Brief der Friedensgruppe aus Kandil und Mahmur

An die verehrten Vertreter der Republik Türkei
An die Völker der Türkei und die demokratische Öffentlichkeit

Wir sind eine Friedensgruppe, die auf den historischen Aufruf Abdullah Öcalans, des Repräsentanten des kurdischen Volkes, hin beschlossen hat, in die Türkei zu kommen, um die Stagnation im begonnen Prozess für einen würdevollen Frieden und die Demokratisierung der Türkei zu überwinden und einen bescheidenen Beitrag zu einem wirklichen Frieden zu leisten.

Unser Kommen verfolgt nicht den Zweck, von Artikel 221 [Reuegesetz, Anm. d. Ü.] zu profitieren. Wir haben uns aus freien Stücken auf den Weg gemacht, um das Blutvergießen zu stoppen, das Weinen der Mütter zu beenden und das Fundament für ein friedliches Zusammenleben zu stärken. Dieser unser Schritt beweist auch, dass wir nicht die Quelle des Problems sind, sondern auf der Seite einer Lösung stehen. Die Türkei befindet sich in einer äußerst wichtigen und kritischen Phase. Seit den Kommunalwahlen am 29. März haben die Diskussionen über eine demokratische Öffnung ein hohes Niveau erreicht. Zwar wurde die von Abdullah Öcalan verfasste und vorgelegte Roadmap noch nicht veröffentlicht, doch haben die durch sie entstandene Diskussion sowie einige positive Erklärungen von Repräsentanten des Staates die Hoffnung auf Frieden und eine demokratische Lösung befördert.
Selbst die bisher begrenzte Teilnahme breiter Kreise an der Diskussion hat bereits gezeigt, dass Staat und Gesellschaft in der Türkei ein starkes Bedürfnis nach einer ernsthaften Demokratisierung, einem Kompromiss und dem Respekt vor den Rechten der jeweils anderen besitzen. In diesen Diskussionen, die in einer Zeit geführt wurden, während der die kurdische Freiheitsbewegung unter großen Opfern eine einseitige Aktionspause aufrecht erhalten hat, begann die Gesellschaft der Türkei, sich den Tatsachen der kurdischen Gesellschaft und der kurdischen Frage zu stellen. Diese Entwicklungen haben die Demokratisierung der Türkei und die friedliche und demokratische Lösung der kurdischen Frage ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt. Ganz offensichtlich herrscht mittlerweile sowohl in der türkischen als auch in der kurdischen Gesellschaft die Überzeugung vor, dass die Probleme nicht durch Gewalt gelöst werden können, sondern dass die demokratische Politik als Methode zur Lösung angewandt werden muss.

Wir als Gruppe, die sich für den Frieden auf den Weg gemacht hat, glauben, dass gerade in einer solchen Situation der Friedens- und Demokratisierungsprozess mit großer Ernsthaftigkeit, Verständnis und kreativen Lösungsmethoden vorangetrieben werden muss. Die Entwicklungen in der Türkei bieten dafür mehr als je zuvor eine Gelegenheit. Die demokratische Lösung der kurdischen Frag wird gleichzeitig eine Schlüsselrolle für Demokratie und Stabilität in der gesamten Region spielen. Wir haben die Hoffnung, dass alle, vor allem die verantwortlichen Kräfte, sich mit hoher Sensibilität dafür einsetzen, damit dies Wirklichkeit werden kann.

Natürlich wissen wir auch, dass sich Frieden und Demokratie nicht von selbst entwickeln werden, wie positiv die Bedingungen dafür auch sein mögen. Die Existenz von chauvinistischen, nationalistischen und auf ihren Vorteil bedachten Gruppen, die sich intensiv darum bemühen, die Demokratisierung in der Türkei und die demokratische und friedliche Lösung der kurdischen Frage zu verhindern, demonstriert die Schwierigkeiten des Kampfes für den Frieden. Diese Kräfte versuchen durch verschiedenste Angriffe, die Demokratisierung zu blockieren und eine demokratische Lösung der kurdischen Frage zu verhindern. Dies stellt eine ernsthafte Bedrohung für den Erfolg der „demokratischen Öffnung“ dar und hat zur Stagnation geführt. Um diese Hindernisse zu beseitigen und die Stagnation zu überwinden, hat Abdullah Öcalan dazu aufgerufen, neue Gruppen für Frieden und eine demokratische Lösung in die Türkei zu senden. Wir haben uns aus freiem Willen dazu entschieden, diesem Aufruf unseres Repräsentanten zu folgen und als Friedensbotschafter in die Türkei zu kommen. Ein weiterer Grund ist, dass wir das existierende historische Fundament für ein gemeinsames Zusammenleben unserer Gesellschaften weiter stärken und Wahrheiten ans Licht bringen wollen, die man immer noch zu verstecken sucht.

Einige von uns repräsentieren die Bevölkerung von Mahmur, die die gravierenden Folgen der ungelösten kurdischen Frage und einer falschen Politik am eigenen Leib erfahren hat. In den 1990er Jahren wurden unsere Dörfer von damaligen staatlichen Kräften durch Beschuss von Flugzeugen und Kanonen zerstört und niedergebrannt. Um uns vor all diesen Angriffen zu schützen, waren wir gezwungen, den Boden, auf dem wir aufgewachsen sind, zu verlassen und unter schwierigsten Bedingungen jahrelang ums Überleben zu kämpfen. Viele Verwandte von uns haben wegen dieser falschen Politik ihr Leben verloren. Einige wurden auch in Form der „Morde unbekannter Täter“ von den damaligen Staatskräften ermordet. Wir wissen immer noch nicht, wie diese unsere Verwandten ermordet wurden, wo ihre Leichen sind. Tausende wurden verstümmelt. Weitere Hunderte bevölkern immer noch die Gefängnisse. Als Bevölkerung von Mahmur, die den Schmerz und das Leid dieser Zeit erlebt hat, wollen vielleicht mehr als jeder andere von Herzen mit unserer eigenen Identität in Frieden und Freiheit leben.

