| Karayilan:
Macht die kurdische Frage nicht zum Spielball!
HALIT ERMIŞ –ANF
KANDIL – Murat Karayilan, KCK-Exekutivsratvorsitzender,
im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Firat (ANF).
ANF: Die kurdische
Bevölkerung aus allen Teilen Kurdistans beteiligte sich an den demokratischen
Protesten zum 15. Februar. Wie bewerten sie die Aktionen in diesem Jahr?
Karayilan: Die Bevölkerung
aus Kurdistan hat am elften Jahrestag des internationalen Komplotts mit
großer Beteiligung protestiert. Die Proteste dieses Jahres waren qualitativ
wie auch quantitativ von hohem Niveau. Der türkische Staat hat seit dem
April letzten Jahres viele Angriffe auf politischer und gesellschaftlicher
Ebene durchgeführt. Es ist sehr wichtig, dass unser Volk, trotz der 1500
Festnahmen, so organisiert protestiert hat. Denn das wichtigste Ziel des
türkischen Staates ist die politische Liquidation, die Erdrückung des
kurdischen Volkes, damit es nicht reagieren kann.
Aber unsere Kader und unser Volk reagierten mit Verantwortung und sehr
sensibel. Es ist eine sehr starke Haltung, sich den Aufständen anzuschließen,
ohne Angst vor Festnahmen und Verhaftungen zu haben. Das Ziel des Staates
haben wir ja mehrmals genannt. Aber die Tatsache, dass der Platz jeder
Person, die verhaftet wurde, von zahlreichen anderen eingenommen wurde,
ist sehr bedeutend. Dies zeigt, dass auch 15.000 statt 1.500 verhaftet
werden können. Dieses Volk wird sich regenerieren, neue Kader aufstellen
und seine Kraft für Protestaktionen täglich steigern. Die Proteste wegen
des Jahrestags des 15. Februar haben dies bewiesen. Aus diesem Grunde
zeigen die Protestaktionen dieses Jahres eine sehr bedeutende Botschaft. Dass die Proteste dieses Jahres sich in diesem Umfang ausgeweitet haben, bedeutet, dass ein gesellschaftlich und organisatorisch höheres Niveau erreicht wurde. Ich grüße das Volk, das sich an diesen Aktionen beteiligt hat, die Jugend, die Frauen und würdige sie. Ich grüße alle Kader, die auf der politisch-demokratischen Ebene ihre Rolle gespielt haben. Unser Volk hat nochmals gezeigt, dass es seinen Vorsitzenden und seine Freiheit in Schutz nehmen wird bzw. die Haltung eines würdevollen Volkes einnehmen wird, egal wie stark die Angriffe und der Druck sind. Wir werden versuchen, diesem Volk würdig zu sein. Um unserer Verantwortung nachzukommen, werden wir noch härter arbeiten und noch größerer Opfer bringen. Das ist unsere Aufgabe.
ANF: Bedeuten
diese Protestaktionen auch gleichzeitig, dass das internationale Komplott
nicht erfolgreich war?
