Empfaenger : /cl/antifa/allgemein Absender : W.FRUTH@LINK-F.rhein-main.de Betreff : Veraenderte Vergangenheit, 1/2 Datum : So 19.02.95, 11:00 (erhalten: 22.02.95) Groesse : 20655 Bytes ---------------------------------------------------------------------- "Das Denken ist das Wehklagen des Menschen..." >Imre Kert‚sz< Auschwitz verschwindet, die Vergangenheit veraendert sich. Stand noch in der vierzigjaehrigen Nachkriegszeit das Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung vor Augen, so scheint der gesellschaftliche Zusammenbruch einer der Siegermaechte ueber Faschismus und Nationalsozialismus eine umfassende Umwertung der Werte nach sich zu ziehen. Unmittelbar nach 1945 hallten in Berifflichkeit und Forschungsinteressen die Erschuetterungen nach, die der Gesellschaftstypus einer oekonomisch und politisch liberalen Demokratie in der ersten Haelfte dieses Jahrhunderts erlitten hatte. Die grossen Werke Jean-Paul Sartres, Hannah Arendts, Max Horkheimers und Theodor W. Adornos wollten wirklich wissen, wie es zur zivilisatorischen Katastrophe kommen konnte. Doch schon bald ueberdeckten die Anforderungen des Kalten Krieges die alten Fragestellungen, die unter veraenderten Titeln ihren Weg in die Buecherschraenke fanden, oder wie im Falle der >Dialektik der Aufklaerung< fuer zwanzig Jahre gaenzlich aus der Oeffentlichkeit verschwanden. In der zweiten Haelfte der sechziger Jahre, zur Zeit der weltweiten Protestbewegung, kamen die vergessenen Werke wieder ans Licht, und einer juengeren Generation von Intellektuellen vermittelten sich Impulse, jenseits von tagespolitischen Interessen und akademischen Karrieregruenden dem >Paradoxon< nachzuspueren, wie sich Unbegreifliches begreifen laesst.(1) Man sollte sich jedoch nicht den Blick von den deutschen Spezifika verstellen lassen. Die Ohnmacht der Erinnerung resultiert nicht allein aus den auf der Hand liegenden besonderen Interessen, im Ursprungslande des Nationalsozialismus die Vergangenheit vergessen zu wollen. In dem merkwuerdigen Wort "Vergangenheitsbewaeltigung" kommt der fortwirkende Schrecken zum Ausdruck, der von einer uebermaechtigen Vergangenheit droht. Das Wort kann die Spur der Gewalt, die fortwaehrend Angst erzeugt, nicht ausloeschen. Wie ein vergifteter Strom traegt die Sprache Spurenelement vergangenen Leids weiter. Kritische Analyse wird notwemndig, um die Veraederungen des gesellschaftlich verbreiteten Wissens von der Vergangenheit begreifen zu koennen. Der Blick zurueck findet eine veraenderte Welt vor: An der Stelle, an der einst das Vernichtungslager Auschwitz stand, findet man heute einen verfallenen Museumskomplex, der mit internationaler Hilfe erhalten werden soll. Nur fuer den, der es sich bewusstmacht, treten Geschichte und Gedaechtnis, konkretes Empfinden von Raum und Zeit, schmerzlich auseinander. Das Gedaechtnis, das traditionellen agrarischen Kulturen selbstverstaendlich war, hat seine Kraft eingebuesst. Es wird abgeloest von kulturindustriellen Artefakten - Stein gewordenen Dokumentenzentren, in denen Fragmente eines Zusammenhangs aufbewahrt werden, der rekonstruiert werden muss. Ende der sechziger Jahre konnte man ueberall in Deutschland die populaerwissenschaftliche Formulierung hoeren, Auschwitz werde "verdraengt". Bis zur weltweiten Ausstrahlung der Fernsehserie >Holocaust< schien es jedenfalls, das Thema Auschwitz sei erledigt, und es bedurfte in Ost und West enormer Beharrlichkeit, um Kulturproduzenten dazu zu bringen, in einen schwer verdaulichen und daher als unverkaeuflich geltenden Gegenstand, der sich nicht einmal mit leichter Zunge benennen liess, zu investieren. Mit >Holocaust< aber war das Zauberwort gefunden, das Auschwitz verschwinden liess. Heute laesst sich nur noch als Resultat feststellen, was man vor ueber einem Jahrzehnt befuerchten konnte: Nicht die gesellschaftliche Erinnerungsschwaeche hat Auschwitz in einen Nebel der Vergangenheit gehuellt, sondern der kulturindustrielle Artefakt, den man >Holocaust< nennt, hat Auschwitz verdraengt: Das Stichwort >Holocaust< besitzt inzwischen eine sinnstiftende Funktion, weil es einen emotionalen Fluchtpunkt vor der intellektuellen Erinnerung erfahrener Sinnlosigkeit bietet. Die gesellschaftsgeschichtliche Erfaghrung, vor der die Menschen spontan fliehen, kann man paradox als Erfahrung von Erfahrungszerstoerung bezeichnen. Die Ersetzung des Namens Auschwitz durch das blosse Wort "Holocaust", das in einem sprachlichen Nirgendwo angesiedelt ist, codiert die paradoxe Erfahrung einer Welt vollendeter Sinnlosigkeit. Mit dem massenmedial vermittelten Code "Holocaust" wird eine zerbrochene Erfahrungswelt zu einer sinnstiftenden Einheit verklebt. Im versteinerten Endprodukt ist psychisch kaum zu ertragendes Vergangenes in eine handhabbare Wirklichkeit transformiert worden. Die Sprache des "Holocaust" akzeptiert nicht nur die Grenzen der Aufklaerung, sondern zieht sie bewusst so eng, dass das Unbegreifliche, das es zu begreifen gaelte, gar nicht mehr als Thema erkenntlich wird. Die Codierung des "Holocaust" rationalisaiert und irrationalisiert Auschwitz zugleich. Die Nachwelt bedient sich unkritisch psychischer Techniken, die in der Psychoanalyse beobachtet wurden. Der Artefakt "Holocaust" transformiert Auschwitz in die sinnvolle Struktur eines Alptraums, wie es den Erfordernissen "sekundaerer Bearbeitung" entspricht.