Aus CONTRASTE Nr. 169 , Oktober 1998:

 

VERSUCH EINER ANTWORT AUF FRITHJOF BERGMANNS INTERVIEW IN DER JUNI-AUSGABE

 

"Tu, was Du schon immer wirklich, wirklich tun wolltest"

 

Motto: "Wer neues schaffen will, hat alle zu Feinden, die aus dem Alten Nutzen ziehen."

N. Macchiavelli

Warum das, was Frithjof Bergmann und andere vorschlagen, nicht zu verwirklichen ist

Und warum man es dennoch versuchen muss.

 

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 von Rainer Kippe, Sozialistische Selbsthilfe Mülheim, Institut für Neue Arbeit INA -

 

Es macht immer wieder Spaß, Frithjof Bergmann zu hören oder zu lesen. Er formuliert leicht,

fast süffig; seine Ideen sind einfach und von großer Leuchtkraft; seine Einsichten klar und

überzeugend; seine Vorschläge lösen den Wunsch aus, aufzustehen und endlich anzufangen.

 

Wie er die Krise der Arbeitsgesellschaft angehen will: ein Drittel Erwerbsarbeit, ein Drittel Selbstversorgung,

ein Drittel Berufung (Calling) "tu, was Du schon immer wirklich, wirklich tun wolltest" - ist das nicht das Ei des

Kolumbus? Und da er die Lösung des Beschäftigungsproblems, des Freizeitproblems und der Frage nach einem

sinnvollen, sprich kreativen Leben in Gesprächsrunden mit Arbeitern, Bürgern der Gemeinde, Gewerkschaftern

und Automobilbossen zu erreichen versuchte, lässt einen das nicht an eine Harmonie jenseits der Klassenkämpfe

glauben? Hat seine Vorstellung nicht ein bißchen von Marxens Idee des Kommunismus jenseits der historischen Epoche

gleichen Namens, die wir uns zur besseren Unterscheidung angewöhnt haben mit leichter Ironie als

"real existierenden Sozialismus" zu bezeichnen, ihr wisst schon: morgens Bauer, mittags Fischer, nachmittags

Schriftsteller, ohne Bauer, Fischer, Schriftsteller zu sein, (oder so ähnlich)?

 

Von Flint, jener Automobilstadt im Norden der USA, wo Bergmann seine umwälzenden Ideen zuerst in die

Realität umzusetzen versuchte, war dieser Tage wieder in der Presse zu lesen, und zwar im Zusammenhang mit einem

Streik in einem Zuliefererbetrieb. Es ging dabei um die alten Fragen: Bezahlung, Arbeitsbedingungen,

Arbeitsplatzgarantie. Von Bergmanns "New Work" war in diesem Zusammenhang nicht die Rede.

 

Was ist in Flint verwirklicht worden? Was davon gibt es heute noch? Was kann man besichtigen? Auf diese Frage

habe ich noch keine Antwort erhalten. In Köln hat Bergmann vor zwei Jahren lediglich erklärt, die Art der

Auseinandersetzungen hätte ihn veranlasst, seine Tätigkeit zu verlagern. Von "Verteidigung einer Wagenburg" hat er

gesprochen, bei der mitzukämpfen er keinen Sinn gesehen habe, und ich habe das so verstanden, da sich die

Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit in Flint weniger um Zukunftsmodelle drehte, als um die Verteidigung

(noch) vorhandener Rechte der Arbeiter; und es hat mir dabei eingeleuchtet, dass Frithjof Bergmann darin

keinen Platz für sein Modell vom "New Work" gesehen hat, wobei er immer betont, da das englische "Work" etwas

anderes bedeutet als sein deutsches Pendant "Arbeit".

Danach, so erzählte er uns in Köln, habe er sich in New York einem Projekt zugewandt, wo Obdachlose sich

ihre Wohnungen selber bauen, und in der Stadt in Plastikcontainern, die man auf Dächern aufstellt oder wie

Blumenkästen vor die Fenster hängt, vermittels einer raffinierten Nährlösung ihr Gemüse selber ziehen. Eine gute

Sache, fand und finde ich, die uns beim SSM dazu ermuntert hat, etwas ähnliches unter dem Namen "Bauen, Wohnen,

Arbeiten" zu versuchen. Nur, was aus diesem New-Yorker Projekt geworden ist, erfahre ich in Eurem Artikel

genauso wenig wie das, was von den Anstrengungen geblieben ist, die Bergmann gemeinsam mit General Motors in Flint

unternommen hat. Und leider sagt Bergmann auch nicht, wie weit er in den Projekten, die Ihr unter der Überschrift "New

Work" aus deutschen Landen vorstellt, seine Ideen verwirklicht sieht.

