From: ID-SCHLESWIGHOLSTEIN@BIONIC.zerberus.de (ID-Schleswig-Holstein) Newsgroups: cl.europa.allgemein,cl.antifa.allgemein,cl.aktuelles.allgemein Subject: In Griechenland bewegt sich was Date: 26 Dec 95 13:34:00 +0200 Folgenden Artikel |ber die Auseinandersetzungen in Griechenland rund um den 17.11.'95 fanden wir in der Zeitung "Ein Loch in der Zensur"(LiZ) aus Aachen. \brigens die LiZ kann mensch auch Abonnieren. Am Besten ihr packt die Portokosten (ca. 1,50 dm und legt noch 'n bischen was drauf als Soli- Spende) in 'nen Umschlag + 1 Zettel wo die Zeitung hinsoll und schickt das alles an: Ein Loch in der Zensur; c/o Goethestra_e 3; 52064 Aachen. Aber nun zum Artikel: IN GRIECHENLAND BEWEGT SICH WAS Um den 17. November war in Griechenland nicht gerade Langeweile angesagt. Viel ist nicht |ber den Balkan hergekommen und mittlerweile ist der Gesundheitszustand von Medienstar Papandreou das einzige, was anscheinend noch eine Meldung wert ist. Da aber auch noch andere Sachen interessant erscheinen, wurde dieser Artikel geschrieben. Auf eine Darstellung der Geschichte und der momentanen Situation im Land konnte, auch wegen des Verstdndnisses, nicht verzichtet werden. Naja, Informationen, die |ber Gyros, Syrtaki und Tzatziki hinausgehen, sind vielleicht auch ganz o.k. "Demokratie" ist ein griechisches Wort und dar|ber hinaus eine Idee mit einer ziemlich langen Geschichte in eben diesem Land, wo einiges eine ziemlich lange Geschichte bzw. Tradition hat. Im November 1973 revoltierten zehntausende von Menschen gegen die Militdrjunta, die seit '67 die Gesellschaft unterdr|ckte. Drei Tage lang wurden staatliche Einrichtungen belagert oder auch gest|rmt, Kdmpfe mit der Polizei und dem Militdr gef|hrt, ca. 200 Menschen verloren f|r die erwdhnte Idee ihr Leben. Mittelpunkt der Auseinandersetzungen war das Polytechnikum (technische Hochschule) in Athen, das von StudentInnen und ArbeiterInnen besetzt wurde. Als am 17.11 dann in das brechend volle Gebdude Soldaten mit einem Panzer vorne weg geschickt wurden, starben 52 Menschen. Ein paar Monate spdter brach die von den USA unterst|tzte Diktatur zusammen. Das Polytechneio wurde zum Symbol des Widerstandes und der Demokratie. Diese brachte ein korruptes Pateiensystem hervor, in dem die eine Partei, die "sozialistische", den grv_ten Teil der durch den Umbruch politisierten Leute (die griech. "68er"), die Utopien und die Widerstdnde integrierte. Der 17. November ist ein Nationalfeiertag, an dem beim Polytechnikum Krdnze niedergelegt werden und eine traditionelle Demonstration zur US- Botschaft stattfindet. An den Feiern nehmen sdmtliche Parteien (v.a. die kommunistische), studentische Verbdnde, Gewerkschaften aber auch au_erparlamentarische Krdfte teil. Die letzten bestehen mittlerweile hauptsdchlich aus Antiautoritdren, AnarchistInnen und Autonomen. Diese besetzten (auch traditionell) das Polytechnikum, um zum Ausdruck zu bringen, da_ es sich nicht um eine (Staats)Feier handelt, sondern um Kdmpfe. Die zentrale Parole von '73 war ndmlich "Brot, Bildung, Freiheit" und die ist auch in Griechenland noch lange nicht erf|llt. Im heutigen Griechenland werden Minderheiten unterdr|ckt, MigrantInnen (v.a. AlbanerInnen) wie Vieh behandelt, der Neoliberalismus macht einen Betrieb nach dem anderen platt, politische Gefangene sitzen hinter Gittern, 40% des Jahresetats wird mittels R|stung verschleudert. Repressives Vorgehen gegen ArbeiterInnen-Demonstrationen, mit bezeichnendstem Beispiel die Niederkn|ppelung einer Demo von RentnerInnen (inkl. Trdnengaseinsatz!) im Fr|hling, runden das Bild ab. In einem Klima von Nationalismus als einziger Perspektive (s. Mazedonien-Frage) geht der Staat immer aggressiver mit der Gesellschaft und vor allem mit