(2) Es bietet sich an, diese Vorgaenge in der Sprache der kritischen Gesellschaftstheorie darzustellen, die von Horkheimer in den dreissiger Jahren nicht nur gegen den Parteimarxismus, sondern auch gegen die vorherrschenden akademischen Denkrichtungen konzipiert worden ist. Die Begriffe der kritischen Gesellschaftstheorie reflektieren die Konstellation von Arbeit und Gewalt, von materieller Dingwelt und Kultur, die zu Auschwitz gefuehrt haben und in denen Auschwitrz fortexistiert, auch laengst nachdem es in der materiellen Welt nicht mehr als Vernichtungslager, sondern als Gedenkstaette funktioniert. Die fragmentarische >Dialektik der Aufklaerung< schickt dem Kapitel "Elemente des Antisemitismus" einen unvollendeten Abschnitt ueber "Kulturindustrie. Aufklaerung als Massenbetrug" voraus, der mit dem Hinweis "fortzusetzen" abschliesst. Die Studie >Grenzen der Aufklaerung< versteht sich als Fortsetzung. Im Artefakt "Holocaust" wird die Verbindung von Antisemitismus und Kulturindustrie, die man in den vierziger Jahren, als die >Dialektik der Aufklaerung< entstand, nur ahnen konnte, offensichtlich und zugleich schwerer durchschaubar, weil in ihm Aufklaerung und der Widerstand gegen Aufklaerung verschmelzen. Laengst hat sich die oeffentlichkeitswirksame Wissenschaft den Gesetzen der Unterghaltungsindustrie angepasst. Wissenschaft, die auf oeffentliche Reputation abzielt, kann es sich gar nicht leisten, die Themenstellungen der Medien zu ignorieren. Die >Holocaust Studies< folgten der massenmedialen Vermarktung des Themas und gingen nicht, wie man denken koennte, ihr voraus. Als niemand weltweit ueber die schreckliche unmittelbare Vergangenheit mehr reden wollte, begann das US-amerikanische Fernsehen in den fruehen fuenfziger Jahren den "Holocaust" zu bearbeiten. Der Ausdruck wurde Ende der fuenfziger Jahre zu einer art >terminus technicus< und setzte sich mit der Fernsehserie Ende der siebziger Jahre global durch. Die publikumswirksame Thematisierung des "Holocaust" machte oeffentliche Gelder fuer Museen und Dokumentationszentren frei, in denen fast immer die Geschichte der Juden mit der Geschichte des Antisemitismus und der Massenvernichtung der europaeischen Juden bis zur Unkenntlichkeit vermischt werden. Der Welterfolg des Spielfilms >Schindler's Liste< schliesst Mitte der neunziger Jahre den jederzeit reproduzierbaren Verwandlungsprozess von Barbarei in Kultur ab: Aus Auschwitz ist endgueltig der "Holocaust" geworden. Kritiker dieses Geschehens manoevrieren sich in eine aporetische Situation: Um ihrer Kritik Gehoer zu verschaffen, muessen sie sich eben der Medien bedienen, die entscheidend zu einer strukturellen Verzerrung der Thematik beigetragen haben. Zugleich muss man sich aber die Tatsache bewusst machen, dass die massenmediale Aufbereitung des "Holocaust" die Chance eroeffnet, durch Kritik am Artefact "Holocaust" an Auschwitz zu erinnern. Die Verzerrung von Auschwitz, die Spielbergs Film als ein Musterbeiuspiel der "Holocaust"-Produktionen vornimmt, bringt immerhin noch etwas von dem Verzerrten zum Vorschein, das sonst der Vergessenheit ueberantwortet wuerde. Der Kritiker kulturindustrieller Schemata sieht sich Dilemmata ausgesetzt, die Adorno in der >Minima Moralia< in temporaerer Koinzidenz mit Auschwitz immer wieder versucht hat zu formulieren. Er muss zwischen seinem intellektuellen Gewissen und dem Konformitaetsdruck waehlen, ohne einen Ausweg finden zu koennen. Seine Kritik steht unter dem Gebot der Selbstreflexion, sich nicht von vornherein fuer besser zu halten als das Kritisierte; denn die Kritikfreiheit entspringt eben dem Betrieb, den er kritisiert. Allein das Wort "Holocaust" haelt Erinnerungsreste in einer vergesslichen Welt am Leben, ohne die sich garnicht an Auschwitz erinnern liesse. Jeder, der ueber Auschwitz nachdenken will, braucht wahrnehmbare Erinnerungsspuren, die er wieder in Nachdenken verwandeln kann. Das Stichwort "Holocaust" verknuepft vage Ahnungen eines Zusammenhangs von Juden und Nationalsozialismus, von Antisemitismus und europaeischer Geschichte zu einer