Karayilan: Die umfangreichen Protestaktionen, die unser Volk in allen Teilen Kurdistans, aber auch im Ausland durchgeführt hat, zeigen klar, dass das Komplott nicht erfolgreich war. Das Ziel dieses Komplotts war, die kurdische Freiheitslinie zu schwächen und zu vernichten. Aber in Imralı wurde trotz allen psychologischen Drucks und trotz aller Folter eine Haltung aufgezeigt, die bedeutungsvoll, geduldig und revolutionär ist. Unser Volk hat eindeutig gezeigt, dass es mit seinem Vorsitzenden eins ist. Die Guerilla hat mit ihrer legitimen Selbstverteidigung eine wichtige Rolle gespielt und all diese Anstrengungen haben das internationale Komplott erfolglos gemacht. Heute geht die kurdische Freiheitsbewegung durch ihre stärkste Phase. Das internationale Komplott konnte keine Vernichtung oder Lösung erwirken. Im Gegenteil, die militärische Konfrontation wurde nur verstärkt. Die Dimension der Lösungslosigkeit ist durch das Komplott noch gewachsen. Aus dieser Perspektive betrachtet ist das internationale Komplott ein Hindernis auf dem Weg zur Lösung der kurdischen Frage. Wenn also eine Lösung entwickelt werden soll, dann muss diese Linie des Komplotts beseitigt werden. Was bedeutet diese Linie? Die Vernichtung der kurdischen Freiheitsbewegung bzw. ihre Bezeichnung als “terroristisch”, die Tatsache, dass sie zum Ziel genommen wird. Zunächst muss das gestoppt werden. Später muss das Problem an den Wurzeln gepackt werden, indem der Vorsitzende freigelassen wird. Wenn das Problem gelöst werden soll, dann muss die Vernichtung, die das Komplott verursacht hat, beseitigt werden. Das könnte ein erster Schritt sein. Das Komplott ist, was die Lösung der kurdischen Frage betrifft, ein Umweg. Es ist ein Verständnis, das die kurdische Freiheitsbewegung vernichten will, um die KurdInnen zu vereinnahmen. Das Komplott beruht auf Gewalt. Die vergangenen elf Jahre haben deutlich gezeigt, das es erfolglos war und keinen Ausweg bietet. Aus dieser Perspektive betrachtet sollten die Vertreter des Komplotts einmal innehalten und ihre Politik überdenken. Damit sind auch andere Kräfte – auch kurdische – die sich auf irgendeine Weise zu Handlangern des Komplotts gemacht haben, gemeint. Das Beharren auf diesem Komplott bedeutet nicht nur Verleugnungs- und Vernichtungspolitik gegenüber der PKK, sondern gegenüber dem ganzen Volk. Daher wird keine demokratische Organisationen, die auf der Seite des Friedens steht, erst recht keine kurdische, dieses Komplott unterstützen. Im Gegenteil, sie bemühen sich um den Frieden. Das internationale Komplott führte zu viel Leid und Elend in Kurdistan. Die Proteste und Demonstrationen, die dies ans Tageslicht brachten, sind aus diesem Grunde so wichtig. Daher rufe ich alle Kräfte, allen voran die Wegbereiter dieses Komplotts, die USA, dazu auf, die Vernichtungsangriffe des Komplotts zu analysieren und davon Abstand zu nehmen. Im zwölften Jahr des Komplotts ist eine friedlich-demokratische Lösung der kurdischen Frage unumstritten notwendig. Die Proteste der Bevölkerung und der Widerstand, den unsere Bewegung gegen das Komplott entwickelt haben, haben gezeigt, dass das zwölfte Jahr des Komplotts ein Widerstandsjahr werden wird und die demokratische Lösung der kurdischen Frage noch mehr drängt. In diesem Sinne muss dem dritten Schritt der Kampagne „Êdî bes e“, unter dem Motto: “Freiheit für den Vorsitzenden, freie Identität und demokratische Autonomie“, ein nächster Schritt mit unter der Devise „Einheit, Organisation, Widerstand und Sieg gegen ein politisches und kulturelles Genozid” angehängt werden. Es ist ganz klar, dass der Widerstand im zwölften Jahr noch umfangreicher sein wird.
ANF: Es wurde
berichtet, dass auf der letzten MGK [Milli Güvenlik Kurulu – Nationaler
Sicherheitsrat]-Versammlung die Fortsetzung der “demokratischen Initiative”
beschlossen wurde. Wird hier versucht, ein neues Konzept für die Vernichtung
ihrer Bewegung zu entwerfen?