 

Nach eigenem Bekunden der Betreiber sind die Projekte in Karlsruhe und Wolfen zunächst einmal Häuser für

Eigenarbeit nach dem Modell der Anstiftung e.V. in München, deren Ansatz sich wohl am Punkt der kreativen Tätigkeit mit Frithjofs "Calling" berührt, ansonsten aber durchaus etwas Eigenes ist. "Über Eigenarbeit zu Neuer

Arbeit", sagen deshalb konsequenterweise die "WerkStädter" aus Karlsruhe, und "so wollen wir in Karlsruhe

zwei Ansätze miteinander verknüpfen." Ob sie bei der "Neuen Arbeit" ankommen, wird man, genauso wie in

Wolfen, erst sehen müssen.

 

Für Frithjof Bergmann jedenfalls sind "New-Work" und "Eigenarbeit" offensichtlich zwei Paar Schuhe, sagt

er doch in Eurem Interview: "Ich habe von Anfang an betont, da das, was ich mit high tech self providing meine,

nicht dasselbe ist, was man hier in Deutschland mit Eigenarbeit bezeichnet. Eigenarbeit hat immer mit den eigenen

Händen zu tun...". So was, liebe CONTRASTE, muss man klären, sonst entsteht der Eindruck, als handele es

sich hier um Etikettenschwindel oder als segele New-Work mangels eigener Beispiele jetzt unter der Flagge der

"Eigenarbeit" der "Anstiftung" aus München.

 

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"Eine selbstverwaltete Firma unterscheidet sich immer noch ganz wesentlich von

Frithjof Bergmanns Ansatz ..."

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Aber weiter zu Euren Beispielen: In Mülhausen berät man Unternehmen, in Hamburg geht man noch mit sich

selbst zu Rate. Einen ernsthaften Versuch zur Verwirklichung von Frithjofs Idee sehe ich hingegen bei der

"Eigenart" in Thüringen. Allerdings wird es darauf ankommen, ob die Gruppe es schafft, von der Durchlaufstelle für ABM und Sozialstunden, und das heißt vom staatlichen Tropf, wegzukommen und sich auf eigene Füße zu stellen, was nicht leicht sein dürfte, aber dazu später mehr. Hier ist allerdings festzuhalten, dass eine selbstverwaltete Firma, (ich arbeite selbst in einer solchen und weiß daher, wie großartig und leistungsfähig ein solches Projekt sein kann), sich immer noch ganz wesentlich unterscheidet von Frithjof Bergmanns ursprünglichem Ansatz von "New-Work", bei dem die Menschen zu einem Drittel einer ganz normalen Erwerbsarbeit nachgehen, wie sie ganz normale Firmen bieten, wie eben GeneralMotors in Flint. Diese stinknormale Erwerbsarbeit sollte durch "High-Tech-Selfproviding" und "Calling" ergänzt werden.

Wenn wir die Firmen, die den ersten Anteil liefern sollen, erst selber gründen müssen, um daran

anknüpfend Selbstversorgung und Berufung Wirklichkeit werden zu lassen, können wir uns die ganze künstliche

Dreiteilung auch sparen. Denn selbstverwaltete Firmen, und das beweist das Beispiel SSM, können die Arbeit von

Anfang an so gestalten, da sie sowohl Erwerbsarbeit sind, als auch (High-Tech-)Selbstversorgung und kreatives

"Was ich wirklich, wirklich tun will". Ja, selbstverwaltete Firmen - und auch das beweist das Beispiel SSM - müssen

in ihrer Arbeit alle drei Elemente integrieren, weil sonst keiner Lust hat, mitzumachen. Und bei "Mitmachen" denke

ich an eine dauerhafte Perspektive, wo die Menschen, tatsächlich von ihrer Arbeit leben, und nicht

nur an ein ABM - oder HzA-finanziertes Gastspiel. ("HzA" = aus Sozialhilfe finanzierte Pseudobeschäftigung für

ein Jahr mit dem Ziel, den "Beschäftigten" = Hilfeempfänger danach wieder bei der Arbeitslosenhilfe

des Bundes abzuliefern).

