Aus CONTRASTE Nr. 185:
Schwerpunktthema "Neues aus der Tauschringszene"
Teil 1: 5 Arbeiten braucht das Land...
Zukunft der Arbeit liegt nicht im Beruf
Buchautor Helmut Saiger im Gespräch mit Radio Ruhr (Mülheim)
Es scheint fraglich, ob diese Gesellschaft in Zukunft noch Vollbeschäftigung erreichen kann. Vier Alternativen zur Erwerbsarbeit sieht Helmut Saiger, Unternehmensberater und Autor aus Lünen. Am 4. August interviewten ihn Thomas Beeking und Oliver Hehn von Radio Ruhr, Mülheim, über die Zukunft der Arbeit. Kürzlich bekam die CONTRASTERedaktion das Tape von ihnen.
von Volker Windisch, Essen - Red. Tauschringe
Radio Ruhr: Herr Saiger, warum brauchen wir eine neue Beschäftigungsgesellschaft?
Helmut Saiger: Meine These ist: Die Zukunft der Arbeit liegt nicht im Beruf, und ich meine damit, daß wir das Ziel Vollbeschäftigung nicht mehr erreichen werden. Ganz im Gegenteil, wird die Zahl der Arbeitslosen auf Dauer erheblich steigen. Es gibt dazu bspw. eine neue Studie der EU, wonach allein das Internet und der E-Commerce 3 bis 7 Millionen neue Arbeitslose in Deutschland produzieren werden. Es wird dadurch auch ein paar 100.000 neue Arbeitsplätze geben; aber nicht für diejenigen, die Arbeit verlieren, sondern für die jungen Menschen, die in diese neue Technologie hineinwachsen.
Radio Ruhr: Welche Alternativen bieten sich also zur jetzigen Beschäftigungsgesellschaft an?
Helmut Saiger: Meine Aussage heißt: 5 Arbeiten braucht das Land. Das heißt, die Erwerbsarbeit sollten wir in Zukunft ergänzen um 4 weitere Arbeiten: nämlich einen Ausbau der Eigenarbeit, der Aufbau einer neuen Bürger-zu-Bürger-Tauscharbeit, die Gemeinsinnarbeit und die Bildungsarbeit im Rahmen des lebenslangen Lernens.
Radio Ruhr: Wir brauchen also verschiedene Beschäftigungsbereiche für die Menschen von morgen, damit sie noch Arbeit haben.
Helmut Saiger: Ich sehe in der Zukunft eine 5-Arbeiten-Gesellschaft vor mir, in der gleichberechtigt und gleich-anerkannt, und das ist ganz wichtig, folgende Arbeiten immer wieder neu kombiniert werden können: die Erwerbsarbeit von Vollzeit bis Teilzeit, die Eigenarbeit: damit ist alles von Do-it-yourselfbis zu Familientätigkeiten gemeint. Es gibt inzwischen Prognosen, daß der technische Fortschritt und das Internet, das vor den privaten Haushalten ja nicht haltmacht, ganz neue Formen der Eigenarbeit ermöglicht. Also nicht nur traditionelle technische Tätigkeiten für Haus oder Wohnung oder die Familientätigkeiten, sondern bspw., daß man sich selber ein Kleid designt und das dann über das Internet als Auftrag an einen Bekleidungshersteller sendet. Im Rahmen dieser Eigenarbeiten entsteht natürlich auch ein zunehmendes geldsparendes Realeinkommen. Die nächste Arbeit ist die Bürger-zu-Bürger-Tauscharbeit. Damit ist folgendes gemeint: Warum soll man alle Waren und Dienstleistungen nur von Betrieben beziehen? Warum können nicht Bürger, die ja über Fertigkeiten verfügen, direkt Arbeiten untereinander anbieten, z.B. über eine Vermittlungsbörse? Damit dieser Arbeitsaustausch zwischen den Bürgern, den es heute schon vielfach gibt, nicht am Geld scheitert bzw. sich voll entfalten kann, ist es sinnvoll, ein eigenes Verrechnungsmittel einzuführen, z.B. die Bürgerpunkte. Das heißt, man bietet dann Arbeiten direkt anderen Haushalten an, bekommt dafür Bürgerpunkteguthaben, und mit diesem Guthaben kann man geldsparend wieder Dienste anderer Bürger beziehen. Alle Betroffenen an diesem Prozeß haben dann mehr Geld übrig für Dinge, die es nur am Markt zu kaufen gibt.
