”Feldjäger sind ganz bestimmt nicht nett”

Folker ist der erste verurteilte Totalverweigerer Sachsens seit acht Jahren.

Im vergangenen Jahr gab es in Leipzig den Prozeß gegen den 22jährigen Totalverweigerer Folker, angeklagt war er wegen Fahnenflucht. Folker wurde als erster Totalverweigerer in Sachsen seit 1985 verurteilt. Momentan wohnt und arbeitet er in Connewitz.

Folker, Du hast Dich 22 Monate ”von der Truppe ferngehalten", wurdest von den Feldjägern und per Haftbefehl von der Polizei gesucht. Jetzt hast Du zwar einen Prozeß am Hals, lebst aber ohne den ständigen Druck, sich verbergen zu müssen. Ist Dir dieser Zustand lieber?

Irgendwie schon, jetzt kann ich die Armeesache manchmal vergessen, das konnte ich früher nie. Und die Prozesse sind ja auch nur alle paar Monate. Aber irgendwie ist die Zeit inzwischen auch eine ganz andere geworden, alles hat sich eingefahren.
Genaue Zahlen über Totalverweigerer gibt es nicht. Auf eine Kleinen Anfrage im Sommer vergangenen Jahres  antwortete die Bundesregierung: "Es ist nicht bekannt, wie viele Verfahren bisher gegen Wehrpflichtige, die es ablehnen, sich dem Verfahren auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer zu unterziehen und die nach der Einberufung zum Wehrdienst unter Hinweis auf Glaubens- oder Gewissensgründe jegliche Dienstausübung verweigern (sogenannte ’Totalverweigerer’), geführt worden sind. Sie werden wie alle Soldaten behandelt, die Gehorsamsverweigerung begehen.ln den Statistiken werden sie deshalb auch nicht gesondert nachgewiesen. Dies hält die Bundesregierung auch nach wie vor für nicht erforderlich. ”

Wann kam für Dich die Einberufung?

Ende Dezember 1990 bekam ich die vorzeitige Einberufung, am 2. Januar 1991 sollte es losgehen. Ich hatte aber ganz andere Dinge im Kopf und überhaubt keine Lust, zur Armee zu gehen. Nicht im Sinne von Lethargie - ich wollte mich einfach entziehen, zivilen Ungehorsam demonstrieren und damit zeigen, daß ich nicht bereit bin, mich dem System voll unterzuordnen. Es ging mir auch darum, dies für mich selbst zu beweisen, um ehrlich zu sein.
Es war irgendwie klar, daß ich nicht gehe. Ich hatte schon zu DDR-Zeiten Kontakt mit Totalverweigerern und habe mich mit dem Problem beschäftigt. Also habe ich das Schreiben ignoriert, das heißt, mehr den Inhalt, den Brief habe ich schön verbrannt.

Danach dürfte sich bald Besuch eingestellt haben?

In den nächsten Wochen sind die Feldjäger einige Male bei meinen Eltern vorbeigekommen, aber ich habe ja nicht mehr dort gewohnt und meine Eltern haben nicht gesagt, wo ich bin. Am 16. Januar wurde gegen mich auch noch Haftbefehl erlassen, das war ungewöhnlich schnell. Damit gesellte sich zu den Feldjägern auch noch die Polizei. Nach ein paar Monaten hätten die Feldjäger mich fast erwischt, da hatten sie das Haus rausgekriegt, in dem ich gewohnt habe. Zum Glück konnte ich noch knapp wegkommen. Danach habe ich meine Klamotten eingepackt und bin mit dem Rucksack losgezogen. Ich war ständig unterwegs, habe immer mal ein paar Tage bei Freunden gewohnt. Das ging schon an die Substanz.

Welche Aktivitäten wurden von den Feldjägern und der Polizei eingeleitet?

Die Polizei war nicht so aufregend, da kamen immer zwei Mann vorbei, die haben ihren Fragebogen abgearbeitet und sind dann wieder losgezogen. Die Feldjäger haben ganz schön Streß gemacht. Die waren bei der kompletten Verwandschaft, sogar bei den Nachbarn in der Kleingartensparte. Wenn sie meine Eltern besucht haben, wurde erst einmal das ganze Haus zusammengebrüllt, damit auch der letzte merkt, das ihr Sohn gesucht wird. Die Feldjäger sind ganz bestimmt nicht nett.
Das war ja eine ganz schöne Belastung für Deine Eltern, wie hat sich Euer Verhältnis in der Zeit entwickelt?
Es hat sich vielleicht sogar verbessert, meine Eltern haben mich immer unterstützt und mitgespielt, wenn die Feldjäger oder die Polizei kamen. Sicherlich haben sie nicht so richtig verstanden, warum ich nicht hingegangen bin. Aber sie haben gesehen, da8 ich nichts Böses mache - klaue nicht nachts irgendwelchen Omas die Handtaschen. Kompliziert war es auch für meine Freundin. Die konnte ihren Eltern nicht sagen, was mit mir los ist. Die haben dann immer gefragt, warum ich nicht arbeiten gehe, oder so.

Wie ging es dann weiter?

