| „Unser Ziel ist die demokratische Lösung bzw. der Frieden. Deswegen ist unsere Strategie: stärker werden“ Bewertung von Murat Karayilan für das Jahr 2009 GÜLİSTAN TARA-ANF BEHDİNAN – Der Exekutivratvorsitzende der Gemeinschaften der Gesellschaften Kurdistans, Murat Karayilan, erklärte, die kurdische Politik habe im Jahre 2009 einen großen Sprung gemacht. Das türkische Militär habe in 11 Monaten 216 Operationen und 49 Luftangriffe durchgeführt. Zu den Beitritten zur Guerilla sagte Karayilan 80% der Beigetretenen seien junge Frauen. Trotz der einseitigen Waffenruhe, die die PKK am 13. April verkündet hatte, so Karayilan, verloren 94 Guerillas wegen der Angriffe des türkischen Militärs ihr Leben. Auf der anderen Seite sollen 128 Soldaten ums Leben gekommen sein. Der Exekutivsratvorsitzende der KCK bewertete in einem Interview mit der Firat Nachrichtenagentur (ANF) das Jahr 2009 in Bezug auf die KurdInnen und die türkische Politik. Karayilan bewertete das DTP-Verbot, den Rücktritt der DTP, das Dreiergesprann in Bagdad [USA-Türkei-Irak] und sprach über die militärischen Operationen. Weiter berichtete Karayilan über die Bilanz der Gefallenen, bzw. die Beitritte zur Guerilla. Am Ende des Interviews machte Karayilan einen Ausblick auf das Jahr 2010 und erklärte: Das Jahr 2010 wird für unser Volk sehr bedeutsam sein. ANF: Das Jahr 2009 war für die Völker aus dem Mittleren Osten und der Welt ein sehr bedeutsames. Es war ein Jahr des Krieges, der wirtschaftlichen Krise und gesellschaftlicher Ereignisse. Wie bewerten Sie das Jahr 2009 als kurdische Freiheitsbewegung in Bezug auf den Kampf um Freiheit und Demokratie? Murat Karayilan: Zunächst hoffe
ich, dass das Jahr 2010 ein Jahr der Freiheit, der Demokratie und des
Friedens sein wird. Die Menschheit stand 2009 vor einigen Problemen. Probleme
werden übermächtig, wenn keine Lösungen gefunden werden. Es ist bekannt, dass
am 5. November 2007 ein Treffen in Washington zwischen Erdoğan und Bush
stattfand, mit dem Ziel unsere Bewegung zu vernichten. Nach diesem Treffen
begann eine neue Phase. Luft- und Bodenangriffe mit höchster Präzision
wurden gegen uns durchgeführt. Als Antwort auf diese Angriffe haben wir
die Kampagne „Edî Bes ê“ [Es reicht] ins Leben gerufen. Im militärischen
Bereich brachte diese Widerstandsphase einige Erfolge mit sich, wie in
Gabar, Oramar und im Zapgebiet. In diesen Regionen konnte das türkische
Militär zwischen 2007-2008 zurückgedrängt werden. Gleichzeitig hat die
Bewegung mit dem zehnten Kongress der PKK Klarheit und ideologische Stärke
bewiesen. Angriffe auf den verschiedensten Ebenen fanden statt, doch hat
unsere Bewegung auf der Linie des Vorsitzenden Apo und der Basis der Beschlüsse
des zehnten Kongresses der PKK diese Angriffe ins Leere laufen lassen.
