Erschütternde Neuigkeiten im Fall des Massakers von Beytüşşebap

Bei dem Massaker am 29. September 2007 wurden 12 Dorfbewohner ermordet. Nun wurden Einzelheiten aus der Aussage von Memduh Ecer, einem Überlebenden des Massakers, veröffentlicht.

Das Massaker hat eine lange Vorgeschichte. Das Dorf Beşağaç (Hemkan), aus dem die Opfer ausnahmslos stammen, wurde 1993 zwangsgeräumt nachdem die Dörfler es abgelehnt hatten Dorfschützer zu werden. Die Mitglieder des Stammes der Pirozhan erhielten daraufhin Schutz und Unterstützung bei dem Stamm der Jirki und zogen in die Städte Şırnak, Hakkari, Van so wie in die Kreisstädte von Beytüşşebap. Erst nachdem die Dörfler es 2004 akzeptierten doch Dorfschützer zu werden, durften sie in ihr Dorf zurückkehren. Allerdings war ihre Rückkehr nicht im Sinne der im Gebiet verbliebenen Dorfschützer, die 11 Jahre lang in deren Abwesenheit ihre Weiden benutzt hatten. Trotz der Probleme, die dadurch entstanden, blieben die „Neuankömmlinge“ und begannen ihr Dorf wieder aufzubauen. Aufgrund der Probleme mit der Wasserversorgung wurden vor drei Monaten im Rahmen von KÖYDES, einem Projekt der AKP-Regierung, Investitionen für die Verbesserung der Wasserversorgung getätigt. Das Wasser einer 14 km entfernten Quelle sollte zum Dorf geleitet werden. In der folgenden Ausschreibung, bei der es um immerhin 2 Milliarden ging, konnten die Firmen von Durmuş und Ataman, zwei den Jirki nahe stehende Firmen, den Erfolg für sich verbuchen. Unterschwellige Drohungen gegen diese verhinderten jedoch, dass die nötigen Arbeiter für den Bau angeworben werden konnten. Der Dorfvorsteher Yusuf Acer schritt daraufhin ein und setzte sich dafür ein, dass die Jugendlichen des Dorfes für den Bau herangezogen werden konnten. Der Bau der Wasser-Pipeline konnte beginnen. Nachdem die Arbeiten daran begannen wurden sie erneut bedroht. Sie ließen sich dadurch jedoch nicht beirren und setzten die Bauarbeiten fort. Nachdem die Jugendlichen 18 Tage lang am Bau der Wasser-Pipeline tätig waren, wurden sie am 29. September auf der Rückfahrt in ihr Dorf von 5 Bewaffneten überfallen. Bei dem Massaker an den wehrlosen Arbeitern kamen Yusuf Acer (54) sein Sohn Rahmi Acer (27), Zeki Acer (35), Orhan Acer (25), Kadir Acer (28), Kamil Akdoğan (38), Kazım Acer (16) Reşit Acer (22), Sefer Acer (17), Bangin Acer (19), Harun Acer (17) und Cuma Armağan (18) ums Leben. Memduh Ecer und Erdal Ecer überlebten verletzt das Massaker.

Die militärische Operation im Gebiet dauert seit dem Tage des Massakers an. Umso erstaunlicher, dass es den Tätern gelang „unerkannt“ zu entkommen. Erste Meldungen überschlugen sich dann darin die PKK zu brandmarken indem sie behaupteten, die PKK wäre in das Massaker involviert gewesen. Die Zeugenaussagen der beiden, das Massaker überlebenden Opfer, nahmen derweil Staatsanwaltschaft so wie Militärstaatsanwaltschaft auf.

Seltsames Geschehen am Rande des Ereignisses

Ein Tag später wurden Journalisten 3 Kilometer vor dem Ort des Geschehens von einer siebenköpfigen Gruppe aufgehalten. Sie trugen Abzeichen der HPG und Kalaschnikows - niemand schien sich zu fragen warum der medienwirksame Schmuck. Die Gruppe befragte die Journalisten woher und zu welchem Zweck sie in die Region kämen. Nachdem sie die Pässe kontrolliert hatten, durften die Journalisten ihre Fahrt fortsetzen.

Treffen der Stammesführer

Noch bevor offizielle Untersuchungen des Massakers in der Region begonnen hatten, trafen sich im Dorf schon die Stammesführer und Dörfschützer des Stammes der Jirki, Tahir Adıyaman, der Familie der Tatar, Beşir Tatar, der Familie der Babat, Hazım Babat und von Stamme der Tayan, Kamil Atak, und beteuerten, dass sie keine Zweifel daran hätten, dass die Tat von Seiten der PKK begangen worden wäre. Sie waren es auch, die die Medien „unterrichteten“. Zwei Stunden bevor die offiziellen Vertreter der Regierung im Dorf erschienen, fand sich Serdar Çakır, seines Zeichens Oberleutnant des Kommandos, zum Kondolenzbesuch im Dorf ein. In seiner Ansprache an die Anweswenden machte er deutlich, dass er sich keine Illusionen darüber mache, wer die Täter wirklich gewesen seien. Der Oberleutnant wählte dabei folgende Worte: “Ihr wart es, die das getan haben. Wenn das so weiter geht, wird es zwischen uns zum Bruch kommen. “Zwei Stunden später kamen die offiziellen Vertreter. Der Innenminister, Beşir Atalay, der Minister für Landwirtschaft und Agrarfragen, Mehdi Eker, Staatsminister Mehmet Şimşek und Polizeichef Oğuz Kağan Köksal. Dem folgten zur Untersuchung des Massakers die Visiten der Parlamentskommission für Menschenrechte, die Delegation der CHP und die Delegation des İHD. Während der Zeit ihrer Anwesenheit hinderte die permanente Gegenwart von Dorfschützern und zivilen Militärs die überlebenden Opfer daran zu berichten, was am 29. September wirklich geschah.

Quelle: ANF, 12.10.2007, ISKU

Übersetzung aus dem Türkischen
ISKU | Informationsstelle Kurdistan