Statt Panik
Wut und Widerstand
Interview mit dem HPG-Kommandanten Dr. Bahoz Erdal
Laut Erklärungen der türkischen Armee befindet sich die PKK in höchster
Bedrängnis, sind Hunderte Guerillakämpfer getötet, die Übergänge nach
Südkurdistan gesperrt und die Kommunikation und Koordination unterbunden
worden. Was findet wirklich statt?
Einhergehend mit den Angriffen auf viele Gebiete in Nordkurdistan dauern
auch die am 16. Dezember gestarteten Luftangriffe im Süden an. Diese Angriffe
stehen im Zusammenhang mit dem weltweiten und regionalen Kräfteverhältnis,
es gibt sowohl politische als auch wirtschaftliche und militärische Aspekte,
aber ich möchte sie zunächst aus militärischer Hinsicht bewerten. Die
Angriffe im Norden und Süden sind insgesamt Teil des Vernichtungskonzepts
gegen die kurdische Bewegung. Der Grund für die Operationen im Norden
während des gesamten Winters liegt darin, dass die türkische Armee die
winterlichen Bedingungen als Vorteil für sich selbst sieht und unsere
Kräfte dort vernichten will. Jedoch lässt sich ganz klar sagen, dass durch
die vorausdenkende Art und Weise der Bewegung unserer Guerilla, die im
gesamten Jahr 2007 ein großes Widerstandsvermögen und eine gute Praxis
gezeigt hat, keine Situation der Bedrängnis entstanden ist. Zu den Luftangriffen
im Süden will ich folgende Punkte sagen: Diese Angriffe sind lange Zeit
vorbereitet worden und die AKP-Regierung sowie die türkische Armee haben
große Hoffnung darauf gesetzt. Eine entsprechende Erwartung wurde auch
in der Gesellschaft bewusst aufgebaut. Sie waren sich sicher, dass sie
unseren Hauptquartieren, unseren Führungsorganen harte Schläge versetzen
und viele Guerillalager komplett vernichten können und somit eine ernste
Erschütterung und Panik entstehen würde. Klarer Ausdruck dieser Hoffnung
sind die Worte des türkischen Generalstabschefs nach dem umfassenden Angriff
vom 16. Dezember. Diesen Tag bezeichnete er als den “glücklichsten meines
Lebens”. Dabei stellte bereits die Tatsache, dass sie den Süden so stark
thematisierten und zum Hauptziel machten, das Eingeständnis dar, dass
die Angriffe im Norden erfolglos verlaufen waren. Was sie im Norden nicht
geschafft haben, wollten sie im Süden erreichen.
Die Ergebnisse haben wir bereits veröffentlicht: Es gab fünf gefallene
Kämpfer und zwei Dörfler kamen ums Leben. Es ist weder im Süden noch im
Norden das erste Mal, dass wir von der türkischen Armee angegriffen werden.
Für sie war es vielleicht ein großer Luftangriff, aber diese Erklärungen,
dass sie unsere Kommunikation untereinander unterbunden haben und es keine
Koordination mehr gebe, entsprechen nicht der Wahrheit. Unsere Kräfte
stärken im Rahmen unserer Planung ihre Verteidigungsposition, auf der
anderen Seite laufen die ideologischen, innerorganisatorischen und praktischen
Arbeiten weiter.
Ein weiterer Aspekt dieser Angriffe ist der, dass sie sich gegen die Bevölkerung
Südkurdistans richten und unter Missachtung des Kriegsrechts Schulen,
Moscheen und Krankenstationen angegriffen worden sind. In den letzten
Tagen haben sie damit geprahlt, wie sie die Krankenstationen getroffen
haben. Dabei ist ein Angriff auf ein Krankenhaus nun wirklich kein Anzeichen
von Stärke und Erfolg, sondern lediglich der Barbarei.
Alle Erklärungen der Armee und der Medien sind darauf angelegt, die eigene
Erfolglosigkeit zu vertuschen sowie eine Anspannung und Demoralisierung
bei unserer Bevölkerung zu erwirken.
