Ostsee-Zeitung, 13.9.2000

Aus den Augen, aus dem Sinn

In abgelegenen Heimen warten Asylbewerber in M-V jahrelang auf das Ende ihrer Verfahren

Über 6700 Asylbewerber leben zumeist in den 65 Gemeinschaftsunterkünften des Landes. Auf engstem Raum sind sie in früheren Armee- oder Ferienobjekten weit entfernt von Städten und Dörfern untergebracht. Mit einer neuen Richtlinie sollen sich die Verhältnisse nun bessern.

Parchim (OZ) Das Postauto verlässt das Gelände. Sorgsam schließt der Wachmann wieder das Tor. Gefangen. So empfinden es Bitibitcha Ayeva und seine Familie. "Meine Frau sagt immer: es ist ein Gefängnis, doch die Tür geht auf", erzählt der Togolese auf dem Weg zur alten Kaserne, die heute sein Zuhause ist. Knapp 16 Quadratmeter misst das Zimmer, in dem der Chirurg mit Ehefrau und Sohn lebt. Zwei Betten stapelt er tags übereinander, damit Kemal (7) spielen kann.

Vor drei Jahren bat Dr. Ayeva in Deutschland um Asyl. Geflohen vor dem Diktator im afrikanischen Togo, der das politische System seit 35 Jahren mit Polizei und Militär am Leben erhält. Kein Platz für Andersdenkende wie Bitibitcha Ayeva, der sechs Jahre lang im russischen Donezk Medizin und ein anderes Leben studiert hatte. Mit vielen Ideen, seiner Ehefrau Elena und Söhnchen Kemal kehrte er zurück in die Heimat, die bald keine mehr war.

Nun sitzt der 35-jährige Arzt hier. "Im Lager" in Tramm (Landkreis Parchi m). Das Asylbewerberheim - ein ehemaliges Armeeobjekt, mitten im Wald. Der nächstgelegene Ort ist Crivitz. Sieben Kilometer entfernt. Dort ist der Einkaufsmarkt, in dem die Asylbewerber ihre Gutscheine umsetzen können. Manchmal nehmen sie früh um sieben den Schulbus und warten bis die Läden öffnen. Meist aber gehen sie zu Fuß. "Ein Auto dürfen Asylbewerber nicht besitzen", erklärt Ayeva.

"In den Peeschen" ist ein Waldstück bei Sternberg. Zugleich die wohlklingende Adresse eines anderen Asylbewerberheimes im Landkreis Parchim. Zu DDR-Zeiten ein sicher idyllisch gelegenes Kinderferienlager, heute Unterkunft für 135 Menschen aus 13 Nationen. Fernab der Zivilisation.

Dzefis, eine fünfköpfige Familie aus dem Togo, leistet sich ab und an ein Taxi. Für den Einkaufen im rund acht Kilometer entfernten Sternberg. Oder wenn die Kinder zum Arzt müssen. "17 Mark hin, 17 Mark zurück", rechnet Vater Koblavi Elavanyo Dzefi vor, der die Fahrtkosten manchmal mit anderen Heimbewohnern teilt. Bis zur nächsten Bushaltestelle wären es drei Kilometer durch Wald und Feld. "Doch der Bus fährt nur einmal am Tag", sagt der 38-jährige Togolese. Seit 1993 lebt er in den Peeschen, Ehefrau Adjo Kayi kam zwei Jahre später nach, die drei Kinder wurden hier geboren, das jüngste vor vier Wochen.

"Für Kinder ist das doch ideal hier", meint Heimleiter Peter Beuche. Die hätten hier Auslauf, würden nicht durch Autos gefährdet. Einfach schön. Und auf den 820 Metern durch den Wald, die der Mann mit dem Strohhut exakt ausgemessen hat, "was soll da schon passieren?" Es gäbe abgelegenere Heime im Land, sagt der 59-Jährige und hat da sicher gar nicht so unrecht.

Über 6700 Asylbewerber leben derzeit in Mecklenburg-Vorpommern, die meisten in 65 Gemeinschaftsunterkünften. Zuständig für die Einrichtung der Heime sind die Landkreise, die für diese Zwecke vor allem ehemalige Armeeobjekte, Lehrlingswohnheime, Ferieneinrichtungen vorhalten. Der Zustand der Herbergen ist oft erbärmlich. Zudem sind die Objekte häufig weit entfernt von Städten und Dörfern. Aus den Augen, aus dem Sinn. Integration gleich null.

"Rostock hat aus diesen Erfahrungen gelernt", sagt der Ausländerbeauftragte Dr. Wolfgang Richter. 1997 gab die Stadt das entlegene Asylbewerberheim auf dem früheren Armeegelände in Hinrichshagen auf. Gegen den Widerstand vieler Rostocker bezogen die Ausländer kleinere Heime in der Stadt. "Das hat sich bewährt, Vorurteile haben sich nicht bewahrheitet", erklärt Richter. Wird Ausländern gern nachgesagt, sie nähmen es mit Ordnung und Sauberkeit nicht so genau, so zeige die Erfahrung in den neuen Heimen: "Die Menschen lassen sich sehr wohl inspirieren, von Räumen zum Wohlfühlen und durch den Einfluss engagierter Sozialarbeiter.

Richter ist Mitglied einer Arbeitsgruppe zur Verbesserung der Lebensverhältnisse von Flüchtlingen in M-V. Diese erarbeitet eine neue Richtlinie für Asylbewerberheime, in der die berufliche und soziale Qualifikation des Personals ganz oben ansteht. Außerdem wird die Ausstattung der Heime festgeschrieben, die Mindestgröße der Räume von bisher fünf Quadratmetern pro Person auf sechs hochgesetzt. "Die Lage der Heime kann den Kreisen nicht gesetzlich vorgeschrieben werden", sagt Richter. Doch eine Empfehlung des Innenministeriums wäre denkbar, die Menschen in den Asylbewerberheimen nicht mehr räumlich und menschlich zu isolieren.

DORIS KESSELRING