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Subversives Blätterrauschen

Stand und Zustand autonomer Printmedien

Wer durch die Geschichte der antiautoritären und autonomen Bewegungen in der BRD streift, gelangt immer wieder an die verschiedenen Eckpfeiler, an denen sich die Bewegten Gedanken um die Vermittlung ihrer Ideen, ihrer Aktionen, sozialen und politischen Organisationsformen und ihrer mehr oder weniger revolutionären Gesellschaftsvorstellungen machen. Im Zentrum dieser Gedanken steht der Begriff der Gegenöffentlichkeit, wobei es schwerfällt, diesen Begriff in seiner Spannbreite zu füllen. Klar ist die Öffentlichkeit - im Sinne von herrschender Meinung - nicht nur als der Raum des politischen Gegners zu sehen, vielmehr sind die Bemühungen immer auch darauf ausgerichtet, diese herrschende Öffentlichkeit zu beeinflussen, um nicht im eigenen linksradikalen Sumpf/Ghetto zu versinken. In diesem Spannungsfeld liegt die konzeptionelle Grundlage vieler linker Öffentlichkeitsprojekte, die mehr oder weniger Rücksicht darauf nehmen, wie sie in der gesamtgesellschaftlichen Öffentlichkeit mit gegenöffentlichen Thesen und Praxisvermittlungen ankommen.
Die Entwicklung der taz zu einem Teil der liberalen Öffentlichkeit ist die eine Variante im Spannungsfeld von Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit, während die radikal, die mit einem Karl-Kraus-Zitat wie "Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage, und ich sage nicht, was sie hören will", selbstbewußt die andere Variante vertritt. Die radikal wird eben (fast) ausschließlich in der linksradikalen autonomen Szene gelesen und die taz vorrangig von rot-grünen Intellektuellen. Und dennoch versuch(t)en autonome Bewegungen immer wieder auch in der taz ihre Inhalte unterzubringen, weil mensch sie als Brücke zur Öffentlichkeit benutzen zu können glaubt - und vor allem aus dem Mangel an eigenen Alternativen hierzu.
Gegenöffentlichkeit wäre aber als Standpunkt autonomer Negation zu kurz definiert. Gegenöffentlichkeit bestimmt sich vielmehr durch die Ideen und Utopien, die gegen den Status quo gesetzt werden. So, wie es die vielfältigsten Strömungen und Begriffe von dem gibt, was sich autonome Bewegung nennt, gibt es ebenso viele denkbare Medienkonzepte, von der überregionalen Strömungszeitung bis hin zum alternativen Stadtblättchen, vom monatlichen Fanzine bis zum internen Rundbrief. Die Vermittlung von Theorie und Praxis via Gegenöffentlichkeit muß Teil jeder politischen und soziokulturellen Bewegung sein, die über ihren Tellerrand hinaus wirken will.
Wenn es im folgenden um die Konzepte, Ideen und ihre Verwirklichung, die Schwierigkeiten und Auflösungstendenzen subversiver Medien der letzten 20 Jahre gehen soll, so sei banal gesagt, daß sich die medialen Projekte nicht von den politischen Entwicklungen trennen lassen, die einerseits durch die autonomen Bewegungen selbst und andererseits durch den Staat mit seinen repressiven und vereinnahmenden Reaktionen bestimmt wurden. Aktion und Reaktion, Angriff und Repression veränderten sowohl den gesellschaftlichen Umgang mit unseren Medien als auch die Bewegungen, die sich mit ihren Medien zu vermitteln versuch(t)en.
Hinzu kommt die Vielfältigkeit autonomer Bewegungen in ihren ideologischen Ausrichtungen und thematischen Spezialisierungen, ebenso in ihren praktischen Umsetzungen.
Der Begriff der "Autonomen" ist ein Versuch, die Aktiven der achtziger Jahre von Anti-Akw bis Häuserkampf in einer politischen Klammer zu fassen. Von der Organisation und den Aktionsformen her sind die Autonomen die Nachkommen von Antiautoritären der 60er Jahre und der Spontis der 70er Jahre. Das Primat der direkten Aktion und die häufig beklagte Theorielosigkeit, die Subjektivität der Politik in erster Person und die rein informelle Organisierung in kleinen unabhängigen Gruppen bestimmen einen Rahmen zur Beschreibung der Autonomen in Abgrenzung zu ideologisch und organisatorisch festgelegten Gruppierungen, wie den K-Gruppen einerseits und antiimperialistischen bzw. anarchistisch-libertären Zusammenhängen andererseits. Allerdings wirken diese - auch wenn sie sich nur in Teilen den Autonomen zuzählen - stark auf die politisch-ideologische Ausrichtung einzelner lokaler Szenen, ebenso einzelner Teilbereichskämpfe. Dies drückt sich ganz entscheidend in den verschiedenen Medienprojekten der radikalen Linken insgesamt aus.


Ein Blick in die Geschichte subversiver Medien
Nach der Machtübertragung auf die NSDAP 1933 wurden sozialrevolutionäre ProtagonistInnen und PublizistInnen vertrieben, verhaftet und ermordet. Erich Mühsam, Mitarbeiter von Der Syndikalist (wöchentliche Auflage 1920: 120.000) und Die Weltbühne (Aufl. 16.000), sowie Herausgeber von anarchistischen Zeitschriften, wie KAIN (1911-1919, Aufl. 3.000) und der von 1926 bis 1931 herausgekommenen Fanal, wurde im Februar 1933 verhaftet und 1934 im KZ Oranienburg ermordet. Das gleiche Schicksal erfuhr der Sozialist und Antimilitarist Carl von Ossietzky, bis zu seiner Verhaftung 1933 Chefredakteur der Weltbühne.
Im nationalsozialistischen Deutschland gab es subversive linksradikale Schriften, die konspirativ - oft getarnt - von KommunistInnen, aber auch AnarchistInnen und anderen Widerstandsgruppen verbreitet wurden. KPD-Texte auf der Rückseite eines ganz normalen Stadtplans oder in der Verkleidung einer Kakteenzüchterbroschüre; ein "Schwarzwaldreiseführer" führte den/die LeserIn bei genauerer Lektüre in das revolutionäre Spanien.
Vereinzelt gelang es nach 1933 auch, Zeitungen zu machen, wie die von 1933 bis 1934 auf einer Handabzugsmaschine gedruckte und vor allem im Rheinland verbreitete vierseitige Direkte Aktion. Trotz Verhaftungen und Auflösung der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) im März 1933 konnten AnarchosyndikalistInnen bis 1937 ein funktionsfähiges Widerstandsnetz aufbauen. Exilierte AnarchosyndikalistInnen, die sich 1933/34 in Amsterdam zur Gruppe Deutsche Anarcho-Syndikalisten (DAS) zusammengeschlossen hatten, unterstützten diese Aktivitäten. Anarchosyndikalistische Exilgruppen entstanden in Barcelona, Paris und Stockholm. Koordiniert wurde ihre Arbeit von der im Exil arbeitenden Internationalen Arbeiter Assoziation (I.A.A.). Sie schmuggelte Publikationen ins Deutsche Reich, wie den Pressedienst der I.A.A. (1923-1939), sowie Deutschtum im Ausland, dem abwechselnd von 1934 bis 1935 in Stockholm, Paris und Barcelona gemachten Nachfolgeblatt der Internationale, der bis Februar 1933 wichtigsten Publikation der FAUD/AS. Unter strengster Geheimhaltung richteten die im deutschen Untergrund arbeitenden AnarchistInnen "lokale Lesekreise" ein, in denen die aus dem Ausland eingeschmuggelten Schriften gelesen und diskutiert wurden.
Als im Juli 1936 der Spanische Bürgerkrieg begann, ging ein Teil der anarchosyndikalistischen Auslandsorganisation nach Spanien, um an der Seite der spanischen AnarchistInnen am Bürgerkrieg teilzunehmen.
Die vor 1933 sehr hohe Auflage von kommunistischen Zeitungen, z. B. der Arbeiter Illustrierte Zeitung AIZ, ließ sich vom Exil aus nicht halten. Dennoch sorgte besonders Willi Münzenberg, vorher Leiter der KPD-Presse, durch Veröffentlichungen wie den Braunbüchern, z.B. einem über den Reichstagsbrand, für einigen Imageschaden des um internationale Anerkennung bemühten Nazi-Deutschlands. Als Vertreter einer wirklichen Volksfrontpolitik stieß er mit der Führung der Exil-KPD bis zu seinem Parteiausschluß 1937 immer wieder zusammen. 1938 erschien als neues Zeitungsprojekt von ihm noch Die Zukunft im Pariser Exil, er wurde jedoch 1940 in Frankreich interniert und kam kurz danach um - ob durch Selbstmord oder durch stalinistische Agenten, wurde nie geklärt.