Radio Ruhr: 3 Alternativen für eine zukünftige Arbeitsform haben wir ja gerade schon gehört. Welche ist denn jetzt die Vierte, Herr Saiger?
Helmut Saiger: Die vierte Arbeit ist die Gemeinsinnarbeit. Dazu gehören sowohl ehrenamtliche Tätigkeiten, aber auch mehr Bürgerkooperation und -beteiligung im Rahmen einer neuen Bürgergesellschaft. Auch für diese Tätigkeit soll es mehr als heute sowohl finanzielle als auch immaterielle Belohnung geben: finanziell z.B. ein Bürgergeld, wenn sich Bürger bspw. an einem Stadtmarketingprozeß beteiligen oder im Kindergarten mithelfen. Alternativ oder in Ergänzung zum Bürgergeld kann es natürlich auch Bürgerpunkte geben, und Vermögensbildungsgutscheine für die Alterssicherung. Die fünfte Arbeit ist, daß Bildung und Wissen in Zukunft die zentrale Rolle spielen werden, und - das ist meine Forderung - daß es deswegen notwendig ist, Bildung auch als Arbeit anzuerkennen und entsprechend zu honorieren. Eine Möglichkeit ist, daß es bei der Entlohnung von Erwerbsarbeit, aber auch von anderen Arbeiten, Bildungsgutscheine gibt, aus denen ein lebenslanges Lernen finanziert werden kann.
Radio Ruhr: Bei wem kann man diese Bildungsgutscheine dann einlösen, bzw. wie kann man sie bekommen?
Helmut Saiger: Nehmen Sie mal einen Sozialplan im Betrieb an: Da könnte man als Teil des Sozialplanes in Form von Bildungsgutscheinen vergeben, damit die Menschen die Möglichkeit haben, sich für neue Tätigkeiten im Erwerbsberuf, aber auch außerhalb des Berufes zu qualifizieren. Man gibt dann beim Bildungsanbieter den Bildungsgutschein ab, und damit holt sich der Anbieter das Geld vom Aussteller des Bildungsgutschein wieder, z.B. vom Betrieb. Das läßt sich auf alle möglichen Gebiete anwenden, nehmen wir Existenzgründungen: Viele Existenzgründungen scheitern, weil sich die Leute auf diesem Gebiet nicht qualifizieren. Also könnte man einen Teil der öffentlichen Förderung in Form von Bildungsgutscheinen vergeben.
Radio Ruhr: 4 Ergänzungen zur normalen Erwerbsarbeit: Wie werden diese Segmente zusammenarbeiten können, wie stellen Sie sich das vor?
Helmut Saiger: Der Grundgedanke ist, daß die Menschen ein ganz flexibles System haben. Wenn jemand z.B. in der Jugend sagt: Ich konzentriere mich jetzt auf Erwerbsarbeit und Beruf, wird er das hauptsächlich machen, und nicht so viel von den anderen Arbeiten. Baut er eine Familie auf, wird er mehr in die Eigenarbeit gehen. Entschließt er sich für einen Teilzeitjob, hat er Zeit übrig z.B. für die Bürger-zu-Bürger-Tauscharbeit. Entdeckt er ein Thema, das ihn für sein Gemeinwohlengagement interessiert, hat er die Möglichkeit, auf eine attraktive Infrastruktur zurückzugreifen, wo er sich engagieren kann: von Sport über Politik bis zu sozialen Engagements. Dasselbe gilt für die Bildungsarbeit: Immer wenn er neuen Lebensanforderungen begegnet, kann er sich in einem ausgebauten System der Erwachsenenbildung, das gleichzeitig die Schule und die Erstausbildung entlastet, zielgenau neu qualifizieren. Das muß nicht im Erwerbsleben sein - das ist das Attraktive - sondern kann auch im Rentnerdasein passieren. Wir stehen ja vor der Situation, daß ein Drittel der Bevölkerung zu den Seniorinnen und Senioren gehören wird, mit einer Lebensdauer, die länger ist als die Kindheits- und Jugendzeit, auf Grund des medizinischen Fortschritts. Den Rentnern bleibt ja praktisch heute jede Tätigkeit verschlossen: Man bietet ihnen Skat, Mallorca und Fernsehschauen an, ab und zu auf die Kinder aufpassen. In dieser 5-Arbeiten-Gesellschaft ist eben Raum für Seniorentätigkeiten. Aus diesen 5 Arbeiten entstehen dann auch neue Einkommen, geldsparende Einkommen aus Eigenarbeit, genauso aus der Tauscharbeit in Form der Bürgerpunkte, aber auch neue geldliche Einkommen z.B. in Form des Bürgergeldes oder einer breiteren Vermögensbildung. Ich sehe die Möglichkeit, daß in Zukunft für einen Grossteil der Bevölkerung eine realistische Chance besteht, daß sie nur noch einen Halbtagserwerbsjob ausüben, weil die andere Hälfte des dann fehlenden Einkommens durch außerberufliche geldliche und geldsparende Einkommen ausgeglichen werden kann.