Deshalb nochmal die Frage: Was ist aus dem Modell "Flint" geworden, wo sind die Beispiele, in denen sich

eine stinknormale Firma, und damit meine ich Management und Beschäftige, darauf eingelassen hat, die Arbeitszeit so weit

abzusenken, dass die Arbeiter Zeit bekommen für "High-tech-selfproviding" und "Calling", und welche

Erfahrungen hat man damit gemacht?

 

Versteht meine Kritik bitte nicht falsch: Es geht mir nicht darum, Frithjof Bergmann, den ich persönlich

schätze, zu "entlarven", oder CONTRASTE mangelnde Recherche vorzuwerfen. Es geht mir vielmehr um die Frage,

welchen Spielraum Ideen wie "New Work" zu ihrer Verwirklichung in der Gesellschaft vorfinden, ob sie jetzt

und hier überhaupt verwirklicht werden können, und inwieweit sie sich von der ursprünglichen Idee und vom ersten Ansatz

wegverändern (müssen).

 Dass sich unsere Vorstellung von der Arbeit und unsere Arbeitspraxis radikal ändern müssen, wenn die Natur

und die Menschheit noch eine Chance zum überleben haben sollen, sagen viele Theoretiker. Über die "agenda

21" und in deren Gefolge die "habitat II"-Konferenz sind derartige Erkenntnisse inzwischen bis in

zwischenstaatliche Vereinbarungen vorgedrungen. Dass zu ihrer Umsetzung von staatlicher Seite und von Seiten der

Unternehmen so wenig geschieht, dass man kaum von Vorzeigeprojekten sprechen kann, schreit deshalb geradezu

nach einer Erklärung, vor allem wenn man bedenkt, welche Anstrengungen sonst unternommen werden, um

auch noch den letzten Unsinn aus Brüssel auszuführen.

 

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"Der Energieverbrauch steigt weiter

und die Globalisierungswelle rollt"

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Das hier Gesagte gilt genauso für den Umweltschutz oder die Lokale Ökonomie: die Konzepte sind vorhanden, die

Modelle funktionieren, aber der Energieverbrauch steigt weiter und die Globalisierungslawine rollt. Ich bin wirklich

kein Defätist, aber es hat schon etwas zutiefst Entmutigendes, wenn man z.B. nach 20 Jahren

Energiespardebatte und tausenden von Ankündigungen und Annoncen lesen muss, dass die Kraftfahrzeuge heute im Schnitt noch genausoviel Sprit pro km verbrauchen wie vor dreißig Jahren - sie fahren damit nur schneller, und dass die

Handelsketten immer größer und immer dichter werden, so dass es inzwischen so gut wie überhaupt nichts "Lokales"

mehr gibt, es sei denn, man nähme als Bezugsgröße für "Lokale Ökonomie" in Zukunft das "global village."

 

Frithjof Bergmann ist insoweit ein Sonderfall und verdient besondere Beachtung, als er - wie kaum ein zweiter

- mit seinen Ideen in die Praxis gegangen ist, sie offen mit allen Seiten diskutiert hat, und jeder Partei dabei

gezeigt hat, dass sie mit seinen Vorschlägen nur gewinnen kann. Nicht Moral und nicht Verantwortung ist es also,

was Bergmann anspricht, sondern der persönliche Vorteil. "Schon in Flint habe ich immer wieder betont, dass

das eine "win-win"-Lösung ist, dass die "Neue Arbeit" einzuführen besser für den Unternehmer ist und besser

für seine Mitarbeiter", sagt er selbst im Interview. Was also, um die Frage noch einmal etwas genauer zu stellen,

kann Unternehmer und Gewerkschaften im Kapitalismus davon abhalten, einen handfesten Vorteil auszuschlagen? Sind sie

blöd? Oder schwerhörig? Oder böse? Und wenn sie das alles nicht sind: was verstellt ihnen den Blick?

 

Den ersten Hinderungsgrund, den ich da sehe, bezeichnet man gewöhnlich als "Betriebswirtschaftliche Rationalität". Sie

verbietet dem einzelnen Unternehmen bei Strafe des Untergangs durch die Konkurrenz, irgendein

anderes Motiv oder Argument in seine Rechnung aufzunehmen, als den größtmöglichen sofortigen und unmittelbaren Nutzen. Nicht das Überleben der Menschheit, ihr Glück oder ihre Selbstverwirklichung ist also das Ziel unternehmerischen Bemühens, sondern der heutige Aktienkurs. Alles andere kann man entweder in die Zukunft abschieben oder

an die Allgemeinheit, sprich Staat. Dass diese bornierte Weltsicht sich immer mehr ausbreitet und

derzeit alle Grenzen überschreitet, wissen wir. Dass deswegen die Regenwälder in Flammen aufgehen, wissen wir

auch. Dass die Vertreter dieser Anschauung diese Hölle auf Erden in geradezu religiöser Verblendung als "beste

aller Welten" feiern, ist ebenso bekannt. Ein brauchbares Rezept dagegen kenne ich nicht. Dass die Menschenliebe

eines Frithjof Bergmann daran scheiterte, wäre für mich nicht verwunderlich. Damit will ich nicht behaupten,