spezifischen Wertvorstellung, die Freud in >Das Ich und das Es< dem Vorbewussten zurechnete. Der Artefakt "Holocaust" laesst sich tatsaechlich in toto als ein vorbewusstes System bezeichnen, das in sich die Moeglichkeit des Bewusstwerdens ebenso wie des Vergessens enthaelt. Wie sehr die Theoretiker der >Dialektik der Aufklaerung< auf der richtigen Faehrte waren, als sie die kulturindustrtielle Arbeitsweise als "umgekehrte Psychoanalyse" charakterisierten, zeigt die erfolgreiche Verwandlung der schwer ertraeglichen Erinnerung an Auschwitz in den Artefakt "Holocaust": Das Bewusstsein wird ermutigt, die Ansprueche des intellektuellen Gewissens auf gedankliche Klarheit zu vergessen., und anstelle des abstrakten Denkens konkret scheinende "aeussere Wahrnehmungen" anzubieten, an die sich die Gefuehle heften koennen. (3) Die einfachste Technik, dem vollen Bewusstsein von totaler Gewalt und absoluter Ohnmacht auszuweichen, besteht in der Regression des Subjekts von der Wortvorstellung zur Bildvorstellung. >D‚ja vu<: Die dokumaentarischen Bilder des >Holocaust<, aus denen auch Spielberg seinen Film komponiert hat, drohen das ganze Bewusstsein einzunehmen, gegen den Gedanken abzusperren durch die Emotionalisierung von Auschwitz. Man kann sich mit dem "Holocaust" beschaeftigen und zugleich die volle Einsicht in die vollendete Sinnlosigkeit abwehren. Die Gefuehle, die durch ein perfekt gehandhabtes Unterhaltungsmedium erzeugt werden, bleiben nicht an dem Anderen haften, der vernichtet zu werden droht, sondern suchen rastlos Identifikationsfiguren, die einen Ausweg aus einer unertraeglichen Situation von uebermaechtiger Gewalt und ohnmaechtiger Verzweiflung bieten. Die Massenmedien liefern dem identifikationsbereiten Zuschauer in dieser Situation fiktive Helden, die aber als authentische Figuren verkleidet werden: Im TV-Film >Holocaust< wurde der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 als heroischer Ausweg gezeigt, auf den sich die Gefuehle der Zuschauer verschieben sollten, waehrend in >Schindler's Liste< der ganze Weg der "Schindlerjuden" der Ausweg ist, den die Zuschauer zu gehen bereit sind, weil der Schrecken totaler Vernichtung in das eingeloeste Versprechen der Erloesung verwandelt wird. Antisemitismus kommt in einer Produktion wie >Schindler's Liste< nur als verdinglichte Tatsache oder psychologische Randerscheinung vor. Er wird als integraler Bestandteil einer "arischen Welt" vorausgesetzt. die nichtjuedischen Nationalitaeten verschwimmen auch sprachlich ineinander, waehrend doch gerade das babyloniche Sprachgewirr aller Beteiligten das Verschwinden des Sinnes erfahrbar machen wuerde, wie es Primo Levi notiert hat. Behauptet wird von Spielberg exemplarisch die gute aufklaererische Intention, den Nachgeborenen die geschichtliche Welt vor Augen zu fuehren; die Fiktion eines realistischen Abbilds aber verkehrt die Intention in eine paedagogische Allerweltsformel, die durch das, was ausserhalb des Films geschehen ist, grausam dementiert wird: "Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt." Wenn man die Welt draussen, das heisst: das Vernichtungslager Auschwitz, nicht wahrnimmt, laesst sich die Intention halten: Im "Holocaust" wurden unschuldige Menschen wegen ihrer Religion oder Herkunft verfoplgt, aber mutige Menschen mit Zivilcourage retteten die Welt, die wir zu sehen gewohnt sind. Der konventionelle Realismus, der an die Seh- und Denkgewohnheiten des Massenpublikums anknuepft, bedient sich des durch die Filmtechnik erzeugten Zaubers des Authentischen, als ob er die Welt zeigen wuerde, so wie sie war. Den Aporien des realistischen Films entgeht nicht, wer sich elitaerer Medien bedient: Auch Literatur und Theorie muessen sich den Fallen der Kommunizierbarkeit aussetzen. Das Verlangen nach Deutlichkeit gehoert legitimerweise zur Logik der Aufklaerung, aber an diesem Begriff zeigt sich auch ihre Dialektik: "Er ist zweideutig. Ungeschieden bezieht er sich auf die Organisation der Sache als solcher und auf ihre Uebermittlung ans Publikum. Diese Zweideutigkeit aber ist kein Zufall ... Deutliche Gestaltung, sei sie noch so esoterisch, gibt dem Konsum nach; undeutliche ist dilettantisch nach ihren immanenten Kriterien."