Sozialrevolutionäre Medien im Nachkriegsdeutschland
Im Westen erschienen ab Mai 1945 wieder anarchistische Zeitungen, wie z.B. die von 1947 bis 1978 von wechselnden Redaktionen mit Auflagen von 250 bis 1.500 überregional verbreitete BEFREIUNG. Der Freie Sozialist (1947-48), die von der Kulturföderation Freier Sozialisten und Antimilitaristen herausgegebene, aufwendig gemachte deutschsprachige Ausgabe der heute noch in Holland erscheinenden Zeitung De Vrije Socialist brachte es wie viele Nachkriegsblätter nur auf wenige Ausgaben, während die professionelle jeweils 34 Seiten umfassende Monatsschrift für Gesellschaftskritik und freiheitlichen Sozialismus Die Freie Gesellschaft von 1949 bis 1953 erschien. Bis zur Radikalisierung der Neuen Linken, die neolibertäre und andere antiautoritäre Gruppen und Zeitschriften ab 1967 hervorbrachte, blieb der Einfluß der anarchistischen Gruppen in Westdeutschland jedoch minimal.
Erheblich verbreiteter waren bis zum KPD-Verbot 1956 die verschiedenen kommunistischen Wochen- und Tageszeitungen, besonders auch Betriebszeitungen, die in oft hunderttausendfacher Auflage erschienen. Da sie jedoch kaum als Vorläufer autonomer Medien eine Rolle spielen, werden sie hier nicht weiter behandelt.
Die 1955 gegründete "unabhängige Zeitschrift für Politik und Kultur" Konkret entwickelte sich in den 60er Jahren dank der Kolumnistin und Chefredakteurin (1962-64) Ulrike Marie Meinhof zum wichtigsten Sprachrohr der Neuen Linken, die den Widerstand gegen Notstandsgesetzgebung und Vietnamkrieg in der BRD organisierte.
Westberlin, 2. Juni 1967: Während Ex-KZ-Baumeister Heinrich Lübke (Bundespräsident, CDU), Ex-NSDAP-Mitglied und Bundeskanzler Kiesinger (CDU) und Willy Brandt (SPD) in der Deutschen Oper gemeinsam mit dem Massenmörder Schah von Persien Reza Pahlewi Mozarts Zauberflöte lauschen, wird eine Demonstration gegen den iranischen Despoten von der Polizei niedergeknüppelt und der Student Benno Ohnesorg von dem Polizisten Kurras hinterrücks erschossen.
Große Teile der um den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) entstandenen Außerparlamentarischen Opposition (APO) radikalisierten sich. Die Herrschenden und ihre Massenmedien geiferten gegen die "langhaarigen verdreckten Vietkonganhänger, die da öffentlich Geschlechtsverkehr treiben unter Bäumen" (F. J. Strauß 1967).
Die ersten Kommunen, antiautoritären Kinderläden, Alternativprojekte und andere Versuche von Gegenstrukturen entstanden. Tomaten trafen bald die SDS-Macker und Frauen gründeten überall in der Republik "Weiberräte", weil sie mit der Zerschlagung des Patriarchats nicht mehr auf die Zeit nach der Revolution vertröstet werden wollten.
Nach dem Attentat eines BILD-Lesers auf Rudi Dutschke kommt es Ostern 1968 zu den bis dahin größten Straßenschlachten bei dem Versuch, die Auslieferung der hetzerischen BILD zu verhindern: "Enteignet Springer!" war die Parole, unter der Diskussionen um Medienmacht und bürgerliche Öffentlichkeit massenhaft geführt wurden.
Gleichzeitig wurde versucht, Gegenöffentlichkeit an Themen wie Vietnamkrieg und Notstandsgesetzgebung gegen die vom Springerkonzern dominierte Presse aufzubauen. In den Groß- und Unistädten erschienen undogmatisch antiautoritäre Blätter.
Nach der Spaltung des SDS in Antiautoritäre, Traditionalisten und die Neue Frauenbewegung entstanden diverse K-Gruppen und Parteiinitiativen mit Zeitungen wie Roter Morgen, Rote Fahne, Kommunistische Volkszeitung und Arbeiterkampf.
Aber auch die undogmatisch-linksradikale Szene hatte ihre Zeitschriften. Die anarchistische linkeck erschien ab Mai 1968 neunmal mit Auflagen zwischen 3.000 und 8.000 und wurde bundesweit bekannt, nicht zuletzt durch Hetzartikel in BILD. Vier linkeck-HerausgeberInnen wurden wegen Beleidigung und "Verbreitung unzüchtiger Schriften" verurteilt.
Ebenfalls in Berlin erschien ab Februar 1968 alle 10 bis 14 Tage in einer Auflage von bis zu 7.000 Exemplaren die 883 - Kampfblatt der kommunistischen Rebellen. Das Redaktionskollektiv bekam im Rahmen der Fahndung nach dem im April 1970 von Ulrike Meinhof und anderen aus dem Knast befreiten Andreas Baader zeitweise jeden zweiten Tag Besuch von den Herren des Morgengrauens und schrieb im Juli 1970: "Warum wird die 883 beschlagnahmt? Warum soll die 883 verboten werden? Weil die Konterrevolution begriffen hat, daß die 883 nicht nur von Studenten gelesen wird.(...) Je besser die 883 wird, je mehr das, was auf dem Papier steht, Tat wird, umso mehr werden sie versuchen, uns zu illegalisieren."
Nach 88 Nummern stellte die 883 am 16.2.1972 ihr Erscheinen ein. Das Redaktionskollektiv hatte sich zerstritten und gespalten. Redakteure wie Peter Paul Zahl gründeten das Nachfolgeblatt Fizz.
Die aktions- und praxisorientierte Fizz aus dem Sozialistischen Zentrum veröffentlichte "Handwerkertips", Bombenbauanleitungen ... Sieben von insgesamt zehn erschienenen Ausgaben wurden beschlagnahmt. Relativ kurzlebige Nachfolgeblätter der Fizz waren der Berliner Anzünder (1972, Aufl. 3.000), die Hundert Blumen (1972-73) und Bambule (1972-74).
Seit Ende der 60er Jahre war ein Netz von gegenöffentlicher Kommunikation außerhalb der Universitäten entstanden. Wesentlich dazu beigetragen hatten linksradikale Verlage, Druckereien, Büchertische und Buchläden, die sich Anfang der 70er Jahre als Verband Linker Buchhändler (VLB) zusammenschlossen und den Vertrieb der in der bürgerlichen Öffentlichkeit nicht erhältlichen Schriften organisierten.


