Verbrechen der Wehrmacht

„Aber der Prozentsatz derjenigen, die wirklich schuldig sind, ist außerordentlich klein, daß (...) damit der Ehre der früheren Wehrmacht kein Abbruch geschieht.“
(Bundeskanzler Konrad Adenauer im Bundestag, 1951) 
„Die Masse der ehemaligen Mitglieder der NSDAP sowie früheren Offiziere der Hitlerwehrmacht aber, die sich persönlich keines Verbrechen schuldig gemacht hatten, wurde die Forderung gestellt (...) Schuld und Irrtum der Vergangenheit durch tätigen Einsatz bei der Errichtung eines neuen Deutschland auszulöschen.“
(Stellvertretender Ministerpräsident Bolz in der Volkskammer, 1952) 

Entgegen den historischen Tatsachen war dies im Osten und Westen Konsens: Der einfache Wehrmachtssoldat hatte sich nichts zu schulden kommen lassen. Die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“ unternimmt den Versuch, diesen, nun gesamtdeutschen Konsens zu durchbrechen. Dies führte zu heftigen Debatten in der deutschen Öffentlichkeit. Die Auseinandersetzung wurde frühzeitig von konservativen rechtsradikalen Verteidigern der Wehrmacht dominiert, die die Ausstellung rundherum ablehnen und auch vor Anschlägen gegen die Ausstellung nicht zurückschreckten. Deshalb verschob sich die Diskussion über die Wehrmacht hin zu einer über die Ausstellung, die Qualität der Fotos, der Echtheit der Dokumente usw.

Der bisherige Höhepunkt der Auseinandersetzung stellte die Hetze der CSU, der NPD und anderen faschistischen Parteien gegen die Ausstellung in München dar, die in einem Faschoaufmarsch am 1. März 1997 mit 5.000 Teilnehmern mündete. Damals, aber auch in den meisten anderen Städten der BRD, in denen die Ausstellungen gezeigt wurde, gab es verbale Ausfälle von Lokalpolitikern und Aktionen von Faschos. Die nächste
(1) In den letzten Jahren sind eine Menge Bücher zur Wehrmacht erschienen. Wir haben uns entschieden, nur die Bücher zu besprechen bzw. zu erwähnen, die in Leipzig im Antifa-Presse-Archiv ausgeliehen werden können.

(2) Sehr interessante Beiträge zu diesem Thema finden sich in dem Buch „Verräter oder Vorbilder. Deserteure und ungehorsame Soldaten im Nationalsozialismus“ (Fietje Ausländer (Hrsg.), Edition Temmen: 1990, 200 S.), in dem z.B. die Diskussion antifaschistischer und kommunistischer Gruppen zu Perspektiven des Widerstands innerhalb der Wehrmacht nachgezeichnet werden. Kurz vor Kriegsende wurden die sogenannten Bewährungsbataillone 999 aufgestellt, in den „wehrunwürdige“, d.h. aufgrund von kriminellen und politischen Delikten eigentlich vom Wehrdienst ausgeschlossene Soldaten zusammengefaßt wurden. In diesen Bataillonen befanden sich zu einem hohen Prozentsatz Kommunisten, die direkt aus dem KZ oder Zuchthaus geholt wurden. Diese lehnten die individuelle Desertation als unpolitischer Fluchtversuch ab und versuchten vielmehr, kollektiven Widerstand in der Wehrmacht zu organisieren. Außerdem ahnten sie das baldige Ende des Krieges und sahen sich in der Rolle Gründerväter eines kommunistischen Deutschlands, was sie sich mit einer Kriegsgefangenschaft nicht verbauen wollten. Diese Versuche waren jedoch alle zum Scheitern verurteilt. 

(3) Sehr deutlich wird dies z.B. bei der Debatte im Bundestag, bei der die CSU die Austellung verdammt und die VertreterInnen der SPD, der FPD und von Bündnis 90/Die Grünen zum großen Teil mit persönlichen Leidensgeschichten, a la „Ich wagte es nicht, meinen Vater zu fragen“ und „Die Wehrmacht hat bei uns die Behinderten vor der SS gerettet“ aufwartet. (Dokumentiert in „Wehrmachtsverbrechen. Eine deutsche Kontroverse“, S. 95-148) 

(4) Ein Bericht des Sicherheitsdienstes vermeldet, daß die Wehrmacht „ein ständig wachsendes Interesse für die Aufgaben und Belange sicherheitspolizeilicher Arbeit (habe). Dies war gerade bei den Exekutionen in besonderem Maße zu beobachten.“ 

(5) Dabei kam der deutsche Humor nicht zu kurz: Neben an einem Baum erhängten Serben lehnen zwei lachende deutsche Soldaten. Beschriftet wurde das Foto mit „Baumblüte in Serbien“. 