Frithjof Bergmann könnte diesen Managern nicht den langfristigen Nutzen seiner Vorschläge für ihre Bilanzen

erklären - er betont ja immer wieder stolz, wie offen sie mit ihm reden; ich bezweifle nur, dass diese Herren es sich

noch erlauben können, in so langen Zeiträumen von sagen wir mal zwei oder drei Jahren zu denken, wo doch die

Kurse sich jede Stunde ändern und die Bilanzen mittlerweile vierteljährlich veröffentlicht werden. So viel zur

Chance der Verwirklichung der "Neuen Arbeit" in bestehenden Unternehmen.

 

Bleibt der Staat. Ihm traut Frithjof ja noch erstaunlich viel zu, wenn er gegen Ende des Interviews fordert: "Aber

das Geld von den Leuten nehmen - auf ganz einfache Art, nämlich mit Gewalt oder mit Steuern, oder auf eine

Art oder die andere. Es darf nicht zu einem Umfang von Beträgen kommen, die sich das Kapital jetzt aneignet...

Es geht nur, wenn man ihnen sagt: Schön, ihr verdient sehr gut, und wir werden Euch jetzt 80 bis 90 Prozent davon

wegsteuern und wir werden das dazu benutzen, Menschen zu erziehen und Menschen das Leben bequem zu

machen, es Menschen möglich zu machen, andere Arbeit zu tun."

 

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"Gerade, weil unser Wirtschaftssystem vor dem Kollaps steht, muss es

mit allen Mitteln gebuttert werden..."

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Das gefällt mir natürlich, ich war ja auch mal linker Sozialdemokrat und habe an die Macht der Umverteilung

durch Steuern geglaubt. Ökonomisch gesehen beweist es aber nur, dass Frithjof Bergmann ein Träumer ist. Dieser

unser Staat steuert den Reichen überhaupt nichts mehr weg; im Gegenteil, die paar Mark, die er noch einnimmt,

oder besser, die er als Kredit auf die Zukunft unserer Kinder aufnimmt, trägt er den Unternehmern, die bekanntlich häufig

gar keine Steuern mehr zahlen, als Subventionen hinterher, damit sie überhaupt noch im Lande bleiben. Für soziale

Experimente, Lokale Ökonomie, Alternative Arbeitsmodelle bleibt da nicht viel übrig, und wenn

das Geld fließt, dann will man einen raschen Nutzen sehen, sprich Entlastung der Sozialkassen durch positive Effekte auf

den ersten Arbeitsmarkt.

 

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"... und gerade deshalb steht kein Geld für ein alternatives Arbeits- und Wirtschaftssystem

zur Verfügung"

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Das ist auch der Grund dafür, dass - um jetzt noch mal konkret zu werden -, die Leute von "Eigenart" in Thüringen

gezwungen sind, mit ABM- und Sozialstundenleuten zu operieren, also mit einer Belegschaft, die dauernd

ausgetauscht wird, statt dass man einer festen Gruppe einen festen Betrag zur Gründung eines eigenständigen sozialen

Unternehmens in die Hand gäbe, so wie man es bei profitorientierten Unternehmen der Privatwirtschaft ständig

tut. Gerade weil unser Wirtschaftssystem vor dem Kollaps steht, muss es mit allen Mitteln gebuttert werden,

und gerade deshalb steht kein Geld zur Verfügung für ein alternatives Arbeits- und Wirtschaftssystem, das gerade

jetzt nötiger wäre denn je.

Deshalb wird es auch schwer halten mit der Verwirklichung neuer Produktideen durch Genossenschaften und

Kooperativen, so wie es Frithjof vorschwebt. Nicht, weil uns Alternativen nichts einfiele, sondern weil man das

Geld zur Verwirklichung uns nicht so leicht zur Verfügung stellen wird, profitorientierten Unternehmern aber

wohl. Oder habt Ihr schon einmal von einem Fall gehört, wo das viel besungene Risikokapital mit der fetten

staatlichen Zusatzförderung an eine soziale Produktionsgenossenschaft gegangen wäre? Der Kapitalismus ist

in seiner Geschichte auch eine Geschichte des Diebstahls produktiver Ideen, und entsprechend den vorhandenen Förderungs- und Eigentumsstrukturen ist es wohl eher zu besorgen, dass das Gold, was in den Köpfen der New-Worker

gehoben wird, über eine neue "Gründeroffensive" wieder in die Tresore des Privateigentums der Wenigen wandert.