Regionale Alternativpresse und überregionale Theorieorgane
Die 70er Jahre waren das Jahrzehnt der Alternativpresse linker Prägung, die Hochzeit der Stadt- und Stattzeitungen. Sie wurden geprägt durch die historische Erfahrung der 60er, die von der Subkultur der Beatnik-Generation bis zu den Barrikaden von `68 reichte. Teile der revolutionären Linken wählten als Konsequenz das Konzept Stadtguerilla nach dem Vorbild der Tupamaros in Uruguay. Die Aktionen der Roten Armee Fraktion, der Bewegung 2. Juni und der Revolutionären Zellen und Rote Zora bestimmten viele Diskussionen der radikalen Linken, die sich klar von den K-Gruppen abgrenzte, die aus der Spaltung der APO (Außerparlamentarische Opposition) hervorgegangen waren. Die marxistisch-leninistischen Kader forderten in ihren Parteiorganen Roter Morgen, Rote Fahne, Kommunistische Volkszeitung etc. die "Liquidation der antiautoritären Phase", während die undogmatischen Gruppen in ihren Szeneblättern Gegenöffentlichkeit verwirklichten und unterbliebene Nachrichten verbreiteten. Die Themen orientierten sich an der Auseinandersetzung mit den militanten Gruppen und Knast - Stichwort Isolationsfolter und "Sympathisantensumpf"- und an subversiven Praktiken wie "Klau mich" und Schwarzfahrkampagnen.
Zu den wichtigsten Publikationen gehörte neben dem an anderer Stelle erwähnten ID das wöchentlich erscheinende, von Berliner undogmatischen Gruppen ab 1973 herausgegebene InfoBUG (3.300), das 1978 aufgrund zunehmender Verfolgung eingestellt wurde. Wichtig waren auch die Hamburger Große Freiheit, das Nürnberger Sponti-Info, und der Gießener Anzünder. Die Revolutionären Zellen/Rote Zora hatten ihre eigene Zeitung, den Revolutionären Zorn, dessen neunmaliges Erscheinen von 1975 bis 1986 mehrere bundesweite Razzien gegen Buchläden nach sich zog.
Einen meist höheren Verbreitungsgrad hatten die in der linken Szene verankerten Stadtzeitungen, die auch wegen ihres Kleinanzeigenteils mit WG-Zimmervermittlung und - es lebe der Kleinhandel und die Schwarzarbeit - Kleingewerbe gelesen wurden. Nicht zu vergessen die kostenlosen Knastabos. Zu den Klassikern dieser Spezies gehörte das 1973 gegründete Münchner Blatt. Als es 1984 pleite ging, verlor ein speziell mit dem Lesen der vierzehntägig erscheinenden Zeitschrift betrauter Justizbeamter seine Stelle.
Die Abschiedszeilen eines Mitglieds des Blatt-Kollektivs lauteten so: "1973, was bleibt im Kopf hängen: die Streiks der türkischen Fordarbeiter in Köln und nicht die der in Ingolstadt bei Audi oder hier in München bei BMW. Wenig später die Gasteigbesetzung ... Es folgte Brokdorf, 'Legalize Haschisch' und steigende Auflage. Ein Höhepunkt dann 1977, RAF und so, Pressezensur, da waren wir fast die größten. (Während der Nachrichtensperre 1977 erreichte das Blatt ein Auflage von ca. 20.000) (...) Die Kids der frühen 80er, Berlin, Freizeit, hätten wir fast verpaßt, doch verankert in den Revolten der 'Zeitgeschichten' fuhr auch dieser Zug mit uns ab; zwar vermeinten wir im Speisewagen zu sitzen - wahrscheinlich wars doch mehr der Frachtwaggon - aber was solls."
Die beginnenden 80er markierten das Ende der linken, alternativen Stadtzeitungs(sub)kultur. Das entstandene Netzwerk bröckelte, und die Zeit der genialen Dilettanten ging zu Ende. Der Mainstream der Zeitgeistpublikationen à la Tempo und Wiener übernahm das Terrain. Andere wie das Stuttgarter s'blättle zeigten dem anpasserischen Professionalismus die kalte Schulter und trugen die unvermeidlichen Konsequenzen ökonomischer Probleme und staatlicher Repression. Aus.
Der aus der Frankfurter Spontiszene stammende Pflasterstrand (1976-85), bei dem der heutige olivgrüne Realo Daniel Cohn-Bendit die große Feder führte und zum Herausgeber wurde, markiert eine andere Entwicklung der Spontis und ihrer Medien auf dem Weg in die 80er Jahre. Angefangen als alternatives (und das war seinerzeit noch kein Schimpfwort) Stattblatt mit einigem Verständnis für Straßenmilitanz, wandelte er sich zu einem an Realpolitik und Kommerzkultur orientierten Metropolenmagazin, mußte aber 1985 dennoch aufgeben.
Insgesamt konnten Medienprojekte der 70er Jahre kaum bis heute überleben, die meisten der lokal oder regional ausgerichteten Zeitungen mußten durch den Eiertanz zwischen ökonomischen Anforderungen und politischer Identität in den 80er Jahren ihr Erscheinen einstellen.
Als überregionale Organe der Spontis und Autonomen entstanden z.B. Wir wollen alles (1973-75) und die Autonomie (1975-85) sowie der ID (Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten), dessen Archiv heute Teil des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte in Amsterdam ist.
Wir wollen alles war das Kommunikationsprojekt von Betriebsgruppen wie Revolutionärer Kampf Frankfurt oder Arbeitersache München und Proletarische Front Hamburg, die durch direkte Fabrikintervention klassenkämpferische Politik auszulösen versuchten. So verstand sich die WWA als Zeitung für "Arbeiterautonomie, Primat der Praxis und der Betriebsarbeit, radikale Gewerkschaftskritik, Einbeziehung der Ausländer in den nationalen Klassenkampf, praktische Bezugnahme auf den proletarischen Lebenszusammenhang". (Selbstdarstellung WWA, zit. nach Geronimo: Feuer und Flamme, S.37).
Wichtiger für die Entwicklung eines autonomen Selbstverständnisses jenseits der rein proletarischen Orientierung war die Autonomie, die von einigen ehem. WWA-Gruppen gemacht wurde. Unter dem Eindruck des aufkeimenden Massenwiderstandes gegen die Atompolitik, der in Frankfurt, Hamburg und anderen Städten tobenden Häuserkämpfe verfolgte die Autonomie einen breiteren Ansatz, ohne dabei den Blick auf die kapitalistische Fabrikgesellschaft zu verlieren.
Im Verlauf der allgemeinen Aufsplitterung der Linken Ende der 70er Jahre zog es die Frankfurter Autonomie-Redaktion zu selbstbespiegelndem Subjektivismus und einzelne ihrer Schreiber landeten später sogar bei FDP und 'neuen Rechten'. Die Hamburger Redaktion vollzog 1979 den Bruch mit den Frankfurtern, und als die alte Autonomie nach zwei weiteren Heften aufgab, setzten die Hamburger das Projekt als "Neue Folge" bis 1985 fort. "In gewisser Weise stellt die AUTONOMIE - Neue Folge - in der personellen Kontinuität einzelner MitarbeiterInnen so etwas wie die historische Brücke von der Studentenrevolte bis zur autonomen scene in den 80er Jahren dar. In einer Zeit des theorieabgewandten Pragmatismus stellten sie mit ihren Beiträgen eine Orientierung dar, die Räume weit über die unmittelbare Alltagsarbeit der autonomen Gruppen öffnen konnte." So urteilt Geronimo über das Projekt und seine zentrale Bedeutung für die Entstehung der autonomen Bewegungen der 80er Jahre.
Die Erfahrung des "deutschen Herbstes" 1977, als die Hetze der bürgerlichen Medien gegen Linke allgemein, und gegen die RAF und alles, was darunter einfach subsumiert wurde, ein nicht wieder erreichtes Ausmaß annahm, prägte auch die linken MedienmacherInnen auf Jahre. Während der Schleyerentführung wurde von der SPD/FDP-Regierung in Absprache mit Chefredakteuren und Herausgebern aller bürgerlichen Zeitungen, Radio- und TV-Sender eine sog. Nachrichtensperre verhängt. Es wurde nichts anderes als das geschrieben und gesendet, was die Regierungssprecher verlauten ließen. Diese freiwillige Gleichschaltung funktionierte perfekt. Die "freie Presse" hielt das Maul, und mehr noch, sie machte sich zum Regierungslautsprecher. Alle, die sich nicht daran hielten, bekamen die Repression zu spüren, ob es linke Druckereien oder das Info-BUG waren. Seit Ende 1977 ist klar, wie wenig die bürgerliche Öffentlichkeit in "Notstandszeiten" wert ist, und Medienleute wissen, was ihnen blühen kann, wenn sie im Ernstfall gegen den Mainstream schwimmen wollen.
Der Anfang der 80er Jahre war der Frühling von "Neuen Sozialen Bewegungen" wie HausbesetzerInnen-, Anti-AKW- und Friedensbewegung. Bundesweit eskalierte in den Städten der Häuserkampf. In Westberlin waren Anfang der 80er zeitweise 140 Häuser von mehr als 3.000 Leuten instandbesetzt und bewohnt. Während sich die 1978 als linksradikales Tageszeitungsprojekt entstandene taz zum Sprachrohr der "Verhandler" und später der grünen Realos machte, entwickelte sich die 1976 gegründete radikal zur Zeitung von der Bewegung für die Bewegung, in der unzensiert über Militanz und radikale Systemopposition diskutiert werden konnte und kann.
Gruppen aus verschiedensten Bereichen, von der Startbahn-West, Anti-AKW-Bewegung, Anti-Militarismus, Volkszählungsboykott und Internationalismus bis zu Antifa, radikalisierten sich in militanten Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt. In Westberlin z.B. im Zuge der Häuserkämpfe und nachdem der Hausbesetzer Klaus Jürgen Rattay bei einem Knüppeleinsatz unter einen Bus getrieben und getötet worden war. Solche sich als Autonome begreifende Gruppen wuchsen zur bedeutendsten außerparlamentarischen Bewegung heran.
Bundesweit entstandene Autonome/Libertäre Zentren und Infoläden haben seitdem eine wichtige Freiraum- und Kommunikationsfunktion für die autonome Szene. (In diesen Zusammenhängen entstanden auch zahlreiche neue linksradikale Zeitungsprojekte, wie z.B. die AKTION.)
Ein wichtiges bundesweit redaktionell erstelltes Autonomes Info war die von 1986 bis 1988 elfmal erschienene UNZERTRENNLICH: Die Diskussion um das Konzept der UNZERTRENNLICH bestimmte fast jedes Editorial. In der Ausgabe Nr.7/Jahreswende 87/88 - die unzertrennlich hat sich im Untertitel vom "Autonomen Info" zum "Autonomen Blatt" emporgeschwungen und auf die "rev. kleinschreibweise" verlegt - findet ein erneuter Anlauf statt, diese internen Diskussionen den LeserInnen genauer zu vermitteln:
"zum einen haben wir den aufbau einer zeitung wie der 'u' immer als prozess begriffen, als entwicklung, die zwischendrin immer wieder überprüft werden muss, zum anderen wollen wir uns nicht im selbstlauf des zeitungsmachens scheuklappen anlegen, die es uns nicht mehr gestatten, nach wirkung und nützlichkeit der zeitung zu fragen."
Entsprechend dem Anspruch der unzertrennlich, antiimperialistische, sozialrevolutionäre und anarchistische Positionen in einer solidarisch-kritischen Diskussion einander näher zu bringen, liegt hier der Schwerpunkt der internen Konzeptdiskussion. Gegen Anfeindungen und Schubladendenken, entlang der kontroversen Linien innerhalb der breit gefächerten Autonomen Bewegung formuliert die unzertrennlich die Notwendigkeit "eine (originär) autonome linie zu entwickeln, eine umfassendere, gleichermaßen sozialrevolutionäre und antiimperialistische politikvorstellung zu füllen". Doch bereits bei dieser Ausgabe ist eine Berliner Redaktionsgruppe aus dem föderalen Konzept ausgestiegen.
Mit der übernächsten Ausgabe Nr.9/Sommer 88 (Schwerpunkt Knast und Repression) legten die unzertrennlich-Redaktionen eine der besten Ausgaben vor. Inhaltlich wirkt sie so, als ginge das Konzepot auf. Jedoch: "der schein trügt - und zwar gründlichst! das projekt unzertrennlich steht - zum zweiten mal in ihrer kurzen geschichte - vor der möglichen auflösung. anstrengende konzeptdiskussion und z.t. mühselige artikelbearbeitungen haben unsere widersprüche und grundprobleme nicht auflösen können. sie wirk(t)en chronisch und haben sich eher verschärft.(...) zwei weitere gruppen sind deshalb ausgestiegen und die löcher kann der rest beim besten willen nicht stopfen."
Und tatsächlich ist die Doppelnummer 10/11 Winter 1988 der letzte Versuch, eine autonome Bewegung inhaltlich unzertrennlich zu begleiten. Unter der Überschrift "Die Hose war zu gross" heißt es: "das ewige krisenmanagement hat ein - vorläufiges - ende. die unzertrennlich wird auf eis gelegt, das projekt - bundesweite autonome zeitung - wird bis auf weiteres eingestellt." Letztlich ist die unzertrennlich mit ihrem Anspruch gescheitert, über die Zeitung bundesweite Vernetzung zu organisieren und dabei eine Einigkeit unterschiedlicher Strömungen der autonomen Linken zu erreichen. So eine Zeitung möglichst alle zwei Monate und (mitsamt Vertrieb und Geldeintreiberei) auch noch nebenbei zu machen (damit die lokale Verankerung der Gruppen nicht wegbricht und Zeitungsmachen nicht zum Selbstzweck wird), das war nicht durchhaltbar.
Seit Einstellung der UNZERTRENNLICH gibt es zwar autonome Zeitschriften mit überregionaler Bedeutung, sie begreifen sich aber meist als Regionalzeitungen. Die Berliner INTERIM schrieb in ihrer ersten Ausgabe zum 1. Mai 1988:"Die Zeitungen und Zeitschriften der undogmatischen Linken in der BRD kommen und gehen. Sie begleiten die Entwicklung und Verwicklung dieser Politik: einige kommen gar nicht zur Geltung, viele überleben ihre politische Notwendigkeit.
Es ist aber gerade die Kurzlebigkeit und Spontaneität dieser linken Medien, die ihre Stärke ausmacht. Sie sind keine Institution, sondern das Produkt eines politischen Prozesses und gleichzeitig ihr Spiegel. (...) Wir denken, daß diese Zeitung gebraucht wird. Die "radikal" ist weg, und nicht erst seit der letzten Nummer. Sie hat sich in der Illegalität versteinert. Die "unzertrennlich" hat ihr Versprechen, Diskussionsforum zu werden, nie eingelöst. Sie scheint sich in ihrem Anspruch, allen Seiten gerecht zu werden und nur fertige Positionen weiterzugeben, selbst mundtot gemacht zu haben. Die "Wildcat" und die Wiederaufstehung der "Autonomie" sind zu Fachschriften der TheoretikerInnen geworden. Die verschiedenen anarchistischen Medien beschäftigen wenig mit der Analyse des politischen Alltags. Über die "taz" brauchen wir in diesem Zusammenhang gar nicht mehr zu reden. (...) Um der Lebendigkeit der Auseinandersetzungen gerecht zu werden, haben wir uns für eine wöchentliche Erscheinungsweise entschieden. Wir sehen uns aber nicht als die neueste Dienstleistung der Berliner Linken. Deswegen werden wir ein Minimum an Arbeit reinstecken. Wir schreiben keine Artikel, das Layout geht uns einen Scheißdreck an, und die Inhalte wollen wir schon gar nicht bestimmen."


