| Faschistische
Angriffswelle auf KurdInnen und ihre Organisationen
Die türkische Regierung und
die türkischen Medien steigerten ihre Hetze gegen die kurdische Bevölkerung
und die linke, prokurdische Partei BDP weiter, nachdem bei einem Gefecht
am 14.07.11 in Amed (Diyarbakır)/ Farqîn (Silvan) mindestens 18 türkische
Soldaten und zwei kurdische Guerillas ums Leben kamen. Obwohl es deutliche
Hinweise und Augenzeugenberichte gibt, dass die Soldaten durch Bomben
aus türkischen Bombern getötet wurden, nutzt der türkische Staat die Situation,
um nationalistische Stimmung im Land weiter anzuheizen.
Neben Erdoğan griff auch der türkische Parlamentspräsident Cemil Çiçek
zur Hetze, „Jeder soll jetzt seine Haltung klar deutlich machen. Entweder
man ist auf der Seite der Demokratie oder auf der, die Blut und Hass versprühen.“
Kurz darauf setzten türkische Nationalisten u.a. das Gebäude der BDP in
Ankara in Brand. Es kam am 15., 16. und 17.07.11 in vielen Regionen der
Türkei zu Angriffen und Pogromen gegen KurdInnen bzw. ihre RepräsentantInnen.
Besonders betroffen waren u.a. Ankara, Gemlik, Ankara, Bursa, İstanbul,
Aydın, Konya, Üsküdar, Ümraniye, Mersin, Sakarya, Kocaeli, Xarpêt (Elazığ),
Erzirom (Erzurum) und Meletî (Malatya).
An vielen Orten versuchten türkische Nationalisten BDP-Büros zu stürmen.
Teilweise wurden die Büros verwüstet und in Brand gesteckt. Vielerorts
wurden Mitglieder der BDP von Zivilfaschisten oder der Polizei verletzt.
Auf einem internationalen Festival in Istanbul wurde die kurdische Sängerin
Aynur Doğan mit faschistischen Parolen beschimpft und mit Flaschen beworfen,
weil sie Lieder in kurdischer Sprache sang. Faschistische Terrorgruppen,
wie die Türkischen Rachebrigaden (TIT) auf deren Rechnung etliche Massaker
gehen, verschickten Droh-E-Mails an linke Zeitungen. Sie kündigten Anschläge
in Amed (Diyarbakır) und anderen Städten unter der Parole „Entweder Türke
oder tot“ an.
ERZIRUM/TRABZON/IZMIR – LYNCHANGRIFFE
AUF KURDINNEN
In Izmir/Germencik belagerte ein Mob von 1500–2000 Personen kurdische
Arbeiter in einem Hotel. Die Menge setzte sogar Schusswaffen ein, dabei
wurden drei der Arbeiter verletzt, zwei von ihnen schwer. Trotz andauernder
Anrufe bei Polizei und Jandarma, erschien acht Stunden lang nur eine Einheit
der Jandarma, die sich darauf beschränkte, mit den Angreifern Tee zu trinken.
Die Ereignisse wurden auf Video dokumentiert und stehen der Nachrichtenagentur
DIHA zur Verfügung.
Weiterhin kam es am 17.07. in Erzirum zu einem Angriff auf kurdische Saisonarbeiter.
Einer der Arbeiter wurde verletzt. Die Stimmung in der Stadt Erzirum ist
extrem nationalistische aufgeladen, so dass etwa 200 kurdische SaisonarbeiterInnen
um ihr Leben bangen müssen und deshalb ihre Unterkünfte nicht mehr verlassen
können. Auf offener Straße wurden in den letzten Tagen mehrfach KurdInnen
angegriffen und dabei von vielen LadenbesitzerInnen unterstützt.
Auch in Trabzon wurden kurdische ArbeiterInnen von einer etwa 200-köpfigen
Gruppe unter Parolen wie „Hier ist Trabzon, hier gibt es keinen Platz
für PKKler“ angegriffen, weil sie bei der türkischen Nationalhymne, die
bei der Eröffnung eines Parks gespielt worden war, nicht aufgestanden
waren. Einer der Angegriffenen erklärte:
„Während der Park eröffnet wurde, saßen wir in einem Lokal und haben gegessen.