Karayilan: Ja, es ist ganz offensichtlich, dass auf dieser Versammlung das grundlegendste Thema, die Vernichtung unserer Bewegung war. Die anschließende Veröffentlichung hat gezeigt, dass dieses Thema detailliert diskutiert wurde. Ich möchte Folgendes offen sagen: Die Politik, die die AKP-Regierung unter der Parole „demokratische Initiative“ macht, ist kein Weg zur Lösung der kurdischen Frage. Die Methode, die Frage derart stupide anzugehen und ein paar taktische Änderungen vornehmen, wird das Problem niemals lösen. Die AKP hat immer wieder gesagt, dass dieses Projekt ein nationales, also ein Staatsprojekt sei. Wenn also jetzt sogar der MGK sich der Frage annimmt, dann bitte ernsthaft. Dieselbe Politik wie beim Şêx Saîd oder dem Dêrsim-Aufstand, also: anlügen, hinhalten, vernichten und verfolgen, wäre einer der schwerwiegendsten Fehler, der gemacht werden könnte. Es ist klar, dass wieder in diese Richtung gedacht wird. Ich möchte auch Folgendes hinzufügen: Wenn die Regierung aufrichtig ist, dann soll sie einen ernsthaften Schritt unternehmen. Der Inhalt unserer Deklaration, die wir am 2. Februar [2010] veröffentlicht haben, ist sehr wichtig. Unsere Deklaration und die Roadmap, die unser Vorsitzender angefertigt und dem Staat übergeben hat, sind Achsen der Lösung. Es ist bekannt, dass es wenig Vertrauen gibt. Unser Volk wird keiner Politik der AKP-Regierung bzw. des Staates vertrauen, bevor es keine praktischen Schritte gesehen hat. In der gesamten Geschichte der Republik wurden die KurdInnen immer enttäuscht. Wir leben nun im 21. Jahrhundert; keine Seite kann nun die andere noch länger hinhalten. Eine Ausdehnung des Prozesses mit den Wahlen im Hinterkopf bedeutet eine Fortführung der bisherigen Politik des Staates: Vernichtung. Das ist wohl die schlimmste Art von Profitgier. Das sollte nicht die Haltung gegenüber dem Problem sein. Dieses Problem ist das grundlegendste Problem der Republik und kann nicht mit Hochrechnung der Wählerstimmen angegangen werden. Die Lösung kann nicht ohne eine komplette Neustrukturierung der Politik und einen Aufbruch, basierend auf dieser Neustrukturierung, erreicht werden. In diesem Sinne wird die Haltung des nationalen Sicherheitsrates nicht zur Lösung des Problems beitragen. Auf der einen Seite sagt man „Terror“, auf der anderen hören die Operationen nicht auf und gleichzeitig wird von der Lösung der kurdischen Frage gesprochen. Wir wiederholen: Die kurdische Frage ist kein „Terrorproblem“. Unsere Bewegung ist keine „Terrorbewegung“. Wir sind eine gesellschaftliche Bewegung, die mit Millionen von Menschen verbunden ist. Der Vorsitzende Apo ist der Vertreter des kurdischen Volks. Eine Änderung der Mentalität ist notwendig. Im Besonderen gilt dies für die türkische Presse. Die Feindschaft gegenüber unserer Bewegung und unserem Vorsitzenden muss beendet werden. Solange der Sprachgebrauch feindselig ist, kann man keinen Millimeter auf dem Weg zum Frieden vorankommen. Wenn der Frieden kommen soll, dann muss die Feindschaft aufhören. Das muss auch der Gesellschaft erklärt werden. Vor allem der türkischen Gesellschaft und der Bevölkerung der Türkei muss das erklärt werden. Wenn die AKP-Regierung aufrichtig ist, dann muss sie die genannten Aufgaben erfüllen und der Gesellschaft die Tatsachen erklären. Daher möchte ich den Staat warnen: Macht die kurdische Frage nicht zum Spielball! Egal was ihr vorhabt, macht es richtig! Jede Strategie, die Vernichtung und Unterdrückung vorsieht, wird nichts anderes als militärische Auseinandersetzungen bedeuten. Wir als Volk und Bewegung wollen die kurdische Frage auf demokratischem Wege lösen. Aber wir werden auch gegenüber einer Politik, in der wir zum Spielball gemacht werden sollen, nicht schweigen. Wenn also militärische Operationen wie in der Vergangenheit in Gabar und Dêrsim geführt oder politische Liquidation mit der Bezeichnung „demokratische Initiative“ betrieben werden soll, dann wird das ein schwerwiegendes Problem geben. Das wird einen Prozess mit sich bringen, den keiner mehr aufhalten kann. Wir sind für eine demokratische Lösung zu haben, aber werden uns gleichzeitig gegen mögliche Angriffe wappnen. Dazu sind wir bereit. Die Selbstverteidigung ist unser natürliches Recht. Die Errungenschaften des Volkes zu verteidigen, ist das legitimste Recht des Volkes. Keiner kann das kurdische Volk im militärischen und politischen Bereich schwächen. Jeder sollte das wissen. An diesem Punkt liegt die gesamte Verantwortung bei der türkischen Regierung. Ob das Jahr 2010 ein Friedens- oder Kriegsjahr wird, werden einzig und allein der türkische Staat und die türkische Regierung entscheiden. Wir sind auf beide Möglichkeiten vorbereitet. Wir wollen niemandem drohen. Wir drücken lediglich die Realität aus. Eine Politik, die die Kraft, die unsere Bewegung inzwischen erreicht hat, übersieht, hat eine keine Chance auf Erfolg.