(4) Die Grenzen der Aufklaerung ziehen sich also durch die Sache selbst und trennen zugleich zwischen der Sache und den Subjekten, die sie wahrnehmen und mitteilen. Der Artefakt "Holocaust" setzt an die Stelle des Schweigens, die vom Erinnern wie vom Vergessen gleichermassen hat eingenommen werden koennen, die Illusion allseitiger Kommunizierbarkeit. Der Kritiker kann den Komplex "Holocaust" aber an den eigenen massenmedialen Praemissen fassen; denn ihr immanenter Sinn heisst begreifen. Mit Fug und Recht laesst sich daher der falsche Schein eines authentischen Abbilds, wie er von >Schindler's Liste< vorgetaeuscht wird, als >Rationalisierung von Auschwitz durch Emotionalisierung< charakterisieren. Ohne die sozialpsychologischen Wirkungen der Massenmedialisierung laesst sich die Durchsetzung der "Holocaust"-Vision nicht verstehen. Das Fernsehen hat erst seit den fuenfziger Jahren seinen weltweiten Siegeszug als Kommunikationsmittel angetreten. Die Privatisierung des oeffentlichen Bewusstseins gibt den Vor-TV-Medien fast den Charakter von hochwertigen Kulturguetern, die anders als der kommunikative Alltag bewertet werden. Das auf den neuesten technischen Stand gebrachte Kino erfuellt zugleich die weihevolle Funktion von Kulturpalast und Kultstaette in einer saekularisierten und banalisierten Welt - ein besonderer Raum, der nach den Gesetzen der Unterhaltungsindustrie betrieben wird. Das Dunkel des Kinos hebt die Privatisierung des TV-Konsums wieder auf und leistet eine temporaere Wiederverzauberung der Welt, die von einer Zufallsgemeinschaft, dem Publikum, als emotionale Befreiung hemmungsloser Identifikation mit exemplarischen Heroen oder einer Gruppe nach den Moeglichkeiten der Massenpsychologie empfunden werden kann. Die Konformitaet der Erwartungen, die durch andere Medien vorgeformt sind, ermoeglicht den "ueberwaeltigenden Erfolg", der sich noch besser als in Einschaltquoten in Box-Office-Rekrden messen laesst. Die "Holocaust"-Praesentationen von Fernsehen und Film haben den moeglichen Blick auf Auschwitz ebenso veraendert, wie sie das Begreifen der gesellschaftlichen Rolle des Antisemitismus erschweren. Beide Medien umgeben sich mit einem aufklaererischen Nimbus, wenn sie den "Holocaust" darstellen, und beide bedienen sich antiaufklaererischer Mittel, um "Erfolg" zu haben. Auschwitz, die auf einen weltgeschichtlichen Augenblick zusammengezogene Erfahrung von Ohnmacht und Sinnlosigkeit, wird mit massenmedialen Tricks in eine Success Story von Ueberlebenden verwandelt. Schon an den ersten Fernsehauftritten von Ueberlebenden lassen sich die Gesetze der erfolgreichen "Holocaust"-Bearbeitung studieren. Zu Beginn der fuenfziger Jahre, als das TV noch in den Kinderschuhen steckte, entdeckten US-amerikanische Showmaster den "Holocaust" als Thema, das sorgfaeltig bearbeitet werden musste, bevor es praesentiert werden konnte. Juedische Lebensgeschichten sollten bei einem Massenpublikum, das die Produzenten fuer potentiell antisemitisch hielten, Mitleid erwecken: In der beruehmten TV-Show >This is your life< wurde 1953 an der Person von Hanna Bloch Kohner, die aeusserlich absolut glaubwuerdig den einnehmenden Eindruck einer huebschen, charmanten jungen amerikanischen Durchschnittsfrau erweckte, die >message< exemplifiziert: Wenn individueller Wille und eine guenstige Kraeftekonstellation zusammenkommen, laesst sich jede hoffnungslos aussehende Situation durchstehen. In der TV-Show von 1953 wird Hanna Bloch Kohners Odyssee durch die nationalsozialistischen Konzentrationslager zur notwendigen Voraussetzung eines >Happy-Ends< in einer gluecklichen Gegenwart, waehrend der vernichteten Opfer nur insoweit gedacht wird, als dass sie nicht ganz so "fortunate" gewesen waeren. Zwar fallen konkrete Namen wie Theresiensadt, Auschwitz und Buchenwald, aber das Geschehen bleibt im Lichte der Oeffentlichkeit so unkonkret, dass sich alle identifikatorischen Momente auf die junge Frau heften. An ihrer Person selbst, die nach den Gesetzen dieser Show nicht ueber ihren Auftritt informiert sein durfte, wird die Herrschaft des Allgemeinen oeffentlich durchexerziert. Immer wieder ruft sie aus "You know everything!" Sie wird exemplarisch von der neuen Autoritaet, dem Medium des demokratischen Anscheins, ueberwaeltigt. Die Vergangenheit, die Schrecken der teroristischen Tyrannei, verblassen mit der Aufnahme in eine glueckliche Gemeinschaft von konformen Individuen. Auschwitz wird auf diese Weise integriert in die Vorgeschichte der amerikanischen Gegenwart. Die Logik der vierzig Jahre spaeter auf dem ganzen Kontinent entstandenen "Holocaust"-Zentren, Mahnmale und Gedenkparks ist schon in dieser Fernsehsendung von 1953 entwickelt, sie ist wahrhaft universal: Das Geheimnis der Erloesung heisst Erinnerung. ---------- (1) Ein Generationsinteresse dokumentiert exemplarisch, ohne alle Autoren versammeln zu koennen, der von Dan Diner herausgegebene Band >Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz<, Frankfurt 1988. Meine Monographie >Grenzen der Aufklaerung<, waehrend der Jahre 1978 bis 1985 entstanden - verdankt wesentliche Anregungen dem Studium in Frankfurt von 1966-1971 und dem Empfinden eines bitteren Mangels an Tradition in der kritischen