yahoo, 8. Dezember 1999, 08:57 Uhr

EU-Kommissar für die Erweiterung / ZEIT-Gespräch mit Günter Verheugen

Hamburg (ots) - Einen baldigen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union hält der EU-Kommissar Günter Verheugen für ausgeschlossen. "So schnell sehe ich die Türkei nicht in der Union", sagte der deutsche Sozialdemokrat gegenüber der Hamburger Wochenzeitung "Die ZEIT". Heute wisse "niemand, ob es überhaupt so weit kommt, dass wir mit Ankara über einen EU-Beitritt verhandeln." Im Vergleich zu den mittel- und osteuropäischen Kandidaten sei Ankara "nicht so weit". Unmittelbar vor dem EU-Gipfel in Helsinki übte Verheugen scharfe Kritik an "der Politik in Westeuropa", die bislang die Bedeutung der Osterweiterung zu wenig erklärt habe. Man habe es "versäumt den Bürgern zu vermitteln, welche historische Chance wir da haben". Gegenüber der ZEIT erklärte Verheugen: "Die Erweiterung wird scheitern, wenn Europa es wieder so versucht wie beim Vertrag von Masstricht: einfach durchpauken. ((Das geht nicht gut!" Politik, so Verheugen, sei "nicht nur Handwerk", manchmal "geht es in meinem Beruf auch um geistige Führung." ) Die Alternative zur Erweiterung, so erklärte Verheugen weiter, sei " eine Armutsgrenze, ein Limes mitten durch Europa." Wer heute "nur den Stammtisch befriedigen will", so der EU-Kommissar, müsse "morgen erneut Mauer und Stacheldraht errichten. Das ist dann die Festung Westeuropa". Ein solcher Kurs sei "unmoralisch, aber auch politisch unmöglich. Denn solche eine Festung würde nicht lange halten." ((Zudem eröffne nur die Osterweiterung die Möglichkeit, regionale Probleme zwischen Ost und West "abzufedern". Insgesamt werde die Osterweiterung "ein Gewinn für alle, von Anfang an.")

Verheugen warnte in dem ZEIT-Gespräch vor zu großen Erwartungen auf künftige Erweiterungen der Union. "Es wäre völlig unredlich, sich jetzt in Moskau oder Kiew auf den Marktplatz zu stellen und zu versprechen: Ihr seid die Nächsten". Er selbst teile das Gefühl der Überforderung, das sich bei Europas Bürgern angesichts des anstehenden Beitritts von Zypern, Malta und zehn mittel- und osteuropäischen Ländern zeige. "Die EU kann sich nicht auf das ganze Gebiet ausdehnen, das geographisch Europa heißt, " erklärte Verheugen gegenüber der ZEIT. Darum müsse es auch andere Formen eines Zusammenlebens in Europa geben als die EU-Mitgliedschaft.

DIE ZEIT NR. 50 VOM 9. Dezember 1999

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