(6) Im Gegensatz dazu fanden Hinrichtungen, die eine abschreckende Wirkung auf die Bevölkerung haben sollten bzw. als Vergeltungsmaßnahmen gegen die Partisanen gedacht waren, in aller Öffentlichkeit statt. Es finden sich im Katalog etliche Bilder von in Dörfern und Städten erhängten Menschen, denen ein Schild mit ihrem Vergehen (z.B. „120 Patronen in der Tasche“) umgehängt wurde.

(7) Dies bezieht sich auf das Verstehen und Erkennen von Hintergründen. Der Katalog mit seinen etwas zusammenhangslosen und meist unkommentierten Fotos und Texten ist dagegen eher geeignet, durch Erschrecken die Dimension der Verbrechen zu erahnen. 

(8) Und die heute der Bundeswehr als Vorbild für „humanitäre und friedensschaffende“ Einsätze im Ausland dienen. So der Generalinspekteur der Bundeswehr Klaus Naumann im Oktober 1995. 

(9) Schon damals war der Antisemitismus konstituierend für den deutschen Militarismus. So ordnete 1916 die oberste Heeresleitung eine „Judenzählung“ an. Da sie mit dem Ergebnis von 1,1% unzufrieden war, verschob sie das Komma einfach um eine Stelle nach rechts, um den „mächtigen“ Einfluß der Juden in der deutschen Armee mit 11% belegen zu können. 

(10) Ehrlicher als Heer ist da schon der Rechtsaußen Dregger (CSU), der in der schon erwähnten Bundestagsdebatte die Umwandlung der Wehrmacht in die Bundeswehr als eine „Militärreform“ bezeichnete, was natürlich ein Aufschrei im liberalen Lager verursachte, da es nicht eingestehen will, das wirklich nur dies und jenes reformiert wurde. Dies belegen eindrucksvoll die „rechtsextremen Einzelfälle in der Bundeswehr“, die in den letzten Monaten zuhauf der Öffentlichkeit bekannt wurden. 

(11) Das hat sicherlich damit was zu tun, daß Bastian notorischer ZEIT-Leser ist. In jeder zweiten Fußnote von ihm wird ein Artikel aus der ZEIT erwähnt. Und die ZEIT war es ja auch, die die Kampagne gegen Goldhagen eröffnete.

(12) Diese Ideen sind heute immer noch prägend für die deutsche Außen-, „Minderheiten-“, „Volkstum“- und Militärpolitik. Kein Wunder, daß die Bundeswehr dem Naziterroristen Manfred Roeder an der Führungsakademie über „Die Übersiedlung von Rußlanddeutschen in den Raum Königsberg“ referieren ließ und ihm dann – weil das Auswärtige Amt „dringendes Bundesinteresse“ bescheinigte – noch Militärfahrzeuge und Werkzeuge zur „Germanisierung des Ostens“ schenkte. 

(13) So findet sich der Bericht über die Ermordung aller 35.000 Juden der Stadt Kiew unter der Rubrik „Zerstörung und Plünderung nationaler Güter...“. Wahrscheinlich sind damit nicht die Juden gemeint, sondern die Stadt, die dabei auch mit drauf gegangen ist.

größere Auseinandersetzung kündigt sich für Dresden an, wo die Ausstellung ab Februar 1998 gezeigt wird. Die NPD hat bereits eine Großdemonstration angekündigt. Neben all den notwendigen Abwehrkämpfen scheint es uns aber auch wichtig, sich mit den Inhalten der Ausstellung auseinanderzusetzen. Aus diesem Grunde möchten wir im folgenden einige Bücher(1) vorstellen, die sich mit der faschistischen Wehrmacht beschäftigen.

Katalog zur Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“

Ausstellungskatalog Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944.
Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Hamburger Edition: 1996, 222 S.