Repression gegen Medien der Bewegungen
In den 80er Jahren wurden Bewegungsmedien in großem Ausmaß zum Ziel staatlicher Kriminalisierung. Hebel für diese Verfolgung war oft der Abdruck von Aktionserklärungen der Stadtguerillagruppen. Aber auch nur die Wiedergabe von Hungerstreikerklärungen der RAF-Gefangenen führte mittels SS 129a zu Ermittlungsverfahren und Durchsuchungen. Veranstaltungen zur Zusammenlegungsforderung politischer Gefangener wurden teils ganz verboten, teils als "Unterstützung einer terroristischen Vereinigung" mit Knaststrafen geahndet. Die radikal erfuhr eine besondere Beachtung durch die Obrigkeit, und es wurden nicht nur vermeintliche RedakteurInnen und DruckerInnen vom Staatsschutz angegangen, sondern auch WeiterverkäuferInnen, Buchhandlungen, Infoläden und Kommunikationszentren.
Die staatliche Absicht war deutlich: Inkriminierte "Druckwerke" sollten ihr Erscheinen einstellen.
Zeitschriften wie die Anti-WAA-Zeitung RadiAktiv und der Freiraum, die Zeitschrift der Anarchistischen Föderation Südbayern (bis zu 1.500 Aufl.) wurden damals vom Staatsapparat regelrecht zur Aufgabe getrieben. Fast alle Ausgaben wurden beschlagnahmt und die "Verantwortlichen im Sinne des Presserechts" mit Prozessen, hohen Geldstrafen wegen "Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole" (SS 90a) und "öffentlicher Aufforderung zu Straftaten" (SS 111 StGB) genervt.
Das von 1979 - 1983 mit einer Auflage von 20.000 erscheinende und der radikal sowie der Berliner Stadtzeitung zitty beigelegte Knastblatt wurde de facto verboten. Der Herausgeber wurde als "Überzeugungstäter" im Januar 1983 zu einer Haftstrafe von 16 Monaten ohne Bewährung verknackt. Während einer kurzzeitigen Haftverschonung schrieb er: "Wenn ich so zurückblicke, könnte ich eigentlich zufrieden sein: nicht nur, daß ich in zeiten schwerster arbeitslosigkeit arbeitsplätze auf seiten der staatsanwaltschaft und des staatsschmutzes geschaffen habe - immerhin haben sich ganze abteilungen nur mit mir beschäftigt und nicht nur eine schlaflose nacht gehabt - sondern ich habe auch mit den knastblättern eine gesamtauflage von über einer million erreicht und über 100.000 DM für die knastarbeit erarbeitet und ausgegeben, und dazu wurde ich noch mit der höchsten auszeichnung geehrt, die dieser scheiß-staat zu vergeben hat - ich erhielt berufsverbot und habe mir knaststrafen eingefangen - kann man in fünfeinhalb jahren mehr gegen diesen staat erreichen? auch wenn ich jetzt hier von der bühne des erweiterten hofgangs abtreten muß, so möchte ich nicht, daß eine beerdigungsstimmung aufkommt. Ich wußte von anfang an, worauf ich mich einließ, ich habe es nie bereut, es hat mir wirklich spaß gemacht, sand im getriebe der macht zu sein(...)." (R. A. Simon: "Ich habe keine Chance, aber die werde ich um so konsequenter nutzen". Knastblatt-Flugi, Februar 1983)
Die sabot - Hamburger Infosammlung stellte vier Jahre nach ihrer Gründung mit der Nr. 23 vom März 1989 das Erscheinen ein. Zuvor mußte ihr angeblicher Mitarbeiter Fritz Storim nach einem politischen Prozeß, der SS129a-Verfahren gegen 30 Menschen nach sich zog, eine Haftstrafe antreten, weil ihm die in der sabot enthaltenen Forderungen nach Zusammenlegung von politischen Gefangenen aus RAF und Widerstand angelastet wurden.
Drei Jahre dauerte es dann, bis 1992 mit dem Untertitel Spannung, Stärke, Widerstand die Ohm als autonomes Hamburger Info herauskam. Ohm erreichte eine Auflage von 400 Exemplaren und nach elf Ausgaben löste die Redaktion ihr Projekt auf und forderte die LeserInnen auf, die Zeck, das auch heute noch monatlich herauskommende Info aus der Flora, als Diskussionsorgan für Hamburg zu nutzen.
Der 1985 gegründete überregionale Kriminalisierungsrundbrief wurde Opfer einer Denunziation durch Altlinke aus dem KBW: "Nach unseren Informationen wollte die politische Polizei (LKA und Staatsschutz) am 23.5.89 mit einem Durchsuchungsbeschluß des Oberlandesgerichtes Frankfurt die Büroräume der Kühl KG (ehemals KBW Firma) durchsuchen, um Informationen über die Herstellung und Verbreitung des Kriminalisierungsrundbriefes Nr 22/23 zu finden. Der Kriminalisierungsrundbrief hat ja dort seit Dezember 1988 eine Postkastenadresse. (...) Was passierte am 23.5.89? Den Bullen wurde von den anwesenden Vertretern der Kühl KG ein Name genannt, welcher Inhaber oder Mieter des Briefkastens vom Kriminalisierungsrundbrief sein soll. Die Denunziation erfolgte nach Abwägung ihrer 'Geschäftsinteressen' und dem Datenschutz der Mieter. Nach Beratung mit ihrem Anwalt entschloß sich die Kühl KG, eine schriftliche Aussage zu machen. Freiwillig ging ein Hausmeister der Kühl KG auf das Polizeipräsidium und machte dort Aussagen sowie eine Identifikation. Zur Kühl KG muß gesagt werden, daß sie die kommerzielle Nachfolgegesellschaft des KBW (Kommunistischen Bundes Westdeutschland) ist.
Fast alle der an der Denunziation beteiligten Beschäftigten und Anteilseigener der Kühl KG haben eine über 15jährige politische Geschichte bis jetzt. Die Situation, daß Bullen kommen und fragen, war ein Normalzustand in diesem Haus. Sie bekamen aber nie eine Antwort auf ihre Fragen und mußten meistens unverrichteter Dinge wieder abziehen. Das ehemalige KBW Haus bietet und bot den politischen Schutz ja auch immer an. Die jetzt erfolgte Denunziation stellt einen Einschnitt dar !!! (...) Wir wollen auf alle Fälle weiter machen. Der Kriminalisierungsrundbrief ist wichtig als Instrument für eine Gegenöffentlichkeit und für unsere Diskussionen." (Aus einem Informationsblatt des Kriminalisierungsrundbriefs 1989)
Danach erschien der seit April 1992 schweigende Krimirundbrief mit wechselnden Kontaktadressen in Holland.