Das muss nicht so sein, wird aber so sein, wenn man sich nicht rechtzeitig Gedanken macht über die Struktur und

die Eigentumsverhältnisse, sprich Rechtsform derjenigen, die auf neue Weise wirken und werken.

 

Überhaupt Selbstversorgung. Ich komme noch aus der Zeit, wo man sein Gemüse im Garten selber zog, die

Milch vom Bauern holte, die (Kinder)kleider selber nähte und strickte und das Radio oder auch noch den Verstärker im

Baukasten kaufte. Und warum, bitteschön, ist das alles verschwunden? Weil die industriell gefertigten Produkte

viel, viel billiger waren und zum Teil eben auch besser. Das soll niemand daran hindern, das Brennholz im

Wald zu sammeln oder sich eine Strickmaschine zuzulegen. Man sollte sich nur darüber im klaren sein, gegen

welche Konkurrenz man da antritt. Industrie und "Markt" werden jedenfalls auf jede

Selbstversorgungsinitiative antworten, sobald sie eine gewisse Größe und finanzielle Bedeutung erreicht hat, sprich

sobald man daran etwas verdienen kann; denn der Kapitalismus ist historisch nicht nur durch die Erfindung neuer

Technologien und neuer Bedürfnisse zu dem geworden, was er ist, sondern mindestens in dem selben Maße durch die Ersetzung von alten Verfahren und Produktionen, die rund ums Haus angesiedelt waren oder lokalen oder regionalen Bezug hatten. Herstellung und Verkauf von industriell gefertigter Marmelade oder Kartoffelpüree, um

noch mal zwei Produkte zu nennen, deren Einführung ich noch miterlebt habe, sind als Markt für "das Kapital"

eben genauso wichtig wie Computerchips und Abgaskatalysatoren, weil sich damit genausoviel Geld gewinnen

(oder verlieren) lässt.

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"Der Staatsapparat verhält sich zur Steuereinnahme wie ein Junkie zur Droge"

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Und die Vertreter des Staates, die sich so interessiert an allen Vorschlägen zur "Neuen Arbeit" zeigen, weil sie sich

eben schon berufsmäßig für alles interessieren müssen, womit sie wenigstens den Anschein erwecken können, sie

würden etwas gegen die wachsende Arbeitslosigkeit und die wachsende Zahl von Sozialhilfeempfängern unternehmen, tun

in Wirklichkeit alles, damit genau diese entfremdete, ausbeuterische und verblödende industrielle

Massenfertigung nicht verschwindet, denn aus deren Erträgen speist sich ja eben der Staatsapparat, dem sie angehören, sei es nun durch und vermittels von Umsatzsteuer, Lohnsteuer, Gewerbesteuer, Sozialbeiträgen oder was

sonst. Und sie halten an diesem System fest, selbst wenn man sie davon überzeugt, dass es auf Dauer keinen Bestand

haben wird, einfach weil ihr Apparat jetzt und heute davon lebt. Deshalb sitzen ja auch die Handwerkskammern da und

wachen darüber, dass selbst die ödeste und perspektivloseste ABM-Unternehmung ihnen nicht vielleicht

doch irgendeinen Auftrag wegschnappt.

Dagegen haben wir in der Regel natürlich das Argument der Einsparung von Kosten, denn unsere Art zu Produzieren schont Ressourcen und Umwelt und senkt die Aufwendungen für Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger. Aber

dieses Argument, so gerne es gehört und so oft es gelobt wird, trägt nicht weit, weil der Staatsapparat sich

zur Steuereinnahme verhält wie der Junkie zur Droge. Für die noch so geringe Chance einer Steuereinnahme infolge

einer Gewerbeansiedlung oder -erweiterung verschenkt der Kämmerer das letzte Hemd der Gemeinde in

Form von fast kostenlosen Grundstücken, gibt das Land die letzten Fördermittel, wird der letzte denkmalsgeschützte

Altbau geschleift und das letzte Landschaftsschutzgebiet betoniert. Ich will damit nicht sagen, dass

"New Work" >2<keine öffentliche Förderung bekommen kann; ich habe nur die Reihenfolge aufgezeigt, die sich

nach der Stärke der Interessen richtet, und da kommen wir eben ganz hinten, und in Zeiten knapper werdender

Mittel ist für das Sinnvolle und Zukunftsträchtige meist kein Geld mehr da.