ANF: Im Verlauf des Jahres fanden Diskussion über die Lösung der kurdischen Frage statt. Herr Öcalan hat, eine Roadmap entwickelt. Doch wurde die Roadmap nicht der Öffentlichkeit bzw. den zuständigen Stellen übergeben. Die DTP wurde verboten. Wie kann man das Jahr 2009 in Anbetracht dieser Fakten bewerten? Murat Karayilan: Der türkische
Staat stagnierte gegenüber unseren Schritten. Um unsere Schritte ins Leere
laufen zu lassen, hat er Worthülsen von sich gegeben. Diese sind immer
noch aktuell. „Demokratischer Aufbruch“ wird gesagt, doch hat noch keiner
diesen Aufbruch verstanden. Was ist das? Was beinhaltet er? Keiner weiß
es. Der Grund ist ganz einfach: Er beinhaltet gar nichts. Wenn das Gegenteil
der Fall wäre, hätte man den Inhalt schon längst veröffentlicht. Sie haben
zunächst in ihrem eigenen Parlament darüber gesprochen. Die Aspekte, die
der Innenminister, Besir Atalay äußerte, waren lachhaft. Er sagte: „Die
Freizügigkeit in einigen Regionen auf den Bergen wird gegeben, die Kontrollpunkte
auf den Straßen werden verringert und an den Universitäten wird einiges
im Bereich Kurdologie angeboten“. Das soll dann die Lösung sein. Aber
es handelt sich um eine nationale Frage, eine Nation wird verleugnet und
unterdrückt. Wegen dieser falschen Politik kam es in den letzten 85 Jahren
in Kurdistan zu Tragödien und Massakern. Konkret gesagt, bestehen Probleme,
was die Identität, Sprache und Kultur betrifft. So viele Massaker wurden
in Kurdistan durchgeführt, können diese durch die Aufhebung einiger Verbote
gelöst werden? ANF: Können Sie eine Bilanz für 2009 ziehen? Auch würden wir gerne etwas über die Beitritte zur Guerilla wissen. Murat Karayilan: Die Menschen
fragen sich, besonders wenn Soldaten sterben, wozu? Um eine Antwort auf
diese Frage zu geben, möchte ich einige Informationen bezüglich der Bilanz
veröffentlichen. Vorweg muss gesagt werden, es ist eine Bilanz von 11
Monaten, für den Monat Dezember liegen noch keine Zahlen vor. In den vergangenen
elf Monaten hat das türkische Militär 216 Bodenoperationen durchgeführt.
Die Anzahl der Luftangriffe im Norden sowie im Süden beträgt 49. Während
dieser Operationen hat die Guerilla große Sensibilität gezeigt, um möglichst
nicht in Kontakt mit dem Militär zu kommen. Dennoch kam es zu insgesamt
41 Gefechten zwischen der Guerilla und der Armee. Die Denkweise die dahinter
steht ist „Wenn du die Wahrheit sagst, dann gibt es ein Verfahren“. Angstfrei
und ganz offen bringt Ahmet Türk zu Wort, wieso solch ein Beschluss gefasst
wurde, aber sie leiten ein Verfahren ein. Es ist also eine verleugnende,
faschistisch-nationalistische Mentalität vorhanden. ANF: Vom Generalstabschef und Innenminister sind Aussagen wie: „Wir werden die Beitritte verhindern“ gemacht worden. Wie bewerten Sie diese Aussagen? Murat Karayilan: Die
wirkliche Strategie des türkischen Staates ist die Verhinderung der Beitritte
zur Guerilla. Daran arbeiten alle gemeinsam. Generalstabschef Ilker Başbug
sagt, dass man den Glauben der kurdischen Jugend zunichtemachen müsse,
um die Beitritte zu verhindern. Doch dies gelingt ihnen nicht, der Glaube
ist größer denn je. Vor einiger Zeit habe ich die kurdische Jugend zum
Beitritt aufgerufen. Einige Kolumnisten entgegneten, dass die Lösung nicht
auf den Bergen, sondern in der Politik liege. Das stimmt, aber um die
politische Basis am Leben zu halten, muss die Guerilla stark sein. Je
stärker die Guerilla ist, desto lebhafter ist die politische Basis. Wir
möchten ihnen eine Antwort geben: Ja, es stimmt. Die Lösung liegt in der
Politik, aber das Verhalten des türkischen Staats schneidet den Weg der
Politik ab. Daher möchte ich es hier noch einmal wiederholen: Die Jugend
hat in dieser Phase eine historische Aufgabe. Sie muss die Vorkämpferin
der Serhildans [Volksaufstand], die Vorkämpferin des Volkes sein
und das Feld der Guerilla stärken. In dieser Phase ist das eine bedeutende
Aufgabe. Das muss nicht bedeuten, dass wir die politische Arena ablehnen
oder den Weg der Politik abschneiden. Aber es ist offensichtlich, das
die Gegenseite die politische Arena unter ihre eigene Kontrolle bringen
und uns so vernichten will. Daher müssen wir uns überall stärken. ANF: Nach dem Verbot hat die DTP beschlossen zurückzutreten. Sie [als Vorsitzender des Exekutivrates der KCK] haben diesen Beschluss unterstützt. Herrn Öcalan und die Bevölkerung forderten, dass die Abgeordneten im Parlament bleiben. Wie bewerten Sie diesen letzen Beschluss? Murat Karayilan: Vor allem
muss erwähnt werden, dass das Verbot der DTP darauf hin gerichtet ist,
dass das kurdische Volk nicht vertreten wird, das ist die Staatspolitik.