Der linksradikale Blätterwald 1996
Hunderte Periodika aus den sozialen Bewegungen sind in den letzten dreißig Jahren verschwunden. Die radikal hat trotz Repression überlebt und ist für die autonome Szene - nicht nur im Westen - mehr als nur ein Mythos und Symbol für hartnäckigen Widerstand. So schreibt ein Redakteur der ostdeutschen Szenezeitschrift inALLERhand im Januar 1996 über die Bedeutung der radikal:"Ich denke, daß diese Zeitung eine der wenigen Möglichkeiten ist, Diskussionen über Ansätze linksradikaler Politik zu führen. Die radikal wurde sicher durch die 80er geprägt. Sie ist aber auch die einzige Zeitung, die diese Zeit überdauert hat, und heute ist sie, vielleicht abgesehen von der Unfassba, die einzige Zeitung dieser Art. Sie ist wichtig, weil sie durch ihre verdeckte Herstellung Diskussionen möglich macht, ohne dabei Zensur oder Selbstzensur zu unterliegen. Inwieweit die radikal interessant und realitätsnah ist, liegt zuallererst an uns."
Neben der radikal gibt es linksradikale Publikationen, die z.T. heftigen Ärger mit den staatlichen Repressionsorganen hatten und trotzdem weitermachen. Ins weniger repressive Holland abgewandert sind der bereits erwähnte Kriminalisierungsrundbrief, die seit Frühjahr 1994 nicht mehr erschienene antiimperialistisch-autonom orientierte internationale (Infoladen) Zeitung CLASH und die anarchistisch-autonome Unfassba. Die Unfassba erblickte Anfang 1990 als lokal orientiertes chaotisch-schmuddeliges Nachfolgeblatt der im Juni 1989 gegründeten Unnaer HausbesetzerInnenzeitung Unslhausn das Licht der Welt. Sie hat sich dann zunächst zu einem Regionalblatt gewandelt, das in den ersten beiden Erscheinungsjahren Kontaktadressen in Unna, Gelsenkirchen, Münster und Bochum hatte, und entwickelte sich später zu einem überregionalen Sprachrohr anarchistischer und autonomer Gruppen mit einem manchmal abgedrehten Layout. Nach der Kriminalisierung der Unfassba Nr. 7/8, 9, 10 und 11 mit Hilfe der SSSS 129a, 130a und 111 StGB und Razzien in Münster, Bremen und Aachen wanderte die Redaktion über Dänemark ins holländische Utrecht ab.
Im April 1995 erschien nach zweijähriger Funkstille die 80seitige Nr. 16/17(Auflage: 1.500). In ihr setzt sich ein "Ex-Alien" mit der Geschichte der Zeitung für leere Versprechungen und den durch die Kriminalisierung entstandenen Ängsten der RedakteurInnen auseinander: "Nach der Kriminalisierung (...) waren wir so eingeschüchtert, daß wir beinahe das Handtuch geworfen hätten. Schließlich zeigen die in der Vergangenheit gefällten Urteile gegen angebliche Redakteure z.B. der radikal oder des Hamburger Infos sabot, daß das 'Grundrecht auf freie Meinungsäußerung' nur Makulatur ist. Linksradikale Magazine, die sich rausnehmen, unzensiert und laut zu sagen, was ist, werden m.E. zukünftig kaum noch ohne Auslandsadresse auskommen.(...) A-Zeitungen, wie z.B. Schwarzer Faden, direkte aktion oder graswurzelrevolution sind wichtige Projekte, aber aufgrund ihres 100%ig legalen Konzeptes gezwungen, manchmal mit der Schere im Kopf zu arbeiten. (...) Wir können uns sozusagen bei den Schergen für die Kriminalisierung bedanken, denn die Repression hat uns gezwungen, eine verdecktere Struktur aufzubauen, die der neuen Redaktion einen relativen Schutz vor Faschos, Staatsschutz und Hetzpresse bieten kann(...)"
Die von einer neuen Redaktion im Frühjahr 1996 herausgebrachte Unfassba Nr. 18 erinnert vom Layout und Stil jedoch weniger an den Zentralorkan der Spaßgerrillja als an den Schwarzen Faden der frühen 80er Jahre.
Zum anarchistisch-intellektuellen Exklusivblatt hat sich die Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit Schwarzer Faden entwickelt. Der SF bringt bundesweit eine Auflage von 2.500 unters Volk. Er ist seit 1980 eines der wenigen Theoriemagazine mit umfangreichem Kulturteil aus den sozialen Bewegungen und erscheint mittlerweile fünfmal jährlich mit jeweils 68 gut layouteten Seiten voller Grafiken und Fotos.
Zu den bekannteren anarchistischen Publikationen gehört auch die seit 1977 erscheinende anarchosyndikalistische direkte aktion, das Sprachrohr der bundesweit organisierten Freien ArbeiterInnen Union/Internationale ArbeiterInnen Assoziation (FAU/IAA). Sie will ihre Auflage schrittweise von 6.000 (Jan./Feb. 96) auf 10.000 erhöhen und monatlich statt zweimonatlich erscheinen. Daneben existieren weitere anarchosyndikalistische Publikationen, wie z.B. die Wirtschaftswespe, die seit 1993 von der Bonner FAU-Ortsgruppe mit einer Auflage von 1.500 herausgegeben wird.
Rar gemacht hat sich in den letzten Jahren die von einem operaistischen Analyseansatz herkommende Wildcat, die 1985 aus der 1977 gegründeten Karlsruher Stadtzeitung hervorgegangen ist und seitdem überregional mit internationalistischem Blick von ArbeiterInnenkämpfen berichtet.
Die von wechselnden Redaktionen gemachte graswurzelrevolution - für eine gewaltfreie und herrschaftslose Gesellschaft gehört zur Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen, welche in der War Resisters' International (WRI) organisiert ist. Die seit 1972 mehr als 200mal mit Auflagen zwischen 3.000 und 5.000 herausgekommene Zeitung wird seit 1995 auch an einigen Kiosken in Berlin verkauft. Obwohl sie selbst schon Ärger mit der Staatsgewalt hatten, gingen die dogmatisch gewaltfreien GraswurzlerInnen mit keiner Zeile auf die 55 bundesweiten Durchsuchungen vom 13.6.1995 und die Kriminalisierung der radikal ein. Ein Armutszeugnis für die ansonsten für Anti-AKWlerInnen und AntimilitaristInnen wichtige GWR.
Weitere anarchistische Publikationen sind die unregelmäßig herauskommenden Magazine AKAZ (Antiklerikal anarchische Zeitung), der individualanarchistische GEIST DER REVOLTE, das seit längerem nicht erschienene Internationale Journal zur libertären Kultur und Politik TRAFIK und das Ostberliner Sprachrohr der loe Bsaffot SKLAVEN.
Von der autonomen Zeitung für Volxfrust zur libertär orientierten freiheitlichen Illustrierten gewandelt hat sich die Molli. Sie ist von 1989 bis jetzt elfmal herausgekommen, mit Postfachadressen in Essen, dann in Heidelberg und jetzt in Bochum. Ihre Auflage liegt zwischen 500 und 600. Die Molli Nr. 10 berichtet über den "Niedergang der autonomen Medien - Eine kritische Bestandsaufnahme des Social-Beat". Diese Ausgabe gehört zu den interessantesten Blättern der letzten Jahre.
Die Auflage eines Periodikums sagt nicht viel über seine inhaltliche Qualität aus. Besser als die ixte Reproduktion von tristen Bleiwüsten fällt manche kopierte und kreative Kleinstpublikation auf. Mit Auflagen von 40 bis 100 erscheinen Blätter wie der Freies Schaffen getaufte libertäre HistorikerInnenrundbrief aus Dortmund und Recklinghausen, die Opposition aus Werl, der individualanarchistische Rundbrief der Mackay-Gesellschaft espero aus Neu Wulmsdorf, Das Sägeblatt (immer am Stuhl der HERRschenden) aus München oder der HirnkrAch aus Iserlohn. Etwa doppelt so hoch sind die Auflagen des meist aus vier DIN-A4- Seiten bestehende LiFF-Rundbriefs des Libertären Forum Frankfurt und des FöGA-Rundbriefs (Aufl. 300), der der Vernetzung von GraswurzelaktivistInnen dient.
Auch Zeitungen, in denen es um ein Stück gelebte Utopie geht, wie die Wagenburgzeitung VogelfrAi oder Kommunezeitungen wie Komuja und der Großraumkommunen-Rundbrief, erreichen keine hohen Auflagen. Hier kennen sich die "MacherInnen" und "LeserInnen" oft persönlich. Die Trennung in solche Kategorien ist beim Bandenrundbrief, der mit Auflagen von 7 bis 50 abwechselnd in verschiedenen Städten und Dörfern "von und für die Bande" gemacht wird, aufgehoben.