Gesellschaftstheorie, die schon in den fruehen siebziger Jahren nach dem Tod von Adorno und Horkheimer akademisch von Juergen Habermas und seinen Mitarbeitern historisiert wurde, ohne den fortwirkenden Aktualitaetsanspruch der >Dialektik der Aufklaerung< ernstzunehmen. (2) "Sekundaere Bearbeitung wir von Laplanche und Pontalis als "Umarbeitung eines Traums, mit dem Ziel, ihn in Form eines relativ kohaerenten und verstaendlichenSzenariums darzubieten", definiert. (Vgl. J.Laplanche, J.B.Pontalis, >Das Vokabular der Psychoanalyse<, Frankfurt 1972, S.460.) (3) Vgl. Sigmund Freud, >Das Ich und das Es<, GW 13, S.247: "... bewusst werden kann nur das, was schon einmal >bw< Wahrnehmung war, und was ausser Gefuehlen von innen her bewusst werden will, muss versuchen, sich in aeussere Wahrnehmungen umzusetzen. Dies wird mittels Erinnerungsspuren moeglich." (4) Theodor W. Adorno, >Minima Moralia, Reflexionen aus dem beschaedigten Leben<, Frankfurt 1964, S.187. An der Kulturindustriekritik Adornos uebersieht die publizistische Nachwelt gerne das selbstreflexive Moment, um ihren selbstdestruktiven, antiintellektuellen Aggressionen ungehemmt freien Lauf lassen zu koennen. Die Geschichte der oeffentlichen Verzerrung von Adornos Diktum, "nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch", das sich keineswegs allein auf Lyrik bezieht, spricht Baende. Vgl. Detlev Claussen, >Nach Auschwitz kein Gedicht? Ist Adornos Diktum uebertrieben, ueberholt und widerlegt?<, in: Harald Welzer (Hg.), >Nationalsozialismus und Moderne<, Tuebingen 1993 --------- Fortsetzung ---------- -------- (Fortsetzung) -------- Die Worte klingen identisch, aber unter ihnen werden hoechst unterschiedliche Inhalte vorgestellt. In Yad Vashem, Israels nationaler Gedenkstaette fuer die "Shoah", dient der Ausspruch "Vergessen verlaengert die Zeit des Exils! Das Geheimnis der Erloesung liegt in der Erinnerung!", der dem Begruender des Chassidismus, Baal Schem tow (1699-1760), zugeschrieben wird, als Bruecke zwischen der vernichtenden Erfahrung in der Diaspora und der Existenz im neuen Land. Die Erloesung erhaelt einen nationalen Sinn, ebenso wie der Ausdruck "Shoah" eine nationale Namensgebung fuer den gesamten Prozess der Massenvernichtung der europaeischen Juden bedeutet. Der oeffentliche Gebrauch des Wortes "Shoah" beschwoert eine nationale Kontinuitaet, und das zitierte Wort des Baal Schem, das keinem nationalen, sondern einem chassidischen Kontext entstammt, dient der Saekularisierung der Erloesungshoffnung fuer ein modernes politisches Kollektiv, die Nation Israel. Gershom Scholem interpretierte den Chassidismus schon als "Neutralisierung" des Messianismus, der im Sabbatianismus des 18. Jahrhunderts eine selbstzerstoererische Gstralt angenommen hatte. Die juedische Mystik selbst wurde von Scholem als ein Moment in einer Dialektik der Aufklaerung, als eine spezifisch juedische Form der universalen Saekularisierung begriffen. Die juedische Nationalbewegung hat in Israel die juedische Geschichte noch einmal saekularisiert, indem sie das, was in der westlichen Welt den Namen "Holocaust" bekommen sollte, als "Shoah" bezeichnete, die >ex negativo< einen nationalen Sinn besitzt. Der Prozess der Saekularisierung laesst aber den Sinn der Worte nicht unberuehrt: "Erloesung" und "Erinnerung" veraendern ihre Bedeutung. Die Namensgebungen "Holocaust" und "Shoah" lassen sich als Zeichen verstehen, die eine >Rationalisierung durch Nationalisierung< erleichtern. Fuer die israelische, die amerikanische und die deutsche Gesellschaft markieren diese Namensgebungen unterschiedliche Integrationsversuche der geschichtlichen Ereignisse in die Gegenwart. Alle drei Gesellschaften hatten aus unterschiedlichen, aber auch aus aehnlichen Gruenden ein Vergessen von Auschwitz produziert: Der Zirkel von Schuld uned Gewalt verlangt den Nachgeborenen eine psychische Anstrengung ab, vor der die Individuen, von wem sie auch abstammen, eher spontan zurueckschrecken. Die massenmedialen Techniken versprechen Erloesung durch Zugehoerigkeit zu einem Kollektiv auf eine triviale Weise, indem sie das Denken durch Emotionalisierung unterlaufen. Die >message<, dass "wir", das Publikum, Teil eines groesseren Ganzen sind, das Ohnmacht und Verzweiflung aufhebt, laesst sich ohne Nachdenken besser schlucken und auch vertragen. In den amerikanischen TV-Bearbeitungen des "Holocaust" der fuenfziger Jahre wird das im Halbdunkel gehaltene Grauen in den europaeischen Lagern zur Verstaerkung der saekularisierten Erloesungshoffnung des American Dream, der in einer einzigartigen Weise zugleich national und universal sich ausdruecken laesst. >Schindler's Liste< steigert diese Technik fuer ein Weltmarktpublikum, das sich mit