Einige von wollten die Ungerechtigkeit, die aus der ungelösten kurdischen Frage erwuchs, beseitigen und ein gemeinsames Leben der Völker in Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit verwirklichen. Dafür haben wir jahrelang in den Bergen unter schwierigsten Bedingungen Opfer gebracht und den Kampf für Würde, Identität und Freiheit geführt. Dies wurde unsere Lebensaufgabe. In jedem Konflikt sollte es auch einen Prozess des Dialogs, des Kompromisses und der friedlichen Lösung geben. Sobald das Problem erkannt ist und die Diskussionen über seine Lösung begonnen haben, halten wir es für prinzipiell moralisch geboten, im Dialog nach einer friedlichen Lösung zu suchen, anstatt den Konflikt beiderseits fortzusetzen. Wir glauben, dass nur diejenigen den Frieden verwirklichen können, die an ihn glauben. So, wie andere Gesellschaften, die ähnliche Konflikte durchlebt haben, ihre Probleme auf dem Verhandlungswege gelöst haben, so können auch wir unsere spezifischen Probleme mit modernen Methoden lösen.

Daher sehen wir es als eine wichtige Aufgabe für uns an, die bestehende Stagnation zu überwinden, selbst wenn es dabei ernsthafte Hindernisse gibt. Im Bewusstsein unserer Verantwortung wollen wir auf den Aufruf unseres Repräsentanten, den Prozess voranzubringen, und das Streben unserer Völker nach Frieden und einem freiwilligen, gemeinsamen Zusammenleben reagieren.

Mit diesem Schritt fordern wir, den Weg für eine friedliche und demokratische Lösung der kurdischen Frage freizumachen und das Funktionieren demokratischer Politik zu ermöglichen. Dadurch, dass wir diesen Schritt trotz der negativen Reaktionen auf ähnliche Initiativen in der Vergangenheit tun, unterstreichen wir einmal mehr die guten Absichten, die Entschlossenheit und das Beharren des kurdischen Volkes und seines Repräsentanten auf Frieden und einer demokratischen Lösung.

Wir sind überzeugt, dass alle friedliebenden Menschen diesen Schritt zum Frieden angemessen würdigen, verstehen und das Streben nach einem würdevollen Frieden unterstützen werden. Wir erklären auch, dass wir wegen dieser Überzeugung bereit sind, Opfer zu bringen und den Preis dafür zu zahlen, was immer er sein mag.
Wir sind überzeugt, dass die Repräsentanten des türkischen Staates und alle friedliebenden Menschen verantwortlich reagieren werden.
Wir möchten hier unsere dringendsten Forderungen auflisten, deren Erfüllung für die Verwirklichung der obigen Botschaften und das Reifen der Bedingungen für ein Zusammenleben notwendig ist:

Wir wollen
1. dass die Roadmap für eine friedliche und demokratische Lösung der kurdischen Frage, die Abdullah Öcalan verfasst hat, an ihre Adressaten ausgehändigt und veröffentlicht wird,
2. dass die Operationen im militärischen und politischen Bereich gestoppt werden, der Weg für eine friedliche und demokratische Lösung der kurdischen Frage freigemacht wird und diese Lösung im Rahmen einer tatsächlichen Demokratisierung der Türkei auf der Grundlage der Respektierung des freien Willens des kurdischen Volkes auf dem Wege von Dialog und Verhandlungen verwirklicht wird,
3. als ein Teil einer demokratischen Nation Türkei mit unsrer Identität als kurdisches Volk mit verfassungsmäßigen Garantien in Freiheit und Gleichheit zusammenleben,
4. Kurdisch, unsere Muttersprache, überall frei sprechen, lernen, weiterentwickeln und unsere geschichtlichen Werte, unsere Kultur und unsere Geografie in unserer Muttersprache kennen lernen,
5. unseren Kindern kurdische Namen geben, sie auf Kurdisch großziehen und ausbilden,
6. als kurdisches Volk unsere Geschichte, Kultur, Kunst und Literatur in Freiheit bewahren, erleben und weiterentwickeln,
7. mit unserer eigenen Identität unsere gesellschaftliche Organisierung entwickeln, demokratische Politik betreiben und uns frei ausdrücken,
8. in den Dörfern und Städten Kurdistans fern von Repression und Grausamkeiten von Spezialeinheiten, Dorfschützern und Polizei, in Sicherheit und bescheidenem Wohlstand leben,
9. die Demokratisierung der Türkei und dafür die Ausarbeitung einer zivilen, demokratischen Verfassung. Wir unternehmen diesen Schritt, um auf der Grundlage dieser Forderungen mit allen Menschen in der Türkei, die Frieden wollen, zu diskutieren und zusammenzuarbeiten.

Wir gehen diesen Schritt in einem historischen Augenblick.
Wir glauben an seinen Erfolg und grüßen respektvoll alle, die den Frieden lieben.

19.10.09, Gruppe für Frieden und eine demokratische Lösung