"Postautonome" und undogmatisch marxistische Medien
Überregional verbreitet ist die Hamburger 17deg.C - Zeitschrift für den Rest . Die 17deg.C ist als theoretisch anspruchsvolle ideologiekritische Zeitschrift kaum ein "Bewegungsorgan", sie findet ihre LeserInnen in einem erheblichen Umfang in akademischen und altlinken Kreisen, kaum bei Autonomen. Sie ist eine der wenigen Zeitschriften aus der Linken, in der auch zu kulturellen Themen und aktueller Musik inhaltlich gearbeitet wird und der ein grafisches Gestaltungskonzept anzusehen ist.
Die von der Berliner Gruppe f.e.l.s. (für eine linke strömung) herausgegebene Arranca - linke Zeitschrift wird hier nicht näher vorgestellt, da sie in dem in diesem Buch enthaltenen Gespräch zu Wort kommt.
Der seit 1971 erscheinende ak (Aufl. 4.000) ist vom Arbeiterkampf, der Zeitung des Kommunistischen Bundes, zum monatlichen Theorieblatt analyse und kritik, herausgegeben von der ehemaligen, z.T. PDS-nahen "KB-Mehrheit" mutiert. ak sieht sich als eine sozialistische Monatszeitschrift "jenseits von Dogmatismus und Anpassung an den Zeitgeist."
Seit 1991 erscheint als Abspaltung des ak die unregelmäßig von der Gruppe K herausgegebene Bahamas (Auflage 1.000). Zur Namens- gebung und Entstehungsgeschichte des Theorieblattes schreibt die PDS-kritische ehemalige "KB-Minderheit": "Auf die Bahamas wollte man uns im KB (Kommunistischen Bund) 1990 schicken, als wir die Kampagne 'Nie wieder Deutschland' mittrugen..."
Auch in autonomen Zusammenhängen gelesen wird die aus Teilen der ehemaligen Frankfurter StudentInnenzeitung diskus und den Hamburger Wohlfahrtsausschüssen entstandene Edelschrift Die Beute (Untertitel: Politik und Verbrechen), die in einer 5.000er Auflage seit 1994 alle drei Monate im Buchformat erscheint. Meist mit Schwerpunktheften greift Die Beute Themen auf, wobei sie die Verknüpfung von Politik und Kultur und die Verbindung von Theorie und Bewegung(en) versucht. Sie erinnert damit an früher für Bewegungen wichtige Medien wie Kursbuch, Argument und Prokla, die sich heute weitestgehend in den Bereich des (sozial)wissenschaftlichen Diskurses zurückgezogen haben.
Überregionale linksradikale Schriften sind auch die Zeitschrift der Ökologischen Linken ÖkoLinX und die aus dem UNiMUT-Streik 1988 hervorgegangene vierteljährlich erscheinende bundesweite Hochschulzeitung FAUST (Aufl. 2.000):"Wo andere Däumchen drehen, schlagen wir zu! Faust berichtet aus den Katakomben des Elfenbeinturms und erklimmt die eisigen Gipfel der theoretischen Debatten. Faust schreibt über Quotierung, Burschenschaften und politische Gefangene, über die Vereinnahmung der Forschung durch die Industrie, linke Debatten und andere Ungeheuerlichkeiten."


Regionale Infoblätter
"Jede historische Situation produziert ihre Zeitungen, die authentischer Ausdruck des jeweiligen Entwicklungsstandes sind."
Seit dem 1. Mai 1988 über 360mal herausgekommen ist die bereits erwähnte Info- und Flugblattsammlung INTERIM. Sie versteht sich zwar immer noch als Berlin-Info, ist aber aufgrund der wöchentlichen Erscheinungsweise das wohl wichtigste Mitteilungs- und Diskussionsorgan für die autonome Szene in den BRD-Metropolen:"So wie die radi sich seit Sommer '80 zum Sprachrohr des militanten und sozialrevolutionären Flügels der (Hausbesetzer-) Bewegung entwickelte, dies jahrelang blieb, es aber spätestens ab Herbst '82 nicht mehr schaffte, eine politisch weiterführende Antwort auf den Zerfall der Bewegung zu finden, sondern sich verlebt hatte, letztlich aber doch überlebte (ebenso wie die Autonomen), weil Menschen, die weiter in den politischen Fragmenten der Szene lebten und kämpften, sie weitermachten, so ist die INTERIM ein Ausdruck des wiederaufkommenden Versuchs neue Kraft und Stärke zu entwickeln.(...) Zweitens ist das auch politisch unser Ansatzpunkt: Bewegung entzündet sich aus lokalen Kämpfen und verbindet sich erst dann überregional. Strukturen aufbauen, heißt erstmal im Nahbereich anfangen." (INTERIM-Interview vom ID-Archiv, Interim 36, Dezember 1988).
Am Konzept der INTERIM orientieren sich Regionalinfos wie das 1989 gegründete, aus kopierten Flugis bestehende wöchentliche Nürnberger Infoblatt wie weiter und das seit 1991 verbreitete aufwendiger gemachte Ruhrgebietsinfo (RGI). Im RGI Nr. 39 vom Dezember 1995 antwortet die Redaktion auf ein in der Sommerausgabe veröffentlichtes Kritikpapier am RGI-Konzept:"Da es im autonomen Spektrum nicht genug Leute gibt, die kontinuierlich Redaktionsarbeit machen wollen, weil die Einen so tief in ihrer praktischen Arbeit stecken, daß sie meinen keine Theorie mehr zu brauchen, und die Anderen sich ihrer intellektuellen Leistungen so sicher sind, daß sie sich von jeder Abweichung abgrenzen müssen, bleibt für Zeitungen wie die unsere nur der Charakter des Infos, d. h. die Zusammenstellung von zugeschickten und ausgewählten Beiträgen. Eine Notlösung also."
Ein ähnliches Konzept haben auch die schon mal kriminalisierten eher autonom-antiimperialistisch orientierten Regionalzeitungen agitare bene aus Köln, Ausbruch aus Freiburg und die autonom-libertäre Zeitung für ein radikales Hannover RAZZ. Wie viele andere Szeneblätter auch, sind sie während oder kurz nach dem Hungerstreik von politischen Gefangenen vom Frühjahr 1989 entstanden.
Andere regionale Infoblätter wurden aus unterschiedlichsten Gründen eingestellt. Die BesätzerInnenzeitung BZ, das Sprachrohr der Ostberliner HausbesetzerInnenszene, die mit 120 besetzten Häusern 1990 ihren Höhepunkt hatte, hörte im Sommer 1993 auf. Sie hatte im Osten eine ähnliche Relevanz wie die INTERIM im Westen. Die BZ wurde zunächst vom BesätzerInnenrat und später von wechselnden Ost-Redaktionen herausgegeben. Zur Konzeptdiskussion während der Entstehungsphase der BZ heißt es in der Interim 111 (Juli 90): "Viele Menschen auf diesem Treffen sehen diese 'Zeitung' als Möglichkeit für einen 'aktuellen' Informationsaustausch. Oft erwähnt wurde die Problematik, nach mehreren Tagen immer noch nicht erfahren zu haben, wann und wo ein Faschoangriff auf ein besetztes Haus stattgefunden hat. Demgegenüber steht die Auffassung, daß eine Zeitung, die Raum bieten würde für kontinuierliche Diskussionen, Erfahrungsaustausche etc. eher ungeeignet ist für brennende Termine wie anstehende Faschoangriffe, ohne die eben als wichtig erachtete kontinuierliche Auseinandersetzung zwischen den Häusern mittels dieser Zeitung zu beteiligen. Für wichtige Termine kann immer noch auf das bewährte Mittel des Flugblattes zurückgegriffen werden, ohne deswegen gleich eine ganze Zeitung erscheinen zu lassen. Hier wurde leider die unserer Meinung nach wichtige Diskussion über Sinn und Zweck einer Häuserzeitung mit dem Bedürfnis einiger Menschen abgebrochen, lieber gleich über anstehende Technix zu reden. Versuche, während des Verlaufs dieser Treffens, die Diskussionen auf grundsätzliche Vorstellungen über die Ztg. zu bringen, wurden nicht aufgegriffen."
Seit der Räumung der Mainzer Straße im November 1990 ging es mit der Ostberliner BesätzerInnenbewegung bergab. Die BZ wandelte sich unter dem Einfluß von neuen Leuten aus Halle und Ostberlin zur Zeitung der besetzten Zone und kam nicht mehr zweiwöchentlich, sondern nur noch unregelmäßig und ab 1993 gar nicht mehr heraus. (Im Sommer 1994 erschien in Halle die bisher einzige Ausgabe der ZZBZ, der Zweiten Zeitung der besetzten Zone.)
Auch die norddeutsche Land Unter (1989-93, Aufl. 1.000), die AUF-RUHR (1988-90) aus Bochum, das anarchistische Magazin aus Münster PROJEKTil (1988-92, Aufl. 800) und der Südwind (1989-93) aus Tübingen existieren nicht mehr.
Andere, für die freie regionale Kommunikation und Diskussion wichtige Magazine haben überlebt, wie z.B. das seit 1989 fast monatlich herauskommende autonome Rhein-Main-Info SWING und die UnZensiert aus Giessen und Marburg .
Für die Ostszene von Bedeutung ist der Behörden- und Unternehmerunfreundliche Ostberliner telegraph. Er ist das Nachfolgeblatt der Umweltblätter, die nicht unwesentlich an der Wende in der DDR beteiligt waren.
Bisher 80 Ausgaben mit einem Umfang von jeweils 60 DIN A5-Seiten hat die Redaktion des Szene-Infos Subbotnik in LA herausgebracht. Subbotnik entstand aus der DDR-Oppositionszeitung V.L.-Info, das von derVereinigten Linken, Halle herausgegeben wurde.
Auch Zeitschriften aus dem deutschsprachigen Ausland, wie das Berner MEGAPHON und das Widerstandsinfo aus Zürich, stehen in Infoläden hierzulande zur Verfügung. Das bekannteste linksradikale Magazin aus Österreich ist das Wiener TATblatt - Nachrichten aus dem Widerstand alle zwei Wochen brandaktuell. Da es den rechtsradikalen FPÖ-Führer Haider als "Faschisten" bezeichnete und ihm Schmerzensgeld zahlen soll, ist es nun in seiner finanziellen Existenz gefährdet.