ANF: Die Festnahmen
und Verhaftungen sind fast schon ein Teil des Alltags in Kurdistan geworden.
Aus dem alleinigen Grunde, dass sie an Demonstrationen teilgenommen oder
Steine geworfen haben, sind Hunderte von Kindern in den Gefängnissen.
Die Forderung nach Freilassung dieser Kinder dauert an, aber während der
Proteste des 15. Februar, wurden weitere Kinder festgenommen und verhaftet.
Was bezweckt der Staat mit den Festnahmen dieser Kinder?
Karayilan: Der Staat hat ernste Probleme mit den Aktionen unseres Volkes. Die Proteste werden von Groß und Klein, Jung und Alt, Frau und Mann getragen. Diese Proteste haben das Niveau einer gesellschaftlichen Reaktion. Der Staat weiß an diesem Punkt nicht mehr weiter. Die Aktionen und Proteste unseres Volkes sind sehr bedeutende gesellschaftliche Methoden des Widerstandes. Es gibt weltweit nur wenige Beispiele dafür, dass Widerstandsaktionen über einen so langen Zeitraum von 30 Jahren so entschlossen und beharrlich anhalten. In Palästina gibt es die „Intifada“, in Kurdistan den „Serhildan” [Volksaufstand]. Die AktivistInnen des Serhildans sind Jugendliche und Kinder; die „kleinen Generäle“. Der türkische Staat möchte diese Jugend vom Widerstand abhalten, und bestraft sie, um ihnen Angst einzujagen. Für eine derartige Bestrafung findet man nirgends auf der Welt Beispiele. Die AKP hat die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen. Die Kinder werden im Rahmen eines Gesetzes, das im Jahr 2005 in Kraft trat, verurteilt. Es ist ganz klar, dass die Botschaft des Staates Abschreckung ist. Aber weder die kurdischen Kinder, noch das kurdische Volk konnten abgeschreckt werden. Im Gegenteil, ihre Antwort war ein noch entschlossenerer Widerstand. Sie können die Strafen noch so hoch ansetzen, die Panzer noch so oft auffahren, jede Art von Gewalt anwenden – das kurdische Volk, die kurdische Jugend und die kurdischen Kinder werden von ihrem Freiheitswunsch nicht abweichen. Sie werden, verbunden mit dem Vorsitzenden Apo, keinen Schritt zurückweichen. Der Premierminister Erdoğan spricht manchmal von Erschießungen der Kinder in Palästina. Aber in Kurdistan werden ebenso viele Kinder unter seiner Verantwortung erschossen. Sie werden mit unmenschlichen Gesetzen, die unter seiner Verantwortung verabschiedet wurden, aller Kinderrechte beraubt, und sie werden mit hohen Strafen belegt. Uns dagegen bezeichnet man als skrupellos. Das ist eine komplette Irreführung. Damit macht der Premierminister Politik. Der Grund für das Steinewerfen ist, dass die demokratischen Reaktionen des Volkes als „Terrorismus“ bezeichnet werden, dass so intensive Angriffe gestartet und Vorbereitungen auf militärische Operationen gemacht werden. Wenn kein Angriff auf die Demonstrationen der Bevölkerung gemacht wird, dann wird auch kein Stein geworfen. Die eigene Polizei lyncht mitten auf der Straße, setzt Gasbomben und Knüppel ein, beleidigt das Volk und gleichzeitig wird der Widerstand, der legitim ist, als terroristisch bezeichnet. Bei Demonstrationen, die nicht angegriffen wurden, wurde auch kein Stein geworfen. Alle Vorfälle, die stattfanden, waren Reaktionen auf Angriffe der Polizei. Unser Volk wird sich natürlich gegenüber den Angriffen der Polizei schützen. Das ist legitim. Das Volk hat ein legitimes Recht sich gegenüber den Knüppeln der Polizei zu verteidigen. Dennoch stellen der Staat und einige Organe der Presse diese Tatsachen irreführend dar.