ANF: Die DTP wurde verboten, ihre Abgeordneten bekamen Politikverbot. Zuletzt hat der stellvertretende Premierminister beleidigend über Emine Ayna [Co-Vorsitzende der DTP] gesprochen. Wie muss das kurdische Volk solche Aussagen verstehen? Murat Karayilan: Bülent Arinc
ist eine besondere Person innerhalb der AKP. Er sieht sich als guten Polizisten.
Diese Aussagen über Frau Emine Ayna richten sich an das ganze kurdische
Volk. Gegenüber einem Vorsitzenden der politischen Partei haben sie ein
Politikverbot ausgesprochen, die andere wird jetzt politisch gelyncht.
Nicht nur Bülent Arinc, andere Kolumnisten und Politiker griffen Frau
Emine Ayna ebenso an. So wollen sie das kurdische Volk beleidigen und
niedermachen. Zuletzt hat sich auch noch Bülent Arinc dieser Kampagne
angeschlossen. In der türkischen Presse wird behauptet, dass Attentate
auf Bülent Arinc geplant waren. Wenn Bülent Arinc doch so stark ist, soll
der doch die verfolgen, die Attentate auf ihn planen. Er soll Rechenschaft
von ihnen fordern. Mit welchem Recht trifft er solch beleidigende Aussagen?
Diese Aussagen sind auf die Worte Frau Aynas gerichtet, mit denen sie
das „Ende des Aufbruchs“ aussprach. Eigentlich ist es sogar nicht richtig
vom „Ende“ zu sprechen, denn dieser „Aufbruch“ hatte nie begonnen. Was
ist denn der „demokratische Aufbruch“, von dem sie reden? Haben die KurdInnen
denn irgendetwas davon gehabt? – Das ist alles Lüge! ANF: Dutzende von Versammlungen fanden statt, die die Vernichtung ihrer Bewegung bezweckten. Zuletzt fand eine Versammlung in Südkurdistan statt. Was sind die Ergebnisse dieses Dreiergespanns [Türkei-USA-Südkurdistan/Irak] ihrer Meinung nach? Murat Karayilan: Es stimmt schon, dieses Dreiergespann trifft sich sehr oft. Zuletzt kam der türkische Innenminister nach Bagdad und Hewler. Während der Heimreise sagte er, dass es diesmal sehr erfolgreich war und er Hoffnungen auf bedeutende Entwicklungen habe. Natürlich können wir nicht wissen, was hinter den Kulissen besprochen wurde. Aber einiges können wir bezüglich dieser Treffen sagen. Die türkischen Medien und die AKP setzen ganz auf psychologische Kriegsführung. Die Zeitungen schreiben „Das ist der PKK-Vernichtungsplan, die PKK ist nun am Ende“. Allem voran möchte ich folgendes sagen: Die Vernichtung der PKK ist nicht möglich. Das ist eine Kriegserklärung. Die PKK hat eine Kraft, die vom Schwarzen Meer bis nach Kandil reicht. Also, wenn sie uns vernichten möchten, dann bedeutet das eher, dass der Krieg andauern wird. […] Sie sprechen ständig vom demokratischen Aufbruch, aber es passiert nichts. Sie sind verzweifelt wegen der kurdischen Freiheitsbewegung. Deswegen wollen sie etwas mit Amerika und dem Irak erreichen. Heute sagen einige Politiker und Kolumnisten, dass die AKP falsch sei. Die Hoffnungen der AKP sind folgende: Die USA sollen Druck auf die PKK, den Irak und die südkurdischen Regierung ausüben und schließlich die PKK vernichten. Wieso sollten sie die PKK vernichten? Die Türkei sagt „Wir werden Soldaten nach Afghanistan schicken und den Irak in Schutz nehmen und als Gegenleistung werden die USA die PKK vernichten“. Solche Erwartungen hat sie. Die kurdische Frage existiert seit 200 Jahren. Gegen die türkische Republik leistet das kurdische Volk seit 85 Jahren Widerstand. Wenn du das Problem nicht lösen kannst, wirst du es mit Gewalt, Angriffen und mit Hilfe anderer Staaten lösen? Konnten die Komplotte und Operationen bis heute die PKK vernichten? Nein, das ist alles nur Lüge. Natürlich wird es Angriffe und Risiken geben, darauf müssen wir uns vorbereiten. Das Volk muss auch sensibel sein. Aber wenn es so kommen wird, wie der Staat und die Medien es sagen, dann bedeutet das nichts anderes als einen großen Krieg. Das muss so verstanden werden. Mit diesem Dreiergespann und solchen Plänen werden sie zu keinen anderen Ergebnissen kommen. Wenn die USA aufrichtig sind, dann müssen die in diesem Gespann erst einmal der Türkei sagen, dass sie einen Schritt machen muss. Hier existiert eine Nation, erkennt deren Rechte an. Mit Demagogie und psychologischer Kriegsführung kann diese Nation nicht vernichtet werden. Wir rufen sie zur Ernsthaftigkeit auf. ANF: Wie bewerten Sie das Verhalten der südkurdischen Regierung in diesem Zusammenhang? Welches Verhalten müssen sie nach Ihrer Meinung an den Tag legen? Murat Karayilan: Man möchte
die südkurdische Regierung, also die KDP und PUK, in diesen Prozess mit
einbinden. Denn die wahre Mission, die sich die AKP vorgenommen hat, ist
die Spaltung der KurdInnen. Das versucht sie auch im Süden zu erreichen.
Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass sie auch die DTP in zwei Lager
spalten wollen. Als sie verstanden haben, dass sie das nicht schaffen,
haben sie die DTP verboten; die AKP hat sie verboten. Warum? Sie wollten,
innerhalb der DTP Leute unterstützen, die den Teil der DTP, der die PKK
unterstützt, vernichten. Aber die DTP hat das nicht akzeptiert. Sie erklärte,
dass sie einen demokratischen Kampf führe, und niemals die Richtung einnehmen
werde, auf die man sie ziehen wollte. Das Gleiche ist nun in Südkurdistan
vorgesehen. Sie wollen also die PUK und KDP überzeugen und gegen uns einsetzen.
Das ist die Basis auf der sie in Hewler arbeiten. Aber wir glauben, dass
die kurdische Politik eine klare Haltung hat. Die kurdische Politik hat
jetzt eine Haltung im Norden, Süden, Osten und Westen. Wir haben eine
gewisse Erfahrung. Das selbe gilt für die die südkurdische Regierung.
Wir glauben daran, dass sie auf der Basis dieser Erfahrungen keine falschen
Schritte unternehmen wird. Die Haltung Mesud Barzanis ist klar. Wir glauben
daran, dass diese Haltung in ganz Südkurdistan verbreitet ist. Der türkische
Staat möchte erst uns außer Gefecht setzen, und später auf das Pferd der
MHP steigen und sich in Hewler ansiedeln. Wenn sie heute Südkurdistan
die Hand schütteln, dann nur wegen uns. Der Hintergrund ist einfach ihre
Mentalität, die KurdInnen zu unterdrücken und zu verleugnen. Die südkurdischen
Politiker, Medien und Intellektuellen wissen das. So leicht lässt sich
niemand mehr durch den türkischen Staat irreführen. ANF: Sie haben das Jahr 2009 bewertet. Welche Botschaft haben Sie für 2010? Murat Karayilan: Die kurdische
Freiheitsbewegung hat die Entwicklung weit vorangetrieben, aber dieser
Prozess reicht für die Lösung noch nicht aus, es gibt immer noch Mängel,
wir müssen noch stärker werden. Die KurdInnen müssen sich, egal wo sie
sind, organisieren, eine Einheit in den Parlamenten bilden und ihre Forderungen
zum Ausdruck bringen. Im In- und Ausland muss der Wille stark sein und
sie müssen sich organisieren. Das Jahr 2010 wird lebenswichtige Bedeutung
für das Volk haben. Denn unsere Bewegung hat im Jahre 2009 wichtige Entwicklungen
eingeleitet. Diese Schritte müssen wir im neuen Jahr zum Erfolg bringen.
Ein wichtiger Schritt in Richtung für die Freiheit des Vorsitzenden und
die Freiheit Kurdistans muss getan werden. Auch die Frauen und Jugendlichen
müssen ihre Führungsrolle noch besser spielen. Wenn das kurdische Volk
das Jahr 2010 zum Erfolgsjahr machen will, dann muss es noch verantwortungsbewusster
auftreten. Vor allem ist die nationale Einheit sehr wichtig. Wenn das
Volk untereinander einig ist und eine gemeinsame Strategie entwickelt,
dann wird es unumstritten erfolgreich sein. Die regionalen und internationalen
Gegebenheiten bieten eine positive Basis. Aber wenn wir diese Gegebenheiten
nicht nutzen, dann wird der Feind sie gegen uns nutzen. Sie werden dann
im internationalen und regionalen Kontext alle Möglichkeiten nutzen und
uns angreifen. Denn, ihre Strategie ist die Vernichtung Kurdistans. Wenn
wir ihnen den winzigsten Angriffpunkt liefern, werden sie gnadenlos sein
und in Kurdistan werden große Tragödien stattfinden. Diese Gefahr besteht.
Damit das nicht passiert, muss jeder verantwortungsbewusst handeln. Quelle: ANF, 26.12.2009, ISKU |
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