den erfolgeichen Ueberlebenden, den "Schindlerjuden", problemlos identifizieren kann. Die Zufallsgruppe Kinopublikum erlebt auf der Leinwand die Konstitution eines zugaelligen Kollektivs, eben den erfolgreichen "Schindlerjuden", die sich von den realen Juden, die in Auschwitz vernichtet werden, unterscheiden. Die universale >message<, die fast wie ein Evangeliuum erfahren werden kann, lautet: Als Mitglied eines gluecklichen Kollektivs kann jeder, von wem auch immer er abstammt, erloest werden - eine trivialisierte Gnadenwahl. Die reale Welt verkehrt sich im "Holocaust"-Kino: Das, was man erklaeren kann, naemlich, wie die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wie und warum das nationalsozialistische Deutschland seine Feinde im Innern zu vernichten suchte und nach aussen seine Nachbarn ueberfiel, und welche Rolle der Antisemitismus dabei spielte - wird im Kino als voellig unverstaendliche, verdinglichte Tatsache vorausgesetzt, waehrend das, was im Universum der Konzentrations-und Vernichtungslager geschah und jeden Sinn von menschlichem Zusammenleben in Frage stellt, jedes Vertrauen in Geschichte und Gesellschaft zersetzt, nach den Schemata der Unterhaltungsindustrie gefiltert wird. Das, was sich nicht ertragen laesst, gibt es nicht, und das, was gezeigt wird, macht das Unertraeglich ertraeglich, das Inkommensurable kommensurabel, indem es der dem Publikum vertrauten Vorstellungswelt von massenmedial erzaehlten Mythen aehnlich gemacht wird: starker Held, schwaches Volk, toedliche Bedrohung durch fremde Uebermacht, lange Leidensstrecke, Erloesung, Versoehnung. Im Artefakt "Holocaust" laesst sich die Resakralisierung und Renationalisierung der Kultur ablesen. Eine neue Aufklaerung, die anstatt in Zynismus umzuschlagen, sich ihrer Grenzen bewusst wird, scheint noetiger denn je. Unmittelbar nach 1956 erschien die nationalsozialistische Barbareri als selbstevidente Wahrheit vor dem Auge des "gesunden Menschenverstands". Demokratisch engagierten Wissenschaftlern leuchtete es ein, ihre Kenntnisse in den Dienst des Kampfes gegen Vorurteile zu stellen. Die Aufgabe fuer Sozial- und Kulturwissenschaftler hiess programmatisch formuliert: Aufarbeitung der Vergangenheit! Der Begriff Aufarbeitung bringt anders als das fuer Deutschland politisch-programmatische Wort von der "Vergangenheitsbewaeltigung" kein falsches Versprechen auf saekularisierte Erloesung. Er verschweigt die Anstrengung nicht, die das Nachdenken erfordert; aber das Wort kennt noch nicht die Hindernisse, die dieser geistigen Anstrengung im Wege stehen. In der Aufforderung zur "Aufarbeitung der Vergangenheit" schwingt noch das antifaschistische Aufbaupathos mit, das schon bald der Alltag neuer Herrschaftsverhaeltnisse aufgezehrt hat. Die massenmediale Vision vom "Holocaust" erhebt sich auf den intellektuellen Truemmern der missglueckten "Aufarbeitung der Vergangenheit". Die >Grenzen der Aufklaerung< versuchen mit den Mitteln theoretischer Reflexion und Selbstereflexion, einen gesellschaftsgeschichtlichen Zusammenhang von Gegenwart und Vergangenheit zu rekonstruieren, der in sich aber auch die Bestimmung des Unterschieds enthaelt. Das Verfahren folgt den Gesetzen der geistigen Arbeit, die den Widerspruch zwischen der Erfahrung der Sinnlosigkeit und dem intellektuellen Anspruch auf Sinn aushalten muss. Die Ergebnisse dieser Arbeitsweise koennen nicht nach Kriterien des populaeren Erfolges mit Produkten konkurrieren, die mit den massenmedialen Strukturen harmonieren. Die massenmediale Kultur unterlaeuft den intellektuellen Anspruch der Aufklaerung, sich ein klares Bewusstsein des Zusammenhangs zu verschaffen: Sie organisiert eine emotionale Revolte gegen das geistige Ueber-Ich der Kultur. Die Massenmedien ziehen es mit dem Verweis auf Erfolg bei den Massen vor, die Gefuehle mit den antiintellektuellen Techniken zu manipulieren, die zum Arsenal des modernen Antisemitismus gehoeren. Die Massenmedien, durch die sich ueberhaupt die Kunde von Auschwitz weltweit verbreitet hat, etablieren sich im psychischen Apparat ihrer Konsumenten anstelle der traditionellen Autoritaeten, die durch den Geschichtsverlauf und die gesellschaftliche Entwicklung demontiert werden. Die Medienmacher etablieren ihre Methoden der Wirklichkeitrsverzerrung alternativlos, indem sie sich des emotionalen Widerstands der Konsumenten gegen die Anstrengungen, die eine traditionelle Aurtoritaet wie die Vernunft ihnen auferlegen wuerde, bedienen. Die Grenzen der Aufklaerung lassen sich ohne eine Reflexion auf den Zerfallsprozess der Vernunft gar nicht bestimmen. Die Realitaet von Auschwitz dementiert die Existenz eines vernuenftigen Universums, der Artefakt "Holocaust" spiegelt ein ueberschaubares