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Der Krieg - darf man auch Fragen stellen?
Von Eduardo Galeano, Montevideo Junge Welt 22.03.2003
http://www.jungewelt.de/2003/03-22/005.php

Mitte vergangenen Jahres, als dieser Krieg noch ausgebrütet wurde, erklärte George W. Bush, « wir müssen in der Lage sein, in jeder dunklen Ecke der Welt angreifen zu können ». Der Irak ist infolgedessen so eine « dunkle Ecke » in der Welt. Glaubt Bush wirklich, daß die Zivilisation in Texas geboren wurde und seine Landsleute die Schrift erfunden haben? Hat er nie von der Bibliothek von Ninive, nie vom Turm zu Babel oder von den « hängenden Gärten » in Babylon gehört? Hat er nicht ein einziges Märchen aus « Tausendundeiner Nacht » von Bagdad gehört?

Mit Gott auf seiner Seite?

Wer hat ihn zum Präsidenten des Planeten gewählt? Mich hat niemand zu einer solchen Wahl aufgerufen. Was ist mit Ihnen? Würden wir einen gehörlosen Präsidenten wählen? Einen Mann, der unfähig ist, etwas zu hören außer dem Echo seiner Stimme? Taub gegenüber dem ständigen Donner von Millionen und Abermillionen Stimmen, die auf den Straßen der Welt den Frieden gegen den Krieg erklären? Er war nicht einmal fähig, den zärtlichen Rat von Günter Grass zu hören. Der deutsche Schriftsteller, der verstanden hatte, daß Bush den Drang spürte, etwas sehr Wichtiges dem Vater beweisen zu müssen, riet ihm, einen Psychoanalytiker zu besuchen, statt den Irak zu bombardieren.

Im Jahr 1898 erklärte ein anderer Präsident der USA, William McKinley, daß Gott ihm befohlen habe, die philippinischen Inseln zu behalten, um die Einwohner zu zivilisieren und zum Christentum zu bekehren. McKinley sagte, daß er mit Gott gesprochen habe, während er zu Mitternacht durch die Gänge des Weißen Hauses wandelte. Mehr als ein Jahrhundert später behauptet der Präsident Bush, daß Gott auf seiner Seite gegen den Irak sei. Wann und wo hat er die göttliche Botschaft empfangen? Und warum hat Gott so widersprüchliche Befehle dem Bush und dem Papst in Rom gesendet?

Man erklärt den Krieg im Namen der internationalen Gemeinschaft, die aber Kriege satt hat. Und wie gewöhnlich erklärt man den Krieg im Namen des Friedens. Es ist nicht wegen des Erdöls, sagt man. Würde der Irak jedoch Radieschen produzieren statt Erdöl, wer käme da auf den Gedanken, das Land zu besetzen? Bush, Cheney und die süße Condoleezza - haben sie wirklich auf ihre hohen Management-Posten in der Erdölindustrie verzichtet?

Warum diese Manie von Tony Blair gegen den irakischen Diktator? Sie wird doch nicht deshalb sein, weil vor 30 Jahren Saddam Hussein die britische Iraq Petroleum Company verstaatlicht hat? Wie viele Bohrtürme erwartet sich der spanische Aznar bei der nächsten « Umverteilung? » Die Konsumgesellschaft, besoffen von Erdöl, gerät in Panik vor der Vorstellung der Abstinenzerscheinungen. Im Irak ist das schwarze Elixier am billigsten und wahrscheinlich auch am reichsten vorhanden. Bei einer Friedensdemonstration in New York fragte ein Plakat: « Warum ist unser Erdöl unter dem Sand der anderen? »

Demokratie wie einst für Haiti?

Die Regierung der USA hat eine lange militärische Besetzung - nach dem Sieg - angekündigt. US-Generäle werden dafür Sorge tragen, die Demokratie im Irak durchzusetzen. Wird es so eine Demokratie sein wie die, die man Haiti, der Dominikanischen Republik oder Nikaragua geschenkt hat? Sie haben Haiti 19 Jahre lang besetzt und ein Militärregime eingesetzt, daß die berüchtigte Diktatur von Duvalier hervorgebracht hat. Sie haben die Dominikanische Republik während neun Jahren besetzt und haben die Diktatur von Trujillo begründet. Sie haben Nikaragua während 21 Jahren besetzt und haben die Diktatur der Somoza-Familie begründet.

Die Dynastie der Somozas, von den Marines auf den Thron gehoben, herrschte über ein halbes Jahrhundert, bis sie 1979 von der Wut des Volkes weggefegt worden ist. Damals hat sich Präsident Ronald Reagan in voller Montur aufs Pferd gesetzt, um sein Land vor der Bedrohung durch die sandinistische Revolution zu schützen. Nikaragua, arm unter den ärmsten, hatte damals insgesamt fünf Lifte und eine Rolltreppe, die kaputt war. Aber Reagan warnte, daß Nikaragua eine Gefahr sei - und während er solches verkündete, zeigte das Fernsehen eine Landkarte der USA, wie sie sich vom Süden hinauf rot färbte, als Zeichen der bevorstehenden Invasion durch die Sandinistas.

Kupfert Präsident Bush seine Panik schürenden Vorträge ab? Sagt Bush Irak, wo Reagan Nikaragua sagte? Schlagzeilen aus den Zeitungen in den Tagen vor dem Krieg: « Die USA sind vorbereitet, dem Angriff zu widerstehen. » « Neue Verkaufsrekorde für Isolierbänder, Gasmasken, Anti-Strahlen-Pillen. » Warum hat der Henker mehr Angst als das Opfer? Nur wegen des erzeugten Klimas der kollektiven Hysterie? Oder zittert man, weil man vorausahnt, was die Folgen des eigenen Tuns sein werden? Und wenn das irakische Erdöl die Welt anzündet? Ist dieser Krieg nicht genau das Vitamin, das der internationale Terrorismus braucht?