Ziel der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ ist es, die Legende von der „sauberen Wehrmacht“, die Distanz zu Hitler und dem NS-Regime gehalten habe, zu widerlegen. In der Einleitung zum Katalog konstatiert der Leiter der Ausstellung, Hannes Heer, daß die Wehrmacht auf dem „Balkan und in der Sowjetunion keinen ‘normalen Krieg’“ geführt hat, sondern „einen Vernichtungskrieg gegen Juden, Kriegsgefangene und Zivilbevölkerung“. An all diesen Verbrechen war die Wehrmacht „aktiv und als Gesamtorganisation beteiligt“.
Der Beweis dieser Aussagen gelingt der Ausstellung und dem Katalog trotz aller Anfeindungen aus den faschistischen Ecken und dem konservativen Mainstream. Die Ausgangsthese offenbart aber gleichzeitig auch die selbstgewählte Beschränktheit der Ausstellung. Die gewählten Beispiele und daraus gezogenen Schlußfolgerungen sind dazu geeignet, die Einsätze der Wehrmacht in Nord- und Westeuropa sowie Nordafrika eben als „normale Kriegsführung“ erscheinen zu lassen. Und dies nicht nur, weil diese in der Ausstellung überhaupt nicht thematisiert werden (was das legitime Recht der AusstellungsmacherInnen ist), sondern weil gerade bei der Schilderung der Verbrechen der Wehrmacht im Osten einerseits auf das Konstrukt der „normalen Kriegsführung“ abgezielt wird, an die sich die Wehrmacht nicht gehalten habe, ohne andererseits die Kriegsziele der Wehrmacht als solche zu kritisieren und darauf einzugehen, was die Erweiterung des deutschen Herrschaftsgebietes für die eroberten Länder bedeutet hat, unabhängig davon, ob sich die deutschen Soldaten an die Haager Landkriegskonvention gehalten haben oder nicht. Es spielt bei der Verurteilung der Wehrmacht als verbrecherische Organisation keine Rolle, ob sie selbst massenhaft Menschen umgebracht hat, was sie natürlich auch getan hat, oder ob sie mit ihren Feldzügen die Vorarbeit für andere deutsche Vernichtungsorganisationen, wie die SS, leistete.
Bei der Beurteilung der individuellen Schuld des einzelnen Wehrmachtsoldaten spielt es dagegen sehr wohl eine Rolle, woran er sich beteiligt hat und mit welcher Motivation er das tat, was nicht heißen soll, daß es ein schuldfreies Verhalten innerhalb der Wehrmacht, außer im aktiven Widerstand, gegeben haben kann.(2) Genau das leistet die Ausstellung aber nicht. Sie listet unzählige Verbrechen der Wehrmacht auf und zeichnet nach, durch welche Befehle und Anordnungen durch die Wehrmachtsgeneralität die Verbrechen angeordnet bzw. legitimiert wurden, jedoch verzichtet sie zum einen darauf, Aussagen darüber zu machen, ob sich alle Einheiten und alle Soldaten im gleichen Maße daran beteiligt haben bzw. beteiligt hätten und mit welcher Motivation sie dies taten. Sie läßt mit ihrer Beschwichtigung, daß sie „kein verspätetes und pauschales Urteil über eine ganze Generation ehemaliger Soldaten fällen“ will, genau den Raum, den die konservativen Kritiker und die liberalen Befürworter mit ihren Interpretationen ausfüllen. Während die ersten in der fehlenden Darstellung des „heldenhaften soldatischen Widerstandes“ und der „normalen Pflichterfüllung“ derer, die sich angeblich die Finger nicht schmutzig gemacht haben, eine Diffamierung der gesamten Wehrmacht erkennen, betonen die anderen, daß sich der Verbrechen zu erinnern so wichtig wäre, um auch den Widerstand entsprechend würdigen zu können. Als solcher wird dann meist der vom 20. Juli 1944 durch militärische Eliten, die ein „besseres“ Nazideutschland wollten, angeführt, der die ganzen Verbrechen aufwiegen soll.(3)Hinrichtungen der Wehrmacht
Angemerkt sei, daß hier das Buch von Goldhagen „Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“ die Erklärungslücke der Ausstellung schließt, natürlich in einer Weise, wie sie weder den meisten Befürwortern noch den Gegnern lieb ist. Stellt er doch fest, daß die ganz normalen Deutschen aus eigenem Antrieb mit Lust mordeten, ohne daß herumfliegende Gehirnteile und das Wehklagen der Opfer in der Lage gewesen wären, menschliche Regungen zu wecken. Goldhagen führt dies auf den eliminatorischen Antisemitismus zurück, der als eine Art Wahnvorstellung von der gesamten deutschen Bevölkerung geteilt wurde. Außerdem belegt Goldhagen, daß der Holocaust nicht mit der Unterwürfigkeit und dem Gehorsam der Deutschen erklärt werden kann, da Widerstand gegen gewisse Elemente nationalsozialistischer Politik geübt wurde, ohne daß dies negative Folgen für die Akteure gehabt habe. Vielmehr war es so, daß das Mordprogramm, was natürlich erst einmal von oben geplant und entfesselt werden mußte, auf so große Begeisterung bei den Deutschen stieß, daß diese zum Teil gebremst werden mußten, weil z.B. sonst gegen ökonomische Interessen (Vernichtung durch Arbeit) verstoßen wurde.
Dies läßt sich zum Teil natürlich auch aus den Dokumenten im Ausstellungskatalog herauslesen, auch wenn es dort nicht weiter analysiert wird. So begründet ein Soldat seine Teilnahme an einer  Erschießungaktion von allen Juden der sowjetischen Stadt Berditschew folgendermaßen. „Ich wußte was diese Maßnahme zu bedeuten hatte (...) Ich habe mich freiwillig gemeldet aus folgendem Grund: Kurze Zeit vorher hatte ich mir von einem Juden aus diesem Stadtviertel ein Paar Schaftstiefel anfertigen lassen; diese wollte ich mir sichern, bevor dieser Mann mit erschossen wurde.“
 