Universum vor, das mit den Mitteln eines sich illusionslos gebenden "gesunden Menschenverstandes" zu erkennen und emotional zu erfassen ist. Der "gesunde Menschenverstand gehorcht den Prinzipien der subjektiven Vernunft, die Gefuehle als unwissenschaftlich vom Denken abspaltet und damit sich selbst ueberlaesst. Die restlose Subjektivierung der Vernunft folgt aber aus einer Aufklaerung, die keine Grenzen in der Objektwelt kennt und anerkennt. Die Arbeit der Aufklaerung trifft auf ein Alltagsbewusstsein, das schon gegen die Aufklaerung resistent geworden ist. Durch den gesellschaftsgeschichtlichen Verlauf ist die Kraft der Aufklaerung selbst geschwaecht worden. Artefakte wie der "Holocaust" sind Produkte eines gesellschaftlichen, nicht rein geistesgeschichtlich zu begreifenden Aufklaerungsprozesses, der in den Mythos zuruechkgefallen ist. Die Aufkklaerung muesste von vor beginnen, kann es aber nicht. Max Horkheimer hat diesen Prozess treffend als "Eclipse of Reason", als epochale Verfinsterung der Vernunft, beschrieben. An mehreren Stellen des zeitgleich mit der >Dialektik der Aufklaerung< geschriebenen Werks erwaehnt Horkheimer die gesellschaftliche Erfahrung, aus der diese Arbeiten entstanden sind: "Selbst wenn eine Gruppe von aufgeklaerten Menschen sich anschickte, das groesste vorstellbare Uebel zu bekaempfen, wuerde die subjektive Vernunft es fast unmoeglich machen, einfach auf die Natur des Uebels und die Natur der Menschheit zu verweisen, die den Kampf gebieterisch fordern. Viele wuerden sofort fragen, was die wirklichen Motive sind. Es muesste versichert werden, dass die Gruende realistisch sind, das heisst den persoenlichen Interessen entsprechen, obgleich diese fuer die Masse des Volkes schwerer zu erfassen sein moegen als der stumme Appell der Situation selbst."(5) Die Umdeutung von Auschwitz zum kommemnsurablen Artefakt "Holocaust" scheint in diesen Ueberlegungen aus der Mitte der vierziger Jahre ebenso vorgezeichnet wie die Abwehrmechanismen gegen die Beschaeftigung mit Auschwitz und dem Antisemitimus. Im nachnationalsozialistischen Deutschland nimmt dieses Beziehen des Uebels auf einen anderen Zweck besonders haessliche Zuege an, wenn von Gutwilligen immer wieder betont wird, dass die Erinnerung an Auschwitz und die Verurteilung von Antiemitismus allein schon wegen des deutschen Rufs im Ausland zu geschehen habe. In den USA gilt der "Holocaust" inzwischen als ethnisches Spezialthema der juedischen Einwanderergruppe, das in den oeffentlichen Debatten mit der Bedeutung der Sklaverei als Gruppenthema der African Americans konkurriert. Mit dem Verweis auf lobbyistische Gruppenintersessen in der oeffentlichen Debatte werden die Sachverhalte des Grauens subjektiviert, gegeneinander ausgespielt und letztlich neutralisiert. Die enge Verflechtung von nationalem politischen Interesse und "Shoah" in Israel liegt auf der Hand. Der subjektive Integrationsprozess wird abgeschlossen und pertrifiziert, wenn das vergangene Verbrechen zu einem Teil der persoenlichen "Identitaet" erklaert wird. "Identitaet" ist selbst ein Surrogat der Souverenitaet, das aus dem Anspruch des Einzelnen auf Unverwechselbarkeit und Gruppenzugehoerigkeit geschmiedet worden ist. Das ungeschriebene, aber mit hoher sozialer Kontrolle ausgestattete Grundgesetz einer Gesellschaft, die sich aus Gruppenidentitaeten zusammensetzt, heisst Konformismus. Eine leere, formale Gemeinsamkeit teilen alle Gesellschaftsmitglieder: Sie finden ihre Souverenitaet dadurch bestaetigt, dass sie sich mit ihrem Kollektiv und seinen Erbschaften fuer identisch halten und auch als solche anerkannt werden. Dieser Prozess der Slbstbestaetigung ersetzt das, was Kern und Inhalt der emanzipatorischen Identitaetsphilosohie gewesen ist: das Selbstbewusstsein, ohne das es nicht einmal das stolze "Ich denke" der Aufklaerug gaebe. An die Stelle des "Ich denke" ist ein "Ich meine" getteten, das sich gegen den Zweifel, der noch bei Descartes auf das "Cogito" unmittelbar folgt, abschliesst. Dieses "Ich meine" bedeutet in einer saekularisierten Welt "Ich glaube und lasse mich durch nichts ueberzeugen". Die Schwaeche dieses Glaubensbekenntnisses verlangt nach Bestaetigung durch Autoritaet. Die Gesellschaftsmitglieder der nachbuergerlichen Gesellschaft bejahen deshalb die Massenkultur und ihre Produkte, weil sie ihnen die Moeglichkeit gibt, so zu sein wie alle anderen auch. Die Massenkultur bestaerkt die Menschen in ihrem fast szientifischen Misstrauen , dass die Wahrheit, wenn man sie ueberhaupt erkennen kann, zu schwer zu begreifen ist - und es sich daher nicht lohnt, sie zu suchen. Warum soll man sich fuenfzig Jahre nach den Ereignissen mit Auschwitz beschaeftigen? Es gibt kein politisches