Auf der einen Seite werden Meldungen veröffentlicht, dass die Guerillakämpfer
in großer Anzahl flüchten, auf der anderen Seite wird Druck auf die Angehörigen
ausgeübt, sie sollten dafür sorgen, dass ihre Kinder von den Bergen kommen
und das Reuegesetz nutzen. Wie groß ist der Wahrheitsgehalt der ersten
Meldung und wie bewerten Sie die zweite?
Diese ersten Meldungen stimmen nicht. Sie dienen dem Zweck, neue Beitritte
zur Guerilla zu verhindern. Ganz im Gegenteil bewirken die Angriffe eine
Festigung der Einheit und Entschlossenheit bei den Kämpfern und Kämpferinnen.
Sie stärken die Wut und den Widerstand. Angesichts der Angriffe kann von
Unentschlossenheit und Reue nicht die Rede sein, im Gegenteil geht jegliche
Hoffnung auf ein Zusammenleben mit dem türkischen Staat verloren. Die
Brücken sind damit gesprengt worden. [...]
Die HPG hat bisher nicht mal 20 Prozent ihrer Kapazität zum Einsatz gebracht.
Ihre Schlagkraft hat sich noch nicht gezeigt in den Kampfgebieten. Sowohl
qualitativ als auch quantitativ sind wir vorbereitet. Unsere Fedai- und
Sondereinsatzkräfte sind bisher nicht einmal in den Kämpfen eingesetzt
worden. [...]
Um jetzt zum zweiten Teil Ihrer Frage zu kommen – die Institution namens
Familienministerium hat eine Funktion übernommen wie nirgendwo sonst auf
der Welt. Es dient jetzt dazu, die Familien [von GuerillakämpferInnen]
zu Agenten zu machen. Darüber hinaus wissen wir natürlich, dass die Polizeidirektionen,
Gouverneursämter und Garnisonskommandanturen daran arbeiten, patriotische
Kreise und Guerillaangehörige über intensiven Druck zu beeinflussen. Wir
wissen auch, dass das Volk von Kurdistan das ablehnt, was angesichts des
[staatlichen] Vorgehens sehr natürlich ist.
Was bezweckt der türkische Staat mit einer derart intensiven Angriffskampagne?
Auf der Grundlage eines gemeinsamen Plans führen Regierung, Armee und
Medien einen umfassenden psychologischen Propagandakrieg. Damit versuchen
sie das zu erreichen, was sie im Krieg nicht hinkriegen. Ihre Ziele, die
sie nicht umsetzen können, wollen sie über einen psychologischen Krieg
verwirklichen. Das Ziel dabei ist es, die Bevölkerung unter Druck zu halten,
zu demoralisieren und einen Vertrauensverlust in die Ziele des Kampfes,
die Freiheit und die dafür kämpfenden Kräfte zu erwirken. Sie wollen die
Einheit und den Willen des Volkes zerstören. Hierbei handelt es sich um
einen Angriff, der mindestens so gefährlich ist und so ernst genommen
werden muss wie der Krieg. Er fordert einen sehr vielseitigen ideologischen,
organisatorischen und politischen Kampf dagegen. Gegen diese Desinformation
und die Verdrehung der Tatsachen muss die Gesellschaft richtig informiert
werden. Beispielsweise wird versucht, mit diesen Methoden der psychologischen
Kriegsführung uns trotz des von uns ausgerufenen Waffenstillstands und
der Vernichtungsangriffe des Staates als die angreifende Seite darzustellen,
die auf dem Krieg beharrt. Allem Staatsterror zum Trotz werden wir des
Terrors beschuldigt. [...] Ich will eines ganz klar sagen: Auch wenn der
Krieg über Lügen und Verbergung der Tatsachen geführt wird, lässt er sich
nicht gewinnen.
Quelle: ÖP, 28.01.2008, ISKU
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