Lokale Blätter und Stattzeitungen
Sie enthalten neben selbstgeschriebenen Artikeln mit lokalem Bezug oft auch nachgedruckte Texte zu Theorie, Internationalismus, nationalen Befreiungskämpfen, Antisexismus, Antifa etc.
Von lokaler Bedeutung und auf Spenden angewiesen sind kostenlos verteilte Periodika, wie das Infoblatt des Autonomen Zentrums ZEITZÜNDER aus Wuppertal, das wöchentliche Stadtinfo Göttinger Drucksache, die Lunte aus München, die monatlich seit 1993 von der Bielefelder FAU/IAA-Ortsgruppe herausgegebene Lokalzeitung PIRANJA (Aufl. 800), das seit 1992 bereits 65mal herausgekommene Bremer Politmagazin bambule (Aufl. 1.200), das Aachener Loch in der Zensur (LiZ, Auflage 2.000), das bereits erwähnte Hamburger Rote-Flora-Info Zeck, aus Moers die BARRIKADE, das vierseitige monatliche Programm- und Infoheft des gleichnamigen Libertären Kultur- und Aktionszentrums, sowie aus Kaiserslautern die VÄLZISCHE PFOLXZEITUNG K-Butt. Seit April 1995 erscheint monatlich der anarchistisch-autonome apoplex - Schlaganfall für Münster mit Auflagen zwischen 500 - 1.000 und einem Umfang von vier bis zwanzig Seiten.
Das monatlich erscheinende Oldenburger Lokalblatt alhambra brachte dem Vereinsvorstand des gleichnamigen selbstverwalteten Kommunikationszentrums mehrere Zensurverfahren mit Geldstrafen von insgesamt über 10.000 DM und Ermittlungsverfahren nach SS129a ein.
Seit 1982 bisher 69mal unregelmäßig herausgekommen ist der anarchistische Geist der Freiheit (Aufl. 300) aus dem Autonomen Zentrum Heidelberg. Monatlich erscheinen auch die 1991 gegründete linksalternative Stattzeitung Terz aus Düsseldorf und die Linke Monatszeitung aus Kassel BRÜCHE, sechswöchentlich die Münchner STADTRATTE, die von der Anarchistischen Assoziation Rhizom herausgegebene Dichtung und Wahrheit (DiWa) aus Mainz, die vermutlich nicht wieder erscheinende Stadtteilzeitung NEUES SCHANZENLEBEN (Hamburg) und die Weddinger Neueste Zeitung WNZ (seit 1988, Aufl. 1.000).
Im Gegensatz zu (ehemals alternativen) Lokalzeitungen, die sich anpaßten und belanglose Artikel neben den Anzeigenseiten von McDonalds schrieben, haben sich die seit 1974 monatlich herauskommende Zeitung der Kölner Initiativen Volksblatt (Aufl. 5.000) ebenso wie die 1978 gegründete Erlanger Stattzeitung Was Lefft auf hohem inhaltlichen Niveau gehalten. Sie sind auch heute noch Teil der außerparlamentarischen Linken.


Schwerpunktpresse Antifa und Antirassismus
Der Widerstand gegen das sich formierende neue Deutschland konnte zwar mehrere große Demos auf die Beine stellen, aber nicht verhindern, daß bald bundesweit Flüchtlingsheime und Häuser in Hoyerswerda, Mölln, Rostock, Mannheim, Solingen ... brannten und die große rassistische Koalition das Asyl- und andere Rechte aufhob. Seither haben antifaschistische und antirassistische Zeitschriften an Bedeutung gewonnen.
Überregional von Bedeutung sind Der rechte Rand aus Hannover, das Antifaschistische INFO-Blatt, Antifajugendinfo und die "Antifa-Nachrichten Doku" Was geht ab? aus Berlin.
Daneben erscheinen zahlreiche lokale und regionale Antifa-Blätter, z. B im April 1995 mit einer Startauflage von 1.200 eine Ausgabe der Plauener ACHERON und bereits 1994 die bayerische Antifazeitung RABAZ. Von regionaler Bedeutung ist auch das ANTIFA INFO Frankfurt a.M., die ANtifaschistischen NAchrichten Saar, die AntifaNRWZeitung, die Recklinghausener AntifaZ, das seit Mai 92 unregelmäßig erscheinende "antifaschistische Info für die Kölner Region" KRASS, das 1995 gegründete monatliche Osnabrücker Antifainfo Avanti, die Atze aus Norddeutschland, die diversen Antifajugendinfos aus Bielefeld und anderswo, das oft auffallend layoutete, aber selten herauskommende Göttinger Nestbeschmutz und nicht zuletzt die Publikationen der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO).
Sprachrohre der Solidaritätsgruppen mit den Schwerpunkten Migration, Flüchtlingspolitik und Kampf für ein Bleiberecht sind die antirassistischen Zeitungen, wie die ZAG (Zeitung antirassistischer Gruppen), die "antirassistische Zeitung" Off Limits, das vom Bremer Antirassismusbüro unregelmäßig herausgegebene Blatt GEGENINFORMATION (Aufl. 12.000) und die zweisprachige türkisch-deutsche INISIYATIV (Aufl. 1.000, 2monatl.).


Schwerpunktpresse Antirepression
Seit Oktober 1995 erscheint monatlich die aus der bundesweiten Soligruppenstruktur kommende "Zeitung gegen die Verfahren wegen RADIKAL, K.O.M.I.T.E.E., AIZ und RAF" radikale Zeiten: "Die Zeitung soll ein Beitrag sein, eine gemeinsame Strategie gegen die Verfahren zu entwickeln. Es ist notwendig, auf die Kriminalisierung politisch zu antworten, damit der Prozeß nicht nur auf juristische Konstruktionen beschränkt werden kann. Ein Ziel der Zeitung soll auch sein, die kriminalisierten Inhalte öffentlich zu machen und breit zur Diskussion zu stellen, um den politischen Hintergrund der Verfahren öffentlich zu machen. Davon versprechen wir uns eine Mobilisierung, die den Handlungsspielraum der staatlichen Verfolgungsbehörden eingrenzt. Das heißt für uns Freilassung der Gefangenen und Einstellung aller Verfahren!"
Das Organ der bundesweit in 20 Orts- und Regionalgruppen organisierten Roten Hilfe e.V., "einer parteiunabhängigen, strömungsübergreifenden linken Schutz- und Solidaritätsorganisation", ist die seit 1974 vierteljährlich erscheinende Rote Hilfe (Auflage: 2.700). Sie dokumentiert und analysiert die Entwicklung in der Gesetzgebung zur "inneren Sicherheit", der staatlichen Strafverfolgungsinstitutionen, der Einschränkung des Asylrechts und der politischen Betätigung.
Nachdem die autonomen Antiknastzeitungen Durchblick (1989-92) und Bruchstücke (1986-87) eingingen, erscheinen weiterhin unregelmäßig die während des Prozesses gegen Ingrid Strobl 1989 gegründete clockwork 129a und die polizei- und staatsmachtkritischen Magazine CILIP und Geheim.
Das Angehörigen Info erscheint seit dem Hungerstreik von RAF- und anderen politischen Gefangenen im Frühjahr 1989, um unzensiert über die Forderungen der Gefangenen zu berichten und die Solidaritätsarbeit zu unterstützen. Trotz mehrerer SS129a- und SS90a-Verfahren berichtet die Redaktion nach wie vor über die Situation in den Knästen und den Kampf für die Freiheit politischer Gefangener.
1993 wurde Wolfgang Grams mit Hilfe des VS-Spitzels Steinmetz in Bad Kleinen von einem GSG-9-Mann erschossen und Birgit Hogefeld verhaftet. Über den Prozeß gegen Birgit berichtet monatlich das info zum prozeß gegen birgit hogefeld. Es steht in der Folge unzähliger Prozeßinfos der 70er und 80er Jahre, von denen als bekanntestes noch die Nicht Zu Fassen zum Verfahren gegen Ingrid Strobl zu erwähnen wäre.


Internationalistische und "Dritte-Welt"-Zeitschriften
Die Zeitungen der internationalistischen Solidaridätsszene werden in der Regel von unabhängigen Gruppen und Vereinen gemacht und haben ihre Ursprünge in internationalistischen Aktionsgruppen, wie sie seit 1968 entstanden. Sie widmen sich damals wie heute hauptsächlich der kritischen Gegeninformation über politische und soziale Verhältnisse im Trikont und dessen Verhältnis zu den Metropolen sowie der Berichterstattung über Befreiungsbewegungen und der praktischen Solidarität, wie z.B. Spendenkampagnen oder internationalistischen Solidaritätsbrigaden. Gleichzeitag organisieren sie Diskussionen und Informationsaustausch der Solidaritätsgruppen. Viele Blätter sind sehr spezialisiert, aber u.a. durch die Vernetzung der Solibewegung über den BUKO (Bundeskongreß entwicklungspolitischer Gruppen) können sie auf ein breites Zielpublikum bauen. Außerdem lassen sich die oft schlichten Rundbriefe und Infodienste relativ einfach und billig produzieren.
Zu den Zeitschriften, die sich um eine Solidarität mit (inter-)nationalen Befreiungsbewegungen und Menschen im Trikont bemühen, gehören die von der libertären Kulturzeitschrift Aktion herausgegebenen "Sonderblätter zur Solidarität mit den Aufständischen in Chiapas" Land und Freiheit, die Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn ila, die Nordirland-Zeitschrift Spirit of Resistance aus Bielefeld und die LateinamerikaNachrichten aus Berlin, die 1973 nach dem Militärputsch gegen die sozialistische Regierung Chiles als Chile Nachrichten entstanden waren. Die wohl größte Reichweite haben die schon 1970 vom Informationszentrum 3.Welt gegründeten blätter des iz3w, die immer wieder maßgeblich Kampagnen wie die gegen den IWF 1987/88 oder gegen die 500-Jahre-Feierlichkeiten mitinitiiert haben.
Neben unzähligen Länderinfos gibt es themenbezogene Zeitschriften, die sich z. B. angepaßter Technologie oder, wie die IKA, dem internationalen Kulturaustausch widmen.
Die Publikationen von in der BRD verbotenen Befreiungsbewegungen trifft eine flächendeckende Kriminalisierung. Nicht generell verboten, aber sehr häufig beschlagnahmt wurden seit dem Verbot kurdischer Organisationen und Vereine 1993 die von deutsch-kurdischen Soligruppen herausgegebenen Zeitschriften Kurdistan Report und Kurdistan Rundbrief. Dieses Verbot wird unter anderem als Aufhänger benutzt, einem "Verantwortlichen" der deutschsprachigen Kurdistansolidaritätszeitung Biji wegen Verstoß gegen das Vereinsgesetz den Prozeß zu machen.