noch ein moralisches Gesetz, kein Ueber-Ich, das die Beschaeftigung mit Auschwitz erzwingt. Uebrig geblieben von Auschwitz im Unbewussten wie im Vorbewussten der Menschen ist das Einzige, was der Faschismus gelehrt hat, naemlich dass es Schlimmeres zu fuerchten gibt als den Tod. Von Auschwitz geht die Universalisierung der Angst aus - der Name steht fuer die Ahnung, dass der Einzelne nichts wert ist, dass nichts und niemand ihm zu Hilfe kommt. "Stellt euch das vor!" sagt ein alter Mann im Viehwagen auf dem Transport nach Buchenwald, bevor er verdurstet, erstickt oder an einem Herzschlag stirbt. Das "Was" hat er Jorge Semprun, der in >Die grosse Reise< von diesem Vorfall berichtet, gar nicht mehr sagen koennen. Das Staunen ueber die Abwesenheit jeglichen Sinnes erzwingt Schweigen. Darueber laesst sich nicht reden, wenn man es nicht zerreden will. Wer die durch Auschwitz in die Welt gekommene universale Angst, die auch der Nachgeborene fuehlt, sich bewusstmachen will, kann versuchen, das Leiden, von dem andere berichten, zu begreifen. Imre Kert‚sz formuliert die individuelle Noetigung, die der Nachgeborene mit den Ueberlebenden teilen kann: "... ein klares Bewusstsein erzeugen."(6) Ein klares Bewusstsein ringt der Angst, die jeder empfindet, der von Auschwitz gehoert hat, das "Glueck der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt"(7), ab. Der Konformismus beschwichtigt die Angst nur fuer den Moment der Uebereinstimmung mit den Vielen, beim sentimentalen Weinen im Kino zum Beispiel. Die massenmediale Reproduktion des Schreckens erzeugt den Wiederholungszwang, weil sie, wenn auch in abgemilderter und verharmloster Form, eben auch die Angst oder auch nur die vage Erinnerung an die Angst miterzeugt, ueber die beim >Happy-End< das Medienprodukt triumphieren soll. Die Beschaeftigung mit dem Artefakt "Holocaust", der die schwer ertraegliche Wahrheit kommensurabel praesentiert, erzeugt die Ambivalenz, die zur Abwehr duch Indifferenz ebenso fuehren kann wie zum Wissenwollen. Die Arbeit einer ihrer Grenzen bewusst gewordenen Aufklaerung koennte darin bestehen, die Ambivalenz, die von der vergangenen Schreckensherrschaft ausgeht, bewusstzumachen. Die instinktive Fluchtreaktion der Nachgeborenen vor diesen Schrecken, die wieder mit Angst und Schuldgefuehl sich verbindet, laesst sich als Impuls zum Bewusstwerden der Welt aufgreifen - ein Prozess, der zumindest im Teilen der Einsichten Humanitaet erleben laesst, statt sie der Panik des Fluchtverhaltens zu opfern. Das klare Bewusstsein kann keine Erloesung versprechen! Dadurch haelt es die Treue zu denen, deren qualvolles Sterben im Gedaechtnis der Nachgeboerenen aufbewahrt werden kann. Das Bewusstsein kann mit seinen schwachen reflexiven Kraeften Unbewusstes und Vorbewusstes nur erhellen und durch dies Sichtbarmachen der geschichtlichen Spuren im Unbeweussten sich selbst veraendern. In diesem Prozess des Bewusstwerdens versucht der Einzelne, die Wirkungen der Massenpsychologie aufzuheben. Das Individuum kann die Anstrengung auf sich nehmen, sich vom psychologischen Konformismus zu emanzipieren. In der Auseinandersetzung mit den Autoritaeten koennen die Individuen die Kraefte und den Souverenitaetszuwachs gewinnen, die sie zur Veraenderung und Selbstveraenderung befaehigen. Aber die Vorstellung eines Anderen muss vorhanden sein, um sich dem Konformitaetsdruck zu entziehen. Untrennbar sind in der westlichen Kultur, die sich mit der alternativlosen Globalisierung des Kapitalimus bis in den letzten Winkel der Erde ausgebreitet hat, mit der Vorstellung vom Anderen die Juden verknuepft, unabhaengig davon, wie die Juden an und fuer sich selbst sind. In Auschwitz sollte das Andere endgueltig vernichtet werden, und schon die Nennung des Namens Auschwitz mobilisiert die Angst des Einzelnen, er koenne durch einen blinden Zufall zu den anderen gezaehlt und schutzlos der Vernichtung preisgegben werden. ---------- (5) Vgl. Max Horkheimer, >Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, Gesammelte Schriften (GS)<, Bd.6, S.51. Trotz des deutschen, wissenschaftlich klingenden Titels ist Max Horkheimers Kritik der Subjektivierung der Vernunft akademisch marginal geblieben. Habermas' Kommunikationstheorie opfert die in der gesellschaftlichen Erfahrung begruendete wissenschaftskritische Theorie zugunsten einer affirmativen Konsenstheorie der Wahrheit. (6) Imre Kert‚sz, >Galeerentagebuch<, Berlin 1993, S. 314 (7) Adorno, >Minima Moralia<, a.a.O., S.23 ++++++++++++++++++++++++++++ Claussen, Detlev, Grenzen der Aufklaerung (Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus), Frankfurt/M.: Fischer 1994, S.7-20 (Veraenderte Vergangenheiten (S.7-32) = Vorbemerkungen zur Neuausgabe 1994)