„Bis jetzt haben wir zirka 1.000 Juden ins Jenseits befördert, aber das ist viel zu wenig für das, was die gemacht haben. Die Ukrainer haben gesagt, daß die Juden alle die führenden Stellen hatten und ein richtiges Volksfest mit den Sowjets hatten bei der Hinrichtung der Deutschen und Ukrainer. Ich bitte Euch, liebe Eltern, macht das bekannt, auch der Vater in der Ortsgruppe. Sollten Zweifel bestehen, wir bringen Fotos mit. Da gibt es kein Zweifeln. Viele Grüße, Euer Sohn Franzl“

(6.7.1941 in Tarnopol)

Wie die „guten, mitleidsvollen“ Wehrmachtssoldaten dagegen gedacht haben, wird auch in zwei Feldpostbriefen dokumentiert: „Manchmal können die Juden ja einem leid tun. Hier laufen sie noch in rauhen Mengen umher. Eigenartig ist es aber, daß ich bisher noch keinen Rassejuden angetroffen habe. Äußerlich kann man sie von den Ariern gar nicht unterscheiden. Auf den Dörfern wird dieses Pack zu Schipparbeiten usw. herangezogen. (...) Wir werden die Bande schon zur Zucht erziehen.“ Ein Major schreibt: „In der alten Zitadelle werden an diesem Tage 1000 Juden erschossen. (...) Nach dieser menschlich wohl bedauernswerten aber als abschreckendes Beispiel für das überhand nehmende Freischärlertum unbedingt notwendigen Maßregel erleben wir es, wie am nächsten Tag ein großer Teil der Plünderer ihr gestohlenes Gut einfach auf die Straße setzen.“
Daß diese Vernichtungsaktionen und die dazugehörenden Einstellungen keine Ausnahme und Exzesse, sondern die Regel und der eigentliche Grundgehalt der Wehrmacht waren, läßt sich aus den zahlreichen Bild- und Textdokumenten herauslesen. Nachdem die Wehrmachtsleitung sämtliche Aktionen der Soldaten im Osten unter Straffreiheit gestellt und angeordnet hatte, daß der Gegner nicht als Soldat zu behandeln sei, sondern als hinterlistiger Weltanschauungskrieger, als gefährlicher Teil der jüdisch-bolschewistischen Weltmacht, konnten sich die Soldaten ungehemmt austoben. Für einen deutschen Gefallenen wurden, so war es gesetzlich vorgesehen, 100 Zivilisten zur Abschreckung umgebracht. Da diese Zahl den deutschen Frontkämpfern zu gering erschien, bemühten sie sich darum, daß ihr Aufgabengebiet innerhalb der Mordmaschinerie erweitert würde.(4) Wo dies nicht ging, wollten sie wenigstens an den Erschießungen als Beobachter teilnehmen. Voller Stolz wurden Fotografien angefertigt und nach Hause geschickt.(5) Der Massenmord an Juden und Sowjetbürgern artete regelmäßig zum Volksfest für Soldaten aus, so daß sich das Oberkommando im August 1941 genötigt sah, die unangeordnete Teilnahme von Soldaten an solchen Aktionen zu verbieten. Für eigene Massenhinrichtungen fertigte die Wehrmacht ein Formular an, in dem nur noch eingetragen werden mußte, welche Kompanie wieviele Geiseln aufgrund von „Sühnemaßnahmen“ zu erschießen habe.
Der Katalog dokumentiert in Wort und Bild die Bekämpfung des Partisanenkrieges 1941 in Serbien, den Feldzug der 6. Armee nach Stalingrad in den Jahren 1941 und 1942, bei dem tausende Juden und andere Zivilisten ermordet wurden, sowie die Besatzungszeit von Weißrußland zwischen 1941 und 1944, während der sich die Wehrmacht aktiv am Holocaust der Juden und der Auslöschung der sowjetischen Kriegsgefangenen beteiligt hat. Weitere Kapitel analysieren die Verklärung der Wehrmachtssoldaten nach dem Krieg (anhand von Groschenheften und Illustrierten, die das Bild vom treuen Soldaten zeichneten, die für die gerechte Sache tapfer kämpften, aber vom skrupellosen Hitler in den Tod geschickt wurden) und