Da spielen sie den Istiklal Marsch. Weil wir aßen, standen wir nicht auf.
Dann kam eine Person zu uns und sagte: `Warum seid ihr nicht aufgestanden,
ihr seid alles PKKler. Hier gibt es keinen Platz für PKKler und auch keinen
Weg raus, hier ist Trabzon´, dann riefen sie `Verflucht sei die PKK‘.
Nach ein paar Minuten hatten sich hunderte versammelt und griffen uns
an. Wir konnten uns nur schwer aus ihrem Griff befreien und flohen in
ein kurdisches Kaffee. Wir haben hier keine Überlebenssicherheit, morgen
wenden wir uns an Polizei und Gouverneur.“
ANGRIFF AUF BDP-BÜRO IN ISTANBUL
Das Kreisbüro der BDP von Istanbul wurde am 17.07. von Faschisten zusammen
mit zivilen und uniformierten Polizeikräften angegriffen. Der Mob zog
umher, fragte einzeln Menschen, ob sie KurdInnen seien, bedrohten und
schlugen diese. Ein Augenzeuge berichtet:
„Wir sind gerade aus dem Haus einen Freundes Richtung Taksim aufgebrochen.
Als wir am BDP-Gebäude vorbeikamen, befand sich dort eine Menschenmenge.
Der Weg, den wir gehen wollten, war von der Bereitschaftspolizei blockiert,
deswegen entschieden wir uns auf einer anderen Straße, hinter dem Polizeirevier
vorbeizulaufen. Plötzlich tauchte eine in türkische Fahnen gekleidete
6–7-köpfige Gruppe auf. Sie riefen `Wo seid ihr Bastarde Apos?´ Sie drehten
die Menschen einzeln um und fragten sie, ob sie Kurden seien. Ich reagierte
darauf und es kam zu einer Auseinandersetzung. Sie hauten ab. Als wir
vom BDP-Gebäude her rassistische Parolen hörten, drehten wir sofort um.
Davor stand eine Gruppe von etwa 50 Personen mit Knüppeln und Dönermessern
bewaffnet. Unter ihnen befanden sich uns bekannte Zivilpolizisten aus
dem Viertel, ausgestattet mit Funkgeräten. Sie lachten und klopften den
Rassisten auf die Schulter, sie führten sie offensichtlich an … Als sie
sich uns näherten, griffen wir zu Steinen. Da tauchte die Bereitschaftspolizei
auf. Aus etwa 30m Entfernung wurde eine gezielte Gasgranate auf mich abgeschossen.
Wenn ich nicht meinen Kopf gebeugt hätte, wäre mein Gesicht zerfetzt worden.
Vom Blut war mein T-Shirt auf einmal knallrot.“
Der Mob griff das BDP-Büro mit Steinen an, und die Polizei schoss auf
anwesende BDPlerInnen mit Gasgranaten, während sie die Menge entfernten.
Danach riegelten sie das BDP-Gebäude ab.
Die Abgeordnete der BDP aus Îdir (Iğdır), Pervin Buldan, die ebenfalls
bei dem Angriff auf das BDP-Büro in Istanbul/Beyoğlu von einer Gasgranate
der Polizei verletzt worden war, erklärte zu den Angriffen: „Nach den
Kämpfen in Silvan wurden unsere Parteibüros und unsere Bevölkerung zum
Ziel gemacht. Etliche unserer Parteigebäude wurden zerstört, etliche Menschen
aus unserer Bevölkerung wurden verletzt. Premierminister Erdoğan, der
unsere zum Frieden ausgestreckte Hand nicht ergreift, ist der einzige
Verantwortliche für den Krieg, der diesem Land jeden Tag näher kommt.“
Quellen: ANF, DIHA,
18.07.2011
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