Süddeutsche Zeitung 08.09.2000

Castro fordert andere Machtverhältnisse

Cubas Staatschef verlangt von Industriestaaten Entschädigung für Kolonialisierung und eine Demokratisierung der UN

New York – Mit scharfer Kritik an den reichen Industriestaaten hat sich der cubanische Staatschef Fidel Castro beim UN-Millenniumsgipfel in New York für die Bedürfnisse der Dritten Welt eingesetzt. 80 Prozent der sechs Milliarden Erdbewohner lebten als Folge von „Eroberung, Kolonialisierung, Sklaverei und Imperialismus“ in Armut, sagte Castro in der Nacht zum Donnerstag vor 150 Staats- und Regierungschefs. Deswegen gebe es eine moralische Verpflichtung, „unsere Nationen für den über Jahrhunderte hinweg verursachten Schaden zu entschädigen“, sagte er. Der cubanische Staatschef forderte eine grundlegende Änderung der Machtverhältnisse in der Welt. „Die derzeitige wirtschaftliche und politische Ordnung kann den Interessen der Menschheit nicht dienen“, sagte er. „Sie muss verändert werden.“ Den etwa drei Dutzend reichen Staaten, vor allem den USA, warf Castro vor, „uns noch ärmer, ausgebeuteter und abhängiger zu machen“.

Mit Blick auf die Zukunft der Vereinten Nationen kritisierte Castro, dass es keine Diskussion über eine radikale Strukturreform gebe, die eine Demokratisierung der Staatenorganisation zum Ziel habe. Er sprach sich für eine Abschaffung des Vetorechts der fünf ständigen Sicherheitsratsmitglieder aus. Mit diesem „anti-demokratischen Vetorecht“ einiger weniger Mächte müsse Schluss gemacht werden. Stattdessen solle die 189 Staaten vertretende UN-Vollversammlung das entscheidende Gewicht in der Führung der Völkergemeinschaft bekommen. Die Verwirklichung des „Traums von fairen Regeln“ erscheine zwar als unmöglich, sagte Castro. Der „Kampf für das Unmögliche“ müsse aber das Motto der UN sein.

Vor allem Delegierte aus Staaten der Dritten Welt hatten Castro, der vor dem Gipfel von New Yorks Bürgermeister öffentlich als „Mörder“ verunglimpft worden war, mit großem Beifall begrüßt. Der Vorsitzende der Sitzung, Namibias Präsident Sam Nujoma, dankte „dem Genossen“ Castro. Exil-Cubaner in den USA indes forderten seine Verhaftung.

Auch andere Gipfel-Teilnehmer konzentrierten sich in ihren Reden auf die Armut und die Kriege in der Welt. So forderte der britische Premierminister Tony Blair die Staats- und Regierungschefs auf, sich verstärkt den Problemen der afrikanischen Länder zu widmen.

(SZ)