Auch von dieser Seite werden wir jedenfalls nicht die Mittel bekommen, die wir benötigen, wenn wir

"high-tech-selfproviding" auf breiter Basis verwirklichen wollen.

 Schlechte Zeiten also für alle, die auf dem steinigen Pfad von der Utopie zur Wirklichkeit sind?

 

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"Wären unsere Ideen nicht so stark,

dann bräuchte das herrschende

Wirtschaftssystem sie nicht zu bekämpfen"

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 Ich habe in den vorausgegangenen Zeilen versucht, einige von den Hindernissen zu benennen und zu beschreiben, die sich

der Ausbreitung unserer Idee entgegenstellen. Ich habe das getan, weil Frithjof nur die positiven Seiten nennt. Warum

das so ist, weiß ich nicht. Vielleicht ist er ja schon so weit amerikanisiert, dass er sich nicht mehr der eindimensionalen Denkweise der US-Werbung entziehen kann. Für mich, und ich glaube das geht auch vielen

anderen so, werden Unternehmungen erst dann reizvoll, wenn ich bei ihrer Realisierung auf Widerstände stoße.

Sie gehören für mich dazu. Sie fordern meine Kreativität und mein taktisches Geschick heraus, wie die Piste den

Skifahrer. Aber mehr noch: Erst in der Auseinandersetzung entwickelt sich die Idee, zeigt sie ihre Stärke, findet sie

ihren Weg.

Gut dialektisch gedacht ist die Stärke des Widerstands, auf den man trifft, auch immer ein Zeichen für die Stärke

der eigenen Idee. Wäre die Idee von "New Work", wäre die Idee der "Eigenarbeit", wäre die Idee der "Lokalen

Ökonomie" nicht so stark, dann bräuchten die Vertreter des herrschenden Wirtschaftssystems sie nicht zu bekämpfen.

Wir müssen uns nur auf diesen Kampf einstellen und dürfen uns nicht dem Glauben hingeben, hinter

dem freundlichen Interesse von Banken, Unternehmern und Staatsbeamten stünde die Bereitschaft zu einer wirklichen

Änderung ihrer Wirtschaftsweise. 

Der Gebrauch des Wörtchens "Gewalt" verrät mir, dass auch Frithjof Bergmann offensichtlich nicht so blauäugig

ist, wie er manchmal in seinen Interviews erscheint. Und in der Tat ist das, was wir brauchen, eine

Doppelstrategie. Wir müssen überzeugende Konzepte vorlegen, wir müssen zeigen, dass unsere Vorschläge sich im

Rahmen der herrschenden Gesetze und der vorhandenen Möglichkeiten umsetzen lassen, wir müssen aber auch

klarmachen, dass wir dann, wenn man uns von den Resourcen ausschließt, die man nun mal benötigt, wenn

man etwas realisieren will, auch in der Lage sind, uns das zu nehmen, was wir brauchen. Ich denke dabei vor allem

an leerstehende Gebäude, freie Flächen, Brachland. Ich sage das als Mitglied einer sozialen Bewegung, der SSK/SSM,

die jahrelang leerstehende Gebäude besetzt hat, um selbstverwaltete soziale Projekte durchzusetzen, und die

derzeit völlig gewaltfrei und nur am Verhandlungstisch ihre Vorschläge macht und ihre Forderungen stellt. Und

ich sage das in dem Bewußtsein, dass ein Wirtschafts- und Sozialsystem welches den Menschen millionenfach die

Verwirklichung ihrer Lebensmöglichkeiten verweigert, im Sinne von Johan Galtungs Definition als "Strukturelle

Gewalt" bezeichnet werden muss, gegen die es ein Recht auf Widerstand gibt.

 

Mein Beitrag würde sich aber zu Recht dem Vorwurf der Einseitigkeit aussetzen, wollte er sich darauf

beschränken, die Schwierigkeiten aufzuzählen und die Nennung der Stärken Frithjof Bergmann überlassen. Deshalb will ich zumindestens noch auf eine Stärke hinweisen, die unsere Bewegung hat, und die in Eurem Interview bei Frithjof

merkwürdig blaß bleibt, und das sind die Gruppen, die die Arbeit tun sollen. Ich erwähne das, weil

wir damit, mit allen möglichen Formen von Kollektiven und Kommunen, in Deutschland, genau wie in den USA,

jede Menge Erfahrung haben, die es lohnt, hervorzuholen und auf ihre Brauchbarkeit im Bezug auf Neue Arbeit

zu überprüfen.

