Aktion Rekrutenverabschiedung

Am 4. des letzten Monats [Oktober] fand ich mich mit schwerem Kopf vom Jubelfeste am Vortag, morgens 8.30 bei Blumen-Hanisch ein. Es muß wohl an der unchristlichen Zeit gelegen haben, daß nur ein gutes Dutzend den Weg zur zweiten Leipziger Rekrutenzugblockade fand (die erste war am4. Juli). Da es ja keine offiziellen Rekrutenzüge mehr gibt, wurde der IC nach München als geeignetes Objekt auserkoren. Mit zwei Transpis stürmte das Häuflein den Bahnsteig, glücklicherweise vermehrt um eine fast gleichwertige Anzahl an Journalisten, die das Foto ihres Lebens erwarteten. Alles, was im Leipziger Medienwald Rang und Namen hat (von BILD bis KlaroFix), war zur Stelle. EinPSRler interviewte gerade einen Rekruten (die sind gut am kurzen Haar und der Sporttasche zu erkennen), als der Zug einfuhr. Die Wartezeit wurde für eine ausführliche Fotosession vor der Lok genutzt. Eine Topfblume verdeutlichte die Sprengung der Gleise (wie? was?). Der Lokführer wurde nach seiner Meinung gefragt. Seine Antwort ist mir bis heute unklar „Also da müssen schon welche hingehen (zum Bund - d.S.), sonst treiben »die«   (auf Nachfrage konkretisierte er: das Kapital) uns wieder in einen Krieg.“ Die Bahnbullen hielten sich im Hintergrund, erst als die Abfahrtszeit um 10 Minuten überschritten war, kamen ein paar von beiden Seiten des Bahnsteiges. In Anbetracht der Gegebenheiten waren wir übereingekommen,   nicht sitzenzubleiben. Da hatte BLÖD fast recht: „Grenzschutzbeamte forderten die Demonstranten auf, die Gleise zu verlassen. Sie gehorchten aufs Wort.“ Dafür gab’s ein schönes Farbfoto auf Seite 3 ganz oben. Es ist uns gelungen, mit relativ geringem Einsatz und (leider) sehr wenigen Leuten, die Aktion verhältnismäßig gut in den Medien zu plazieren. Und das ist wichtig. Daß sofort die Rekrutenmehrheit den Zug verläßt und sich anschließt, erwarten wir nicht. Es hat natürlich solche Fälle gegeben, wo zwei, drei Leute ausgestiegen sind und einen KDV-Antrag stellten. Deshalb wird durch den Zug gegangen und Aufklärungsarbeit geleistet. Primär ist aber das Anliegen, Öffentlichkeit zu erzeugen, um denen Mut zu machen, die ihre Einberufung noch erwarten und noch am Überlegen sind, ob Zivi oder Bund (oder gar nix). Eine solche Entscheidung, ob   »total« oder »einfach« läßt sich immer leichter fällen mit der Gewißheit, auf die Solidarität Gleichgesinnter bauen zu können. Bei diesem Bündnis sollte die antimilitaristische Arbeit im Vordergrund stehen. Wir „Friedenskämpfer“ (BILD) Schnell am Drücker...sind keine homogene Masse, haben unterschiedliche Ansätze, aber das gemeinsame Ziel der Entmilitarisierung der Gesellschaft. Auch die Termine der nächsten Rekrutenverabschiedungen stehen schon fest (Quartalsanfänge). Vielleicht sind im Januar genügend Leute da, um Schneemänner auf Gleisen zu bauen. Das wird auch denen mehr gerecht, die die Anonymität der Menge brauchen und gleich wieder gehen, weil nur eine Handvoll Leute da sind. Ich mache mich nicht lächerlich, auch   wenn wir nur zu dritt vor der Lok stehen sollten. Na klar, ist das kein besonders erhebendes Gefühl, aber paßt auf, daß euch eure Coolness nicht zu sehr selbst blockiert.

Aktion Rekrutenempfang

Im Anschluß ans »Gleise sprengen« postierte sich ein Empfangskomitee vor der Olbrichtkaserne und empfing die Jungmänner mit lnfomaterial und KDV-Antragsformularen. Einige wurden von den Eltern gebracht, einige fragten uns, ob sie ihr Auto mit reinnehmen dürften und wo Haus 20 wäre. Wir gaben bereitwillig Auskunft. Einige hatten Angst vor den Augen der wachhabenden Feldjäger die Zettel einzustecken. Andere meinten, es sei eh zu spät, was wohl heißen sollte, daß sie mit ihrem Nachdenken aufgehört hatten, des inneren Friedens wegen. Einige waren völlig verstört, zitterten, andere waren sehr kurzhaarig, cool – „Interessiert mich nicht“. Ohne grundsätzlich (vor-) verurteilen zu wollen, war es für mich teilweise schon erschreckend zu sehen, was für rückgratlose Amöben da zum Kasernentor reinkriechen. Ich war auch mal jünger und hatte auch mal irgendwie Respekt vor der Obrigkeit, aber lassen die sich gerne schleifen?
Die Feldjäger machten ihre Drohung, uns ´ne Zelle zuzuweisen nicht wahr, und so traten wir auch wieder von unserem Plan zurück, die Kaserne zu stürmen, um die geknechteten, entrechteten Zwangsrekrutierten zu befreien und in den Schoß ihrer Familien zurückzugeben. Das müssen die schon selber tun. Wir verteilen keine Rückgrate, können höchstens helfen, sie gerade zu biegen oder auf deren Fehlen hinweisen.
erschienen in: Klarofix 11/1994