Unser Freund ist kein Mörder...

Highligts und Hintergründe des zweiten milizentristischen1 Stell-dich-eins vom 10. Juni 1998 in Berlin

Bundeswehrgelöbnisse sind landauf, landab Teil des deutschen Gemeinwesens geworden, so wie diverse Sportarten, die regelmäßig Aktive wie ZuschauerInnen in ihren Bann ziehen. Und wie in jedem Wettbewerb gibt es eben hin und wieder so etwas wie Endspiele. Unter Gelöbnis-Insiderlnnen gelten Gelöbnisse in Berlin schlechthin als Szeneevent, noch dazu, wenn sie öffentlich sind. Am 10.Juni 1998 war es nun mal wieder so weit und es wurde auch dieses Mal wieder ein abwechslungsreiches Schauspiel, an daß so schnell kein Fußball-WM-Spiel heranreichen sollte.

Die bisherige Bilanz

Bisher gab es in Berlin nur ein öffentliches Gelöbnis2 am 31.Mai 1996 vor dem Schloß Charlottenburg, bei dem es aber, wenn mensch die im nachhinein geäußerten Statements der Beteiligten analysiert, scheinbar nur Sieger gegeben haben muß. Genau unter diesem Aspekt betrachtet versprach dieses Gelöbnis einiges an Brisanz. Für Statistikerlnnen nüchtern die Zahlen: 1 Soldat umgefallen - 86 StörerInnen festgenommen – viel Arbeit für die Justiz (gerüchteweise liebäugelte das Amtsgericht Tiergarten diesmal mit einem eigenen Ressort für StörerInnen).Für Schafkäs, Schur und Schlachtebank

Der Modus

Sinn und Zweck von Gelöbnissen erschließen sich Nichteingeweihten oftmals sehr schlecht - bisweilen gar nicht. Deshalb kurz etwas zu den Modalitäten. Das Ziel der ersten teilnehmenden Partei ist eine Zeremonie durchzuführen, bei der vor Augen des obersten BRD-Soldaten, in diesem Fall Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) im Angesicht einer Fahne alle Mitspieler (Rekruten - der Einfachheit halber nimmt man da Bundeswehrsoldaten) das Gleiche aufsagen. Wobei das Problem nicht der extra kurz gehaltene Text ist, der noch dazu von 4 speziell geschulten Spezialisten vor- geplappert wird, sondern das alles möglichst ungestört und visuell erträglich vonstatten geht. Denn was zählt, sind die Bilder, die Presse & TV denjenigen präsentieren, die für dieses Spektakel finanziell aufkommen müssen. Die gegnerische Partei fällt auf den ersten Blick nur dadurch auf, daß sie das Wort Gelöbnis am Ende mit einem X verhunzt, um dabei durchblicken zu lassen, daß in diesem Fall X der gemeinsame Nenner ist. Und wie alle seit der 3. Klasse Grundschule wissen, ist das Besondere an X dessen Unberechenbarkeit. Diese ist auch vonnöten, um die Zeremonie der anderen Partei zu stören - deshalb ist in den Medienberichten auch oft die Bezeichnung Störer und Störerinnen zu finden. Als regulierendes Moment fungiert in diesem Reigen dann die dritte Partei. Gestählt durch unzählige Matches in Gorleben, Ahaus und Berlin (1. Mai) übernahm die Berliner Polizei unter Ex-General Schönbohm (CDU), der weiß wie so ein Helm drückt, diesen Part.

Das terminliche Hick-Hack

Auf ungeahnte Schwierigkeiten stießen die Veranstalter bei der Auswahl eines geeigneten Termins für die Neuauflage des 96er Matches. Nachdem - nichts Böses ahnend - dafür der 13. August anberaumt wurde, erhallte ein unÜberhörbarer Aufschrei aus den östlichen Landstrichen der Bundesrepublik. So wurden doch an diesem Tage im Jahre 61 alle Zonis eingemauert und überhaupt ist es im August viel zu warm. Kompromißbereit verlegte man das Ganze kurzerhand auf den 17.Juni, um abermals Schelte einzufangen, weil nämlich damals - 53 eben - bei einem ähnlichen Match viele der später Eingemauerten unfairerweise beschossen wurden. Gegen jede Absprache wurden damals weltkriegserfahrene Rotarmisten auf Seiten der VoPo’s eingesetzt, was zur Folge hatte, daß sowas für lange Zeit unterblieb. Die Einsicht, daß es ein Volk mit dieser Geschichte nicht leicht hat, ein unbelastetes Datum für ein Gelöbnis zu finden, führte dazu, daß der 10. Juni gewählt wurde. Schließlich hatte sich Deutschland, abgesehen von den SS-Massakern in Lidice (1942)3 und Oradur (1944)4 noch nichts weiter zu Schulden kommen lassen. Bezeichnenderweise hatte mit dieser Vergangenheit niemand mehr was am Hut und die Opfer sind schlichtweg nicht mehr in der Lage zu schreien!