die Versuche der Wehrmacht, die Spuren des Verbrechens zu beseitigen (Exekutionen hatten heimlich stattzufinden(6) und durften nicht fotografiert werden, viele Befehle wurden nur mündlich durchgegeben, eine neue Sprachregelung sollte die Verbrechen verschleiern und die Opfer degradieren. Im letzten Kapitel werden Texte der Apologeten der deutschen Kriegsverherrlichung (Carl Schmitt, Ernst Jünger), Befehle der Wehrmachtsführung, Briefauszüge von Soldaten und unzählige Fotos, die die Verbrechen belegen, dokumentiert.

„Furchtbare Soldaten“ - eine Einführung aus ZEIT-Sicht

Furchtbare Soldaten Furchtbare Soldaten.
Deutsche Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg.
Till Bastian, Beck: 1997, 124 S.

Till Bastian will mit seinem kleinen Buch „Furchtbare Soldaten. Deutsche Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg“ einen „knappen Überblick geben und dafür die wichtigsten bekannten Fakten zusammenstellen und kommentieren.“ Das ist ihm gut gelungen und sein Buch damit auf alle Fälle eine bessere(7) Einführung als der Ausstellungskatalog. Er gibt einen leicht verständlichen Überblick über den Einfall der Wehrmacht in den verschiedenen, nicht nur osteuropäischen Ländern. Von besonderem Interesse ist dabei das abgestufte Vorgehen der Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung und den Kriegsgefangenen entsprechend der nationalsozialistischen Rassentheorie. Diese Stufen waren aber nicht groß genug, als daß sich die Wehrmacht in irgendeinem Land an die Haager Landkriegsordnung gehalten hätte, obwohl alle Soldaten die entsprechenden „10 Gebote für die Kriegsführung des deutschen Soldaten“ in der Tasche hatten. Während diese Grundregeln im Osten per Befehl außer Kraft gesetzt wurden, geschah dies im ehemals verbündeten Italien ab 1943 in der Praxis von alleine, so daß sogar Mussolini, der nach seiner Absetzung am 25. Juli 1943 verhaftet und im Oktober 1943 von deutschen Fallschirmjägern befreit wurde, sich gegenüber dem deutschen Botschafter beschwerte: „Als Mensch und Faschist kann ich für dieses Massakrieren von Frauen und Kindern nicht länger die, sei es auch nur indirekte, Verantwortung tragen.“
Ergänzend geht das Buch auf die Bereiche Militärjustiz und Rüstungsforschung (z.B. deutsches Atombombenprojekt) ein. Um dem Gerede vom schwarzen Schatten, der sich in diesen Jahren der ansonsten so glorreichen deutschen Geschichte bemächtigt hätte, zu begegnen, beschreibt Bastian die Traditionslinien der faschistischen Wehrmacht vor und nach dem zweiten Weltkrieg. In einem ausführlichen Kapitel „Deutscher Militarismus seit 1871“ zeichnet er die zielgerichtete Entwicklung der deutschen Militärs, von den Auslandseinsätzen 1900 in China und 1904 in Deutsch-Südwestafrika (die in ihrer Brutalität und propagandistischen Legitimierung schon eine Vorahnung über zukünftige Einsätze deutscher Soldaten zuließen)(8) über den ersten Weltkrieg(9) bis hin zur Wehrmacht. Und bei den meisten namentlich erwähnten Funktionsträgern der Wehrmacht vermerkt Bastian zumindest, welche Karriere ihnen nach 1945 offen stand. Während Bastian z.B. ausführlich auf die Verbrechen des Wehrmachtsgeneral Ludwig Kübler eingeht, um zu belegen, welche Nationalsozialisten von der Bundeswehr mit Kasernennamen geehrt werden, lobte Heer, der Leiter der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“, den Traditionserlaß des Ministers Rühe, der das beste sei, was man zum Thema nationalsozialistische Vergangenheit sagen könne.(10)
 