Radio Ruhr: Seine Tätigkeiten kann man also quasi eintauschen gegen andere Tätigkeiten, die andere Bürger dann für mich machen. Ist das richtig?
Helmut Saiger: Das ist ja das besonders Attraktive an der Bürger-zu-Bürger-Tauscharbeit, heute in Form der Tauschringe. Ich sage: meine Leistung gegen deine Leistung; wir tauschen die nicht gegen Geld, sondern durch eigene Verrechnungseinheiten; wir sparen dadurch Geld für Urlaub, Versicherung oder Auto. Wenn man das mal ausrechnet, wenn die privaten Haushalte in Deutschland nur 4 Stunden pro Woche eine solche Bürger-zu-Bürger-Tauscharbeit machten, dann würde das über 4 Millionen Vollzeitarbeitsplätzen entsprechen. Das heißt: Allein in dieser einen von den 5 Arbeiten entsteht schon ein erhebliches Potenzial zur wesentlichen Minderung der heutigen Arbeitslosigkeit.
Radio Ruhr: Bürger-zu-Bürger-Tauscharbeit ist aber immer noch nicht richtig legalisiert. Es gibt Probleme im steuerlichen Bereich. Wie kann man das nun politisch durchsetzen, Herr Saiger?
Helmut Saiger: Das Problem ist tatsächlich, daß die überall herausspriessenden Tauschringe zumindest in Deutschland noch im so genannten rechtsfreien Raum und damit mit großer Unsicherheit agieren müssen. In Amerika ist das teilweise anders: Da gibt es inzwischen Regelungen für die Tauscharbeit. Wenn sich das verbreiten soll, müßte es das bei uns natürlich auch geben. Dazu braucht es erst einmal ein neues Denken, daß man nicht weiterhin nur das, was Erwerbsarbeit oder selbstständige Tätigkeit als Gewerbe oder Freiberufler ist, als Arbeit anerkennt, sondern auch anerkannte Tätigkeitsmöglichkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit schafft und legalisiert. Beim Tauschring könnte das bspw. so aussehen, daß man nach und nach Vereinbarungen z.B. unter Hinzuziehung der Kammern findet, welche Tätigkeiten zugelassen sind und welche nicht; daß man im steuerlichen Bereich überlegt, analog zu anderen Tätigkeiten, bis zu welchem Umfang steuerliche Freigrenzen eingeführt werden können, und was darüber hinausgeht. Mal ein kreativer Gedanke: Warum sollen diese Arbeitserträge dann nur in Geld bezahlt werden, warum kann eine Kommune nicht auch in "Kohle" (Radio Ruhr: Essener Tauschwährung, d.Verf.Helmut Saiger: ) oder in Bürgerpunkten Steuern erheben und mit diesen Bürgerpunkten bspw. wieder Bürgerengagement honorieren? Die können das dann wieder im Tauschring einsetzen .... Das Dritte ist, daß man auch bestimmte Qualifikationsangebote schafft, bspw. über Volkshochschulen, und eine gewisse Grundversicherung, wie es sie als Berufsgenossenschaft oder Haftpflicht gibt, vielleicht sogar zur Voraussetzung macht. Ein Punkt wäre noch, daß ein Arbeitsloser oder Sozialhilfeempfänger nicht bestraft wird, wenn er in diesem Tauschring mitmacht, sondern daß es begrüßt wird, daß er auch Aktivität zeigt und damit seine Fähigkeiten erweitert. Man kann das ja erstmal in Form zeitlich begrenzter Gesetze machen, um überhaupt einen Erfahrungsspielraum zu bewirken.