ANF: Müslüm
Doğan, ein 18-jähriger Abiturient hat sich selbst angezündet, um gegen
das Komplott zu protestieren. Er hinterließ einen Brief. Ihr Vorsitzender
und ihre Bewegung haben mehrmals betont, dass solche Aktionen nicht befürwortet
werden. Wie sollen wir, trotz dessen, das Andauern solcher Aktionen bewerten?
Karayilan: Zunächst möchte ich mich mit Respekt vor der geistigen Haltung und Entschlossenheit Müslüm Doğans verbeugen. Ich wünsche der Familie dieses wertvollen, militanten Freundes mein herzlichstes Beileid. Sie sollten stolz sein, dass aus ihrer Familie ein solch empfindsamer, gewissenhafter Mensch entstammt, der sich für sein Volk bzw. für die Zukunft seines Volkes opfert. Müslüm Doğan hat bewiesen, dass er wertvolle Gedanken hat, besonders der Brief, den er geschrieben und hinterlassen hat, ist sehr bedeutungsvoll. Es ist beeindruckend, dass er als 18-jähriger Abiturient, an einem Ort wie Semsûr, einen solchen Grad an Bildung erreicht hatte. Es ist ganz klar, das er die Dinge klug, empfindsam und mit viel Tiefe betrachtet hat. Auf dieser Basis hat er sehr früh die Gedanken des Vorsitzenden verstanden. Es ist ganz klar, das er keine normale Entwicklung durchlebt hat. Er ist eine sehr wertvolle Persönlichkeit. Es ist ganz klar, dass wir unser Gedenken an seinen Widerstand am Leben halten werden. Dieser Geist ist die Avantgarde unserer Bewegung. Wir versprechen, dass wir ihn zu jeder Zeit am Leben halten werden. Doch niemals und in keiner Weise befürworten wir solche Aktionen. Das ist sehr schmerzvoll. Es ist sehr erstrebenswert, in so jungen Jahren – wie Müslüm Doğan – einen solchen Bildungsgrad und einen so reichen Geist zu erreichen. Jemand wie Doğan kann für das kurdische Volk sehr Großes erreichen. Er kann als Militanter in dieser Bewegung eine wichtige Rolle übernehmen. Er kann viel erreichen. Er hat die Chance dem Widerstand beizutreten. Die Möglichkeiten dazu sind da. Eine Selbstverbrennung ist nicht richtig; wir werden so etwas niemals befürworten. Niemand von uns sollte von solch einer Methode Gebrauch machen. Wir sind traurig deswegen. Das sollte nicht gemacht werden. Kein Jugendlicher sollte an eine Aktion wie diese denken. In der Vergangenheit hatten Aktionen wie die Selbstverbrennungen eine starke Botschaft. Als Beispiel können Sema und zuletzt die der Viyan gelten. Diese Aktionen haben die Eigenschaft, eines Aufrufes. Aber diese Art von Aktion ist historisch gesehen überholt. Heute werden gegen die Ungerechtigkeiten gegenüber unserem Volk und seinen VertreterInnen nicht nur protestiert, sondern sie sind eher die Basis bzw. Plattform des Widerstandes für das Ende dieser Unterdrückung. Es reicht nicht, nur zu protestieren. Die Zeit des alleinigen Protests ist vorbei. Richtiger wäre es, wenn man das Ende dieser Ungerechtigkeiten anstrebt bzw. dafür sorgt. Das System des Feindes muss vernichtet werden. Der jetzige Prozess zwingt uns förmlich jeden Jugendlichen und jeden Patrioten auf. Aus diesem Grunde ist es sinnvoller, dem Widerstand aktiv beizutreten, anstatt sich selbst zu verbrennen. Auf der Basis dieser Fakten muss unser Volk aus Meletî [tr. Malatya], Yazihan und Semsûr die Botschaft von Müslüm Doğan, die