„Kriminalbeamte, die dienstlich viel in Arbeiterkreisen zu tun haben, wollen es kaum glauben, daß es dieselben Leute sind, die noch vor kurzem in Protestversammlungen die Internationale hochleben ließen und jetzt patriotisch überschäumen“

(Jagow, Berliner Polizeipräsident, September 1914)

In seinen Ausführungen über die Motive und Widerstandsmöglichkeiten kommt Bastian zu ähnlichen Erkenntnissen wie Goldhagen, in seinen Schlußfolgerungen widerspricht er ihm aber und wirft ihm eine monokausale Erklärungsweise vor. So stellt Bastian zwar fest, daß „alle diese Äußerungen des Unmutes und, selten genug, auch des Widerstandes, wohl kaum zur ‘Ehrenrettung’ für die Wehrmacht geeignet (sind). Im Gegenteil – sie bezeugen erstens, daß derartige Greueltaten ganz und gar nicht heimlich, sondern gut wahrnehmbar geschahen, und zweitens, daß man, trotz kurzfristiger Empörung, sich auf Dauer mit ihnen zu arrangieren wußte, wenn man sie nicht ohnehin rundweg billigte.“ Er verweist auch darauf, daß von den 30.000 Todesurteilen der Militärjustiz gegen deutsche Soldaten, kein Urteil wegen Befehlsverweigerung bezüglich eines verbrecherischen Einsatzes bekannt geworden ist. Vielmehr stellten sich viele Wehrmachtssoldaten bereitwillig zur Verfügung, wenn die SS aufgrund der psychischen Belastung nicht mehr schießen konnte, zum Teil zettelten die Soldaten Pogrome an, die selbst der SS (natürlich aufgrund ihrer Ungeordnetheit und des schlechten Eindrucks wegen) verurteilt wurden. Trotzdem ist Bastian in seiner Nachbetrachtung der Meinung, daß man die deutschen Verbrechen – in Abgrenzung zu Goldhagen – „nicht nur aus dem Antisemitismus, sondern auch mit dem Duckmäusertum der Deutschen“ erklären sollte.(11)

„Wehrmachtsverbrechen“ – Dokumente der nationalsozialistischen Besatzung der Sowjetunion

Wehrmachtsverbrechen Wehrmachtsverbrechen. Dokumente aus sowjetischen Archiven.
PapyRossa: 1997, 320 S.