Man sagt uns, daß Saddam Hussein die Fanatiker von Al Qaida unterstützen würde. Eine Rabenzucht, damit sie ihm die Augen auspickt? Die islamischen Fundamentalisten hassen ihn. Irak ist ein satanisches Land für sie, dort sieht man Filme aus Hollywood, viele Schulen lehren Englisch, die muslimische Mehrheit erlaubt den Christen, Halsketten mit Kreuzen zu tragen, und nicht selten sieht man Frauen auf der Straße, die Hosen und gewagte Blusen tragen. Es war kein einziger Iraki unter den Terroristen, die beide Türme in New York umgestürzt haben. Fast alle stammten aus Saudi-Arabien, dem weltweit besten Kunden der USA. Ein Saudi ist auch bin Laden, dieser Schurke, den alle Satelliten verfolgen, während er zu Pferd durch die Wüste reitet und jedes Mal « hier » sagt, wenn Bush seine Dienste als professionelles Schreckgespenst braucht.

Wußten Sie, daß der Präsident Eisenhower im Jahr 1953 gemeint hat, daß der « Präventiv-Krieg » eine Erfindung von Hitler wäre? Er sagte wortwörtlich: « Ehrlich, ich würde niemanden ernst nehmen, der mir so etwas vorschlagen würde. »

Wer gefährdet den Weltfrieden?

Die USA sind das Land, das weltweit am meisten Waffen produziert und verkauft. Sie sind auch das einzige Land, das bisher Atombomben auf eine Zivilbevölkerung abgeworfen hat. Es ist auch das einzige Land, das immer in Krieg mit anderen ist. Wer gefährdet den Weltfrieden? Irak?

Irak beachtet keine Resolutionen der Vereinten Nationen? Tut das vielleicht Bush, der gerade dem internationalen Recht den spektakulärsten Fußtritt gegeben hat? Tut das vielleicht Israel, mit seinen Regierungen, die spezialisiert sind, Recht zu verletzten? Irak hat 17 Resolutionen mißachtet. Israel bisher 64. Werden die USA jetzt Israel, den treuesten Alliierten, bombardieren?

Irak wurde im Jahr 1991 durch den Krieg von Papa Bush niedergewalzt und anschließend durch die Blockade ausgehungert. Welche Massenvernichtungswaffen kann ein Land, das so massiv zerstört worden ist, noch verstecken? Israel, das seit 1967 widerrechtlich palästinensisches Land besetzt hält, besitzt ein Arsenal von Atombomben, die es praktisch unangreifbar machen. Pakistan, ein anderer treuer Alliierter und außerdem ein offensichtliches Nest von Terroristen, zeigt ganz offen die eigenen Atomsprengköpfe. Der Feind heißt aber Irak, weil es solche Waffen « haben könnte ». Würde Bagdad solche Waffen wirklich haben, wie es Nordkorea von sich behauptet, wer würde es dann wagen, Irak anzugreifen?

Und die chemischen und biologischen Waffen? Wer hat Saddam Hussein die Technik verkauft, um die giftigen Gase zu produzieren, die die Kurden erstickt haben? Wer hat die Hubschrauber geliefert, um die Gifte über kurdischem Gebiet abzuwerfen? Warum zeigt Bush die Zahlungsbestätigungen nicht? In jenen Jahren der Kriege gegen Iran und die Kurden - war da Saddam Hussein weniger diktatorisch als jetzt? Sogar Donald Rumsfeld besuchte ihn damals in aller Freundschaft. Warum jetzt soviel Erbarmen mit den Kurden und damals nicht? Waren es nicht viel mehr kurdische Opfer, die die türkischen Militärs auf dem Gewissen haben?

Rumsfeld, gegenwärtiger US-Verteidigungsminister, kündigt an, sein Land werde keine tödlichen Gase gegen den Irak einsetzen. Werden es sowenig tödliche Gase sein, wie jene, die Putin im vergangenen Jahr im Moskauer Theater einsetzte und die mehr als hundert Geiseln töteten?

Vierzig Tage lang hat die UNO das Picasso-Gemälde « Guernica » mit einer Gardine verdeckt, damit die unangenehmen Szenen die Trompetenstöße des Colin Powell nicht störten. Wie groß wird die Gardine sein müssen, um die Schlächterei im Irak zu verdecken, nachdem das Pentagon eine absolute Zensur über alle Kriegskorrespondenten verhängt hat?

Wohin werden die Seelen der irakischen Opfer wandern? Nach Reverend Billy Graham, religiöser Berater von Präsident Bush und Himmelsvermesser, ist das Paradies sehr klein, es mißt nicht mehr als 500 Quadratmeilen. Nur wenige sind auserwählt. Preisfrage: Welches Land wird fast alle Eintrittskarten für sich reserviert haben?

Und noch eine Schlußfrage, die ich mir von John Le Carré ausborge: « Werden sie viele Menschen umbringen, Papa? » - « Niemand, den du kennst, mein Sohn, alles nur Ausländer. »

(Übersetzung: IPS)

* Eduardo Galeano ist Schriftsteller und Journalist in Uruguay. Jüngste Bücher: « Die offenen Adern Lateinamerikas » und « Erinnerungen an das Feuer »


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