Bahncard für Verweigerer?

Die erste Aktion der KAMPAGNE in Leipzig am 4.7.94

Etwa 30 von 850 Rekruten aus dem Regierungsbezirk Leipzig nahmen an diesem Montag im IC nach München Platz, um die Fahrt zu ”ihren” Bundeswehrkasernen anzutreten. Der Zug fuhr jedoch nicht fahrplan- mäBig weiter. Ca. 20 junge Frauen und Männer, die sich in der losen Gruppierung KAMPAGNE GEGEN ZWANGSDIENSTE, WEHRPFLICHT UND MILITÄR zusammengeschlossen haben, blockier- ten das Gleis. Sie wollten mit dieser Aktion phantasievoll und gewaltfrei gegen die Wehrpflicht demonstrieren. Während einige auf den Schienen saßen oder ein Transparent vor die Fenster der Lokomotive zu hängen versuchten, verteilten zwei Frauen mit R***** Flugblätter an die Reisenden und an die zukünftig Dienenden im Zug. Auf den Flugblättern wurden die Reisenden um Verständnis für die Aktion gebeten und die Dienenden darauf aufmerksam gemacht, daß Kriegsdienstverweigerung auch jetzt noch möglich ist. R***** stellte während dieser Diskussionen mit den Rekruten fest, da8 viele darüber erstaunt waren, da8 es sowohl noch im Zug als auch in der Kaserne, aber auch noch während der Ausbildung möglich ist, den Antrag auf Verweigerung zu stellen. Viele Rekruten dachten gehorsam, wer den Einberufungsbefehl bekommt, der muß zur Armee gehen und kann nichts dagegen machen. Nur einer der Rekruten beharrte eisern: ”Ich will zur Armee!” Andere nahmen interessiert die Flugblätter, hörten der Beratung zu oder fragten nach. Keiner entschied sich allerdings, vor der Abfahrt des Zuges zu verweigern oder auszusteigen. Während die Beratung im Zug stattfand, besetzten alternative Aktionisten die Schienen und verursachten eine Zugverspätung von ca. 15 Minuten und einen kleineren Polizeiauflauf. Die Schienenbesetzer mußten von den Bahnanlagen getragen werden, wobei die Polizei und andere zivile Helfer nicht unbedingt sanft mit ihnen umgehen wollten. Im Nachfeld dieser polizeilichen Abräumaktion kam es zur Verhaftung von M*****. Die Polizei eskortierte ihn und einen weiteren Schienenbesetzer (der flüchten konnte) auf dem Weg zum Querbahnsteig. Als er den Bahnhof in Richtung Ausgang verlassen wollte, sah ein junger, eifernder Polizist die Chance seines Lebens und griff zu. ”Kommen se mit”, rief er wiederholt, packte M***** grob am Arm und zerrte ihn überfallartig in Richtung Bahnpolizeiwache. Ein weiterer Polizist half ihm dabei. Bemerkenswert ist, daß M***** während des Hinzerrens zur Wache an die Tür derselbigen geklatscht wurde, ohne ernsthaft verletzt zu werden. Die Art der Gewaltanwendung durch die Polizei war in diesem Fall allerdings unverhältnismä8ig. Man hätte M***** auch freundlich auffordern können, zur Feststellung seiner Personalien mitzukommen. Gleisbesetzung
Die Zugbegleiterlnnen der Bahn sahen die Gleisbesetzung von einer anderen Seite. Die eine meinte, ”Ich habe nichts dagegen, wenn mein Freund den Wehrdienst verweigern würde. Aber ich habe etwas gegen Gleisbesetzungen. Denn was erreichen sie damit außer einer Verspätung und verärgerten Reisenden?” Die andere Zugbegleiterin entgegnete fast aggressiv: ”Ich würde es nicht begrüßen, wenn mein Freund den Wehrdienst verweigert!” Das Bahnsteigpersonal war sich einig: ”Wenn sie die Gleise besetzen, auf dem ein kleiner Personenzug abfahren soll, dann ist das nicht so schlimm. Aber der Zug nach München kann die 15 Minuten nur schwer wieder rausholen. Und von der Pünktlichkeit des Zuges hängen auch die Arbeitsplätze der Reisenden und damit die Arbeitsplätze der Bahner ab.”
R*****, der seit 1987 Wehrdienstverweigerer berät, meinte, er hätte keine Angst, sich auf die Schienen zu setzen, aber wenn man vor einem Musterungsbüro eine Aufktärungsaktion zur Verweigerung machen würde, könne man mit allen reden, die einberufen werden sollen. Also mit mehreren hundert Jugendlichen. Im Zug saßen nur ca. 30 Rekruten. Vor dem Musterungsbüro wäre die Aufklärungsarbeit effektiver. Entscheidend wäre, wie die gemeinsame Arbeit nach dieser ersten Aktion in den unterschiedlichen Gruppen weiterginge. Daß der Grüne Stern und die Jungen Genosslnnen etc. neben Leuten vom Neuen Forum und der IFM künftig Wehrdienstverweigerer beraten wollen, begrüßte er ausdrücklich. Die Teilnehmer der Aktion kamen aber nicht nur von diesen Organisationen, sondern auch von der KPD, der VL, der Kahina Flüchtingshilfe sowie organisationslosen Sympathisanten. Nach der Abfahrt des Zuges kam es vor der Bahnpolizeiwache zu einer friedlichen Solidaritätsaktion mit dem Verhafteten. Dabei enttarnten sich fünf unaufällige Herren in Zivil, die sich durch den Photographen aufgescheucht fühlten, indem sie vor der Kamera in die Bahnpolizeiwache flüchteten. Das Negative an der Kampagne ist ihr Name. Denn eine Kampagne ist ein Feldzug und gerade Feldzüge sollen ja mit der Kampagne gegen Zwangsdienste, Wehrpflicht und Militär verhindert werden.
Frank Feiertag
erschienen in: Zeitlupe 7/1994