den Teilen, die sich wehren, um DIE EREIGNISSE UM DEN 17.11. DIESEN JAHRES Da_ die Situation dieses Jahr den Rahmen der letzten 3-4 Jahre (in denen die 17. November Demo, auch von anarchistischer Seite einen fast schon rituellen Charakter, vergleichbar mit dem 1.Mai hier, angenommen hatte) sprengen w|rde, war eigentlich voraus zu sehen. Am 14.11 revoltierten die ca. 1400 Gefangenen des Korydallos-Knastes bei Athen. Die Revolte endete, als die Regierung versprach, alle Forderungen zu erf|llen. Der Versuch in Thessaloniki eine Demo f|r die Freilassung aller anarchistischen Gefangenen durchzuf|hren, stie_ auf ein brutales Vorgehen der Polizei und endete in Krawallen. Es wurden 4 DemonstrantInnen verhaftet, Anarchisten besetzten das theologische Institut der dortigen Uni. Das Polytechnikum in Athen, sowie auch viele andere Hochschulen, war schon von StudentInnen besetzt und |berhaupt war zum ersten Mal wieder soetwas wie eine StudentInnenbewegung [1] zu sehen. Viele Arbeitskdmpfe waren in Entwicklung. So ging die Regierung gegen die Demonstrationen z.B. der WerftarbeiterInnen (die genau wie in Spanien von der Privatisierung der Werften, also Massenentlassungen betroffen sind) repressiv vor [2], wdhrend den mobilisierten BauarbeiterInnen (Schlechtwettergeld, Schwarzarbeit), einer der kdmpferischsten Teile der ArbeiterInnenschaft, besonders schnell Zugestdndnisse gemacht wurden. An all dem kann beobachtet werden, wie die Regierung versuchte, die gesellschaftlichen Kdmpfe voneinander zu isolieren und die "Fronten" zu begrenzen. Am Polytechnikum war es die ganze Zeit schon unruhig, da der AStA und das Rektorat einerseits und die studentischen Besetzungskomitees andererseits, sich nicht |ber den Ablauf der Feierlichkeiten und die Bewachung des Gebdudes einigen konnten. "Aufgebrachte B|rger" [3] griffen wie |blich die BesetzerInnen an, einige wurden diesmal aber von der Polizei verhaftet und damit gerettet als AnarchistInnen sie zur|ckschlugen. Diese 8 festgenommenen Faschisten wurden nat|rlich schon am ndchsten Tag wieder freigelassen. Im Gegensatz dazu wurden in einem Schnellverfahern 2 von den festgenommenen Anarchisten in Thessaloniki zu 3,5 Jahren, einer zu 2,5 Jahren Knast verurteilt. Neben "Widerstand" war die Hauptanschuldigung "Aufruf zur Revolte" (frei |bersetzt), ein Uralt-Paragraph, nach dem seit Jahrzehnten kein Mensch mehr verurteilt worden war. Tatbestand: die Teilnahme an einer Versammlung. Die vierte Festgenommene wurde erst spdter vor Gericht gestellt und bekam 6 Monate auf Bewdhrung. Alle vier berichteten |ber |ble Mi_handlungen wdhrend und nach der Verhaftung, was wdhrend des Prozesses auch deutlich sichtbar war. Der Gesundheitszustand des inhaftierten Anarchisten Kalaremas, der seit dem 10. Oktober in Hungerstreik getreten war, spitzte sich zu. Ihm wird vorgeworfen, eine Bank |berfallen zu haben[4]. Noch ein dutzend politischer Gefangener (fast alle AnarchistInnen) befand sich im Knast. O. Kambouris, weil er die Waffe eines Wdchters geklaut haben soll (einzige Zeugin: die Frau eines an den Ermittlungen beteiligten Polizisten), N. Karanikas f|r 4 Jahre, weil er den Kriegsdienst verweigerte [5], G. Balafas f|r 10 Jahre ("Terrorist Nr. 1"), obwohl alle vom Revisionsproze_, auf dem das Bullenkonstrukt zusammenfiel, seine Freilassung erwarteten. In diesem Klima kam es zum 17. November. Anarchisten besetzten das besetzte Polytechnikum, forderten die Freilassung aller politischen Gefangenen und solidarisierten sich mit den revoltierenden Gefangenen im Korydallos. Auch die b|rgerliche Presse berichtete von 2-3.000 Menschen, die sich in der TH versammelten. Die Polizei belagerte den Gebdudekomplex mit einem Aufgebot von 3.000 Bullen und hunderten von