Massaker
in Diyarbakir fordert 10 Menschenleben (Zusammenfassung)
Terroranschlag
auf Zivilbevölkerung
Die Anzahl der Todesopfer
des Bombenanschlags in Diyarbakir am Dienstagabend hat sich auf zehn erhöht.
Darunter befinden sich sieben Kinder. Zwei weitere Verletzte befinden
sich nach wie vor in Lebensgefahr.
Zu dem Anschlag bekannten
sich zwischenzeitlich die faschistischen "Türkischen Rachebrigaden"
(TIT). Der Anschlag in Diyarbakir sei im Gedenken an einen kürzlich in
Siirt ums Leben gekommenen Soldaten verübt worden. Zusätzlich zur Erklärung
sind Fotos abgebildet, die nach TIT-Angaben den Sprengsatz vor der Explosion
darstellen. Darunter steht: "Der beste Kurde ist ein toter Kurde".
In der Erklärung heißt es weiter: "Als Türkische Rachebrigaden werden
wir für jeden Türken, den die PKK im Westen zum Märtyrer macht, in Diyarbakir
zehn Kurden töten."
Die TIT wurden erstmals in den 70er und 80er Jahren während der ersten
Zusammenstöße der Links- und Rechtsfraktionen in der Türkei und Kurdistan
bekannt. Es wird vermutet, dass diese Gruppe für über 1.000 Todesfälle
während dieses Zeitabschnittes verantwortlich sei. Im Zuge des Militärputsches
vom 12. September 1980 wurde auch diese Gruppe zerstreut, und die meisten
Mitglieder wurden seitens der Junta inhaftiert. Mitte der 80er bis Ende
der 90er Jahre während des letzten kurdischen Aufstandes wurden jedoch
die Mitglieder der Gruppe entlassen und dann bewusst gegen kurdische politische
und kulturelle Veranstaltungen eingesetzt, indem sie in den türkischen
Militärgeheimdienst JITEM, integriert wurden.
Zuletzt 1998 hatten die TIT durch einen Anschlag auf Akin Birdal vom Menschenrechtsverein
IHD sowie mit an die DTP und den IHD gerichteten Drohbriefen und Bombenattrappen
auf sich aufmerksam gemacht.
Heute wird vermutet, dass die TIT eine Unterorganisation der “Atabeyler”
sind, einer Organisation, deren Existenz erstmalig durch den Mordanschlag
auf einen türkischen Richter am 12. Mai 2006 offiziell bekannt wurde.
Nach der Vehaftung des Attentäters Alparslan Aslan wurden auf Grund seiner
Aussagen zahlreiche ehemalige und aktive Militärs festgenommen - bekannt
wurde der Fall als "Atabeyler Operation". Die weiteren Ermittlungen
brachten jedoch keine Ergebnisse, da einige hochrangige Offiziere sich
für "ihre Männer" einsetzten. Ziel der ´Atabeyler` sei es, einen
erneuten Militärputsch in der Türkei zu provozieren.
Der Exekutivrat der
Gemeinschaftb der Kommunen Kurdistans (KKK) hat unterdessen den Anschlag
als einen "terroristischen Angriff" auf die Bevölkerung von
Diyarbakir bezeichnet, mit dem die kurdische Befreiungsbewegung nichts
zu tun habe. In einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung der KKK wird
weiterhin auf den zeitlichen Zusammenhang des Anschlags aufmerksam gemacht:
Erst vor knapp zwei Wochen hatten die KKK mit einer "Deklaration
für eine Lösung" ihre Bereitschaft zu Verhandlungen erneut signalisiert.
Einen Tag vor dem Anschlag hatte die Partei für eine demokratische Lösung
(DTP) die Guerilla zu einem Waffenstillstand aufgefordert. Am Dienstag
wurde eine von 224 türkischen und kurdischen Intellektuellen verfasste
Deklaration mit der Überschrift "Es reicht!" veröffentlicht,
in der die PKK zu einem Waffenstillstand und der Staat zu den dafür notwendigen
Schritten aufgefordert wurden. Schließlich fand am Mittwoch erstmalig
ein Treffen zwischen den neu ernannten "PKK-Koordinatoren" der
USA und der Türkei in Ankara statt. In der letzten Zeit hatten sich außerdem
Angehörige von getöteten Soldaten öffentlich gegen den Krieg geäußert,
was große Beachtung in den türkischen Medien gefunden hatte.