1997 wurde ein schon vor 10 Jahren erschienener Dokumentenband zu den Wehrmachtsverbrechen in der Sowjetunion neu aufgelegt. Innen ist er ganz der alte geblieben und spiegelt in Auswahl und Gliederung die Schwerpunkte sowjetischer, sozialistischer Faschismusanalyse wider. Nur das Vorwort wurde den neuen russischen Verhältnissen angepaßt und steht damit in krassem Widerspruch zum Rest des Buches. Dort darf nämlich ein Professor der Militärakademie davon schwafeln, daß „das Thema der Kriegsverbrechen“, die „im Namen Deutschlands im okkupierten Europa begangen worden sind“, „lange Jahre über ein Tabu in diesem freien und demokratischen Staat geblieben“ ist. Mitschuld daran hatte der „in hohem Grade undemokratische Nachbarstaat“, die DDR, dessen „Logik des staatlichen Antifaschismus die Aufdeckung und Entlarvung der Verbrechen von SS und Wehrmacht verlangte“ und die stalinistische Sowjetunion, die ebenfalls ganz schlimme Verbrechen begangen hatte. Jetzt war die Zeit aber für eine Neuauflage reif, da „eine neue Generation, die nicht belastet war von den Erinnerungen an den Terror und die Verbrechen des Nationalsozialismus“ herangewachsen ist und der deutschen Gesellschaft „eine größere Reife“ attestiert werden kann.
Abgedruckt sind zum Teil gekürzte Dokumente der Wehrmacht, der SS, dem SD, ziviler Besatzungsstellen, am Rande kommen auch Augenzeugenberichte (von Opfern) und Berichte von sowjetischen Kommissionen zur Schätzung der Kriegsverluste vor. Die einzelnen Dokumente sind nicht kommentiert, ihre Auswahl wird nicht begründet. Lediglich eine kurze Einleitung von Gert Meyer erläutert die Herkunft der Dokumente (ausschließlich sowjetische Archive) und gibt einen groben Überblick zur Einordnung der Dokumente.
 

„In den letzten Tagen sahen wir häufig große Gefangenenkolonnen. Wenn man diese Horden sieht, muß man sich immer wieder sagen, wie furchtbar es gewesen wäre, wenn diese tierische Soldateska in Deutschland eingefallen wäre (...) Diese Kerle in unserem schönen zivilisierten Deutschland würden wie von der Hölle in den Himmel kommen uns sicher alles zerstören und besudeln. Ganz abgesehen von der entsetzlichen Gefahr für unsere Frauen und Mädchen. – Aber diese Gefahr ist ja Gott sei Dank in letzter Minute abgewandt worden.“

(Gefreiter Werner F., 30.10.1941, vor Leningrad)

Dieser Materialband ist also weder als Einstieg in die Materie geeignet, noch läßt sich mit ihm gut arbeiten, da er weder einen Index enthält noch die Bedeutung der einzelnen Dokumente erläutert. Nichtsdestotrotz gibt er einen guten Einblick über sachliche, deutsche Verwaltungssprache, die selbst den Massenmord in allen Details regelt, und die ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus, die in etlichen anderen Texten durchschimmern. Andere Anordnungen dagegen machen keine konkreten Vorgaben, sondern appellieren an den Erfindungsreichtum der Akteure. Symptomatisch dafür ist die Aufforderung „Vergeßt von Deutschland alles, außer Deutschland selbst!“ in den „12 Geboten für das Verhalten der Deutschen im Osten“. Deutlich wird der Spielraum, den die meisten Funktionäre auf tieferer Ebene und selbst einfache Soldaten hatten, eigene Entscheidungen völlig unabhängig von der Zentralgewalt zu treffen.
Ähnlich dem Ausstellungskatalog läßt sich in diesem Buch aber gut blättern und lesen, um ein (eher emotionales) Bild von den Verbrechen zu bekommen. Außerdem ermöglichen die Texte einen guten Überblick über die ökonomischen, geo- und bevölkerungspolitischen Strategien und Planungen der Nationalsozialisten, die weit über das Kriegsende hinausreichten. Die „Was wäre wenn“-Frage läßt sich mit hilfe des Buches leicht beantworten. Nach dem erfolgreichen Krieg hätte Deutschland im Osten die ihm hörigen „Pufferzonen“ Großfinnland, Baltenland, Ukraine und Kaukasien geschaffen, um den Einfluß „Rußlands“ auf Europa zu verringern. Rußland habe sich gen Osten zu wenden, Sibirien werden gute Qualitäten bescheinigt. In den Pufferzonen wären massiv Deutsche angesiedelt worden, die Zahl der lokalen Bevölkerung hätte durch Vertreibung, Ermordung und Geburtenbegrenzung gesenkt werden sollen. Sie mußte aber stark genug bleiben, um ein Gegengewicht zu Rußland zu bilden. Deutsch wäre Amtssprache geworden - so das Ergebnis ausgiebiger Volkstumsstudien.(12)
Sortiert sind die Dokumente nach den folgenden fünf Punkten: Allgemeines, Massenvernichtung der sowjetischen Bevölkerung, Verbrechen an den sowjetischen Kriegsgefangenen, Sklavische Arbeitsbedingungen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion und Massenverschleppung sowjetischer Menschen zur Arbeit nach Deutschland, Zerstörung und Plünderung nationaler Güter in den besetzten Gebieten der UdSSR. Daran ist die Schwerpunktsetzung schon abzulesen. Der Nationalsozialismus soll als höchste Form des Imperialismus vorgeführt werden, der zum Ziel hat, den Kommunismus zu vernichten und fremde Länder zu unterjochen sowie deren EinwohnerInnen hemmungslos auszubeuten. Der Holocaust an den Juden kommt da kaum vor und wenn, dann nur unter Punkt 5.(13)