Trdnengas- u.a. chemischen Geschossen. Das Ganze wurde stundenlang von den meisten TV- Sendern live |bertragen, wie auch die Kommentare von PolitikerInnen, ProfessorInnen u.a., was fast zu einer Pogromstimmung gegen die BesetzerInnen f|hrte. Diese schlug allerdings um, als das Lynchen eines 16jdhrigen von gut 10 Bullen in den Wohnzimmern live mitzuverfolgen war. In der Nacht gab das Rektorat das Polytechneio zum St|rmen frei, was auch am Morgen des 18.11. passierte. Das ist ein Tabubruch ohne gleichen, da das Hochschulasyl, eine der wichtigsten Errungenschaften nach dem Ende der Diktatur, bis jetzt immer geachtet wurde. Das faszinierte sogar die Bullen der Sondereinheiten, die die Zeit fanden, neben verhaften und verpr|geln, auch Fotos zu machen. Das Verpr|geln hielt sich allerdings in Grenzen, da einerseits Imagepflege nach den Ereignissen des Vorabends angesagt war und andererseits die 470 Verhafteten sich nur in Ketten geschlossen mitnehmen lie_en. Zusammen mit den Festnahmen des Abends kam die Polizei zu ihrer Rekordmassenverhaftung von 515 Personen, was nicht nur sie selber, sondern auch die b|rgerlichen Medien |berraschte und beeindruckte. Die druckten sogar am ndchsten Tag die Namen aller (!) Verhafteten ab.(In Griechenland gehvren Einkesselungen von ganzen Demos noch nicht zur Normalitdt). Zudem waren unter den Verhafteten auch zwei JournalistInnen, die sich weigerten von ihrem Status Gebrauch zu machen. Sie solidarisierten sich mit den BesetzerInnen und ihren Forderungen und schrieben Berichte aus ihren Zellen. Im allgemeinen zerfiel von einem Tag zum anderen der Mythos der "50-100 Vermummten", die angeblich keine Gelegenheit auslassen, um Chaos zu stiften. Angesagt waren jetzt vielmehr, zumindest in der liberalen Presse, Analysen |ber "warum ist mein Kind gegen mich und die Gesellschaft". Andererseits war in der Presse seitenlang auch |ber die Festnahmen, die Prozesse, die Situation, das Klima und die Zusdnde auf dem Polizeirevier zu lesen. \ber 500 Menschen, zwischen 14 und 40 Jahren alt und aus den unterschiedlichsten Schichten, waren im Hauptquartier des Staatsschutzes in Zellen, B|ros und Fluren gestapelt (berichtet wurde z.B. |ber 3x3 Meter gro_e Zellen, in denen 25 Personen eingesperrt waren.). Frauen wurden in der Anwesenheit von Bullen ausgezogen, Leute permanent gedem|tigt und schikaniert, es war nicht ausreichend Essen f|r alle da (daf|r gab's 3.- DM am Tag, wovon mensch sich Zigaretten kaufen oder ein Sandwich von mit Kartons rumlaufenden PolizeibeamtInnen kaufen konnte). Trotzdem : Freiheitslieder wurden gesungen, Parolen geschrien ("die Leidenschaft ist stdrker als alle Zellen" aber auch "wir sind die 50 Vermummten", "Vorwdrts f|r die Knastbewegung", die "Gruppe, der durch den Krieg Mutierten" prdsentierte die Resultate der Stickgase, indem sie laut kundgab, da_ sie "verr|ckt und gl|cklich sei"). Eltern belagerten das Polizei Hauptquartier, brachten ihren Liebsten Kleider und was zu essen, schnell formierte sich auch eine Solidaritdtsdemo, die die Stimmung im Gebdude nochmal anheizte. Das gleiche spielte sich dann auch vor und sogar im Gerichtssaal ab. Zu einem Aufstand a la Korydallos kam es zwar nicht, die Behvrden schafften es aber trotzdem ein Chaos zu produzieren. Es wird gesagt, da_ sie selber gar nicht so auf ein Ausma_ an Verhaftungen vorbereitet waren. Die "Minderjdhrigen" kamen nach einem Tag raus. Einen Tag spdter wurden nochmal 260 Leute entlassen , deren Prozesse im Januar anfangen sollen. Der 20.11. war der Tag, an dem der Proze_ gegen die 137 "ausgewdhlten" BesetzerInnen anfangen sollte. Im Gerichtssaal waren au_er den Richter und dem Staatsanwalt, 200 AnwdltInnen und 200 Bullen nur 5-10 Angehvrige von Gefangenen anwesend. Sdmtliche Gerichtsunterlagen fehlten, also beschlossen alle 137 einen Aufschub zu verlangen. 