 

"Wirklicher Individualismus und wirkliche Gemeinschaft" sagt Frithjof zu Recht, sind nötig und "aus diesem Ansatz heraus

habe ich gesagt, das high tech self providing darf nicht einzeln laufen, allein laufen, sondern

in Gruppen und in Gruppen von Gruppen, die sich zusammenschließen."

 

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"Die Gemeinschaft zeigt ihre wahre Stärke aber erst, wenn sie beginnt zu produzieren..."

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Hier muss man als erstes erwähnen, dass genau dieser Zusammenschluss von Individuen, die "freie Assoziation"

würde Karl Marx sagen, das erste ist, was dem Kapital nicht schmeckt, denn das Geschäft mit den Bedürfnissen

kann erst so richtig laufen, wenn die Menschen möglichst vereinzelt sind, so dass jeder Akt zwischenmenschlicher

Kommunikation in ein Geschäft verwandelt werden kann, an dem man verdient. Insofern ist die Entwicklung

zur Kleinfamilie und dann weiter zum Single voll im Sinne des Bussiness. Auf diesem Wege sind wir weit vorangeschritten.

Selbst das Gespräch ist heute bekanntlich bereits eine Dienstleistung geworden, die von Psychologen

gegen Geld erbracht wird.

 In der Gemeinschaft fallen viele Bedürfnisse zusammen, so das nach Essen, nach Wohnen, nach Kindererziehung, oder das nach Fortbewegung, und das hat zur Folge, dass deren Befriedigung einfacher und kostengünstiger wird. Dort, wo die Unternehmer zahlen müssen, in ihrer Produktion nämlich, sind solche Effekte erwünscht

und werden uns als "Rationalisierung" oder "Synergie" täglich vorgeführt und angepriesen. Wenn der "Konsument" - so

heißen wir volkswirtschaftlich - dasselbe in seinem Bereich exerziert, ist das, wie gesagt unerwünscht,

denn es mindert den Absatz von Nahrungsmitteln, von Wohnungen, Kücheneinrichtungen, Kraftfahrzeugen, Telefonen

etc. Kein Wunder also, dass das gemeinsame Leben, die "Kommune", von den werbeabhängigen, sprich also

kapitalabhängigen, Medien in den letzten dreißig Jahren mit einem Milliardenaufwand verhöhnt

und verhetzt worden ist, wie keine andere Lebensform.

 

Die Gemeinschaft, und auch das deutet Frithjof an, zeigt ihre wahre Stärke aber erst, wenn sie beginnt zu

produzieren. Und das tut sie zuerst im häuslichen Bereich. Wie schon das Wort sagt, war alle Ökonomie (oikos =

griech. für Haus) zuallererst Hauswirtschaft. Und genau diesen Bereich gilt es zurückzuerobern; hier, beim Holzsägen

(natürlich mit der Kreis- oder Kettensäge, Frithjof!), beim gemeinsamen Renovieren und bei der gemeinsamen

Nutzung/Reparatur des PKW fängt die Selbstversorgung an, hier beginnt das Wunder der Geldvermehrung

durch Selber-Tun. Und auch das fürchtet der Staat wie der Teufel, legt es doch seine Steuerquellen trocken, und

deshalb verfolgt er es, wo er nur kann, als "Schwarzarbeit".

 

Die produzierende Gemeinschaft ist gar nicht so ein Wunderding, wie manche meinen, die Älteren von uns

kennen sie noch aus der Kriegs- und Nachkriegszeit, als sie uns half, eine Zeit zu überleben, wo die Industrie,

welche inzwischen als allgemeine Lebensvoraussetzung gilt, plötzlich abgeschaltet oder mit wichtigerem, nämlich

Rüstungsproduktion, beschäftigt war, und die Menschen selber für die Deckung ihres Bedarfs sorgen mussten. Bei uns

gibt es diese Großfamilie höchstens auf dem Lande noch in Resten, aber weltweit sorgt sie immer noch dafür, dass

die Menschheit die diversen Rezessionen überlebt, welche die "Global Player", die nicht müde werden vom Wohlstand für

alle zu faseln, tatsächlich hervorrufen.