er an diese Region gerichtet hat, verstehen. Müslüm Doğan hatte das Ziel, der Bevölkerung von Semsûr und Meletî eine Botschaft übermitteln. Denn in dieser Region die Beteiligung am nationalen Widerstand sehr gering. Vor allem diese Botschaft von Müslüm Doğan ist von großer Bedeutung. Aus diesem Grund ist es auch von Bedeutung, wenn die kurdische Jugend und die patriotischen Institutionen zu seinem Grab gehen und ihm dort gedenken. Ich hoffe, dass unser Volk aus Meletî diese Botschaft unseres Jugendlichen gut aufnimmt. Die intellektuelle Jugend wird seine Botschaft richtig verstehen. Ich rufe dazu auf, das Gedenken an Müslüm Doğan am Leben zu halten, seine Botschaft richtig zu verstehen, um die Unterdrückung aus dieser Region zu verbannen. Ich möchte besonders betonen, dass wir die Botschaften solcher jungen Genossen ernst nehmen bzw. eine Antwort darauf geben werden.
ANF: Der Machtkampf
in der Türkei zwischen der Regierung, der Opposition, dem Militär und
der Bürokratie wurde in den letzten zwei bis drei Jahren immer interessanter.
Welche Rolle spielt die kurdische Frage in diesem Machtkampf? Wer wird
Gewinner bzw. Verlierer in diesem Spiel sein?
Karayilan: Es ist eine Tatsache, dass es in der Türkei eine Militär- und Justizhegemonie gibt. Im Besonderen organisiert sich die Justiz wie eine Kaste und ist eine der Basiseinrichtungen der Hegemoniekräfte. Für die Demokratisierung der Türkei müssen dieses „Kastensystem“, die Hegemonie und die Bürokratie natürlich aufgelöst werden. Aber das, was im Moment in der Türkei stattfindet, ist nicht nur ein Kampf um die Demokratisierung. Das ist ein Kampf um die Regierung. Einige wollen das anders darstellen, aber das ist ein Kampf um die Macht. Insbesondere ist das Ziel der AKP klar ersichtlich. Die AKP ist eine Macht, die alles für sich möchte, bzw. zum Demokrat wird, wenn sie selbst bedroht ist. Die Gerichte haben bis zum heutigen Tage skrupellos geurteilt und Beschlüsse gefasst, die jede Vorstellungskraft sprengen. Nun, wer hat mal etwas dagegen gesagt? Jetzt wird die Hölle für die Staatsanwälte heiß gemacht, die sich gegenseitig vernichten wollen. Es wird gesagt, dass das Gericht „politisiert“ wird. Dieses Gericht ist schon lange politisiert. Wir verstehen diese Auseinandersetzung als Machtkampf bzw. Kampf um die Regierung. Natürlich muss die Türkei sich demokratisieren, um solche Probleme lösen zu können. Die Demokratisierung kann nur stattfinden, wenn die kurdische Frage gelöst wird. Ohne die Lösung der kurdischen Frage kann sich weder die Bürokratie der Militärs, noch die Bürokratie der Justiz auflösen. Die Demokratisierung des Staates und des Systems ist auch nicht möglich. Aus dieser Perspektive betrachtet sagen wir, dass der Prozess als Ganzes angegangen werden muss. Nicht nur die Justiz braucht eine Reform. Das komplette System der Republik Türkei braucht eine Reform. Erst einmal muss die kurdische Frage gelöst werden. Hat sich eine der Seiten an diese Aufgabe gemacht? Nein. Was machen Sie? Sie führen einen Machtkampf! Eine tief greifende Lösung wird mit der Lösung der kurdischen Frage kommen.
ANF: Als aller
letztes möchten wir den Internationalen Tag der Muttersprache ansprechen.