30 verletzte Angeklagte durften wieder nach Hause. Als am 2. Termin die Zeugen (Bullen) nicht erschienen, wurden auch die \brigen bis zum ndchsten Proze_termin (5.12.) freigelassen. Der Proze_ von 25 Personen, die am Abend des 17.11. bei den Auseinandersetzungen verhaftet wurden, wurde auf den 1.12. verlegt. Wdhrend dessen verpa_te die Polizei nicht die Gelegenheit, ungefdhr 50 Rdume und Wohnungen zu durchsuchen. Besonders betroffen hat das das anarchistische Archiv "Anarchiki Archeiothiki", das fast komplett ausgerdumt wurde. Die Polizeiaktion blieb auf Athen beschrdnkt und so bestdtigte sich nicht die Vermutung, da_ der Staat mit der ganzen Bewegung Schlu_ machen will. SCHLU_BEMERKUNG Dieser letzte Schlag der staatlichen Repression in Griechenland ist bezeichnend f|r die momentane Situation und die allgemeine politische Instabilitdt. Rechte Tendenzen konnten sich im Staat, aber auch in der Gesellschaft durchsetzen. Auf der anderen Seite ist der Unmut, der oft auch radikal zum Ausdruck kommt, und eine Kampfbereitschaft in breiten Teilen der Bevvlkerung zu sp|ren. Die Erkenntnis, das sich nicht nur 50 "Chaoten", sondern viel mehr Menschen gegen die herrschenden Verhdltnisse wehren, kommt zwar etwas spdt, ist aber nicht mehr, wie bis jetzt, zu leugnen. Die Repressionswelle machte nicht nur f|r alle das Gesicht der Macht deutlich,, sie schvpfte auch Wut und Kraft bei den direkt und indirekt Betroffenen. Dies zeigte sich zumindest bei den Ereignissen selber, aber auch bei zahlreichen Versammlungen und Demonstrationen danach, die auch von nicht-AnarchistInnen, wie z.B. Gewerkschaften unterst|tzt wurden. Weiterhin wurde das Thema der griechischen politischen Gefangenen offensiv und vffentlich thematisiert. Was daraus wird, bleibt abzuwarten. Deutlich ist auf jeden Fall die europdische Gemeinsamkeit von vielen Belangen und Erscheinungen (Massenfestnahmen, Rassismus, vkonomischer Neoliberalismus ...), die die Frage auch nach gemeinsamem Handeln wieder stellen. In diesem Sinne ist nicht nur interessant verschiedene Ldndersituationen miteinander zu vergleichen, sondern sich auch kurzzuschlie_en. Ldngst m|_te jedeR kapiert haben, da_ z.B. Verschdrfung der Studienbedingungen, die Arbeitslosigkeit, die Migration oder die elektronische \berwachung nicht mehr in jedem Land einzeln betrachtet werden kvnnen. -akefalos- [1] Der Hochschulstreik richtet(e) sich hauptsdchlich gegen die Bildungspolitik und die anscheinend europaweiten K|rzungen und Studiumstraffungen. [2] Kn|ppel auf der einen Seite, gelbe Gewerkschaften auf der anderen, f|hrten zu Abfindung und Resignation [3] Es handelt sich hauptsdchlich um Faschisten, in fr|heren Jahren aber auch Mitglieder der SP und der KP, die eine Art Monopol der Widerstandsgeschichte beansprucht [4] Es war schon immer eine Taktik der griechischen Polizei, Verhaftete zu erpressen um ihre "Komplizen" zu nennen. Besonders betroffen davon sind MigrantInnen. Seit 1990 gibt es einen gro_en Migrationsweg von AlbanerInnen nach Griechenland. Seitdem hat sich einerseits die Kriminalitdt minimal gesteigert, daf|r ist aber der Prozentsatz der "ungekldrten" Fdlle drastisch gesunken. Die Polizei macht im Zweifelsfall AlbanerInnen f|r alles verantwortlich. Es ist aber das erste Mal, da_ diese Taktik auch gegen|ber der anarchistischen Szene angewendet wird. Der Grund daf|r ist sicherlich nicht nur die Aufkldrungsquote. [5] Von ca. 60 griechischen KDVlern wurde in den letzten Jahren keiner mehr richtig verfolgt. Mit Karanikas ist eine Wende in dieser Politik zu sehen. Was wahr ist wird auch in Zukunft geschrieben, gesetzt, gedruckt und vertrieben ------- projekt idsh