Der Tag selbst

1 Der Begriff milizentristisch steht für das optische Erscheinungsbild dieser Veranstaltung, bei der aus der Vogelperspektive betrachtet die Rekruten (Militärangehörige) von einem Kordon Polizei umgeben sind, um diesen herum sich die Störerlnnen versammelten.
2 Gemeint sind in diesem Falle Soldatengelöbnisse. Es gab zudem am 29. Mai 96 vor dem Schloß Charlottenburg ein Gelöbnis von 450 Gartenzwergen der Nationalen Zwergen Armee (NZA), sowie am 6. Juni diesen Jahres ein öffentliches Schafsgelöbnis vor dem Roten Rathaus in Berlin.
Schafsgelöbnis
3 Lidice: tschechisches Dorf, welches 1942 von der SS als Vergeltung für das Attentat auf Heydrich zerstört wurde. Dabei wurden ca. 190 Männer erschossen, die Frauen ins KZ Ravensbrück deportiert und die Kinder zur “Eindeutschung“ in SS-Lager “eingewiesen“. 
4 Oradur-sur-Glane: französischer Ort, der von SS-Truppen am 10. Juni 1944 unter dem Vorwand der Vergeltung für Partisanentätigkeit “eingeäschert“ wurde. Nahezu alle EinwohnerInnen (600) wurden dabei ermordet.
5 Alle gekennzeichneten Pressezitate stammen aus den jeweiligen Ausgaben vom 11. Juni 1998 
Vor dem Roten Rathaus hatten 332 Rekruten Aufstellung genommen, um zusammen vor den ca. 1500 geladenen Gästen Tapferkeit zu geloben, aber auch, daß sie anderntags jederzeit ihr Leben auch für das heute gegnerische StörerInnen-Team lassen würden. Leider gab es eine kurzfristige Regeländerung seitens des lokalen Promoters, welche ungeladenen Gästen jeglichen Zutritt verweigerte. Wie inzwischen vom Welt-Gelöbnis-Verband (WGV) angekündigt, kann das durchaus eine Annullierung dieses Gelöbnisses nach sich ziehen, da solcherlei Eskapaden die Erfolgsaussichten von StörerInnen erheblich verringerten und andererseits die Soldaten und deren Mütter und Väter und Omis und Opis und... wie Memmen und Waschlappen vor den Störerlnnen dastehen lassen. So kam es denn auch, daß die ca. 2000 zum Teil von weither angereisten StörerInnen ihrerseits an diesem Tag auf höhere Mächte hoffen mußten. Die in einigen Politzirkeln als politische Hoffnungsträger gehandelten Jürgen Trittin (Bündnis für 90 Grüne) und Gregor Gysi (Bunte Truppe) gaben zwar ihr Bestes, um eher durch Rethorik als durch Inhalte die Sympathiebekundungen des Sammelsoriums politischer Spektren vor der Bühne zu erheischen. Das dies beiden ebensowenig gelang wie nach ihnen Jürgen Elsässer (jungle World) spiegelt nicht zuletzt die in Vorbereitungskreisen geführte Diskussion darum wieder, ob Soldaten denn nun eigentlich Zwerge, Schafe, Mörder, Zwergschafe, Mörderzwerge oder dergleichen seien. Als die Gelöbniszeremonie auf der anderen Seite des Platzes hinter dem Bullenkordon kurz davor war, ihren Kulminationspunkt zu erreichen, schien auf einmal ein Ruck durch die störerischen Reihen zu gehen. Untermalt von musikalischer Begleitung aus den Lautis setzte ein Träller-Rassel-Pfeifkonzert ein, welches in so manchem Ohr noch Tage später zu vernehmen war. Dieses akustische Szenario beschwor jedoch ein nächstes herauf. Schönbohms Truppe sah sich nun bemüßigt ihr technisches Verständnis von Verstärker- & Lautsprechertechnik unter Beweis stellen zu müssen. Als diese dabei von Mitgliedern des Störerlnnen-Veteranen-Verbandes (SVV) gestört (was sonst?) wurden, verloren sie vollends die Beherrschung und zerstörten kurzerhand das Stromaggregat, Das sowas nun mal nicht ohne Verluste abgeht, war an diesem Punkt klarer denn je. Nun sollte sich zeigen, wer da so alles mitstörte. “Bei Rangeleien am Rande“ (Die Welt) ganz vorn neben den VeteranInnen die militanten AntimilitaristInnen, Jusos, Volker-hört-die-Signale-Liberale, autonome Antifas, Autonome und Antifas plus die zu den Rednern gehörigen regierungswilligen BolschewistInnen und AutohasserInnen. Da sich zu diesem Zeitpunkt absehen ließ, daß die Schönbohmsche Truppe an diesem Tag so dicht stand, daß die StörerInnen dem Rühe-Team außer akustischer Störung nichts anzuhaben vermochten, mußte an dieser Stelle die eingangs bereits erwähnte höhere Macht eingreifen. Und da der (Wetter-)Gott in der Kürze der Zeit sich nicht zu eindeutigen Sympathiebekundungen durchringen konnte, machte er alle naß.
Und das pünktlich (genau zum Gelöbnisspruch 15.30 Uhr) und gewaltig. Zudem erübrigte sich dadurch der Einsatz der aufgefahrenen Wasserwerfer. Alles in allem endete so das Gelöbnis-Match und alle konnten gespannt sein, wie die eigenen Aktionen im medialen Spektrum reflektiert werden.