Der KKK-Exekutivrat bewertete den Angriff in diesem Zusammenhang als Sabotageversuch
gegen einen Friedensprozess durch "bestimmte Kräfte", die sich
"innerhalb des türkische Spezialkriegssystems" befinden, sich
vor "Frieden, einer demokratischen Lösung und einem Dialog"
fürchteten und sich über rassistisch-nationalistische Propaganda auf billige
Weise die Macht sichern wollten. Weiter warnten die KKK davor, dass die
Möglichkeit weiterer provokativer Angriffe bestehe.
Auch der Kongra-Gel verurteilte am Mittwoch den Anschlag scharf und sprach
den Angehörigen der Getöteten und dem kurdischen Volk sein Beileid aus.
Weiter heißt es in der Erklärung: “Dieses Attentat wurde am 26. Jahrestag
des Militärputsches vom 12. September 1980 verübt. Die Tatsache, dass
zudem Diyarbakir zum Ort und die Zivilbevölkerung zum Ziel des Angriffs
gemacht wurde, beinhaltet eine Botschaft der Drohung und der Rache. Diese
Grausamkeit zeigt, dass der Geist des 12. September 1980 in Kurdistan
weitergeführt werden soll und noch immer anhält. Der Staat, der sich sowohl
militärisch als auch in anderen Bereichen in die Ecke gedrängt sieht,
rächt sich auf diese Weise an der Bevölkerung, indem er die Konterguerillakräfte
erneut einsetzt. Der jüngste Vorfall ist die Fortsetzung der staatlich
gesteuerten Bombenangriffe von Semdinli und zeigt, dass „die guten Jungs“
wieder am Werk sind.”
Der Bürgermeister von Diyarbakir Osman Baydemir (DTP) bewertete den Anschlag
als "gegen den Frieden gerichtete Provokation". Es sei völlig
eindeutig, dass mit dem Angriff auf Zivilisten die Forderung nach Frieden
sabotiert werden solle. Dennoch bestehe einzig und allein die Möglichkeit,
von dieser Forderung nicht abzurücken und besonnen zu handeln.
Auch die Anwaltskammer Diyarbakir und der Menschenrechtsverein IHD verurteilten
den Anschlag. Im Namen der Anwaltskammer erklärte der Vorsitzende Sezgin
Tanrikulu: "Wir bewerten diesen grausamen Angriff als eine provokative
Aktion, mit der die Forderung nach Frieden, die sich in der Türkei verbreitet,
unterlaufen werden soll. Es ist Aufgabe der Regierung, die Täter und die
hinter ihnen stehenden Kräfte unverzüglich aufzudecken. Falls das nicht
geschieht, wird aus den fortgesetzten Anschlägen in der Türkei ein innerer
Krieg entstehen."
Die IHD-Zweigstelle in Diyarbakir äußerte in einer schriftlichen Erklärung,
die Explosion habe sich an einem sehr belebten Ort ereignet. "Eines
der Hauptziele dieser brutalen Aktion gegen die Zivilbevölkerung ist es,
Sorge, Angst und Chaos auszulösen."
Am Ort des Anschlags versammelten sich am Mittwoch Tausende Menschen,
legten Nelken nieder und brachten ihre Wut in Parolen wie "Dafür
wird der Mörderstaat zahlen" zum Ausdruck. Die Polizei traf strenge
Sicherheitsvorkehrungen und positionierte Scharfschützen auf umliegenden
Dächern.
Als am Donnerstag erneut Tausende am Ort des Anschlags protestieren wollten,
wurden sie von Spezialeinheiten der Polizei angegriffen, die dabei Gasgeschosse
einsetzte.
Quelle: ANF/DIHA/ki,
13./14.9.2006
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