Nach ungefähr einem halben Jahr hat das Interesse der Feldjäger nachgelassen. Ich habe dann wieder angefangen, halbwegs normal zu leben, hier in Connewitz.Und nachdem meine Dienstzeit um war, war nur noch die Polizei hinter mir her. Die Feldjäger stehen nur während der Dienstzeit auf dem Plan. Aber das wäre eher Zufall gewesen, wenn ich den Polizisten in die Arme gerannt wär. Ende 1992, 22 Monate nach meiner Einberufung, wollte ich dann endlich mal raus aus Deutschland, ein bißchen Urlaub machen. An der Grenze von Bayern nach Österreich habe ich mich unclever angestellt. Ich habe einen Grenzübergang erwischt, an dem kontrolliert wurde. Und da haben sie mich geschnappt.

Die Grenzer wußten gleich Bescheid?

Die kamen sofort angestürzt und meinten ”Herr Sowieso, sie sind verhaftet wegen Fahnenflucht.” Die hatten alle meine Daten. Danach wurde ich in eine extrem unangenehme Zelle gesteckt. Zugig, ohne Fenster, eingemauertes Bett und ich saß da ohne meine Schuhe, die wurden mir abgenommen. Die nächsten 24 Stunden durfte ich nur zwei Zigaretten rauchen und von meiner Flasche Mineralwasser trinken. Zum Glück hatte ich ein Buch mit, das hat mich etwas abgelenkt. In Bayern sollte man sich nach Möglichkeit nicht festnehmen lassen. Da ist alles noch eine Ecke härter. Ja, und dann wurde ich nach Leipzig geschickt, von einem Knast zum anderen. Es gibt einen Menge Knäste, ich habe, glaube ich, 13 kennengelert. Während der ganzen Zeit wurden meine Eltern und meine Freundin nicht richtig informiert, keiner wußte wo ich gerade bin. Ich durfte nur ganz zum Anfang mit meinem Anwalt telefonieren.

Und in Leipzig bist da dann wieder rausgekommen?

Ja, ich hatte ”Glück”, daß die Knäste randvoll waren, hoffnungslos überfüllt. Eigentlich hatte ich befürchtet, nach 22 Monaten Flucht muß ich in U-Haft. So bin ich auf Haftverschonung rausgekommen. Ich mußte mich alle zwei Wochen bei der Polizei melden, mußte bei meinen Eltern wohnen, durfte das Land nicht verlassen und so.

Im letzten Sommer begann Dein Prozeß, der war aber nicht sehr fruchtbringend.

Die Richterin hatte überhaupt keinen Plan, war vollkommen unfähig. Die hatte keinerlei Zeugen geladen und hat wahrscheinlich gedacht, ich setzte mich hin und mache mein Geständnis. Als ich dann zu keinen Aussagen bereit war, konnte sie nichts machen und hat vertagt.

Wer hat dich verteidigt?

Ein Anwalt aus Berlin, den mir ein Freund empfohlen hatte. Er hat sich sehr engagiert. Im zweiten Teil des Prozesses - das war im Dezember – hat es aber nichts geholfen, der Richter war absolut fest, hat überhaupt nicht mit sich reden lassen. Das Kuriose war, daß es weniger um die Totalverweigerung ging, sondern um die Einhaltung von irgendwelchen Fristen, um Formalitätenkram. Der Richter hat mich zu sechs Monaten Knast auf zwei Jahre Bewährung verurteilt, dazu 2 000 Mark Geldstrafe und die Übernahmen der Prozeßkosten. Wir sind in die Revision gegangen, wollen Straffreiheit erreichen. Das ist zwar sicherlich illusorisch. Aber ich bin noch jung und habe keine Vorstrafen. Da kann ich nicht einfach so eine hohe Strafe bekommen. Der nächste Prozeß läuft vor dem Oberlandesgericht, ich warte auf die Nachricht, wann es losgeht.

Hast Du Probleme im Umgang mit Zivis? Die machen ja mit ihrer opportunistischen Verweigerung - so wird die Entscheidung von Totalverweigerern immer wieder kritisiert - eine allgemeine Wehrpflicht erst möglich.

Ich kenne viele Zivis und ich komme mit ihnen sehr gut aus. Ich denke, das muß jeder für sich entscheiden. Wenn man sich durch eine Totalverweigerung etwas ganz Wichtiges verbaut, dann muß man eben Zivi machen. Aber das ist eben das Ding, daß der Zivildienst so vermarktet wird, daß er sinnvoll erscheint. Ich denke jedoch, wenn einer etwas Gutes machen will, muß er nicht dazu gezwungen werden. Ansonsten ist das schon komisch.

Wenn du so zurückblickst, würdest du deinen jetzigen Erfahrungen ausgestattet wieder totalverweigern?

Natürlich sehe ich jetzt vieles anders, wird. aber ich glaube, letztendlich würde ich wieder draufkommen. Man muß aber nicht alle meine Fehler machen, ich hatte mich ja vor meiner Entscheidung kaum mit den rechtlichen Sachen beschäftigt. Deshalb wäre es wichtig, wenn auch hier in Leipzig Strukturen wie in Berlin mit der ”Kampagne gegen Wehrpflicht” entstehen würden. Die meisten haben ja von Tuten und Blasen keine Ahnung. Da wäre es gut, wenn sie jemand berät und sich um sie kümmert. Es gibt Totalverweigerer, die sind mit einem Tag Knast oder einer Geldstrafe davongekommen. Da wäre dann die Entscheidung totalzuverweigern auch nicht mehr so schwer. Wir sind dabei, mit Unterstützung aus Berlin, eine TotaIverweigerergruppe aufzubauen und einen Anwalt zu besorgen, der sich speziell mit um Totalverweigerer kümmert. Mal sehen wie es wird.
Das Gespräch führte Ricky Selle
erschienen in: Zeitlupe 5/1994