 

Wie gesagt, die Großfamilie kommt nicht wieder, und wer sie noch kennt, wünscht sie auch nicht zurück, aber

von ihrer Leistungsfähigkeit können wir lernen, wenn wir daran gehen, Gemeinschaften zu bauen, welche die

Stürme der Weltökonomie überstehen, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen.

 

Diese Gemeinschaften, und auch da sehe ich keinen Widerspruch zu Frithjof Bergmann, können mit dem

Bau von Wohn- und Arbeitsstätten als erste gemeinsame Produktion beginnen und von dort aus weitere Firmen,

beispielwiese im Transportwesen und Recycling, gründen wie der SSM, oder im Garten- und Landschaftsbau

wie das Kölner Projekt "Bauen-Wohnen-Arbeiten" in der ehemaligen Kaserne Klerken. Eine Chance dafuer, die

Förderung zu erhalten, die jedes Projekt benötigt, sehe ich aber nach unserer Kölner Erfahrung allenfalls dann,

wenn man Gruppen erfasst, die der Staat unbedingt loswerden und von der Tasche haben will, wie Obdachlose,

Psychisch Kranke oder Langzeitarbeitslose (eine neue Form der Erkrankung, allerdings nicht der betroffenen

Individuen sondern des sie hervorbringenden Systems). 

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"Kampf um "Kompetenz" und "Meinungsführerschaft" in allem, was über

die jetzige Arbeitsgesellschaft hinausweist..."

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Und damit bin ich bei dem Ansatz, der in den nächsten Jahren für die Ausbreitung von Neuer Arbeit meiner Meinung

nach am erfolgversprechendsten ist, wie auch das Beispiel "Eigenart" beweist, und das ist die Verknüpfung mit sozialen

Aufgaben, wie die Lokale Ökonomie sie überall versucht. Nicht, weil "Neue Arbeit" nur etwas für Randgruppen und

Sozialfälle wäre, sondern weil sie dort am ehesten toleriert wird. Gemeinsam mit Leuten, die die bisherige

Arbeitsweise ankotzt und die etwas Neues suchen, können hier Gruppen entstehen, die alle Schwierigkeiten meistern und

wenigstens in Ansätzen etwas wirklich Neues schaffen.  Das mag manchem nicht genügen, aber solange die

gesellschaftlichen Grunddaten sich nicht ändern, d.h. solange Unternehmer und Staat volle Pulle ihren neoliberalen

Kurs weiterfahren, werden wir nicht aus den Nischen herauskommen, in denen wir uns derzeit noch befinden. Das

muss aber nicht unbedingt ein Fehler sein, denn wir können die Nischen besetzen, welche die Gesellschaft uns bietet.

Von dieser Basis, geformt von autonomen Gruppen, aus können wir einen Kampf um "Kompetenz" und

"Meinungsführerschaft" führen in allem, was über die jetzige Arbeitsgesellschaft hinausweist und größere Projekte anregen,

so wie wir das in Köln mit unserem Projekt "Industriebrache Güterbahnhof Mülheim" und der "Mülheimer Erklärung" tun.

Dabei sind nicht Millionenumsätze gefragt und auch nicht tausende von ABM-Plätzen, sondern

zukunftsweisende Projekte, in denen das, was wir meinen, für die Menschen sichtbar wird.

 

Wir müssen alles versuchen und jede noch so kleine Chance nützen, um "Neue Arbeit", "Lokale Ökonomie",

"Wirtschaft von unten", "Eigenarbeit" Wirklichkeit werden zu lassen, auch wenn unsere Bemühungen wahrscheinlich zu schwach sind und zu spät kommen, um die Wirtschaftskrise, die auf uns zurollt, und deren Erschütterungen bereits überall zu spüren sind, noch auffangen oder abschwächen zu können. Aber nur auf diese Weise können wir

die Erfahrungen machen, die wir dringend brauchen, wenn aus der Krise heraus etwas Neues entstehen soll. Dabei

kann uns ein sozial eingestellter Unternehmer genauso helfen wie ein aufgeschlossener Minister oder Dezernent oder

ein verrückter Professor. Wichtig ist nicht, dass das, was dabei entsteht, groß ist oder von ewiger Dauer. Wichtig ist

aber, dass es auf eigene Füße kommt, selbständig wird, und nicht nur ein Anhängsel eines überlebten Systems bleibt.

Und ich glaube bei dieser Arbeit und in diesem Kampf können wir von Frithjof Bergmann eine ganze Menge lernen:

Einfallsreichtum, Sinn für das Machbare, und nicht zuletzt auch Radikalität.

 

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