Zeitungen der Anti-AKW-Bewegung
Zwar ist die Anti-AKW-Bewegung seit den Aktionen gegen die Castor-Transporte nach Gorleben wieder im Auftrieb. Ihre Presse ist es aber (noch) nicht. Seit 1985 kommt monatlich das vom Gronauer Arbeitskreis Umwelt herausgegebene Euko-Info für Euregio und Münsterland heraus. Wie die meisten regionalen Anti-Atom-Infos erreicht es nur Auflagen unter 100 Exemplaren. Die 1989 gegründete monatliche Zeitschrift anti atom aktuell (aaa) aus Heuchelheim bei Gießen ist zwar zu einem bundesweiten Sprachrohr der Anti-Atom-Gruppen herangewachsen, hat aber mit einer Auflage von 300 immer noch Rundbriefcharakter und kann so weit verbreitete und relativ auflagenstarke Magazine wie die bereits erwähnte bayrische Anti-Atom-Zeitschrift RadiAktiv (ehem. Aufl. 5.000) und die 1992 eingestellte atom (ehem. Aufl. 3.000) nicht ersetzen. Nach vierzehn Erscheinungsjahren hatte die aus dem Zusammenschluß von atommüllzeitung und atomexpress hervorgegangene atom einen viel größeren Bekanntheits- und Verbreitungsgrad als die aaa.


Ist der Istzustand ein Zustand?
"Der (...) Zerfall des autonomen Bezugsrahmens hat es für die Interim zunehmend schwieriger, gleichzeitig aber auch notwendiger gemacht, einen eigenen Standpunkt zu beziehen. Es genügt eben nicht mehr, eine undeutliche Vorstellung zu haben, wer 'wir' sind und für wen die Texte in der Interim geschrieben werden. Und es ist von Bedeutung, für wen sie geschrieben sind, denn sie ersetzen zunehmend die Kommunikation zwischen genau den Menschen, die eigentlich unter diesem 'wir' zusammengefaßt werden sollen. Da das Konzept Interim, so offen es auch teilweise aussieht, eng an den beschriebenen autonomen Mikrokosmos gebunden ist, zerfällt es auch mit diesem - oder rostet zumindest. (...)
Zum einen [gibt es] die Zeitungen, die redaktionell arbeiten und von vorneherein davon ausgehen, alles selbst erarbeiten zu müssen und auf nicht allzuviel Eigeninitiative der LeserInnen hoffen zu dürfen. Zum anderen Projekte wie die Interim, die zwar vordergründig von der Mitarbeit vieler leben, aber gleichzeitig keine oder kaum Verantwortlichkeit von diesen vielen verlangen (können). Der gesellschaftliche Trend ist mit von der Partie. In Talkshows wird geredet und gestritten, Ergebnis egal. (...)
Diese Beliebigkeit, die der Konsumismus mit sich bringt, spiegelt sich auch zunehmend in unserem Mikrokosmos wieder. (...)
All das wäre ja nicht so schlimm, wenn es nicht unter dem Schein der politischen Auseinandersetzung daherkäme. Natürlich gibt es auch wertvolle Texte in der Interim, so wie es auf MTV auch mal ein gutes Musikstück zu hören gibt. Aber die Auseinandersetzung der Menschen untereinander wird dadurch immer schwieriger, denn sie kommunizieren immer weniger unmittelbar, dafür mehr und mehr über die Krücke Medium."
So kritisierte Sven Glückspilz im Mai 1993 das Konzept INTERIM. Die Frage, wie über Medien kommuniziert werden soll, ist jedenfalls offen. Ob redaktionell ausgearbeitete oder schnelle und unbearbeitete Informationen den politischen Menschen zur Auseinandersetzung vorgelegt werden sollen, ist dabei jedoch nicht so wichtig. Jede Form hat ihre Berechtigung, und die dargestellte Vielfalt der Medienkonzepte war immer eine Stärke undogmatischer linksradikaler Presse.
Jedes Modell birgt da seine ganz eigenen Schwierigkeiten: Verdeckt erscheinende und unter der Hand vertriebene Zeitungen sind auf Grund der gebotenen Vorsicht in ihrer Verbreitung stark eingeschränkt, aber die legalen Projekte müssen sich immer wieder mit der Schere im eigenen Kopf auseinandersetzen. Auflagenstarken Medien hängt immer wieder der Vorwurf des Konsumismus an (wobei die AdressatIn der Kritik doch eher die KonsumentIn sein sollte), aber kleinere Projekte kämpfen mit Finanzproblemen. Rein redaktionellen Zeitungen droht der Verlust des Bewegungsbezuges, sie laufen Gefahr sich zu verselbständigen, aber Infosammlungen - vor allem jenseits der Metropolen - beklagen die Abhängigkeit vom Auf und Ab der Bewegung(en). Die Land Unter hat dies in ihrer "endgültigen Einstellungserklärung" vom Juni 1993 treffend beschrieben:
"Das Zeitungsprojekt 'Land Unter' ist 1989 als Zeitung für die autonome Szene Schleswig-Holsteins (S-H) entstanden. Wir als Teil der autonomen Szene haben damit die Hoffnung verbunden, die Zeitung über kurz oder lang zu einem Teil der autonomen Organisierung und Diskussion werden zu lassen. Es sollte über kurz oder nicht so lang der Stand erreicht werden, daß die Macherlnnen der Zeitung fast nur noch die technische Umsetzung eines von der Szene getragenen Projektes bewerkstelligen.
Es hat sich allerdings relativ schnell gezeigt, daß die praktische Realisierung der Vorstellungen über eine autonome Zeitung kaum möglich ist. Wir mußten fast ständig einen enormen Aufwand treiben, um einen einigermaßen akzeptablen Anteil an Seiten in die Zeitung zu kriegen, die einen S-H Bezug hatten. Wir hatten zwar immer genügend Artikel, um eine Zeitung zu füllen, nie aber auch nur annähernd im Ergebnis eine Zeitung, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Vieles war Beschreibung von Aktionen oder es waren Artikel, die zwar wichtig, aber auch schon in anderen Zeitungen veröffentlicht waren. Ob und an was für Themen und Problemen die autonomen Zusammenhänge in Schleswig-Holstein diskutieren, war aus der Zeitung heraus nie zu erkennen. Gerade das aber war einer der zentralen theoretischen Ansätze der Zeitung.(...) Weil wir uns als Zeitung auf Gedeih und Verderb der Bewegung verschworen haben, ist ihr Zerfall auch unser Zerfall."
Das viel beschworene "Zeitungssterben" scheint uns eher ein Problem der ganz normalen Bewegungswellen zu sein. Alte Szenen verschwinden in die Privatsphären oder auf dem Marsch durch die Institutionen, und mit ihnen verschwinden ihre Medien. Doch politisieren sich immer wieder neue Leute, so daß Medienprojekte an neue Leute übergeben werden könn(t)en. Daß die atom, eine Zeitung ohne finanzielle Probleme, mit festem Abostamm und Ansehen in der linken Öffentlichkeit nach vierzehn Jahren einfach aufhört, weil sie es vorrangig personell nicht mehr schafft, ist nicht einzusehen, wenn sich gleichzeitig kleine Anti-AKW-Zeitungen abmühen, eine vergleichbare Bedeutung zu bekommen.
Es gab und gibt aber auch immer wieder Versuche, die Schwierigkeiten, die alle Printmedien gleichermaßen betreffen - Finanzen, Zeitdruck bei der Herstellung, Verteilungsaufwand, Mitarbeit von LeserInnen/Resonanz - z.B. durch mehr Vernetzung gemeinsam zu bewältigen.
Der Traum einer linksradikalen Tageszeitung wird allerding noch lange geträumt werden müssen. Was aktuelle Informationsvermittlung betrifft, so werden elektronische Medien auch in der autonomen Bewegung eine immer größere Rolle spielen, da hier kein Verkaufs- und Vertriebszwang besteht. Genauso wie Antifa- und andere Infotelefone heute Bestandteil vieler Infoläden sind, wird das Nutzen revolutionärer, subversiver Mailboxen bald ebenso Infoladenalltag werden wie das Zeitunglesen. Durch elektronische Verschlüsselung kann sogar eine gewisse Sicherheit gegen unerwünschte Mitleser erreicht werden. Ein grundsätzliches Problem wird sich auch nicht mit neuen Technologien lösen lassen. Viele linksradikale Schriften sind fast nur "ANTI". Sie analysieren zwar zumindest vom Anspruch her das System von Herrschaft, Entfremdung und Ausbeutung und sie dokumentieren Widerstandsaktionen. Aber oft strahlen sie die Öde einer humor- und utopielosen Bleiwüstenlandschaft aus. Gemacht in einer Kauderwelschsprache, die nur noch von Leuten, die mindestens 20 Semester Soziologie oder Szenezugehörigkeit auf dem Buckel haben, verstanden werden kann. Das Wofür wird zu selten vermittelt.
"Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution", stellte schon vor 70 Jahren die Anarchistin Emma Goldman fest. Oder, wie Andreas Hofer kurz vor seiner Hinrichtung sagte: "Spaß muß sein."