„Wehrmachtsverbrechen - Eine deutsche Kontroverse“

Wehrmachtsverbrechen Wehrmachtsverbrechen.
Eine deutsche Kontroverse.
Heribert Prantl (Hrsg.), campe: 1997, 345 S.

Der linksliberale Ressortleiter Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung hat, sicherlich auch aufgrund der Auseinandersetzung in München um die „Verbrechen der Wehrmacht“-Ausstellung, einen Sammelband zur Ausstellung herausgegeben. Dokumentiert werden die Eröffnungsreden von Iring Fetscher, Jutta Limbach, Andrzey Szczypiorski, Jan Philipp Reemtsma und Ignatz Bubis zur Ausstellung in Potsdam, Karlsruhe, München bzw. Frankfurt/M., verschiedene Pro- und Kontra-Texte (zum Teil aus Tages- und Wochenzeitungen wie Focus, Merkur, Welt, F.A.Z., Die Zeit, Süddeutsche Zeitung geklaut), Erwiderungen des Instituts für Sozialforschung zum Fälschungsvorwurf (der Focus hatte ein Foto gefunden, bei dem die Quellenangabe in der Ausstellung bei böswilliger Auslegung nicht mit der im Archiv, wo es aufbewahrt war, übereinstimmte und leitete daraus ab, daß die ganze Ausstellung eine große Fälschung wäre), der Bundestagsdebatte zur Ausstellung und alle Lokalartikel zu den Vorfällen in München.
 

„Die Grube selbst war mit zahlreichen und schwer abzuschätzenden menschlichen Leichen aller Art und jeden Geschlechts gefüllt (...) Hinter dem aufgeschütteten Wall stand ein Kommando Polizei. (...) Die Uniformen dieses Kommandos wiesen Blutspuren auf. Im weiten Umkreis ringsherum standen unzählige Soldaten dort bereits liegender Truppenteile, teilweise in Badehose als Zuschauer, ebenso zahlreiche Zivilisten mit Frauen und Kindern. (...) Da dieser Mann noch durch seine stossweise Atemtätigkeit Lebenszeichen von sich gab, ersuchte ich einen der Polizisten, ihn endgültig zu töten, worauf dieser mir mit lachender Miene sagte: ‘Dem habe ich schon 7mal was in den Bauch gejagt, der krepiert schon von alleine’ (...) ich habe es jedoch als unvereinbar mit unserer bisherigen Auffassung von Zucht und Sitte empfunden, daß hier in völliger Öffentlichkeit, wie auf einer Freilichtbühne, Massenschlachtungen an Menschen vorgenommen werden.“

(Kommandeur Roesler, Shitomir, 3.1.1942)

Ein Buch für alle guten Humanisten, für die politische Arbeit aber ziemlich unbrauchbar, außer den Highligts revisionistischer Pamphlete: Die Einstellungserklärung der Münchner Staatsanwaltschaft (angezeigt waren die Organisatoren der Ausstellung wegen Beleidigung der Wehrmacht, übler Nachrede, Verleumdung, Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und Volksverhetzung; die Staatsanwaltschaft erklärte, daß sie diese Anschuldigen in gewissen Punkten teilt, aber die Ausstellung sich auf das Grundrecht der Meinungsfreiheit berufen könne), die Bundestagsdebatte und die Artikel im Bayernkurier.

erschienen in: Cee Ieh Newsflyer, Nr. 40