Beschluss bei diesem Treffen gefallen
ist. Unsere Bewegung sollte von nun an mit aktiver Unterstützung der NATO
liquidiert werden. Zur gleichen Zeit wurde in den Metropolen eine Lynchjustiz
gegen die kurdische Zivilbevölkerung, als Teil der Politik des politisch-kulturellen
Genozids, bewusst angestachelt.
Unser Vorsitzender hat, um einen Ausweg aus der Phase der Lösungslosigkeit
zu finden, im August 2009 den Vertretern des türkischen Staates eine Roadmap
für den Frieden übergeben. Der Staat hat allerdings diese Roadmap beschlagnahmt
und der Öffentlichkeit vorenthalten. Dadurch sollten Diskussionen in der
Öffentlichkeit um eine Lösung der Frage unterbunden werden. Anstelle dessen
sollte das Projekt der ‚nationalen Einheit‘ der Regierung umgesetzt werden,
welche unsere Eliminierung zum Ziel hatte. Infolge dessen wurden die militärischen
und politischen Operationen gegen uns weiter verstärkt.
Gegen die Angriffe und Operationen des türkischen Militärs hat unsere
Bewegung am 01. Juni 2010 ihre Phase der Aktionslosigkeit [einseitige
Waffenruhe] unterbrochen. Dadurch ist die dringende Notwendigkeit einer
Lösung wieder in die Köpfe der Menschen vorgedrungen. Der Staat sah sich
gezwungen mittels einer offiziellen Delegation direkte Gespräche mit unserem
Vorsitzenden aufzunehmen.
Mit dem Ziel diese Gespräche in eine Phase der Verhandlungen zu transformieren,
hat der Vorsitzende beide Seiten zur Ausrufung eines Waffenstillstandes
aufgefordert. Wir sind am 13. August 2010 dieser Aufforderung mit der
Hoffnung auf eine friedliche Lösung gefolgt. Im Mai 2011 hat schließlich
unser Vorsitzender der Delegation zum Zwecke des Überganges in die Verhandlungsphase
drei Protokolle übergeben. Nach Angaben der Staatsdelegation hätte die
Regierung nach den Wahlen vom 12. Juni 2011 auf diese Protokolle eingehen
müssen, allerdings hat die AKP-Regierung bis dato keinen derartigen Schritt
getan.
Anstelle dessen hat die Regierung offen unter Beweis gestellt, dass sie
weiterhin an ihrer Verleugnungs- und Vernichtungspolitik festhalten will.
Die Operationen des türkischen Militärs wurden ohnehin seit der Ausrufung
unseres einseitigen Waffenstillstands am 13. August 2010 zu keiner Zeit
gestoppt. Ganz im Gegenteil, die politischen und militärischen Operationen
wurden verstärkt fortgeführt, bei Polizeiangriffen wurden Dutzende Frauen
und Jugendliche ermordet und Tausende festgenommen. Unsere Guerillakräfte
haben zudem größere Verluste zu verzeichnen gehabt als in anderen Phasen.
Alleine seit März sind 51 Mitglieder unserer Guerilla getötet worden.
Die hohen Verluste des türkischen Militärs am 14. Juli in Silvan sind
ein Ergebnis der verstärkten Operationen des Staates. Die Erdoğan-Regierung
erklärte als Reaktion auf diese Auseinandersetzungen in Silvan, dass sie
mit einer neuen Strategie eine erneute Angriffsphase beginnen wolle. Deshalb
steht außer Frage, dass die Regierung alleiniger Verantwortlicher von
möglichen negativen Entwicklungen sein wird.
Das Ziel unseres Vorsitzenden bei seinen Gesprächen mit dem Staat war,
einen friedlichen Prozess für eine Lösung im Sinne der Völkerfreundschaft
einzuleiten. Allerdings haben die Entwicklungen deutlich gemacht, dass
die einseitigen Waffenstillstände und die Gespräche mit unserem Vorsitzenden
unter diesen Bedingungen für eine Lösung nicht ausreichen. Daraufhin hat
unser Vorsitzender erklärt, dass er sich zurückziehen werde, da unter
den gegebenen Umständen keine Situation bestehe, die das Projekt einer
demokratischen Lösung einschließlich einer neuen demokratischen Verfassung
vorantreiben könne.
Um den aktuellen Knoten bei der kurdischen Frage zu lösen, muss unser
Vorsitzender Apo als Verhandlungspartner akzeptiert werden. Damit er hierbei
seiner Rolle gerecht werden kann, müssen Bedingungen geschaffen werden,
bei denen seine Gesundheit, seine Sicherheit und seine Bewegungsfreiheit
gesichert sind. Die zwölf Jahre Isolationshaft auf Imrali und insbesondere
die letzten zwei Jahre haben nochmals unter Beweis gestellt, dass es zu
keiner Lösung kommen kann, ohne dass unser Vorsitzender zur Freiheit gelangt.
Der Staat muss sich bei der kurdischen Frage von seinen Gewalt-, Unterdrückungs-
und Vernichtungspolitik befreien und deutlich machen, dass er für eine
demokratische verfassungsrechtliche Lösung einsteht. Andernfalls werden
gemachte Versprechungen von Seiten des Staates an das kurdische Volk oder
unsere Bewegung keinerlei Überzeugungskraft bekommen.
Quelle: ANF, 05.08.2011,
ISKU
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