Die Sprache eines Volkes mit 40 Millionen Menschen ist immer noch verboten.
Was möchten Sie zum Anlass dieses Tages sagen?
Karayilan: Heutzutage sollte das Recht auf die Muttersprache, also das Sprechen und die Bildung in der eigenen Muttersprache, im Rahmen der Menschenrechte gegeben sein. Das Recht auf Muttersprache ist ein gesellschaftliches. Logischerweise ist es ein Menschenrecht. Aktuell ist das einzige Volk mit 40 Millionen Menschen, dem dieses Recht verweigert wird, das kurdische Volk. Deswegen muss das Volk Kurdistans dasjenige sein, für den dieser Tag die größte Bedeutung hat. Alle Aktionen und Bekanntmachungen, die überall in Kurdistan im Rahmen des TZP Kurdî gemacht wurden, sind sehr wertvoll. In diesem Sinne möchte ich alle Völker zum Anlass des Internationalen Tages der Muttersprache grüßen. Der Freiheitswiderstand unseres Volkes ist gleichzeitig ein Widerstand für die Muttersprache. Denn, die Muttersprache bestimmt das Sein oder Nicht-Sein eines Volkes. Ein moderner Staat ist dazu verpflichtet, ein solches Recht zu geben. Aber der türkische Staat und die AKP-Regierung erklären das Recht auf die Bildung in der eigenen Muttersprache als Überschreiten einer roten Linie; und das, im Rahmen einer „demokratischen Initiative“. Das ist ein Ergebnis einer Mentalität, die unmodern, unterdrückerisch und assimilierend ist. In Kurdistan gab es die Zeitung Azadiya Welat, die täglich erschienen ist. Türkische Regierungsvertreter machen meistens auf internationaler Ebene Propaganda, das andere Sprachen, als Türkisch, in der Türkei erlaubt seien. Zum Beweis dieser Propaganda wird die Azadiya Welat gezeigt. Doch wird an diesem Punkt eine doppelte Politik betrieben. Auf kurdische Institutionen und Presseorgane wird immer noch jede Art von Druck und Verbot ausgeübt. Das beste Beispiel dafür ist, dass für den Chefredakteur der Azadiya Welat, Vedat Kurşun, 524 Jahren Haft gefordert werden. Ein Beispiel für eine weltweit einmalige Politik, ein konkretes Beispiel für die Lügen des türkischen Staates; ein Beispiel für seine Feindschaft gegenüber der Muttersprache bzw. für die Verlogenheit der Regierungsinitiative. Unser Volk sollte seine Muttersprache auf allen Ebenen anwenden können. Ich möchte unser Volk zu diesem Anlass noch einmal zu Folgendem aufrufen: Unser Volk sollte in allen Gebieten des Lebens, im sozialen, politischen, geschäftlichen und medizinischen Bereich, die Muttersprache anwenden. Die Kinder sollten zuerst die eigene Muttersprache lernen. Was dieses Thema betrifft, sollte besonders die Stadt Amed ihre Rolle spielen. Wenn Amed die Festung und die Vorreiterin der Demokratie bzw. das Zentrum des Freiheitswiderstandes Kurdistans ist, muss sie in Sachen Muttersprache auch ihre Rolle spielen. Diese Haltung bedeutet nicht Nationalismus oder Separatismus. Diese Haltung ist eine politische. Alle FreundInnen, die demokratisch-internationale Haltungen vertreten, müssten diese Haltung unterstützen. Denn dieser Staat verbietet die Muttersprache bzw. die Bildung in der Muttersprache. Aber das Recht auf die Muttersprache ist eine der zentralen Forderungen für die Lösung der kurdischen Frage. Wenn wir uns auf die Seite derer stellen, die eine Lösung wollen, dann müssen wir die eigenen Muttersprache ganz oben auf die Liste der Tagesordnung setzen. Die Tatsache, dass wir unsere Muttersprache nutzen, unsere traditionelle Kleidung tragen, und unsere Haltung in der kurdischen Frage vertreten, hat an politischem Inhalt gewonnen.
Quelle: ANF, 22..02.2010,
ISKU
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