Radio Ruhr: Wie können wir Staat und Wirtschaft in Tauschring oder in diese neue Beschäftigungsidee miteinbeziehen?
Helmut Saiger: Was auf uns zukommt, ist eine Bürgergesellschaft, in der es diese neue Arbeitsteilung zwischen Staat, Wirtschaft und Bürgerinstitutionen geben wird. Das heißt bei der Gemeinsinnarbeit, daß bestimmte zivile Institutionen aus Bürgergruppen Tätigkeiten übernehmen, die vorher der Staat durchgeführt hat, sei es das Betreiben einer Stadtteilbibliothek oder eines Schwimmbades, und diese auch honoriert bekommen. Ich bin überzeugt, daß dies dann auf vielen Gebieten im Ergebnis mit einer größeren Qualität und mit einer bürgernäheren Verhaltensweise geschieht. Bei der Eigenarbeit sind ganz neue Zusammenarbeitsmöglichkeiten zwischen Bürgern und Wirtschaft möglich. Man kennt das heute ja schon aus der Muskelhypothek beim Hausbau, daß der Bürger einen Teil geldsparend macht, den anderen Teil das Handwerk. Ich bin überzeugt, daß es in Zukunft für viele Betriebe ein Wettbewerbsargument sein wird, wie weit sie bereit sind, bestimmte Eigenleistungen organisatorisch in einen Auftrag zu integrieren. Wer das macht, wird mehr Umsatz machen, als derjenige, der das nicht macht. Bei der Tauscharbeit ist es heute schon so, daß Betriebe einen bestimmten Teil ihres Angebotes in "Talenten" oder Bürgerpunkten annehmen, sofern sie diese auch wieder ausgeben können. Ein Beispiel: Bei einer Gaststätte in Halle kann man einen Teil des Verzehres in der dortigen Verrechnungseinheit bezahlen; und mit diesen Verrechnungseinheiten bezahlt der Gastwirt wieder einen Teil des Honorars der Band, die dort spielt. Die kann die vereinnahmten Verrechnungseinheiten für einen Raum in einer Pfarrei ausgeben, für die Miete, damit sie dort üben können. Wäre das alles nur über Geld gelaufen, wäre nichts davon zustandegekommen. Nur über Geld hätte bspw. der Gastwirt diese Band nicht finanzieren können.
Radio Ruhr: Können Sie uns noch weitere Praxisbeispiele nennen?
Helmut Saiger: Es ist oft so, daß sich Menschen für ganz spezielle Ziele für solche Tauscharbeit zusammentun. Ein Beispiel sind die Seniorengenossenschaften, die - von Baden-Württemberg ausgehend - sich momentan bundesweit vermehren. Der Grundgedanke ist der: Jüngere Senioren helfen älteren Senioren, bspw. einkaufen, Haushaltshilfe, Behörde und anderes, und bekommen dafür ein Punkteguthaben. Dieses Guthaben können sie später, wenn sie selber Hilfe brauchen, rentensparend einlösen, d.h. für die erworbenen Punkte wieder Hilfe bekommen. Es ist immer derselbe Grundgedanke, daß man sagt: Wieso soll alles über Betriebe oder Wohlfahrtsverbände gehen, warum soll alles über Geld gehen, wir können ja direkt miteinander in Kontakt treten, und wir können für unsere Arbeitsaustausche eine neutrale Verrechnungseinheit schaffen, damit es nicht nur über Bekannte funktioniert, sondern mit Unbekannten ein Kontakt ermöglicht wird und wir dann beide unser Konto haben. Was habe ich gegeben, was habe ich genommen?