The winner is...5

Zu unspektakulär war der Verlauf diese Tages, als das sich die VertreterInnen der schreiben den Zunft veranlaßt gesehen hätten überschwenglich zu berichten. Während die TAZ (lügt d.S.) “Differenzen unter den Gelöbnisgegnern“ ausmachte und daraus schlußfolgerte, daß es deshalb “kaum Randale beim Rekrutenaufmarsch“ gab, schaffte es das Gelöbnis kaum in einer Zeitung auf der Titelseite gewürdigt zu werden. Im Vordergrund der Berichterstattung standen die verbalen Attacken am Tage selbst. Sehr erfolgreich schnitten in der Summe der Erwähnungen die “Mörder“-Rufe (Die Welt) und die “Mörder, Mörder“-Rufe (LVZ) ab. Knapp gefolgt von Volker Rühe, der mit dem Satz “Man kann ja anderer Meinung sein, aber zu stören ist würdelos und dumm“ (Dresdner MOPO) ziemlich klar zu verstehen gab, daß die Störungen wohl gewirkt haben müssen. Ziemlich schlecht abgeschnitten hat zumindest im Bereich Boulevard-Presse der Grüne Trittin, der von BILD gleich mal mit Neu-Noch-Regierungssprecher Otto Hauser verglichen wurde (der wiederum alles miteinander zu vergleichen scheint). Von Trittin und Hauser angestellte Vergleiche “führen ins Elend“ (BILD). Hätte Trittins Kollege Werner Schulz vor den Leipziger Oberbürgermeisterwahlen angeregt, die “Wehrdienstleistenden und Verweigerer sollten lieber miteinander reden, statt sich anzupfeifen“ (LVZ), hätte ihm das unter Umständen soviel Stimmen eingebracht, daß er ab 1.Juli unsere Stadt vor genau jenem Elend hätte bewahren können, in das uns die Trittins und Hausers führen. Leider wurden die finanziellen Aspekte viel zu selten aufgeworfen. Denn die Frage: “Wann werden Gelöbnisse in Berlin unbezahlbar?“  (LVZ) werden sich bald nicht mehr nur die “Bequemlichkeitspazifisten aus der komfortablen Perspektive Berliner Szenecafes“ (LVZ) stellen.

Wie weiter?Polizei stürmt den Lautsprecherwagen

Nüchtern betrachtet kann mensch resümieren, daß es Rühe & Bundeswehr gelang faktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit (es sei denn die eigenen Omis & Opis stellen diese für jemanden dar) ein öffentliches Gelöbnis abzuhalten. Doch trickreich ging nicht nur das Heer zu Werke. Den StörerInnen gelang es mittels eines breiten Bündnisses und einer fingierten bundesweiten Mobilisierung die Rühe’schen Truppen soweit im Vorfeld einzuschüchtern, daß diese nur von der relativ offenen Parteinahme der Schönbohmschen Einheiten profitieren konnten. Für kommende Gelöbnisse bleibt allen Beteiligten nur zu hoffen daß sie in ihren Konzepten und Strategien den “Gegner: Regen“ (TAZ) besser berücksichtigen und bis dahin nicht nur die Soldaten “persönliche Verantwortung für Demokratie, Recht und Freiheit“ (O-Ton Rühe) übernehmen werden.
erschienen in: Klarofix 7/1998